Sonntag, 1. Mai 2011

Warum Kultur fördern?

Zur Abwechslung mal wieder im heimatlichen Burgenland zugegen, vergönnte ich mir gestern einen Ausflug in die vertraute Cselley Mühle in Oslip. Sie ist in den vergangenen zwanzig Jahren sowas wie die Quelle für den musikalischen Nährboden im Burgenland gewesen und auch für mich ein nicht unwesentlicher Teil der kulturellen Sozialisierung. Ende Mai feiert das Kulturhaus seinen 35. Geburtstag mit einigen der dort gediehenen Gewächse: Garish, Hörspielcrew, Tanz Baby (die Reihe wäre mit Ja, Panik; Charmant Rouge, Bo Candy und vielen weiteren Projekten aus den Häusern Pinzolits und Pronai ellenlang fortzusetzen) - und es ist angesichts zahlreicher Umstände ein kleines Wunder, dass es dieses Jubiläum zu feiern gibt.

Zur Eröffnung sprach der damalige Unterrichts- und Kulturminister Fred Sinowatz den legendären Satz: "Ich weiß nicht, was ich hier eröffne, aber ich eröffne es." Wie so oft wurde er unterschätzt und missverstanden - denn es war klar, dass die in diesem Satz innewohnende Frage erst langsam beantwortet werden konnte: Niemand konnte erahnen, was und wohin sich die von einem Kunstkeramiker und einem Maler übernommene Mühle tatsächlich entwickeln würde, Mühlen mahlen bekanntlich langsam. Geworden ist es jedenfalls ein legendärer Szenehort, eine vielseitig bespielte Bühne, ein idyllischer Schauplatz für Landhochzeiten, ein Platz für Traditionspflege mit Tamburizzen und ein Platz an dem manche der wichtigsten Platten der österreichischen Pop-Gegenwart entstanden sind.

Nun standen und stehen viele große und kleine Hindernisse im Weg einer durchgehend erfolgreichen Geschichte des Hauses, eng verbunden ist sie aber auf jeden Fall mit dem Thema Kulturförderung. Denn wie die meisten Kulturhäuser ist ein Überleben ohne Fördergelder fast nicht denkbar. Gleichzeitig ist das beständige Kürzen von Fördergeldern ein politisches Gängelspiel, dass Häuser wie diese in eine Qualitätsfalle lockt, die Marktwirtschaft heißt.

Es ist ein schmaler Grat, den andernorts stehende, üppig geförderte Betriebe entlang gehen müssen - und aber auch können: Sie können mit ihrer Programm- und Kommunikationspolitik die Entscheidung treffen, ob sie nach viel Publikum heischen oder sich mit herausforderndem, spannendem, qualitativ hochwertigen Programm langsam und langfristig eines erarbeiten - also kurz gefasst "Musikantenstadl oder Moderne Kunst" spielen. Viele gut und trotzdem bunt kuratierte Häuser (mir fallen die ARGE Kultur in Salzburg oder der Spielboden in Dornbirn ein) schaffen einen angenehmen Spagat mit ihren Fördermittel. Das donaufestival in Krems ist ein bewusst in den Boden gerammter Eckpfeiler mit ultraspitzem Programm, der ebenso wichtig ist.

Diese Wahl haben kleine, selbständige, nicht im Landeseigentum stehende und kaum geförderte Häuser oft nicht. Sie müssen sich der Marktwirtschaft zuwenden - und scheitern dabei oftmals grandios. Entweder das Programm verludert und versumpert in Richtung 1-Euro-Party und Großraumdisko, oder das Publikum bleibt aus - eine Wahl wie zwischen Pest und Cholera.

Was die grundsätzliche Frage der staatlichen Intervention stellt - was ist und was darf Kulturförderung? Warum maßt sich der Staat an, mit öffentlichen Geldern künstlich (sic!) etwas am Leben zu erhalten, das eh keinen interessiert?

Abgesehen davon, dass die Frage semesterweise Stoff hergeben würde, steht im Zentrum der Beantwortung: Es ist eine Frage der gesellschaftlichen Entwicklung. Weil die aktuelle Politik keinerlei Gestaltungswille und -fähigkeit zeigt, drückt sie sich auch geschickt davor, diese Frage überhaupt zu beantworten - und richtet damit nachhaltigen Schaden an.

Wohin sich die Jugend nämlich entwickelt, ist eine durchaus (in Maßen) steuerbare Sache. Und im Jahr 2011 bedeutet "Steuern" vornehmlich Gegensteuern. In der marktwirtschaftlich bestimmten Welt von heute schreit der gelernte Jugendliche gruppendynamisch nach Party, Unterhaltung und günstigen Getränken. Was die tatsächliche "Kultur" darstellt, wird im Jetzt vor allem von kollektiven Matura-Saufgelage-Reisen und Großraumdiskotheken bestimmt. Mit allen Begleiterscheinungen von Fernsehsendungen wie "Saturday Night Fever" bis Komasaufen - will man das wirklich? Das Volk dumm und besoffen halten? Damit es nicht merkt, welche Problemfelder (Integration, Arbeitslosigkeit...) rundum nicht gelöst werden können?

Eine Alternative dazu anzubieten; Möglichkeiten zu zeigen, aus dieser elenden Gruppendynamik auszubrechen; Anreize für kritische Auseinandersetzung zu bieten; gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritt zu erarbeiten - all das kann Kulturförderung befeuern. Findet sie deshalb und bewusst nicht wirklich statt? Und sägt die Gesellschaft damit nicht an ihrem eigenen Ast?

Fest steht, dass wir uns längst in einem Teufelskreis befinden: Je länger die Biotope, an denen noch etwas "passiert", ausgetrocknet werden, desto schneller wird das Interesse daran abnehmen (müssen) - welches dann wieder zum Anlass genommen wird, um noch geringere Förderungen zu rechtfertigen. In der Kulturpolitik zu sparen, mag der politischen Kaste kurzfristig leicht und clever erscheinen. Der langfristige und tiefgreifende Schaden, der damit angerichtet wird, ist umso schlimmer.

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