Donnerstag, 14. April 2011

Breaking The Wave.

Eine Lanze für das Popfest und wie sich eine Szene selbst überlebt.

Beginnen wir pathetisch: Wie die Erde mit ihren Jahreszeiten durchwandern auch musikalische Szenen ihre Phasen und Zyklen. Österreichs letzter großer Zyklus erreichte seinen Höhepunkt gegen Ende der 90er mit einer international anerkannten, respektvoll "Wiener Schule" benannten Elektronik-"Welle", die dann Anfang der 00er langsam abebbte.

Die sich aufbäumende, neue, hauptsächlich vom Indiepop getragene Wiener "Szene" der letzten Jahre steuerte im letzten Jahr mit der erstmaligen Durchführung des Popfest Wien auf ihren natürlichen Höhepunkt zu. Die in immer größerer Dichte vorliegende Qualität hatte viele in Erstaunen versetzt, ohne aber bis dahin ein ähnlich relevantes Ausrufezeichen setzen zu können wie die Kruders und Dorfmeisters der 90er-Jahre - nur ein Unterschied von vielen.

Nun droht eine jede "Welle" irgendwann zu brechen, das liegt in der Natur der Sache. Freilich ist es das Anliegen von Marktbeackerern wie mir, diesen Bruch zu verhindern oder möglichst weit hinauszuzögern. Böse Kassandra, die ich bin, habe ich vor etwa zwei Jahren zum ersten Mal vor einem solchen "Wellenbruch" gewarnt. Es ist Zeit zu erläutern, warum.

Wenn wir hinterfragen, wie besagte große Dichte an sehr guten hiesigen Pop-Acts entstanden ist, gibt es mehrere Gründe. Einen - das Biotop FM4 als Entwicklungszone - habe ich letztens mit der "Gläsernen Decke" ansatzweise beschrieben. Die erste Generation der durchgehend mit FM4 sozialisierten "Jugend" macht nunmehr selbst Musik und ist mit einem Selstvertrauen ausgestattet, dass für einen musikschaffenden Österreicher mit Gitarre in den 90er-Jahren so nicht oft vorhanden war.

Ein zweiter Grund ist das damit verbundene "Ausschalten" von Austriazismen. Weil wirklich gar nichts existierte, haben sich die wenigen vorhandenen Kräfte gebündelt. Eine Neiddebatte gab es mangels Geld nicht. Und ohne Geld keine Angst, wie Ja, Panik so trefflich zusammenfassen. Innert weniger Jahre entstanden alle heute so hoch aktiven Labels wie Wohnzimmer (2002), schoenwetter (2004), Siluh, Seayou (2005) oder Asinella (2006) und haben einander hochgeschaukelt und zwischendurch immer wieder in Form von Selbsthilfe deluxe an verschiedenen Ecken und in unterschiedlichen Konstellationen zusammen gewerkt.

Daneben spielten Tatsachen wie die sich immer weiter diversifizierende und neue Stadtteile erobernde Clublandschaft und viele kleine Nebenschauplätze eine Rolle. Anhand des Popfest Wien, dass dieser Tage sein Progrmam präsentiert hat, lassen sich nun zusammenfassend und stellvertretend für die letzten zehn Jahre viele dieser Entwicklungen ablesen.

Robert Rotifer hatte als Kurator die ehrenvolle wie schwierige Aufgabe, vielen passenden und verdienten Acts und Labels abzusagen, weil die Präsentationsfläche zwar groß, aber nicht unendlich ist. Rund 40 Acts bringt er unter, Wiederholungen zum letzten Jahr halten sich in engen (und gut begründbaren) Grenzen - die Dichte ist also sichtlich enorm. Vor fünf, zehn Jahren: Undenkbar. Heute: Nicht ausreichend. Wenn man so will: Ein Luxusproblem.

