Montag, 19. Januar 2009

Obama.

Nun ist er also wirklich Präsident.
Allerorten wird von einer Zeitenwende und vom historischen Moment erzählt - und selbst so manch kühler Analytiker kriegt angesichts der Berichte und Geschehnisse rund um die Amtseinführung des 44. amerikanischen Staatsoberhaupts Gänsehaut.

Trotzdem. Hierzulande mischt sich in die bisweilen etwas seltsam anmutende Euphorie auch das klassische Jammern: Obama triefe bloß vor Pathos und Symbolik, werde die Erwartungen aber nie und nimmer erfüllen können; er ist ja doch nur eine Puppe im Theater der selben Akteure wie früher; der Hype um seine Person, seine Töchter, die Mode seiner Frau, seinen Blackberry, seinen zukünftigen Hund und seine Köchin ist überzogen, furchtbar und frei von jeglicher Bedeutung - und so weiter.

Doch genau gegen diese Jammerei stellt sich Obama mit allem was er hat: Seiner Redekunst (und die Redenschreiber und PR-Berater, die ihn davor schon zum Vorwahl- und Präsidentschaftswahlsieger gemacht haben).

Auch nur ein Mensch
Wenn man näher über Politik als solche nachdenkt und sich sachte von der naiven Vorstellung entfernt, ein Mann/eine Frau könne "diesen Job" (alleine) machen und alles hänge von ihm/ihr ab, wird klar: Er/Sie ist der Nachrichtenüberbringer, der Verkäufer. Er mag die eine oder andere Route vorgeben und Idee haben, letztlich ist es aber immer ein großer Stab an Leuten, die entscheiden müssen. Und ja: Auch Politiker sind nur Menschen. Selbst Barack Obama ist kein gottgesandter Messias - was er bei seiner holprigen Eidesformel (die er sich nicht merken konnte) ein bisserl peinlich bewiesen hat.

Aber die Menschen hoffen gerne, sie wollen gerade in Krisensituationen eine Schulter zum Anlehnen, eine Figur zum Aufschauen, einen Retter, einen Führer. Das kann sehr gefährlich sein, wie uns die Geschichte gelehrt hat, das kann aber auch eine große Chance sein. Was Persönlichkeiten wie Obama zu einer solchen Figur macht, ist im Wesentlichen aber bloß: Redefertigkeit.

Angst oder Zuversicht.
Obama weiß, welch wichtige Rolle "der Kopf" spielt. Bestätigung findet er in der aktuellen Lage der Wirtschaft - eine Krise, die durch den Kopf ("Fantasie"-Geschäfte) entstanden ist und die im Kopf (Angst) wächst. Warum sollte man sie nicht auch mit dem Kopf (Hoffnung, Zuversicht) bewältigen können?

Ängstliche Menschen geben in Zeiten wie diesen kein Geld aus und treiben also die Wirtschaft nicht an. Zuversichtliche, positive, hoffnungsfrohe Menschen schon (... sogar der Washington-Tourismus zur Inaugurationsfeier hat das gezeigt). Das vermittelte Gefühl, dass jeder etwas für eine "bessere Welt", für den Aufschwung, für die Veränderung tun kann und muss, erlebt ein Revival. Kennedy sagte einst: "Fragt nicht, was der Staat für euch tun kann; fragt, was ihr für den Staat tun könnt". Obama übersetzt diese Formel in die rhetorische Neuzeit.

Die Neo-Cons der Bush-Administration haben der These "Die Menschen sind dumm" entlang gearbeitet. Es war ihnen daher ein Leichtes, ihnen Angst zu machen, um ihnen gleichzeitig vorzugaukeln, sie beschützen zu können und sich an den Gründen der Angst (Terroristen) zu rächen. Das sollte den Inlandskonsum und den Patriotismus (und damit die Quasi-Abhängigkeit von Militär und deren vorwiegend republikanischen Machthabern und Einflüsterern) antreiben. Das Prinzip wird alleine der Wortwahl "Fear & Consumption" wegen wenig schmeichelhafte Erinnerungen hinterlassen.

Obama dreht den Spieß um und sagt: Okay, wenn die Leute tatsächlich dumm sind (oder sich gerne als dumm verkaufen lassen), dann treiben wir sie doch wenigstens mit Hoffnung und Zuversicht zu Konsum. Und natürlich braucht es dazu Show und Rhetorik, ein bisschen Glamour und NLP als Mittel zum Zweck. Die Kritiker und Jammerer also frage ich: Ist es nicht legitim, die "Waffen" der "dunklen" Seite zu gebrauchen, um damit etwas Positives zu bewirken?

Monster
Ein bisschen erinnert das Ganze an den Trickfilm "Monsters., Inc.", bei dem furchterregende Monster des Nächtens in Kinderzimmer eindringen und die Kleinen erschrecken - denn ihr Geschrei ist Energiespender, quasi der Strom für die Monsters-Zentrale. Zum Ende stellt sich heraus, dass das auch mit Späßen funktioniert und auch das Lachen der Kinder Energie erzeugt - und zwar sogar deutlich mehr.

Ich habe mir anlässlich der Inauguration alte Antrittsreden auf Youtube herausgesucht und fest gestellt, dass ein George Bush, ein Bill Clinton, ein John F. Kennedy oder ein Ronald Reagan im Wesentlichen immer vom Wechsel, von Erneuerung, von Neuanfang und von Veränderung gesprochen haben - und somit relativiert sich auch die gute Rede Obamas. Der Unterschied war, wie diese Rede aufgenommen und rezipiert wurde.

Und damit komme ich zurück zum Punkt: Die Macht des Wortes ist eine bisweilen deutlich unterschätzte. Um sie zu verstehen, muss man sich letztlich aber nur zwei Beispiele aus der Geschichte hervorholen: Auch Jesus war letztlich "nur" ein brillianter Redner. Er hat damit zweifelsohne viel bewirkt. Und dann war da im letzten Jahrhundert noch der Mann aus Braunau mit dem komischen Bart. Was über die Person selbst wirklich bekannt ist, lässt den Schluss zu: Er war an sich bloß ein klassischer Loser mit kruden Ideen. Er war leider auch ein mitreissender Redner.

Die Macht des Wortes ist eine bisweilen deutlich unterschätzte.
Möge Obama mit seiner Mannschaft sie richtig nutzen.

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