Mittwoch, 25. November 2009

Das Ö3-Dilemma.

Österreichische Musik findet in der hiesigen Radiolandschaft immer noch viel zu wenig statt. Ein Erklärungsversuch.

Auf den Marktführer hinzuhauen ist leicht – und als solcher kann es Ö3 naturgemäß nicht jedem Recht machen. Der Sender steckt in einem Dilemma: Einerseits wird einem der „Kulturauftrag“ vor die Nase gehalten; andererseits meint die fast 50%ige Werbefinanzierung des ORF, dass Ö3 eine Cash Cow zu sein hat und durch möglichst hohe Reichweiten Geld ins Unternehmen spülen soll. Auf diese Art und Weise sind nicht zuletzt verschwisterte Sender zu finanzieren, die dem Kulturauftrag bedeutend näher kommen (Ö1, FM4). Ein Paradoxon.

Das Ergebnis ist pure Angst - und die ist üblicherweise ein schlechter Ratgeber, sowie Hintergrund einer seit 15 Jahren konsequent daneben liegenden Senderpolitik im Umgang mit Ö-Musik. Anstatt hier produzierte Inhalte überzeugend zum „USP“ und damit seiner Stärke zu machen, regiert die „Nummer sicher“-Taktik mit den leiernden 80er-Jahre-Konsens-Hits und damit einhergehender Verwechselbarkeit.

Dass österreichische Musik die Hörer zum Umschalten bringt, ist dabei eine absurde Mär der Marke „self-fulfilling prophecy“: Solange man sie in geschützten Werkstätten mit Stempeln wie „Die neuen Österreicher“ zwangsvereinnahmt, tut man ihnen und damit sich selbst nicht viel Gutes – Beweise sind zur Genüge erbracht; und gut gemeint ist manchmal leider eher das Gegenteil von gut. FM4 etwa hat da eine positive, ganz andere Selbstverständlichkeit entwickelt.

Am ultimativen „Nein“-Sager manifestiert sich das Scheitern an der eigenen Vorgabe: „Unsere Hörer wollen das nicht hören“ - da können noch so viele neue Österreicher plakatiert und Soundcheck-Sieger getrommelt werden. In diesem von allen Seiten eingegrenzten Apparat etwas Neues zu probieren, Entdeckungen zu wagen, den John Peel raus zu lassen – und so ein Publikum zu binden und zu interessieren: Quasi unmöglich (Eberhard Forcher ist als Ausnahme die Bestätigung der Regel). Selbst den verantwortlichen Redakteuren ist unter diesem Blickwinkel kaum ein Vorwurf zu machen.

Die beste Konsequenz wäre also, dem ORF eine Impfdosis Mut zu verabreichen, um Ö3 mehr Wind und weniger Fahne sein zu lassen. Die Redakteure könnten dann belegen, dass sie sehr wohl imstande sind, zwischen glatt gebügelter Plastik- und nachhaltig-relevanter Pop-Produktion zu unterscheiden. Vielleicht wäre das Leben dann tatsächlich ein Hit.

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Dieser Artikel erscheint auch in "Die Presse am Sonntag" vom 29.11.2009