Gleichzeitig ist er scharfer Kritik ausgesetzt, weil das auserwählte Feld (natürlich!) keinen allumfassenden Gültigkeits- und Komplettheitsanspruch stellen kann. Der auch für die Veranstalter in seiner Dimension überraschende Erfolg von 2010 hat aber natürlich auch Geister  hervorbeschworen, die letztes Jahr noch nicht an die Veranstaltung glauben wollten.

Das führt zurück zur Futtertrogregel Nummer eins: Wo Geld verteilt wird, sind Neider zu finden. Mit dem Popfest ist ein Ereignis etabliert worden, dass plötzlich (noch dazu öffentlich und transparent) Gelder verteilt - und damit genau dieses Problem magnetisch anzieht und eines schafft, wo vorher (mangels Geld) keines war.

Es ist reichlich absurd, also möchte ich hier nicht heraufbeschwören, dass dadurch die "Szene" zu streiten begänne - denn das wahre Problem wird durch das Popfest lediglich beiläufig illustriert: Der Markt droht sich zu sättigen. Im letzten Jahrzehnt konnten sich heute in der "Alternativ"-Ecke große Namen sonder Zahl etablieren: Garish, Naked Lunch, Clara Luzia - et cetera. Durch den gefühlten Erfolg angestachelt, machen sie weiter: Aktuell veröffentlichen im Monat April Attwenger, Texta, Clara Luzia, Kreisky und Ja, Panik ihre neuen (und allesamt großartigen) Platten. FM4 nahm dies zum Anlass um vier Wochen durchgehend österreichische Alben der Woche zu präsentieren - ein absolutes Novum.

Wir sind wieder bei der gläsernen Decke angekommen: Die Plattformen für diese Bands sind im Wesentlichen die gleichen geblieben. Die Entwicklungsmöglichkeiten sind damit an einem natürlichen Ende angekommen. Es gilt sie "nur" immer und immer wieder auszuschöpfen, möchte man sein Niveau zumindest halten - und zwar immer noch dort, wo "Erfolg" sich nach wie vor nicht ausreichend kapitalisieren lässt.

Auf der anderen Seite ist es nicht von der Hand zu weisen, dass bei diesem Gedränge junge, frische Talente umso schwerer an den "Futtertrog" (in diesem Fall den medialen) herankommen. Auch dieses "Generationenproblem" mag ein Luxusproblem sein, kann aber dazu führen, dass die "Szene" überaltert und den Nachwuchs blockiert, die Welle also irgendwann bricht und abebbt. Ein Beispiel: Mit neuen Acts (seien sie auch gut medial wahr genommen) eine Tournee zu buchen, ist schwieriger denn je, weil die "alten" gut funktionieren. Was ja um Himmels Willen nicht schlecht ist - aber die Möglichkeiten, live aufzutreten, werden nicht viel mehr.

Und so ist die Szene zuletzt bereits der eigenen Realität davon gelaufen: Sie hat viel mehr zu bieten, als die (zu wenigen) Medien, die (zu wenigen) Clubs und das (durch zu wenige Medien und zu wenige Club zu wenig "gezüchtete") Publikum aufnehmen könnte. Es gibt also nur zwei Wege: Internationalisierung oder Marktverbreiterung im eigenen Umfeld - also das Überschwappen der Welle auf den sogenannten "Mainstream".

Genau deshalb ist eine Veranstaltung wie das Popfest so ungemein wichtig: Weil es eine der ganz wenigen Gelegenheiten ist, die tiefen (und oftmals beschriebenen) Gräben wenigstens in Ansätzen zu überwinden, ein neues, erweitertes Publikum zu erreichen und zu erstaunen und von der Vielfalt dieser Szene zu überzeugen. Das Popfest ist ein Wellenbrecher, aber im besten Sinn. Es hilft vielleicht ein Stück weit mit, die Ausläufer in Gegenden zu tragen, die bislang gar nicht von der Existenz von Wasser wussten. Möge es das Land fruchtbarer machen.

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