Montag, 5. Januar 2009

Das Jahr 2008.

Es ist reichlich spät und höchste Zeit, das Jahr 2008 nochmal rasch Revue passieren zu lassen. Das gehört einfach dazu, ehe der geistige Zustand es erlaubt, sich vollends dem neuen Jahr - dem letzten des ersten Jahrzehnts des Milleniums - zu widmen. Ich schreibe das hauptsächlich einmal für mich, aber ihr seid herzlichst geladen, mitzudenken und zu -streiten über die Ereignisse anno 2008. Schon in geringer zeitlicher Distanz wird das hier "übrig bleiben".

Öl, Immobilien, Kreditkarten.
Der Ölpreis steht mit seiner absurden Preisrallye - zunächst im Sommer bis auf über 140 Dollar, zuguterletzt auf unter 40 - für die sich immer mehr zuspitzende Groteske namens Weltwirtschaft. Doch die ist kräftig auf die Nase gefallen - und der einigermaßen neutrale Beobachter kann eine Portion Schadenfreude mitunter nicht verbergen. Sie hat sich in den letzten Jahren immer mehr um Spekulationen, um Finanzjongliererei und um Wettspiele gedreht und dabei auf die unendliche Konsumgeilheit einer Menschheit gezählt, die sich das in Wahrheit gar nicht leisten kann. Und somit scheitert dieses mitunter pervers anmutende System an seiner eigenen Überheblichkeit, Naivität und Gier. Als Konsequenz bestätigen sich ethisch-moralische No-Na-Lehren aus den letzten paar hundert Jahren Menschheitsgeschichte. Als erste Grundsatzlektüre in betriebswirtschaftlichen Universitätsfächern empfiehlt sich daher künftig etwa Goethes Faust.

Fritzl, Haider, Obama.
Mehr Kopfschütteln? Aber bitte: Dass der wirtschaftliche Werteverfall im menschlich-emotionalen Bereich zu toppen ist, beweist das niederösterreichische Städtchen Amstetten, dessen traurige Berühmtheit es einem Wahnsinnigen zu verdanken hat. Die Unvorstellbarkeit der Taten von Josef Fritzl lässt die Größe des Universums geradezu greifbar erscheinen. Auf der anderen Seite der Alpen beweist ein Politiker seine "Menschlichkeit" auf fast tragikomische Weise: Mit 1,8 Promille, 142km/h und der entsprechenden Vorgeschichte in eine Ortstafel zu rasen und hernach als Quasi-Heiliger in den Kärntner Himmel entsandt zu werden, dass bedarf eines Jörg Haider. Wie man auch zu ihm stand, "prägend" war diese Figur in der hiesigen Politik allemal - nicht zuletzt auch in seinem letzten, großen Wahlkampf für die Nationalratswahl 2008 - die weniger erinnerungsträchtig ist und letztlich nur "more of the same" gebracht hat. Ganz anders in den USA, wo mit Barack Obama eine perfekt kommunizierte und kommunizierende Lichtgestalt zum Präsidenten gewählt wurde. Er wird seine Tonnen geernteten Lorbeers eher als Steigbügel denn als Ruhekissen nutzen müssen, um sich, seinem Land und der ganzen Welt einen kleinen Prozent dessen liefern zu können, was von ihm erwartet wird - und es ist zu hoffen, dass er dabei Erfolg hat. Sei´s wie es sei: Drei Personen, die auf unterschiedlichste Weise noch lange mit dem Jahr 2008 und seinen Geschehnissen in Verbindung stehen werden.

Euro, Olympia, Kohl.
Im Sport picke ich ebenso einmal drei Ereignisse heraus, die prägend waren: Die Fußball-Europameisterschaft in Österreich - getragen von Hoffnungen und Erwartungen sportlicher wie wirtschaftlicher Natur - war in all diesen Belangen letztlich typisch österreichisch: Irgendwie eh ok, wenn man genauer hinsieht eine Enttäuschung. Die Olympischen Spiele in Peking habe ich nur am Rande mitbekommen, aber die Umrahmung des sich gebotenen Bildes war eben die chinesische Fassung des modernen Kommunismus - die Eindrücke aus meinem dezemberischen Vietnam-Aufenthalt waren erschreckend ähnlich. Wie gemein bis dummdreist Sport(ler) sein kann (können), bewies schließlich ein gewisser Bernhard Kohl. Vielleicht hat er die roten Punkte auf seinem Trikot, dass er während der Tour de France getragen hat, für Masern gehalten - und deshalb seinem Körper Medikamente zugeführt, die nicht so wirklich ins Blut eines Radfahrers gehören. Ob Systemfehler, Täter oder Opfer: Wen interessiert das wirklich?

