Sonntag, 30. Januar 2011

Heroes, just for one day.

Der ORF hat mit seinem Versuch, Quote zu schinden einmal mehr große Freude an seiner Lieblingstaktik demonstriert, sich selbst ins Knie zu schießen.

Ich muss zugeben, dass ich „Helden von morgen“ sowohl bewusst als auch unbewusst, in jedem Fall aber vollständig vermieden habe. Alleine die Rezeption der Rahmenberichterstattung in den Medien hat mir gereicht. Das mag vorurteilsbehaftet sein, das Grundproblem ist aber viel mehr, dass der ORF einmal mehr nicht im Stande war, mich anzusprechen. Nun hat der Staatssender dieses Problem nicht nur mit mir: Die Quoten waren mau und überschaubar. Für die meisten der angepeilten Jungseher galt wohl: Warum zum Schmiedl gehen, wenn der Schmied (RTL) gleich nebenan bei heißerem Feuer werkt. 

Der ORF vergibt seit Jahr und Tag eine um die andere Chance, ein wahrnehmbares Profil für seine Sendungspolitik zu gestalten – in der Werbung oder der PR würde man vom Schaffen einer USP sprechen. Vielmehr versucht er, sich auf eine Stufe mit den werbefinanzierten Privatsendern aus Deutschland zu stellen, die ihm trotzdem budgetär und dank medialer Rahmenbedingungen seit Jahren den Rang ablaufen.

Die „Kulturauftrags“-Debatte greift in diesem Zusammenhang gar nicht weit genug, ist aber immer wieder bietet aber ein symbolhaftes Beispiel. Ich versuche es einmal von der anderen Seite. Der ORF hätte genügend Stärken im Vorgarten: Österreich ist ein Land, dass viele Eigenheiten, Seltsamkeiten, Stärken und Besonderheiten hätte. Anstatt ein Qualitätssender für das Land zu sein und sich dieser zu bereichern, gelingt es dem ORF fabelhaft, sein Programmniveau mittels Anpassung an internationale Privatsender nach unten zu nivellieren. Dabei geht ein ums andere Mal mehr von einer Senderidentität verloren, da hilft auch kein noch so hipper Senderrelaunch und die Umstellung von „1“ auf „eins“. 

Dabei hätte der ORF gerade im eigenen Haus ein Musterbeispiel für kreatives Programmgestalten, für erfolgreiches „aus der Nische raus“ entwickeln: Die Donnerstagnacht und ihre Teilelemente – die allermeisten davon innvoativ, spannend, originell – und noch dazu Quotenbringer. Die "Sendung ohne Namen" ist legendär (wenngleich sich dieses Konzept natürlich irgendwann überholt hat), der Kaiser eine Trademark geworden, Willkommen Österreich eine rare Abwechslung im sonst so schnöden Programm – und zudem die einzige Fläche, in der Musiker abseits von Castingformaten und Volksmusik-Kitsch überhaupt irgendwie vorkommen.

Österreich ist diesbezüglich das einzige zivilisierte Land, das mir einfällt, in dem es keine Möglichkeit gibt, aktuelle Popmusik im Rahmen einer Sendung (in welcher Form auch immer) zu präsentieren. Jedes Mal, wenn wir internationale Künstler nach Österreich holen, treibt es mir die Tränen ins Gesicht, wenn ich via YouTube nach aktuellem Material von ihnen suche:
Was in England Jools Holland leistet, im französischen Fernsehen eine Unmenge an Talkshows, in Skandinavien Frühstücksfernsehen, in Deutschland der Rockpalast – hier gibt es nichts auch nur ansatzweise vergleichbares. Die Kollegen liefern tonnenweise Mitschnitte von diversen Shows, Sendungen, eigens aufgezeichneten Konzerten und so weiter. Ich rechne diese Rolle mal nicht (nur) den fantastischen "They Shoot Musics" dieser Welt zu, sondern sehr wohl (auch) dem öffentlich rechtlichen Funk.

Ist man nicht „Willkommen bei Carmen Nebel“ fehlt jegliche Repräsentationsmöglichkeit. Logische Folge ist, dass diese Nullpräsenz im Fernsehen auch ein riesiger Hemmschuh für eine gesamte Industrie ist. Ein natürliches Wachstum von Künstlern über die gläserne FM4-Decke hinaus ist mit dem Überspringen schier unüberwindbaren Hürden verbunden. Der Staatssender entzieht sich damit auch einer gewissen (letztlich politischen und wirtschaftlichen) Verantwortung. Auf die beliebte Ausrede, es gäbe nichts präsentables, möchte ich erst gar nicht näher eingehen - diese Diskussion ist oft und vielfach hier und anderswo geführt worden. Sie ist in diesem Fall gar nicht der Punkt, sie wäre maximal eine Frage nach Huhn oder Ei.

Und Formatideen - die gäbe es zuhauf. Ein „FM4-TV“ wurde bereits mehrfach vom Küniglberg abgeschossen, Walter Gröbchens „15 Minutes Of Fame“-Idee wäre einfach, günstig und wohl sogar funktionierend. Dabei hat auch die Geschichte gezeigt, dass "Investitionen" lohnen können: In den 80er-Jahren durchleuchteten OK und Ohne Maulkorb Szenen und Nischen, später X-Large. Die Namen, die diese „Jugendsendungen“ herausbrachten, waren vor allem heute große Moderatorennamen: Vera Russwurm, Barbara Stöckl, Christian Clerici, Arabella Kiesbauer et al. Seit Mitte der 90er-Jahre gibt es kein Jugendformat mehr. Das Archivmaterial von damals wurde vielfach verwertet - etwa in der "Weltberühmt in Österreich"-Dokuserie, mit der sich der ORF brüstete.

Aus welchem Material wird man die Kulturgeschichte der 00er- und 10er-Jahre nacherzählen? Der ORF schießt sich also mehrfach ins eigene Knie (…eine eigene Geschichte wert) und holt sich heute die Moderatoren lieber direkt von der Konkurrenz und produziert kurzlebige Castingsternchen, deren Rauch der Berühmtheit noch schneller verpufft als ihr Schall. Unterdessen verabsäumt er die vorhandene Substanz als willkommenes Baumaterial für Karrieren und eigene Identitätsstiftung zu akzeptieren.

Der ORF will programmatisch gesehen ein Privatsender sein und streckt sich lieber pseudopopulistisch nach einer Quote – die er dann genau mit diesen Mitteln eh nicht erreicht. Solange dieses Konzept verfolgt wird, ist Änderung an den Umständen nicht in Sicht. Und g´scheiter werden tut man scheints trotz "überragender Erfolge" wie "Helden von morgen" nicht. Lieber speist man Sido und Marilyn Manson mit üppig dotierten Verträgen ab, als nachhaltige Sendungskonzepte zu entwickeln. Also müssen wir uns weiter mit Helden in der Programmabteilung anfreunden, deren Ideen morgen bereits von gestern sind.

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Kommentare:

  1. http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20110209_OTS0180/helden-von-morgen-mischen-die-oe3-austria-top-40-auf

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  2. Liebe/r Anonym,
    die Charts sind eine andere und durch und durch seltsame Welt, trotzdem missgönne ich keinem der ehemaligen Kandidaten einen Erfolg - um das klar zu stellen. Helden von Morgen war trotzdem in meinen Augen primär eine Unterhaltungssendung und keine Kultur- oder Musiksendung. Was mir ergo fehlt ist Ausgewogenheit oder zumindest ein Komplementär- und/oder Alternativangebot aus genau diesem "anderen" Segment - es existiert leider nicht.

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