Samstag, 15. Januar 2011

Das Europa-Erlebnis.

Die erste "echte" Arbeitswoche des neuen Jahres war durchaus turbulent. Die Herrschaften von profil haben ein prominent platziertes Interview mit mir publiziert, ich habe nach längerer Pause wieder zu bloggen begonnen - und aufgrund des letztwöchigen Beitrages gar eine Einladung von Ö3 für eine Diskussion zum Thema Song Contest erhalten.

Ich konnte sie frohen Mutes ausschlagen, denn ich befinde mich in den Niederlanden. Es ist eine Art Jahresanfangsritual, dass sich Musikprofessionisten im Jänner in Groningen treffen. Hier findet gerade eben zum 25. Mal das "Eurosonic" statt - die mittlerweile bestens etablierte Nummer 1 unter den europäischen Showcasefestivals. Mit Co-Veranstaltern wie der EBU (die öffentlich-rechtlichen Sender Europas filmen/speichern/senden die wichtigsten Konzerte), der "Yourope"-Organisation (der Zusammenschluß der wichtigsten Festivals Europas) und dergleichen ist diese Rolle fest einzementiert. Es wurde in den letzten Jahren geschickt eine klare Win-Win-Situation für alle geschaffen, sodass hier jeder Act spielen will, ja muss, der etwas auf sich hält und auf den großen Sommerfestivals oder einfach in anderen europäischen Ländern unterkommen möchte.

Ich hatte das Vergnügen, hier schon Acts wie Mando Diao, The Libertines oder Kaizers Orchestra in ihren Frühphasen in kleinen Clubs zu sehen - und jedes Jahr aufs Neue fragt man sich, auf welcher der unzähligen Bühnen man den nächsten Superstar gerade verpasst oder gesehen hat. Grundsätzlich aber überwiegt hier der Vernetzungsgedanke auf (hauptsächlich) europäischer Ebene. Jedes Land hat seine Fixplätze für Bands, schickt Delegierte; der Veranstalter bemüht sich um Ausgewogenheit und ein einerseits buntes Bild, dass andererseits aber schlüssig als gutes, hochqualitatives Lineup erscheint - was zumeist hervorragend gelingt.

240 Bands treiben sich an diesem Wochenende hier rum, dazu 2.500 Professionisten und 15.000 Besucher - das ganze jeweils vier Tage lang. Auch wenn die Qualität der gebotenen Panels stark schwankt, so trifft man hier zumindest Koryphäen wie den unfassbar unterhaltsamen wie allwissenden Bob Lefsetz oder einen der Topspin-Gründer (mit dem ich gar ein Podium teilen durfte).

Auf der Delegierten-Seite gehört ebenso zum ein Ritual, dass die großen, den Markt beherrschenden englischen Agenturen hier "nur" die Jungspunde herschicken. Die "Alten" habens nicht mehr notwendig, haben ihre Netzwerke, ihre Kontakte, ihre loyalen Partner; die "Jungen" jedoch müssen sich ihre Sporen erst verdienen. So sieht man hier mitunter Anfang-Zwanziger rumlaufen, um bald draufzukommen, dass sie in den mächtigsten Agenturen Europas sitzen und ihre neuentdeckten heißen Eisen hier zu verkaufen haben. Ein Stahlbad, durch das die meisten mit Bravour gehen - denn die Qualität der englischen Acts ist nach wie vor den anderen oft weit voraus. Das passiert aber auch mit belgischen oder schwedischen Bands - sind sie gut, sind sie längst bei einer Agentur von der Insel untergekommen. Um diese Acts ist zumeist schon recht früh ein G´riß - zu stark ist die Marktmacht der dortigen Medien, zu stark die Definitonsmacht der Agenturen - und zu gut auch meist die Bands.

Doch auch darüber hinaus gibt es reihenweise Spannendes, Großartiges, ja Spektakuläres zu entdecken. Ich will hier nich auf einzelne Namen eingehen (Betriebsgeheimnis! ;-) - jedenfalls ist die Dichte an überraschenden, guten Konzerten (klarerweise) enorm. Das Festival verkommt so auch zu einem Ereignis, dass irgendwo zwischen positiv-motivierend (man macht offenkundig das Richtige, denn Musik ist etwas Großartiges) und negativ-frustrierend (die wirklich coolen Acts bekommt ja dann erst wieder die große Agentur) pendelt.

Erkenntnisse, die darüber hinaus gehen, gibt es aber jedes Jahr zuhauf, neue Erfahrungen immer wieder. Der Brückenschlag zum Osten etwa hin passiert ungeachtet der geographischen Nachbarschaft Wiens eher hier: Wilsonic, Sziget, Exit und andere Festivals bringt man in Groningen einfach und rasch an den Gesprächstisch. Es wird über Trennendes und noch mehr über Gemeinsames philosophiert, über Empfehlungen für den Abend und die Situation im eigenen Land gesprochen, über den Markt, Politik, das Essen oder das Saufgelage von gestern. Man netzwerkt eben.

Gerade solche Dinge machen mich sagen: Nirgends ist das Gefühl von "Europa" stärker als hier. Dennoch schärft sich auch das Bewusstsein, dass man gerade bei solchen Events das Leben in (s)einer "Bubble" überbewertet. Jeder hat seinen engeren Zirkel, seine Branche, sein Umfeld, dass er für "das Richtige" und global bedeutende hält. Und hier? Man macht sich aufgrund der beeindruckenden Größe der Veranstaltung gerne vor, die "Welt" sei tatsächlich so. Ist sie natürlich nicht. Der Normalbürger, der nicht gerade in einer Studentenstadt in coolen Locations rumhängt und weltoffen neue Bands guckt, hat keinen Schimmer von Europa oder zumindest dem beschriebenen "Gefühl" davon. Er kümmert sich auch nicht darum, dass der Slowake, der Norweger und der Österreicher eigentlich eine Menge Ansichten, politische Unwegsamkeiten und viele andere mittlere und große Kleinigkeiten teilen.Was mich zur vielleicht etwas seltsamen Forderung verleitet: Jedem sein Eurosonic. Für mich gilt jedenfalls: Nächstes Jahr wieder, Groningen; schön wars, bis bald.

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