Freitag, 31. Dezember 2010

Das Jahr 2010.

Das Jahr ist vorüber, das traditionelle Zurückblicken ist angesagt um der Frage nachzugehen: Was wird von 2010 übrig bleiben? Aus meiner Perspektive sind es wohl eher schleichende Entwicklungen denn punktuelle Ereignisse. Sie haben sich wohl durch solche langsam manifestiert. Oder sagen wir besser: sie werden dadurch eher als normal empfunden werden.

"Das Ende der Privatsphäre" hatte facebook-Bubi Mark Zuckerberg (Time Magazines "Person des Jahres") ausgerufen - und er untertrieb. Über ihn selbst gab es in diesem Jahr bereits einen gar nicht so üblen Film ("The Social Network") - und sieh an: die öffentlich dargestellte "Privatsphäre" war ihm gar nicht sooo angenehm. 2010 war jedenfalls der Beweis, dass ethische Grundsätze ebenso "on the way out" sind wie nationale Gesetze. Hallo globalisierte, vernetzte Welt!

WikiLeaks veröffentlicht unreflektiert "Geheimdokumente" und betrachtet es als ausnahmslos gute Tat, die halbe Welt voreinander bloß zu stellen - eine wegweisende wie gefährliche Gratwanderung zwischen dem Willen, Transparenz und Offenheit zu fordern und langfristig womöglich das Gegenteil davon zu erreichen.

Mit dem Buch "Axolottl Roadkill" betritt das Thema Urheberrecht ein neues Absurditätslevel. Die Autorin Helene Hegemann copy-und-pastet aus diversen Romanen, lässt sich als junge Starschreiberin vermarkten und gibt sogar unumwunden zu, abgeschrieben zu haben - ohne große Folgeschäden. Die Dame ist in den Medien, das Buch verkauft sich glänzend, passt eh alles. What the hell is Urheberrecht anyway?

Die katholische Kirche singt mittlerweile nicht nur mehr zu Weihnachten "Alle Jahre wieder", sondern könnte dieser Art auch an die immer wieder auftauchenden Missbrauchsfälle hinweisen. Stattdessen wird vatikanisch weiter eher schweigsam mit dem Thema umgegangen, die dazugehörigen Austrittswellen verleiten den hiesigen Kardinal Schönborn zu einem unschönen Vergleich mit der Nazi-Zeit.

In Chile werden 33 Bergbauarbeiter gefeiert, die monatelang unter Tag ausharrten, um schließlich in einer einzigartigen Aktion gerettet zu werden. Wie der Mensch halt so ist, vergisst er dabei, dass der Unfall, der dazu geführt hat, auf Missmanagement, unzureichende Sicherheitsmaßnahmen, Profitgier und ein korruptes System zurückzuführen ist. Die Hintergründe sind also gar nicht unähnlich jener der größten "künstlich geschaffenen Naturkatastrophe" des Jahres: Dem BP-Öldesaster im Golf von Mexiko.

Dieses Ereignis und das Aufbegehren der als TeaParty bekannt gewordenen ultrakonservativen Bewegung hat die USA 2010 geprägt. Womit wir bei Dummheit, insbesondere in Verbindung mit Politik, angekommen sind - und also nicht weit nach Österreich haben: Dass Herr Strache das Rad banal-hetzender Rhetorik jedes Mal noch ein Stück weiter zu drehen vermag, hat er zur Wien-Wahl bewiesen. Dass er damit leider auf das richtige Pferd setzt, auch. Das Volk ist in seiner Masse dann wohl doch dumm - und will auch so angesprochen werden. Muss man den blauen Wahlkämpfern wirklich vorwerfen, das zu erkennen und auszunutzen? In Wahrheit ist dies wohl nichts anderes als die Rechnung für die Politik, die seit Jahr und Tag mit harten Mitteln daran arbeitet, das Volk nach dem Schüsselschen Motto "Hände falten, Goschn halten" dumm zu halten.

Dem trägen, überproportionierten Verwaltungsapparat Regierung stehen eine Visionslosigkeit ihrer Spitzen gegenüber, die ihresgleichen sucht. Die Offenkundigkeit vieler Reformen reicht ebenso wenig dazu aus, die herrschende Kaste zum Handeln zu bewegen, wie die latente Unzufriedenheit in vielen Einzelbereichen - exemplarisch dafür: die Bildungspolitik. Rektoren, Professoren, Studenten, Eltern, Schüler, Kindergartenpädagogen schreien sich seit Monaten die Seele aus dem Leib, die PISA-Studie war die dazupassende schallende Ohrfeige - und "oben" wird gerade einmal darüber gestritten, welcher der Prölls (Bund oder Land) in Zukunft mehr postenschachern darf.

