Sonntag, 29. Juli 2007

Qualität und Quantität

Die Welt, wie sie heute ist, funktioniert nach den goldenen Regeln
des Kapitalismus, und also nach der Grundweisheit: Quantität entscheidet, Qualität ist nebensächlich. Wieviel Geld hast du, nicht warum. Wieviele Leute entlässt dein Konzern, nicht welche. Wieviele Besucher kommen auf dein Festival, nicht welche. Wieviele Leute wählen dich, nicht warum.
Welch Rattenschweif an Folgeerscheinungen das mit sich bringt, wird von Tag zu Tag Grauen erregender. Zählt also wirklich nur das nackte Ergebnis und nicht das "wie haben wir gespielt"? Zeit für mehr Qualitätsdenken, wenig Gründe dafür.

Beispiel 1.
Ein Job an sich definiert sich in dieser modernen Welt (unter anderem und nicht unwesentlich) am Gehalt. Das Sovielverdienichimmonat
ermöglicht eine Zuordnung zu einer modernen Form der Kaste, es bestimmt das, was man sich an Konsumgütern und Statussymbolen leisten kann.

Gehalt, das klassische quantitative Merkmal. Aber gibt es nicht auch noch andere Kriterien, nach denen ein Arbeitsplatz zu beurteilen ist. Machen nicht auch non-monetäre Dinge Jobs "wertvoll"?

Jetzt ist mein Job, den ich mir immerhin selber ausgesucht und quasi geschaffen habe, nicht unbedingt einer, mit denen ich nicht so schnell zur High Society stossen werde. Er bringt viel Ärger mit sich. Auch und vor allem dann, wenn man auch den finanziellen Unterschied zwischen dem, was man macht, und dem, was man stattdessen machen könnte, vorgeführt bekommt. Abseits des finanziellen Aspekts wird die tagtägliche Arbeit selten, und wenn, dann mit Kleinigkeiten "honoriert". Man tröstet sich oft mit dem missionarischen Dasein, mit der Freiheit seiner Entscheidungen und Zeiteinteilung (die in Wirklichkeit eh ganz und gar keine ist, aber das ist eine andere Geschichte) und mit der Tatsache, das man sich als klar denkender Mensch in den Spiegel schauen kann - was Menschen aus der Werbe-, PR- oder auch Musikbranche nicht immer können (allerdings fehlt denen vielleicht auch die Fähigkeit des klaren Denkens, womit das Spiegel-Argument ausgehebelt wird).

Jedenfalls sind es durch und durch qualitative Merkmale, die diesen Job (in meinem persönlichen Empfinden zumindest) Wert geben. Dramatischere Beispiele sind Leute in NGOs, Alten- und Krankenpfleger und dergleichen. Menschen, die wesentlich mehr Respekt verdienen als tatsächlich Geld. Gewisse Dinge sind mit einer Überweisung nicht zu bezahlen.

Beispiel 2.
Politik definiert sich in unserer heutigen Welt (unter anderem und
nicht unwesentlich) an Wahlergebnissen. Immerhin hat der Wähler Recht und Mehrheiten entscheiden. Quantität, also, ganz klassisch. Welches System an Korruption, Manipulation und Scheinheiligkeit das aber mit sich bringt... nunja.

Wenn Wählerstimmen in westlichen Demokratien schon nicht gekauft werden, so werden sie zumindest erschlichen. Falsche Versprechungen haben mehr Tradition als Weihnachten. Das Zeltfest besuchen und Hände von Leuten schütteln ist wichtiger, als tatsächlich sinnvolle politische Inhalte zu formulieren. Denn schließlich zählt deshalb Sympathie und Aussehen mehr als politische Visionen. Und wenn schon Visionen, dann bitte knackige Sprüche und abgegriffene Witze. Weshalb also Kraft vergeuden?

Es geht ja nur um Wählerstimmen, das Leckerli des Profipolitikers. Was für ein Grundübel. Es geht nicht um die Weiterentwicklung der Gesellschaft (was eines der hehren Ziele tatsächlicher Politik sein sollte), es geht nur um die Erlangug von Macht. Damit einhergehend gibt es viel Geld. Das kann prächtig eingesetzt werden, um Verbündete zu befrieden. Aus diesem Grund gibt es Gewerkschaften und Bünde, aus diesem Grund gibt es das undurchschaubare System an Förderungen und Zuwendungen für dubiose Vereine und Organisationen. Denn das bringt beim nächsten Mal wieder Stimmen, und der Kreislauf kann von Neuem beginnen. Wozu also tatsächlich Politik machen?

Die österreichischen Parteien geben Millionen an (öffentlichem) Geld für Lobbyisten, PR-Agenturen und Werbekampagnen aus, um das richtige "Image" zu transportieren. Im Vergleich dazu wird nur ein lächerlicher, marginaler Betrag in Expertisen oder Fachmeinungen investiert. Lieblingsstiefkinder sind Forschung, Entwicklung und Bildung - denn sie lassen sich nur schlecht verkaufen.

