Dienstag, 5. April 2011

Die gläserne Decke.

Ist man in Österreichs kleinem Musikuniversum „erfolgreich“ tätig, heißt das wirtschaftlich gesehen eigentlich genau gar nichts: Die allermeisten Künstler benötigen einen „Brotjob“, um sich ihr künstlerisches Schaffen überhaupt leisten zu können. 

Was haben wir schon gelacht und Köpfe geschüttelt über „Austria“, das ein „too small country“ für alles Mögliche von Doping bis Lobbying sei. Im Musikbereich könnten wir in diese ewig gleiche Leier vom leider-nicht-mehr-Imperium problemlos einstimmen. Sowohl die Chance als auch das Problem daran ist aber nicht (nur) die Größe von Tu Felix Austria.

Selbst die Medienlandschaft ist in Österreich (verglichen zu ähnlich großen Ländern) wenig ausgeprägt - teils geschuldet der ausgesprochen späten Privatisierung der Radiolandschaft, teils der sprachlichen Leitmedienkonkurrenz aus Deutschland. Die Stellung einzelner Medien ist dementsprechend bedeutend, und gerade die Gatekeeper-Funktion von FM4 ist ein Musterbeispiel dafür.

Aus dem Ausland wird man für den landesweit ausstrahlenden öffentlich-rechtlichen Sender beneidet, denn verglichen mit umkämpften und weitaus diversifizierteren Märkten wie Deutschland oder Frankreich ist es relativ „einfach“, flächendeckend und mit nicht-mainstreamkompatibler Musik im gesamten Land im Radio zu laufen. 

Das mag stimmen und eröffnet viele Chancen. Wie wertvoll der Sender (Stichwort: Kulturauftrag) ist, hat sich dabei erst in den letzten Jahren so richtig herausgestellt, die eine qualitativ wie quantitativ ungeheure Menge an österreichischen Künstlern an die Öffentlichkeit gespült haben. Die allermeisten davon wurden durch FM4 musikalisch „sozialisiert“ und später gesendet. Rollen, die davor kein Medium so deutlich zu spielen vermochte – noch nicht einmal und schon gar nicht das frühe MTV. 

Die Häufigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der österreichische Musik neben internationalen Superstars gespielt wurde und wird, hat nachdrücklich das Bewusstsein einer Generation zum Besseren verändert. Österreichische Musik ist längst nicht mehr per se „schlecht“ oder "eh ganz ok für Österreicher", nein: sie kann mithalten, taugt sogar längst selbst zum Vorbild für die Nächsten. Ohne dieses neu erlangte Selbstbewusstsein hätten junge Wiener Labels nicht den Mut gefasst, auch ins Ausland zu gehen, wo das Wiener Popwunder mittlerweile ebenso freudig rezipiert wird. 

Diese ungemeine Möglichkeit bringt aber auch eine gewisse Abhängigkeit mit sich – und zwar in mehrfacher Hinsicht. Sie äußert sich im Falle von FM4 mit einer radikalen ORF-internen Abgrenzung zu Ö3. Die macht vertriebspolitisch und wenn man so will auch „ideologisch“ natürlich Sinn (an dieser Stelle reichlich behandelt), baut aber auch eine gläserne Decke. Mit seiner künstlerischen Ausrichtung entscheidet man sich zumeist auch für eine "Seite".

Unter besagter Decke lebt es sich gefühlt prächtig wie in einer Oase, deren Welt jedoch (wirtschaftlich betrachtet) eine trügerische Fata Morgana ist. Die Decke zu durchbrechen gelingt selten bis nie – und das liegt an den Pförtnern in die große weite Mainstream-Welt. Bei Ö3 doppelt sich die Funktion des landesweit sendenden öffentlichen Rundfunks mit ungleich größerem Gewicht. Der Marktanteil von gut 40% (FM4: 5-7%) ist überwältigend - was der Sender spielt, funkioniert, möchte man glauben, schon allein aufgrund seiner schieren Allmacht (allerdings auch das ein tonnenweise belegbarer, trauriger Irrtum)

Es lassen sich durch die klare Trennung so manch plakative, fast polemisch wirkende Grundregeln für die hiesige Radiolandschaft aufstellen: Kritikerlieblinge wird man auf Ö3 nicht oft finden, die Musikpresse verschmäht die allermeisten von Ö3 für spielenswert befundenen Musiker dafür; Konzerte von „FM4-Bands“ sind in der Regel deutlich besser besucht, die Ö3ler verkaufen dafür – wenn es erstmal läuft  – mehr Platten.

