Samstag, 8. Januar 2011

Das Song Contest-Dilemma.

Der Song Contest, die Quote und warum das schon wieder ein Ö3-Dilemma ist.  

Der ORF hat also beschlossen, heuer nach längerer Abstinenz wieder am Eurovision Song Contest teilzunehmen. Nachdem Stefan Raab und seine Lena den Bewerb aus dem Dornröschenschlaf zurück in das öffentlich(-rechtliche) Hirn gebracht haben, dachten sich die Ö3-Verantwortlichen "na, das können wir auch". Zumindest ist das Interesse am Song Contest wieder da - oder sagen wir: Der Wind ist gerade günstig.

Jetzt kann man von dieser Veranstaltung halten, was man will. Wie es der Zufall aber so will, kommt das Engagement parallel zur de-facto-Quotenregelung, die sich der ORF in einem Kuhhandel um die Gebührenrefundierung und langen, mühsamen Verhandlungen mit SOS Musikland aufzwingen hat lassen. Wie praktisch, das man jetzt auf Knopfdruck Interesse für die österreichische Musik (30 Titel auf einen Schlag in die Playlist!) "belegen" kann.

So weit, so oberflächlich.
Es entspricht der Mentalität des Hauses und dem Umgang mit der hiesigen Musikwirtschaft, dass diese Entscheidung alleine getroffen wurde und zu einem modernen Voting-Spektakel gemacht wird. Nun ist das weder grundschlecht noch besonders abwegig. Freilich bestätigt sie das Gesamtbild besagter Wirtschaft, insbesondere aus dem Blickwinkel der Radiomacher.

Seit die Hälfte der Majors hierzulande vor geraumer Zeit ihre A&R-Büros aufgelassen haben, sieht sich die Chefetage des Hitradios zusehends in der Rolle des Entdeckers und Fahnenschwingers. So passiert es nicht selten, das ein unbekannter, ungesignter Künstler mit einem besseren Demo auf Ö3 Airplay erhält.

Im Prinzip ist das jene etwas naiv herbeigesehnte "schöne neue Welt", die in Zeiten der Globalisierung ohne (große) Plattenfirma auskommt. Auf der anderen Seite tut das den Künstlern und dem Zustand der österreichischen Musiklandschaft insgesamt nur bedingt gut: Es wird nämlich keineswegs dafür sorgen, dass die so fragilen Strukturen verbessert werden. Nachhaltigkeit ist genauso wie der erste "Hit" maximal ein Zufallsprodukt - sowohl für den Künstler, als auch für potentielle Partner (Veranstalter, Vermittler, Produzenten, Managements, Labels, Vertriebe...) - und damit eigentlich auch für den Sender.

Im Gegenzug wird an der Heiligenstädter Lände seit Jahr und Tag das im Feuilleton, in den Clubs und auch im Ausland ausgiebig abgefeierte "Wiener Popwunder" wegignoriert. So werden die allgemein als spannend, neuartig, künstlerisch wertvoll oder gar wegweisend beschriebenen Produktionen brav im "Indie"-Käfig gehalten (wozu hat man FM4?). Ein natürliches Wachstum einer "Szene" hört so ganz klar vor dem selbsternannten Hitradio auf. Da dieses immer noch 40% des Marktes beherrscht und also demokratischen Prinzipien folgend "recht" hat, wird die in Ansätzen entstandene Struktur erst recht zwangsmarginalisiert. Beiden "Seiten" wird also durch das Handeln eines mächtigen Mitspielers im Markt ein Bein abgeschlagen.

Das große Problem ist ohnehin, dass das Formatradio nicht besonders gut dazu geeignet ist, eine A&R-Funktion zu erfüllen - der primäre Zweck des Senders ist es schließlich, Profit zu erwirtschaften. Der kann nur entstehen, wenn die Werbeeinnahmen stimmen, die Leute nicht "wegschalten". Musik auf Ö3 darf also nicht "weh tun" - oder mit anderen Worten: sie darf nicht auffallen. Mutige Entscheidungen in der Playlist sind daher die Ausnahme (wir hatten das schon). Mein "Lieblingskorb" aus dem Mund eines Ö3-Musikredakteurs ist deswegen auch "das ist nicht durchschnittlich genug."

Das sagt viel aus und stimmt natürlich - denn eine solche Menge an Leuten, die den Sender hört, verlang letztlich Kompromisse und also Durchschnitt, um dem Zweck zu dienen. Problematisch wird das aber eben dann, wenn genau dieser Sender besagte "Entdeckerrolle" einnehmen möchte - gerade wenn es um den Song Contest geht. Dort nämlich zählen letztlich, wohl oder übel, Qualitäten, die so systematisch ausgeschaltet werden.

So finden sich naturgemäß unter den 30 von "Ö3 Experten" vorausgewählten Kandidaten die erwartbaren Resultate. Ohne den Kandidaten (die zum Teil mit großartigen Stimmen gesegnet sind) zu nahe treten zu wollen - es sind zum allergrößten Teil durchschnittliche, unspannende, nicht weh tuende Popsongs - oder solche, die so weh tun, dass ihr Peinlichkeitsfaktor ein anderes Song Contest-Grundbedürfnis befriedigt: Fremdschämen.


Das Featuren dieser 30 Titel mag dem geneigten Hörer zwischenzeitlich vorgaukeln, wie großartig die hiesige Poplandschaft (oder Ö3?) sei. Die allermeisten werden nach Ende der Voting-Phase bereits wieder vergessen und auf sich selbst gestellt sein. Und spätestens das vorhersehbare österreichische Vorrundenausscheiden beim eigentlichen Song Contest wird dann auch beim Rest wieder Ernüchterung einkehren lassen.

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