Montag, 9. Mai 2011

Das Volksfest und sein Schatten.

Das Popfest Wien ist zu Ende und hat in seiner zweiten Auflage vieles gezeigt und so manches - auch Vorurteile - bestätigt. Ein versuchtes erstes Resümee.

Wien wie es singt und lacht, wie es leibt und lebt: Das Popfest lässt einen eigentlich mit einem glücklichen Gesamteindruck nachhause gehen. Die Stadt hat eine (nun auch endlich deutlich sichtbar gemachte) Musikszene zu bieten, kann in großem, würdigen Rahmen äußerst beschwingt und friedlich miteinander feiern und bietet dafür sogar gutes Wetter. Nach zwei höchst erfolgreichen Ausgaben kann man das Fest als grundsätzlich gut angenommen einordnen. Der riesige Karlsplatz mitten in der Stadt ist ein würdiger, toller Rahmen. Soviel zur Oberfläche.

In meiner selbstgewählten Rolle als personifizierter Jammerlappen und Beschwerdeführer kann ich aber nicht daran vorbei, den Chor der Begeisterten ein wenig mit Kritik zu versetzen - trotzdem und vor allem weil ich das Popfest schon im Vorfeld als so wichtig und wertvoll beschrieben habe.

Zuallererst hat sich das Fest zu einem Volksfest ausgewachsen - mit all seinen Vor- und Nachteilen. Die schiere Menge an Besuchern verleitet zu Superlativen. Viele sind aber schon heuer wegen des "Happenings" da gewesen, weniger wegen der Musik oder einer konkreten Band - maximal ein Kollateralschaden. Das hat alles seinen Sinn, tut der Relevanz kaum einen Abbruch, zumal hauptsächlich in der klugen Kommunikationspolitik im Vorfeld des Festes die eigentlich (für die "Szene") wichtige Arbeit, die Bewusstseinsbildung in Sachen österreichischem Pop, passiert ist.

Die Besucherzahlen sind heuer noch einmal deutlich nach oben geschnellt, der Platz stößt so schon im zweiten Jahr der Veranstaltung an seine Kapazitätsgrenzen (das ist aber - noch - kein Problem). Die Gastronomie-Situation wurde deutlich verbessert, das Versprechen trotzdem keine Sauf- und Fressmeile einzurichten wurde dankbarerweise eingehalten, die Waage scheinbar gefunden.

Vom überwältigenden und überraschenden Erfolg des ersten Jahres beflügelt, hat man dabei wie in anderen Punkten auf Kritik aus dem Vorjahr reagiert - soweit man dazu imstande war. Denn Platz, Budget und Lage sind recht unumstössliche Faktoren in diesem Spiel - womit die Einleitung zur größten Posse des Festes geschrieben ist.

Samstagnachmittag wird bekannt, dass die Wiener Philharmoniker ein Konzert im gegenüberliegenden Musikverein spielen und auf DVD aufzeichnen. Die für ein Open Air-Konzert ohnehin schon recht leise dB-Grenze wurde daher per Bescheid noch einmal um 10db nach unten korrigiert (10dB-Schritte bedeuten eine gefühlte Verdopplung bzw Halbierung der Lautstärke, den Grenzwert am Messpunkt, 75, erreicht ein Gespräch unter Freunden in einem Park). Als Garnitur gab es offenbar gar eine Klagsdrohung gegen die veranstaltende Organisation karlsplatz.org - die sich eigentlich mit massiver Rückendeckung der Stadt um die Belebung des Karlsplatzes bemühen soll.

Passiert ist letztlich nichts, außer dass die Konzerte von Black Shampoo und Francis International Airport etwas gar leise für ein "Rockkonzert" gewesen sein mögen - die Auflage wurden bravestens eingehalten. Ein schaler Nachgeschmack bleibt jedoch, weil kaum ein Beispiel Österreich und Wien besser beschreibt als diese Geschichte. Man hatte sich veranstalterseitig redlich bemüht: Die Seebühne war deutlich höher als im letzten Jahr, man konnte die Acts nun wesentlich besser sehen - ein guter Zug. Die Tonsituation war durch die erhöhte Bühne einen Deut besser als im letzten Jahr, wenngleich alles andere als großartig. Eine Vollbeschallung des Platzes mitten in der Stadt zu verlangen, erschiene auch mir ein wenig zu dreist, andererseits möchte ich nicht unbedingt Original-Zitate von erfahrenen Ton- und Lichttechnikern der "großen" Bands wiedergeben, die hier involviert waren. Fassen wir sie einmal als "nicht besonders festivaltauglich" und "der Größe der Veranstaltung unwürdig" zusammen.

