Montag, 14. Februar 2011

Rechte, Zukunft und die AKM.

Die Rolle der Verwertungsgesellschaften ist in der Theorie noch nie so wichtig gewesen wie heute - und genau das lässt sie schnell und intensiv wie nie zwischen Fluch und Segen für den Musiker hin- und herpendeln.

Diese Woche war ich als Gast zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Rights Management im Rahmen der departure-Serie "Neue Töne" geladen. In erster Linie wurde dem interessierten und durchaus kundigen Publikum ein Problem näher gebracht, dessen Charakteristik in etwa dem Klimawandel entspricht: Jeder weiß seit Langem darüber Bescheid, jeder findet es furchtbar, aber die Gesamtheit der Betroffenen ist nicht imstande, etwas Sinnvolles dagegen zu tun. Kurzfassung: Das gigantische Rechte- und Lizenzwirrwarr im Musikgeschäft droht einen Supergau der "Industrie" zu verursachen.

Worum geht es also? Seitdem der physische Tonträger sich zu einem Auslaufmodell entwickelt und das Konsumieren von Musik immer weiter weg vom Besitz in Richtung allgemeine Verfügbarkeit (Stichwort Streaming) geht, kommt einer klaren Rechts- und Datengrundlage entscheidende Bedeutung zu. Das "Geschäft" verlagert sich zunehmend ins Virtuelle, wo sich zunächst von Napster über Youtube bis Spotify viele in einer (meist bewusst gesuchten/gewählten) Grauzone bewegen konnten. Doch selbst Dienste, die heute bereit sind, grundsätzlich für das Abspielen und Verbreiten von Musik zu bezahlen, tun sich schwer, korrekt oder überhaupt zu zahlen und abzurechnen - wie bei besagter Diskussion Podiumskollege Steffen Wicker (simfy.de) ausführen durfte.


Hintergrund sind unvollständige, unstrukturierte oder schlichtweg falsche Daten. Oft weiß niemand, wem die Songs eigentlich gehören, wem eigentlich Geld zusteht. Und das liegt wiederum daran, dass es keinen nennenswerten Datenstandard gibt und sich jeder Abrechner allein im Dschungel wiederfindet - womit die Industrie der Realität um Jahrzehnte hinterherhinkt.

Die "Industrie" umfasst in diesem Zusammenhang nicht bloß die großen Labels und Verlage, sondern vor allem auch die Verwertungsgesellschaften. Sie alle haben sichtlich schwere Fehler in ihrer Datenverarbeitung und -aufzeichnung zu verantworten, vor allem aber die durch das Internetzeitalter losgetretene Entwicklung völlig verschlafen (was einem im Jahr 2011 etwas seltsam vorkommen muss). Die Leidtragenden sind in erster Linie die Urheber, also die Künstler.

So vielfältig das Problem mitsamt seinen Auswirkungen ist, so einfach wäre (theoretisch) eine Lösung: Alles was es braucht, ist eine globale Datenbank - oder zumindest einen einheitlichen Datenstandard. Seit Jahr und Tag werden auf den diversen Popkomms und Midems Ansätze und Lösungen durchdiskutiert, die jüngsten Versuche sind nicht die ersten und wohl auch nicht die letzten davon.

Ironischerweise wären es gerade die Verwertungsgesellschaften, die hier einen entscheidenen Vorteil in Händen hielten: Daten. Die AKM (als Beispiel) arbeitet seit Jahr und Tag einigermaßen gleichberechtigt mit allen Seiten der Industrie zusammen und fungiert quasi als Puffer für Datenpflege und -auswertung - und funktioniert dabei allen Unkenrufen zum Trotz gar nicht einmal sooo schlecht.

Ihr größter Nachteil ist jedoch, dass sie die Entwicklungen des Internet ebenso wie dazugehörige entscheidende Weichenstellungen verpasst hat (im Vergleichsfall Einführung des Radios spielten die Verwertungsgesellschaften eine maßgebliche Rolle zur Entschädigung der urheberrechtlich genutzten Werke). Die Rolle als wichtigster Partner aller Urheber und Nutzer wurde damit massiv und nachhaltig untergraben.

Das Traurige dabei ist, dass die Künstler nunmehr völlig in der Luft hängen, haben sie ihren einstigen "Anwalt" - um nicht zu sagen ihre Stimme (die AKM ist genossenschaftlich organisiert und gehört damit ihren Mitgliedern, also Autoren und Komponisten) verloren.

Traurige Faktenlage: Beim Eintritt in ein Vertragsverhältnis mit der AKM überträgt der Urheber der Genossenschaft wesentlich mehr Rechte zur Verwaltung, als diese imstande ist, tatsächlich zu verwalten. Eingehobene Gelder werden im Wesentlichen nur dann auch sinngemäß ("per play") verteilt, wenn die Beträge relevant und groß genug sind. Etwas, was die AKM beispielsweise sogar im Fall von gotv für unmöglich hält (für viele Bezugsberechtigte in unserem Umfeld ein beträchtlicher Betrag, der nicht zugeordnet wird).

Die Frage in diesem Zusammenhang freilich ist, ob sie jemals imstande sein wird, noch viel kleinere Beträge, die aus Internet-Plays in Zukunft generiert werden könnten, einzutreiben, geschweige denn abzurechnen. Das Problem gilt spiegelgleich für die anderen Verwertungsgesellschaften, so sie denn zuständig sind oder sein dürfen in Zukunft. Würden sie in diesem Falle ebenso an einem simplen Datenbankproblem scheitern, nämlich die "Datenflut" nicht verarbeiten zu können? Wie machen dann spotify, simfy und iTunes das? Scheitert all das "nur" an alten Köpfen und starren Strukturen?

 Und so wäre man verleitet zu sagen: Es wird Zeit, dass die Globalisierung auch im Bereich Verwertungsgesellschaften Einzug hält. Wäre da nicht die enorme kulturelle Bedeutung, die sie zu tragen haben. Der SKE-Fonds der Austro Mechana beispielsweise ist einer der bedeutendsten und wichtigsten Förderer der "Kleinen" hierzulande. Würde es diese Einrichtung genauso geben, wenn wir zB eine einzige, zentralisierte, europäische Verwertungsgesellschaft hätten?

Ich komme also noch einmal auf "Neue Töne" zurück, wo Mark Chung das einzig Richtige dazu gesagt hat: "Wir müssen die Verwertungsgesellschaften zurück erobern." Sie hätten ihre Berechtigung, sie hätten ihre Stärken, sie hätten Verantwortung - also ist es auch Wert, den Gang durch die Institutionen anzutreten und sie zu verändern. Kann allerdings gut sein, dass es bis dorthin schon zu spät ist.

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