Als ob das nicht genug wäre, demonstrieren ehemalige Angehörige der Kaste, was sie davon haben: Die Herren Grasser, Meischberger und Co. zeigen nicht ohne Chuzpe, wie korrupt und verstunken in diesem Land über besagtes dumme Volk "geherrscht" wird. Kopfschütteln reicht nicht mehr.

All das im Jahr, in dem mit Hans Dichand der Mann starb, dem wohl auch eine gewisse Teilschuld an diesem System anzulasten ist. Jedes Land hat die Regierung, die es verdient, nicht? "Fremdschämen" ist nicht umsonst zum Wort des Jahres gewählt worden.

Dass die Wirtschaftswelt in der "Krise" ist, in die sie sich selbst hineinkatapultiert hat, ist auch nicht neu, sondern schon "normal". Wohl stimmen die Rahmendaten (Wachstum, Inflation, Börsenkurse) anno 2010 wieder, doch werden sie gemeinhin als recht trügerisch angesehen. Nahende Staatsbankrotte, der totale Zusammenbruch des Systems und ähnliche apokalyptische Bilder werden an diverse Wände gemalt.

Kein Wunder: An allen Ecken und Enden werden "Fallschirme" gespannt, damit es erst Griechenland, dann Irland auch morgen noch gibt. Die Angst vor dem Dominoeffekt ist größer als der Lerneffekt aus der Vergangenheit - wir haben den Wohlstand auf Schulden aufgebaut, wir haben die Finanzwirtschaft über die Realwirtschaft triumphieren lassen, wir haben die dritte Welt so lange auszubeuten versucht, bis sie draufgekommen ist, dass wir jetzt von ihr abhängen. Und nun? Wird in 20 Jahren Chinesisch die erste Fremdsprache sein müssen? Wo ist die viel zitierte "Wissensgesellschaft", mit der wir gegen die Produktionsgesellschaft der ehemals ärmeren Länder mithalten können? (Wo wir wieder bei der Bildungspolitik wären...)

Spanien hat die Fußball-WM in Südafrika gewonnen und es war gut so. Die Kritik an der Vergabe des weltgrößten Sportereignisses in den afrikanischen Winter war laut, aber unvergleichlich leise zur Entscheidung, die nächsten Spiele in Russland (2018) und vor allem im arabisch-muslimisch-diktatorisch-superheißen Katar (2022) abzuhalten. Korruptionsvorwürfe hin oder her: Mal sehen, was die Welt bis 2022 dazu sagen wird.

Ich zähle zu den wenigen Menschen, die heuer viel geflogen sind, aber kaum von den diversen Unwegsamkeiten des Flugverkehrs betroffen waren - welch Glück! Die Welt hat Island von seiner "natürlichen" Seite kennen gelernt - schönen Gruß von Eyafjallajökull. Im Dezember waren zugeschneite Flughäfen und zugefrorene Flugzeuge an diversen Chaos-Szenerien schuld. Trotzdem fast schön, wenn die Natur den Terrorismus als Thema in die Schranken weist.

In der Musik blieb der "Big Bang" 2010 noch aus, auch hier schleicht sich die "neue Weltordnung" eher leise heran: Weg vom Eigentum, hin zu Streaming-Diensten. Youtube wird mehr und mehr als ultimative Jukebox eingesetzt. So hat Skeros (eigentlich schon 2009 erschienener) Hit "Kabinenparty" Millionen Plays auf Youtube vorzuweisen, die Verkaufszahlen blieben dennoch eher mager - kennen tut den Song halt jetzt jeder. Noch fehlt hier ein wirkliches "Geschäftsmodell", das das bisherige abzulösen vermag. Die Debatten rund um dieses Thema werden noch länger andauern und treiben auch Blüten, die vom Ende der Popkultur sprechen. Große Riesen wie EMI taumeln und torkeln derweil zwischen Existenz und Pleite, auch wenn die Beatles endlich auf iTunes ge- und verkauft werden dürfen.

