Sonntag, 23. Januar 2011

Individuum vs. Gesellschaft

Was sich eigentlich alles hinter des Österreichers neuer Lieblingsfloskel "Wos wor mei Leistung?" verbirgt.

Es gibt Themen, die tauchen in unterschiedlicher Form immer wieder vor dem geistigen Auge auf. Eines dieser "Metathemen": Der fast unbemerkt vonstatten gehende Krieg zwischen Individuum und Gesellschaft. Haben Solidarität, Gemeinsinn, die Leistung füreinander noch einen Wert, wenn alle Welt nach persönlicher Leistungsbereitschaft, Ich-AGs und Selbstverwirklichung als oberstem Prinzip schreit?

Man könnte es sich leicht machen und die Anbetung des Kapitalismus als Ersatzgott (und also in gewisser Weise das Übernehmen des seit dem zweiten Weltkrieg so erfolgreich scheinenden amerikanischen Grundprinzips) dafür mitverantwortlich machen, dass das Interesse am Gemeinwohl zusehends aus dem Blickfeld des Einzelnen verschwindet. Er selbst, der nach Erfolg lechzende, bestenfalls von Konsumgeilheit getriebene Mensch, steht im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Idealbildes - wobei sich "Erfolg" in dieser Diktion hauptsächlich materiell manifestiert.

Dabei war es gerade der amerikanische Präsident Kennedy, der zu seinem Amtsantritt 1961 mahnend forderte: "Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, sondern fragt, was ihr für euer Land tun könnt." Von dieser einfachsten Erklärung, warum es Steuern gibt ist in etwa so viel geblieben wie vom Musketier-Prinzip "Einer für alle, alle für einen." Sie kosten Otto Normalverbraucher ein "tss!"

Dem Eindruck nach rückt viel eher das Worst Case Szenario für jede Gesellschaft näher: Jeder denkt nur noch an sich und schaut wie weit er damit kommt. Die fehlende Implementierung des Themas "Gesellschaft und ihre gesamtheitliche Weiterentwicklung" in selbiger ist der vielleicht nachhaltigste Fehler, den die Regierenden allerorts in Zeiten einer zusammenwachsenden Welt begehen.

Gerade in den USA manifestiert sich die Entwicklung noch deutlicher auf politischer Ebene als hier. Die für Europäer geradezu groteske Diskussion um die Gesundheitsreform hat dies ebenso gezeigt wie die aktuelle Debatte, ob Bundesstaaten pleite gehen dürfen (während Europa zumindest scheinsolidarische Rettungsschirme bastelt). Das ganze passiert zudem noch vordergründig und offensichtlich aus politischem Kalkül, aus Machtgier. Lieber für die eigene Kaste, noch besser für den eigenen Säckel arbeiten, als an das Gemeinwohl denken. Ich zuerst!

Banken und Konzerne haben diese neuen Regeln in den letzten Jahren so sehr perfektioniert, dass sie die moralische Schieflage dazu genutzt haben, das Machtverhältnis zur Politik längst zu ihren Gunsten zu drehen. Der empörte Aufschrei des Volkes bei Bawag, Lehman oder Goldman Sachs, bei Managergehältern oder -boni kostet die Betroffenen längst nur mehr ein Lächeln aus der Portokasse. Die Politik hat sich ohnehin längst mit ihnen arrangiert.

Womit wir in Österreich wären. Was sich in den letzten Wochen und Monaten hierzulande an Eindrücken aus dieser verschworenen Gemeinschaft aus Gelderfindern gewinnen lässt, spottet so mancher Beschreibung. In der Justiz werden Fälle die politische Kaste betreffend so lange verschleppt, bis sie verjährt sind (Fall Strasser). In der Medizin ist längst bis ins letzte Alpental die Tatsache bekannt, dass "Freunde an der richigen Stelle" oder ein großer Zufall notwendig sind, um eine vernünftige Behandlung im Krankheitsfall zu erleichtern. Und der Gipfel aller "Unmutsverschuldungen": Der ehemalige Finanzminister schiebt obszöne Summen Geld, die er "sauer verdient" hat, per Stiftungs- und sonstigen Konstrukten nach Liechtenstein, vermietet über Umwege seiner Frau steuerschonend ein Seehaus und beteuert laufend und treuherzig dreinblickend, dass er nichts Unrechtes getan hat.

Selbst wenn er damit Recht (im Sinne geltender Gesetze) haben sollte, so zeigt dies doch das völlige Verschwinden etwaiger moralischer Grundsätze, von "Schamgrenzen" - just in der Politik und der umgebenden Kaste. Stichworte gefällig? Meinl, Hochegger, Plech, Porr, Buwog; Nennonkeln, Parteifreunde, Yachtbesitzer und 100-Millionen-Euro-im-Geldbörserl-Haber.

Die notgedrungen vorhandene Vorbildwirkung ist dementsprechend fatal - "na wenn DER das darf, darf ICH das auch": Korruption, Pfusch, Parteibuch- und Freunderlwirtschaft - wer kann es dem Normalbürger verdenken, wenn er leise, aber doch den Staat, also die Gesellschaft - und also dann doch wieder sich selbst betrügt? Das seufzend-entschuldigende "ICH kann das System sowieso nicht verändern, also muss ich mich damit arrangieren." ist eine verzweifelte Bankrotterklärung an die Gesellschaftspolitik an sich. Ein Trottel, wer sich an die Regeln hält!

Bei all diesen vorbildlichen Fällen wird von den Florian Klenks dieser Welt zwar intensiv versucht, "Schuld" (wiederum im rechtlich relevanten Bereich) zu beweisen, doch geht es letztlich tatsächlich um die dieser Frage übergeordneten ethischen Komponente (sorry fürs Keulenschwingen). Die Hoffnungslosigkeit dieses Unterfangens zementiert die aktionistische Falter-Lesung der Grasser´schen Telefon-Protokolle: Es bringt ein herzhaftes Lachen aus Verzweiflung. Nur sind wir selbst in diesem Stück die Narren. Und so traurig das alles ist: das zu erreichen, das ist sogar eine gewaltige Leistung, Herr Meischberger.

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