Bloß: Zum nationalen "Star" hin, der wirtschaftlich relevant funktioniert, braucht ein Künstler eine Kombination aus diesen Faktoren - und das scheint hierzulande schier unmöglich. Anna F. hat für ihr erstes Album mit Unterstützung von Giebelkreuz, Flügel, Turnschuhen und Ö3 sowie aggressivem Vertriebsmarketing „Gold“ erhalten – das entspricht 10.000 verkauften Einheiten. Die erfolgreiche „Indie“-Elite aus der FM4-Nische kommt auf gerade mal vierstellige Zahlen, die allermeisten schaffen noch nicht einmal das. Abhängig vom betriebenen Aufwand (Aufnahmen, Marketing) schafft eine solche Platte mit Müh und Not eine schwarze Null im Budget - und gülte bereits als grandioses Erfolgsbeispiel.

Besagte Anna F. durfte zum Höhepunkt ihrer Tour im letzten Jahr neben der goldenen Schallplatte auch ein etwas mehr als halb volles WUK zur Kenntnis nehmen. Vergleichsweise Winzlinge in der öffentlichen Wahrnehmung wie Bilderbuch toppen die Besucherzahlen schon jetzt, Acts wie Naked Lunch oder Clara Luzia bringen eine derartige Location zum Bersten.

Die absurde Divergenz im Funktionieren von Acts hat viele Hintergründe, zuallererst das Konsumverhalten im Bezug auf Musik generell - das mit der Wahl des Radiosenders eine große Schnittmenge aufweist. Dennoch wäre es bösartig, einem Ö3-Hörer zu unterstellen, er würde sich für die prächtig auf FM4 funktionierende Musik gleich gar nicht interessieren, weil er "solche" Musik ohnehin nicht mag. Diese Antwort freilich ist eine sehr beliebte an der Heiligenstädter Lände.

Entweder oder - man könnte sagen: Immerhin, man hat in Österreich die Wahl, wenn man "Pop" im weitesten Sinne macht. Muss man sich also ärgern oder müsste man sogar froh sein, wenn einem der große Sender eine freundliche Absage schickt? Erleichtert es einem die "Wegentscheidung"?

Gewiefte Journalisten haben dieses seltsame Faktum bereits zu einem Vorteil uminterpretiert: Der wirtschaftliche Druck spielt sich eine Liga drüber ab, die von ihnen für gut befundenen (und also für Ö3 so gut wie disqualifzierten) Künstler können also „befreit“ davon ihrem Schaffen nachgehen - weswegen die Qualität so gut sei. Mangels Gegenbeweis hält die These noch, trotzdem ist ihre Richtigkeit genauso umstritten wie die Sinnhaftigkeit.

Die Vorteile der "Decke" in Ehren verhindert sie auch ein natürliches Wachstum auf ein Maß, in der ein sinnvolles Wirtschaften mit der Musik überhaupt ermöglicht wird. Freilich: Wirklich Schuld an der "Decke" ist kaum jemand; aufgelegte Lösungen gibt es keine. Zu definiert, zu fest gefahren sind die Strukturen. Aber justament diese tiefen Gräben zwischen den Welten verunmöglichen breit akzeptierte Künstler, die kulturelle Leitfiguren sein könnten und - eventuell - sogar ihren Lebensunterhalt von ihrer Musik bestreiten könnten. Und so leben wir in einem Land, in dem etwa das "Popfest" eine astreine Protestveranstaltung gegen den führenden "Popsender" ist. Nicht die erste Gelegenheit, den Kopf über dieses Land zu schütteln.

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