Hansi Lang, Christoph Moser, Heath Ledger.
Dass mit fortschreitendem Alter auch mehr Menschen aus dem Umfeld aus dem Leben scheiden, ist trauriges wie logisches Faktum. 2008 aber gab es Todesfälle in unmittelbarer Nähe, von nicht sonderlich alten wie auch wirklich jungen Menschen, die in Zukunft fehlen werden. Einigermaßen öffentlich wurde die Trauer um Christoph Moser (der just vor meiner Abreise nach Vietnam ebendort verunglückte), den langjährigen Vertriebsleiter von Hoanzl und eine der bedeutendsten Figuren in der österreichischen Musikszene. Tragisch war das Ableben von Hansi Lang (Schlaganfall im Studio) oder Heath Ledger ("unabsichtliche" Medikamenten-Überdosis im Zuge der Arbeit zu "The Dark Knight"). Eine leider viel zu lange Liste der "öffentlichen" Todesfälle hat Hermes erstellt.

Kid Rock, Jason Mraz, Chinese Democracy.
Musikalisch entwickelt die Musik mehr und mehr Gestrigkeit - oder es fällt im Alter von über 30 einfach leichter auf, was man schon alles gehört hat im Leben. Die Trendheischer spielen immer noch fett 80er - auf den Fotos, den Flyern, den Hosen und Röcken, und in der Musik selbst. Der wirklich kreative Stoff geht ihnen aber aus. Die großen Neuerer sucht man 2008 ziemlich vergebens, Acts wie MGMT oder Hot Chip waren maßgeblich, aber schon letztes Jahr als solche vorhersehbar (siehe Rückblick 2007). Die hippe Welt wartet demnach auf einen Aggressionsausbruch á la Grunge, um sich vom sich immer mehr ins Kitschig steigernde zu befreien. Die Weltwirtschaftskrise spricht eher für noch mehr Schmalz und Knallfarbe - trotzdem: Kommt 2009.

Ansatzweise ´08 kam zumindest schon das Revival des trivialen Techno-Schlagers - ein erster Vorbote auf das Wiedererwachen der frühen 90er. "Drei Tage wach", anyone? Auch seltsame Duettkonstellationen kennt man aus dieser Zeit - Alicia Keys & Jack White hätte man vor zwei Jahren nicht so schnell auf demselben Song vermutet, James Bond und die EURO (hat letztlich "Seven Nation Army" mit ein paar Jahren Verspätung sprichwörtlich Stadiontauglichkeit beschert und Herrn White unabsichtlich wie widerwillig in die erste Mainstream-Liga katapultiert) habens bewirkt.

Aus den "echten" Charts einigermaßen übrig bleiben wird der große kommerzielle Wurf, den Kid Rock mit seiner zusammengefladerten Nummer "All Summer Long" landete (meistverkaufte Single des Jahres); oder der erste Coca Cola-Song seit zwanzig Jahren, der wieder die Charts toppte (Jason Mraz´ "I´m Yours"); der spät aber doch erfolgte Anerkennungsschub für Amy Winehouse (bestverkauftes Album in Österreich 2008: das fast zwei Jahre alte "Back to black"); deren Trittbrettfahrerin Duffy ("Mercy"); und wohl auch die nervige, aber clever vermarktete Braves-Girlie-macht-auf-böses-Mädchen-Nudel Katy Perry ("I Kissed A Girl").

Österreichisches verschafft sich immer mehr Aufmerksamkeit und es brodelt mittlerweile ordentlich an allen Ecken und Enden. Ob wir allerdings je erleben, dass Ö3 hier ein wenig mehr Mut entwickelt und nicht nur auf (halt jetzt einen Deut mehr) Durchschnittsware zurückgreift, bleibt jedoch fraglich. Ich prophezeie dennoch die große "Explosion" des einen oder anderen Acts 2009.

Zuguterletzt meine persönlichen Ohrwürmer aus diesem seltsamen Jahr, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Genialität oder massiver künstlerischer Besonderheit.

01 Sex On Fire / Kings Of Leon
02 Falling Slowly / The Swell Season
03 Oxford Comma / Vampire Weekend
04 That´s Not My Name / The Ting Tings
05 Jigsaw Falling Into Place / Radiohead
06 I Can See You / Rex The Dog
07 I Will Possess Your Heart / Death Cab For Cutie
08 Don´t Mess / Juvelen
09 Ready For The Floor / Hot Chip
10 Heartbeat / Nneka
11 Quizshows / Ja, Panik
12 None Of The Above / Paper Bird
13 Back In Your Head / Tegan & Sara
14 Time To Pretend / MGMT
15 Dance Wiv Me / Dizzee Rascal ft. Calvin Harris
16 Somewhere Else / Asha Ali
17 You Don´t Know Me / Ben Folds & Regina Spektor
18 I Woke Up Today / Port O´Brien
19 Architect / dEUS
20 Gospel With No Lord / Camille
21 Dancing Ships / Francis International Airport
22 Det Snurrar I Min Skalle / Familjen
23 Five Years Time / Noah And The Whale
24 White Winter Hymnal / Fleet Foxes
25 Because / Madita

Alben auf Dauerrotation
01 Vampire Weekend / Vampire Weekend
02 In Rainbows / Radiohead
03 The Taste And The Money / Ja, Panik
04 Only By The Night / Kings Of Leon
05 Obituary For A Lost Mind / Marilies Jagsch

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