Montag, 7. Februar 2011

Wie das so ist mit den Festivals.

Wie wird eigentlich ein großes Festival programmiert? Und warum? Es böte sich dazu eine ganze Serie an Beiträgen Marke "Aufklärungsunterricht" an. Beginnen wir mit einer zarten Annäherung an ein komplexes Thema.

Wie das Amen im Gebet kommt Jahr für Jahr das Hurra- und Herrje-Schreien angesichts der Programmierung der österreichischen Großfestivals. Es gibt deren nur eine Handvoll, und sie sind in der Hand eines kartellartigen Konglomerats, dass seine Macht in diesem Bereich längst einzementiert hat wie Google im Bereich Suchmaschinen im Internet. Warum? Weil es clever agiert und Festivals als hochkapitalistisch funktionierenden Markt verstanden hat.

Wäre man herzergreifend naiv, man müsste sich in der Tat darüber aufregen. Legen wir diese kindlich-kindische Eigenschaft zur Seite, so kann man den Machern ihren unbestreitbaren Erfolg weder absprechen noch ihn verdammen. Die Herrschaften führen immerhin ein Unternehmen und genauso wie den allermeisten anderen Betrieben ist es ihnen danach, das ökonomisch bestmöglich zu tun. So weit, so (wirtschaftlich) gut und logisch.

Als Konzertveranstalter oder Festivalbetreiber habe ich freilich zwei Möglichkeiten: Ich mache wonach mir ist oder ich mache wonach der Markt schreit. Wo die "Großen" stehen, wissen wir. Wer sich über diese "Seite" beschwert, kann gottseidank auf genügend Angebot auch auf der "anderen" zurück greifen und betet wohl darum, dass dereinst keine 40.000 Menschen etwa zum Seewiesenfest pilgern.

Wir betreten genau hier letzlich den ausgesprochen schmalen Grat zwischen "Kultur" und "Wirtschaft". Auch diese bewusst unter Anführungszeichen gesetzten Begriffe sind letztlich nur Synonyme für "Wie ich zu meinem Geld komme" einerseits und "Wie ich meine Zielgruppe definiere" andererseits. Und dabei merken wir, wie nahe sich diese beiden Bergseiten sind.

En detail.
Je mehr ein künstlerisch hochwertiges, meist schlüssiges Programm zusammen gestellt wird, desto eher finden wir entweder einen kleinen, autarken Verein dahinter - oder einen saftig geförderten Kulturapparat. Hochkultur ist ein Fördergeschäft - der Streit darum, was Hochkultur eigentlich ist, ist dementsprechend unendlich. Wo Geld ist, sind auch Neider. Entsprechend müssen sich hochsubventionierte, dafür aber ungemein spitz und mutig programmierte Festivals wie das Kremser donaufestival auch mit reichlich Kritik herumschlagen. Dem Wiener Popfest wurden gleich politische Absichten unterstellt, nur weil es auf Kulturgelder der Stadt zurückgreift. Beide Beispiele sind jedoch kulturell wertvolle und wichtige Interventionen in einen Markt, der ohne sie ausgesprochen trist ausschauen würde.

Das gegenüberliegende Modell richtet sich nach dem Wind, der der Masse entfläucht, und nennt es Markt (oder überhaupt gleich "Voting"). Einerseits wäre damit eine ähnlich spitze Programmierung obsolet bis schwachsinnig, andererseits ist man deshalb noch lange nicht so weit weg von den Pfründen des Steuerzahlers, wie man vielleicht auf den ersten Blick meinen möchte. Das Mascherl in diesem Fall nennt sich dann eben "Standortpolitik". Das Frequency findet dementsprechend nicht aufgrund landschaftlicher Schönheiten in St. Pölten statt, sondern weil die Stadt den Standort (finanziell) attraktiv gemacht hat: Mit regionalen Wirtschaftsförderungen, infrastrukturellen Unterstützungen und diversen Formen von Erleichterungen und Vergünstigungen (etwa mit Herabsetzen der Lustbarkeitsabgabe, die eine Gemeinde freihändig vergeben kann oder auch nicht). Die Nähe zum attraktiven Großmarkt Wien tut ihr Übriges.

Die Argumente zur Platzierung eines Festivals an einem bestimmten Ort sind also allesamt berechtigt und logisch - es handelt sich um pure Wirtschaftsförderung. Immerhin kommen zigtausende Menschen in die Stadt und geben Geld aus, das Festival bringt den Namen in die Medien und so weiter.

Mit Kultur im herkömmlichen Sinn hat das ganze herzlich wenig zu tun. Der Zweck und die Absicht hinter den Veranstaltungen findet also genau hier seine Trennlinie: Die großen Unternehmen, die solche Festivals betreiben, sind Wirtschaftsunternehmen und veranstalten ihre Massenaufläufe nicht für den Seelenfrieden der musikinteressierten Welt, sondern um Geld zu verdienen - frag nach bei Harry Jenner: Musik ist ein Geschäft - so einfach ist das. Zurück zum Anfang.

Ich habe bewusst radikale Beispiele genannt und könnte auch welche aufzählen, bei denen die beiden Begriffe ausgesprochen stark ineinander fließen. Soweit sind wir in unserer Diskussion aber noch lange nicht.


Zäumen wir das Pferd noch einmal von einer ganz anderen Seite auf. Ich habe in einer Gesprächsrunde über "Großfestivals" einmal zynisch angemerkt, dass ein hoher zweistelliger Prozentsatz der Besucher zwar wohl WEGEN der einen oder anderen Band zum Fest fährt, dann aber dank Saufgelage weder die eine noch eine der anderen 50 Bands mitbekommt. Das mag übertrieben sein, bringt mich aber zu meinem nächsten Punkt: Das Lineup dient lediglich der Definition einer "Kaste", der man anzugehören denkt. Man fährt aus sozialen Gründen zu einem solchen Festival, man fühlt sich unter Gleichgesinnten. Wie das genau ausschaut habe ich bereits vor Jahren (noch dazu im journalistischen Auftrag für ein Festivalmagazin) erläutert. Nur: Das Kastendenken gilt wohl genauso auch für weniger alkoholreiche Veranstaltungen mit gehobenem "kulturellen" Niveau.


Die Musik mag bei großen Veranstaltungen damit eigentlich schon wieder Nebensache sein - sie dient doch zumindest als soziales Erkennungsmerkmal. Die "Mega-Events" sind beileibe keine "Kulturveranstaltungen" wie sie in Förderpapieren oder der Vorstellung eines Kulturpolitikers entsprechen. Ironie der Geschichte: Sie definieren unsere Gesellschaft und ihre Kultur (Schlagwort Woodstock) entscheidend mit. Bleibt an uns, etwas an diesem Bild zu verbessern.

to be continued...

www.twitter.com/hannestschuertz

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