Die Aufregung der involvierten Bands rund um die Philharmoniker-Posse war vor allem durch eine Sorge begründet: Dass nämlich bei aller Bewusstseinsbildung und der damit geschaffenen Aufmerksamkeit und Erwartung darauf vergessen wird, diese auch zu nutzen bzw zu erfüllen. Und so Unrecht hatten sie damit nicht - wie sich schon bei Skeros Backingband am Eröffnungsabend, SK Invitational, zeigte: An sich ist das eine großartige Band, die zu erleben es sich lohnt. Am Donnerstag von mittendrin gesehen, war ich versucht sie für belanglos und fad zu halten (ich weiß es glücklicherweise besser). Gustav? Verehre ich heiß, klang aber abseits eines kleinen, elitären Kegels direkt vor der Bühne eher furchtbar.

Nun kenne ich die meisten dieser Acts ja schon, was aber ist mit jenen tausenden neugierig gewordenen, die das nicht tun und zum Entdecken herkamen? Das berühmt-berüchtigte Tratschen im Publikum ab Reihe 7: Eine Folge des matten Sounds oder eigentlich eh Desinteresse? Was tun die dann dort? Vielleicht waren sie ja die Käufer der schokoüberzogenen Früchte, die der geübte Karlsplatz-Homie-Verkäufer während der Konzerte durch die ersten Reihen (!) zu schieben versuchte.

Dass kleine Kinderkrankheiten im Veranstalten eines Musikgroßevents noch nicht vollständig auskuriert waren, nehme ich gerne zur Kenntnis, weil eine Lernkurve sichtbar und die Gesamtwirkung des Festivals auch heuer wieder so ungemein positiv war. Beim großen Punkt Sound, Bühne und der damit einhergehenden Relevanz des Popfests für die Künstler selbst aber muss sich nicht der Veranstalter, sondern vor allem die Stadt Wien fragen lassen, ob sie das mit 180.000 Euro geförderte Unterfangen Ernst meint.

Das Einladen internationaler Gäste, wie es Musikorganisationen (mica, AMAN) nicht zuletzt auch durch mein Zutun betreiben, karikieren das Bild vom großartigen Festival nämlich. Bei aller Begeisterung für Wien, die vitale Szene, das zahlreiche Publikum und die tollen Bands mischt sich da bei den Gästen zwischen den Zeilen durchaus auch lächelndes Bemitleiden und dezentes Kopfschütteln angesichts solcher "Problemchen" wie jenem mit den Philharmonikern ein. "That´s Vienna", wie ein Zuhörer die Geschichte einem solchen Gast gegenüber zusammenfasst.

Sollte der Stadt, die sich gerne mit dem Fest schmückt, das nicht zu denken geben? Wo sie doch fast zufällig und eigentlich trotz der scheinbar großen Summe recht billig zu einem Image-Volltreffer kommt und sich endlich originär gewachsener Stärken brüsten könnte? Und: Sollten nicht auch Häuser wie der Musikverein mit Freude am Popfest partizipieren? Oder müssen wir ewig das Wiener Derby "Hochkultur" gegen "Popkultur" austragen, um letztlich beidseitig zu verlieren?

Ich trage die Hoffnung in mir, dass man diese Kritik nicht in die falschen Kehlen bekommt. Ich werde nicht so schnell müde werden, diese Veranstaltung gut zu finden und ihre Absichten zu verteidigen. Das muss es mir auch erlauben, anzumerken, dass hier noch weitaus mehr drinnen steckt, als den allermeisten Menschen auf dem Platz in diesen vier Tagen bewusst geworden ist. Lang lebe das Popfest.

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