Der Normalbürger ist vielleicht nicht wirklich "dumm", aber er hat schlichtweg nicht die Zeit und schon gar nicht die Muße, um sich mit den komplexen und vielschichtigen Inhalten der Politik ausreichend auseinanderzusetzen. Trotzdem soll er die größte Last von allen tragen: zu entscheiden.

Es ist, als ließe man einen zufällig anwesenden Passanten eine Bombe entschärfen, in dem man ihn fragt, ob man den blauen, den roten oder den schwarzen Draht durchtrennen soll.

Stammtischdiskussionen haben die Tiefe des Neusiedler Sees, eben WEIL die dabei diskutierten Inhalte in der Regel nicht eindimensional funktionieren. Und Entscheidungen in diesem Bereich - auch solche der Wahl der richtigen Partei - sollten keineswegs nach eindimensionalen Kriterien ("Der is nett!", "Der is fesch!", "Genau! Die Ausländer ghern ausse!") funktionieren. Sie bedürfen Weitsicht, Verständnis von Zusammenhängen, eine klare Linie und zumindest ein Körnchen Weisheit.

Von den Millionen Wählern in einem Land erfüllen diese "Pflicht" nur ausgesprochen wenige. Und von denen, vermute ich, bleiben die meisten einer Wahl aus Protest fern. Das politische System bräuchte noch notwendiger als alles andere: Qualität.

Beispiel 3.
Zurück zu "meinem Job". Am vergangenen Wochenende ging wieder das Pappelpop über die Bühne. Etwas über 400 Besucher, finanziell ging sich das alles gerade mal so aus, wir hatten ausgezeichnet kalkuliert. Nettes, kleines Festival, aber ohne wirkliche Zukunft. Es ist nicht leistbar, auf lange Sicht mit einer wohldurchdachten, aber extrem knappen Kalkulation Veranstaltungen diesen Ausmaßes zu betreiben.

Aber immerhin: Ein paar Kilometer weiter, in Wiesen, hat ein Kollege weniger "Glück" gehabt. Er hat aber eines der schönsten Festivals der letzten Jahre programmiert - künstlerisch beeindruckend, dicht, stimmig und in sich geschlossen - und greift deshalb jetzt ganz tief in die Tasche, weil er weit unter dem geblieben ist, was er an zahlenden Besuchern zur Finanzierung des Festivals benötigt hätte. Ein Problem. Also haben wir es wieder: Quantität definiert, was zu tun ist, bestimmt den Weg, verbietet Qualität damit fast schon.

Denn: Die Freunde des großen Marktbeherrschers schaffen es, mit Pomp und Trara 60.000 Menschen auf ein Festivalgelände zu bewegen. Etwa das 40fache des zitierten Beispiels. War das Programm dort wirklich täglich VIERZIG-mal "besser"?

Bei dieser Quantität wird nach der Qualität erst gar nicht gefragt, denn Masse hat Recht. Noch schlimmer: Die Menschen gehen hin, weil alle hingehen. Der Mensch ist halt doch ein Rudeltier. Und entweder alle oder gar keiner. Hier also alle. Die Masse hat Recht, die Masse macht die Kohle, die Kohle macht mit Umwegen (Werbebudgets!) noch mehr Masse - schon wieder so ein Teufelskreislauf.

Der Unterschied: ein rein psychologischer, der auch im Mikrokosmos so funktioniert. Vergleiche Pappelpop (400 Besucher) und Lümmeltütenparty oder Sless (mehrere Tausend Besucher bei ungleich weniger Aufwand, geschweige denn "Programm").

Beispiel 4:
Ein ähnlich situiertes Problem: http://fm4.orf.at/blumenau/219245/main

Und ja, ich weiß: Die Liste ist beliebig erweiterbar.

Was das alles "wirklich" bedeutet?
Die Lümmeltütenparty hat Recht.
Die Kronen Zeitung hat Recht.
Ö3 hat Recht.
Jörg Haider hat Recht.
Der Papst hat Recht.
Die USA haben Recht.
George W. Bush hat Recht.
Die Börse hat Recht.

Angst?
Mit Recht.

Das Absurde ist: Um Qualität zu vermitteln, bedarf es der Methodik jener, die Quantität als Prinzip haben. Eine Grenze dabei zu ziehen, ist so gut wie unmöglich - wo beginnt das moralische Problem von Live Earth, wo hört die Klimadiskussion auf? Wo ist "Live Aid" ein Mega-Event, wieweit hilft es Afrika wirklich? Wo beginnt die PR-Maschinerie des Life-Ball, wo ist dias Thema AIDS dabei obsolet?

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