Wie jedes Jahr ist auch heuer der aktive und entdeckende Musikkonsum meinerseits massiv zurück gegangen. Erster Grund dafür ist die mangelnde Zeit, was bitter ist. Andererseits hat das „Tagebuchführen“ über Konzertbesuche speziell im ersten Halbjahr zu Tage gebracht, dass sich knapp 200 Bands heuer von mir anschauen lassen haben müssen. Entsprechend leichter tue ich mich auch, die interessantesten Live-Erlebnisse aufzulisten:

Da wäre zunächst die denkwürdige Pilgerreise von rund 30 in Wien Ansässigen nach München, um MUMFORD & SONS im April im überfüllten Backstage zu sehen. Energie, Herz, Freude, die gerade noch verträgliche Menge an Pathos, Witz – dieses Konzert hatte alles, was ein großartiger Abend bieten sollte. Alles. Nachher noch bei einem Bier ein klein wenig mit der sturzbetrunkenen Band geplaudert, aber auch das konnte es nicht wirklich vermiesen. Groß! Und es herrschte Einigkeit über die Freude, diese Band in „intimen“ Rahmen gesehen zu haben – das wird bald Geschichte sein (das hat sich mittlerweile bereits bewahrheitet, die Band ist auf direktem Weg ins Stadion).

Da wären EFTERKLANG, die bei der Brüsseler Ausgabe des „Spot on Denmark“ im AB ihren Zauberstaub über mich gestreut haben. Wer braucht Hitsingles, Radioairplay oder Seitenblicke-Geschichten, wenn er die Gabe hat, Menschen auf eine Reise mitzunehmen, von der man sich wünscht, sie würde nicht so schnell aufhören… märchenhaft!

Da wären FIRST AID KIT, die ich nur flüchtig kannte, ehe sie mich in Zürich beim m4music Festival zum Fan gemacht haben. Das bei Efterklang erwähnte Zaubern scheint in Skandinavien mit der Muttermilch zu kommen. Die blutjungen Schwestern kommen aus Schweden, werden auf Tour noch von ihrem Vater begleitet und haben leider trotzdem schon eine englische Agentin, die stur, kurzsichtig und nicht besonders weise agiert.

Und LCD SOUNDSYSTEM in Berlin waren schlicht und einfach fantastisch. Eine ehrenvolle Erwähung erhält Jarle Bernhoft, der mich im Gegensatz zu den gehypten Figuren Ellie Goulding, Jamaica und Marina & The Diamonds an einem kalten Eurosonic-Abend prächtig unterhalten hat. Eine mindestens ebensolche erhält Thomas Dybdahl, der beim Spot in Aarhus mein Highlight war.

Man kommt sichtlich rum, und das ist gut so. Hierzulande setzte ich heuer oft und gern mein wissendes Lächeln auf, um zumindest für mich selbst die Bestätigung zu finden, mit den großartigsten Kapazundern zu arbeiten, die auf hiesige Bühnen gelassen werden. Eine ganze Reihe GARISH-Konzerte zum 2010er-Oeuvre „Wenn dir das meine Liebe nicht beweist“ fallen mir ein – bei manchen davon war ich als Teil des „Rattenchors“ plötzlich nicht mehr hinter, sondern auf der Bühne – eine witzige Erfahrung.

VELOJET haben mit ihrer „Heavy Gold“-Tour samt Streichquartett (Neuschnee) den Vogel abgeschossen - insbesondere wird mir der ausgesprochen intensive Popfest-Auftritt in Erinnerung bleiben. Dieses erstmals vonstatten gegangene Schaulaufen der Wiener Szene am Karlsplatz war überhaupt ein fettes Ausrufzeichen - mit ein paar Kinderkrankheiten, aber großartig.

FRANCIS INTERNATIONAL AIRPORT
haben mit „In The Woods“ ein Meisterwerk von Tonträger abgeliefert und vermögen seine Besonderheit ein ums andere Mal besser auf die Bretter zu bringen. TROUBLE OVER TOKYO hat ein Album als Buch veröffentlicht und uns mit viel Stolz erfüllt - über seine Entertainer-Qualitäten musste man sich weder davor noch danach Sorgen machen. Und. So. Weiter.

Diese und viele andere haben zudem zusammen mit dem Beach Boys-Abend anlässlich des diesjährigen ink b(each) day bash im B72 einen mehr als erinnerungsträchtigen Abend geliefert. Ich ziehe sämtliche Hüte und sage stolz und lauthals DANKE für dieses Jahr!

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