Sonntag, 27. Dezember 2009

Das Jahr 2009.

Unglaublicherweise sind nunmehr die ersten zehn Jahre des neuen Jahrtausends zu Ende. Die gesammelten Rückblicke auf diese Dekade übersteigen in ihrer Zahl diesmal fast jene zum Jahresausklang.

Die Dekade.
Es ist die erste Dekade, auf die aus meiner persönlichen Sicht praktisch vollständig als "Musikarbeiter" zurückzublicken ist. Die Marke "ink music" existiert seit 2001. Der Vorläufer des gegenwärtig tätigen Musikverlages ist auf dieses Jahr ebenso zurückzuführen wie die Anfänge als Booking-Agentur und als Musiklabel. Vieles hat sich verändert, viel ist geblieben. Die postulierte Künstlerentwicklung gelang in manchen Fällen prächtig, in manchen weniger. Erfreulich und herausragend positiv Beispiele wie JA, PANIK, die sich den Sprung nach Deutschland vergönnt haben und seit ihren Anfängen als "Flashbax" in diesem Haus gewachsen sind. Das aktuelle Album "The Angst And The Money" als bisheriger Höhepunkt ihres Schaffens steht auf vielen Jahresbestenlisten 2009 - und auch in so manchem Rückblick auf das Beste aus den "Nullerjahren" (u.a. Falter, Presse). GARISH sind eine regelrechte Marke geworden, aus CLARA LUZIAs dezenten Anfängen wurde ein richtig großes Thema, TROUBLE OVER TOKYO hat eingeschlagen - es war ein intensives und schönes Jahrzehnt für das Haus ink music. Nicht zuletzt dessen Finale - seit 2008, dem Umzug in neue Räumlichkeiten im 17. Wiener Bezirk, haben wir uns größenordnungstechnisch mehr als verdoppelt.

Krise.
Abgesehen von unserer Entwicklung ist 2009 das Jahr der Krise, die niemand bemerkt hat. Michael Jackson ist gestorben - und hat einen österreichischen Möchtegern-Großveranstalter ein sagenhaft peinliches Desaster aus dem Pop-Himmel geschickt. Barack Obama hat in seinem ersten Jahr als US-Präsident den Friedensnobelpreis bekommen - und in seiner Rede für viele zu realistisch erklärt, dass es Krieg in der Welt (leider) braucht. Hermann Maier tritt zurück, das iPhone wird Massenware, Terabyte-Speicher Gang und Gäbe.

Zweinull.
Web 2.0 wird vom geflügelten Wort zum Alltag in den urbanen Herzschlagadern der Welt und darüber hinaus. Facebook und Twitter sind die Medien des Jahres, verändern Habitus und Sprache nachhaltig (bislang unberührte Keyboardfunktionen wie # bekommen plötzlich Bedeutung!). Aufbrandende Revolutionen finden zusehends "2.0" statt - wie die "Audimaxisten" in der Uni Wien bewiesen. Ebenso wie die Menschen im Iran, die sich mit dem massiven Wahlbetrug zugunsten der diktatorisch herrschenden, fundamental-religiös gesteuerten Regierung in ihrem Land nicht zufrieden geben wollen.

Gesteuerte Hysterisierung
Das wird uns wohl auch noch in der näheren Zukunft beeinflussen, die Medien werden sich weiter verändern und wir mit ihnen. Apropos. Das einzige, was im dahinsiechenden Medium Fernsehen noch "zieht", sind "Events" - das sind anno 2009 nach wie vor Castingshows, die Phänomene wie ein "hässliches Entlein" namens Susan Boyle oder einen äußerst talentierten Hund zu Superstars machen.

Der zweite Erfolgsfaktor im Showbiz nennt sich immer noch "Provokation". Das zeigen 2009 auf recht peinliche Art und Weise neben Rammstein (Porno-Video zur Promo... naja) eine gewisse Lady Gaga, die als talentierte Songwriterin erfolglos blieb, als Skandalnudel aber die Medien geschickt um den Finger wickelt. Außerdem ist jetzt offiziell, dass Ibiza überall ist, dem omnipräsenten David Guetta sei Dank. Gossip stossen mit Rick Rubin als Produzenten und einem Major-Label als Gasgeber die Mainstream-Türe weit auf und bringen den Trend der Vorjahre, den Crossover aus Punk, Rock und Elektronik, endgültig in die Charts. Ansonsten feiert im Indie-Umfeld wie in den Charts das dezent biedermeierlich angehauchte Songschreibertum einen neuen Frühling. Emiliana Torrini, eine waschechte Indie-Isländerin, stolpert mit "Jungle Drum" fast unabsichtlich zum Superstardom. Marit Larsen, Amy McDonald und andere tanzen in dieser Reihe.

Bemerkenswerite rotweißrote Releases von internationaler Anerkennung kommen nach wie vor ausschließlich aus dem "FM4"-Eck: Soap & Skin, Clara Luzia, Kreisky, Ja, Panik sorgen für gehörig Aufruhr auch außerhalb der Landesgrenzen. Der Amadeus in seiner Neufassung versucht das zu würdigen, scheitert aber an der Engstirnigkeit des hiesigen Publikums. Anna F. ist das begiebelkreuzte traurige Vorzeigebeispiel dafür.

Cinemaustria
Im Kino surft Österreich nach wie vor auf einer gefühlten Erfolgswelle. Der hierzulande jahrelang ignorierte Christoph Waltz steigt dank Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" zum Superstar mit Oscar-Chancen auf, Michael Haneke gewinnt in Cannes die Goldene Palme für "Das weisse Band", Götz Spielmann erhält eine Oscar-Nominierung für "Revanche".

Weil auch Remakes und Fortsetzungen nicht aus der Mode kommen, sind The Dark Knight und Star Trek die glorreichen Vorreiter (Ausnahmen) von ausgesprochen clever und gut gemachtem Blockbuster-Kino. Harry Potter ist mit seiner Septologie noch nicht fertig, da wird er auch schon Vampiren ("Twilight") seines Rufes als Teenager No. 1 entzaubert.

Nordslowenien
Politisch setzt Österreich seine Autobahnfahrt Richtung Bananenrepublik eindrucksvoll fort. Die Hypo Alpe Adria ist der Beweis dafür, dass Jörg Haider nicht nur sein Auto an die Wand fahren konnte. Das arme Kärnten kriegt außerdem seine eigene blaurange Volksfront von Judäa. Inspiriert von der Tätigkeit der jüngsten SPÖ-Geschäftsführerin aller Zeiten sucht die ÖVP einen adäquaten Superpraktikanten. Für den dritten Nationalratspräsidenten ist auch 2009 ein Olympia-Jahr. Der Wissenschaftsminister lässt in Brüssel nach sich krähen.

The Future Is Now.
Und 2010, das neue Jahrzehnt? Apple wird als nächstes das Buch verschlingen, einen Tablet-PC auf den Markt bringen und gleichsam das junge "Kindle" von Amazon in Frühpension schicken und als vergrößertes iPhone nochmal eine kleine Revolution anzetteln. Printmedien werden es danach noch schwerer haben, die Internettisierung der Welt wird weiter voranschreiten. Facebook wird nicht ebenso rasant verschwinden wie myspace, aber ebenso wieder an Bedeutung verlieren. Die Menschen werden lernen, den Kern des Nutzens zu erkennen und sich darüber hinaus ihre Kontakte und Weltnachrichten ("... gehe jetzt aufs Klo!") personifizieren.

Die USA schicken sich an, ihr paranoides Dasein auf die Spitze zu treiben und Reisen ins Land der begrenzten Unmöglichkeiten völlig ad absurdum zu führen. In Österreich wird weiter Politik nach dem Wind, der der Kronen Zeitung entfläucht, gemacht werden. Nicht viel Neues also.
Freuen wir uns auf 2010. Was bleibt uns auch anderes übrig.


Die Musik von 2009

Singles
Heavy Cross / Gossip
To Lose My Life / White Lies
Take Off Your Sunglasses / Ezra Furman & The Harpoons
Dominos / Big Pink
This Rhythm / Filthy Dukes
Asthma / Kreisky
The Girl From The BBC / Official Secrets Act
Lies / Antennas
Laughing With / Regina Spektor
Alles hin, hin, hin / Ja, Panik
Crying Lightning / Arctic Monkeys
1901 / Phoenix
Warm Heart Of Africa / The Very Best ft. Ezra Koenig
The Muzik / Ebony Bones
Zero / Yeah Yeah Yeahs
We Are The People / Empire Of The Sun

Alben
The Angst And The Money / Ja, Panik
Sigh No More< / Mumford & Sons
Wolfgang Amadeus Phoenix / Phoenix
Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld / Kreisky
The Ground Below / Clara Luzia
Music For Men / Gossip
Grass Is Singing / Lonely Drifter Karen
Horehound / The Dead Weather