Sonntag, 12. Juni 2011

Angekommen.

Diese Woche sah im Schnelldurchlauf rekapituliert so aus: Die Wiener Kreativwirtschaftsagentur departure hat ihr White Paper für den Focus : Musik - Call "Neue Töne der Musikwirtschaft" präsentiert. Der als Selbsthilfeorganisation für hiesige Labels gegründete Verein AMAN hat sich aufgelöst. Die Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung geben einen Blick auf den Status Quo. Die Erkenntnis der Woche lautet: Wien ist angekommen - denn die Quersumme dieser Ereignisse lautet: Musik ist endgültig ein Fördergeschäft geworden.

1 departure
Die Stadt Wien vergibt bis 3. Oktober an innovative und kreative Zugänge zur Musik(wirtschaft) insgesamt 800.000 Euro über ihre Kreativwirtschaftsagentur departure. Keiner der bisherigen Schwerpunktcalls sei so akribisch vorbereitet worden, heißt es dort. Notwendigerweise, denn es scheint bei allen Lockmitteln kaum in einem Segment schwieriger, die Leute zur Suche nach dem heiligen Gral zu motivieren. Und die Frage ist, ob es ihn überhaupt gibt.

Das White Paper von Peter Tschmuck und einer Reihe von Gastautoren aus Szenen und Wissenschaft ist ein interessantes Zeitdokument geworden. Für ständige Branchenbeobachter mag es wenig wirklich Neues oder gar Bahnbrechendes mit sich bringen, aber es ist eine Bestandsaufnahme als wichtiger Ausgangspunkt für potentielle Zukunftsprojekte.

Die Jury ist hochkarätig mit Branchenkalibern wie Mark Chung und Dieter Gorny besetzt. Es wird interessant zu sehen sein, welche Projekte eingereicht und gefördert werden.

Dennoch wurde nur Stunden nach der Präsentation ein erstes Rumoren durch die Granden der angesprochnen Musikwirtschaft laut. Denn der Innovations- und Technologieschwerpunkt, den departure auf seinen Fahnen heften hat, ist natürlich auch noch in diesem Konzept tief und fest verankert. Und diese Grundregeln widersprechen der insgeheimen Hoffnung, der Musikproduktionsstandort Wien könnte eine direkte Aufwertung erfahren. Viel eher würden naiv Hoffnungen auf einen neuen iPod oder ein neues Spotify genährt. Aber: Die Musikwirtschaft ist vielfältig und die Sonys und Universals von gestern sind nunmal die Apples und Googles von heute.

Das Label, der Künstler, der Verlag als "Content Provider" passt nur sehr schwer direkt in dieses Fördermuster, dazu bedarf es cleverer Konzepte und mutiger Ideen. Nachdenken ist angesagt.


2.1. AMAN
Mit AMAN gab es in den letzten fünf Jahren eine Initiative, die dem eher hinterwäldlerisch strukturierten Markt hierzulande wenigstens sowas wie ein Exportgesicht gegeben hat. Jedes westeuropäische Land von Rang leistet sich ein eigenes, gut dotiertes Büro für solche Zwecke - nicht Österreich, hier schritt man 2006 daher zur Selbsthilfe.

Nach einem kapitalen Horrorcrash in jungen Jahren ist das "Austrian Music Ambassador Network" in den letzten zwei, drei Jahren zu einer effizienten, unkomplizierten und gescheiten Hilfsorganisation für Labels geworden - aber chronisch unterdotiert, um tatsächlich Berge zu versetzen. Trotz des Booms großartiger Indie-Produktionen aus Österreich ist daher nicht ganz so viel nach außen gedrungen, wie vielleicht möglich gewesen wäre. Der Fortschritt war dennoch enorm (und würde den Rahmen hier sprengen).

Denn die etablierten Förderstrukturen in anderen Ländern verschaffen den Musikschaffenden und ihren Verwertungsarmen (Verlage, Labels, Managements, Agenturen) Trittbretter für einen verstärkten Austausch, enger verzweigte Netzwerke, bessere Präsentationsmöglichkeiten - kurzum einen Wettbewerbsvorsprung. AMAN hat Österreich hier zumindest mit auf die Landkarte gesetzt.

2.2 Der Österreichische Musikfonds
Diese Woche wurde AMAN bei der Generalversammlung aufgelöst. Hintergrund ist eine de-facto-Eingliederung in den Österreichischen Musikfonds (OMF). Der ist binnen kürzester Zeit zu einer etablierten Fördereinrichtung geworden, dabei ist er ebenso eine Hilfskonstruktion, die aber irgendwie eh auch funktioniert - willkommen in Österreich.

Man hat mit (eigentlich verhältnismäßig geringen) Geldern des Kulturministeriums, der Verwertungsgesellschaften und diverser Verbände vor sechs Jahren ein durchaus wegweisendes Projekt gestartet und dabei in Kauf genommen, einen heikeln Slalom durch gesetzliche Rahmenbedingungen, lobbyistische Interessen und "Marktnotwendigkeiten" zu fahren.

Der Erfolg gibt dem OMF Recht, doch wissen die Macher selbst, dass das Projekt weder perfekt noch abgeschlossen ist. Im Grunde ist er bis dato nichts anderes als eine Tonstudioförderung. Theoretisch hätten U2 in einem steirischen Tonstudio Alben produzieren und fördern lassen können, sich die Studios und Techniker darauf aufbauend einen Namen machen können - aber das weder Absicht hinter dem Projekt noch ist es passiert.

Das kann man als Fehlgriff der Konstruktion bezeichnen - oder als bewussten Kollateralschaden zugunsten des eigentlichen Zweckes, hiesigen Kreativen den ersten Schritt (professionelle Produktionsbedingungen) zu erleichtern. Und was hat das gebracht? Zunächst hat es das dringend notwendig gewesene Bewusstsein für Kosten bzw Wert der eigenen Leistung etabliert - ein Schritt in der Bedeutungsstufe "Lesen lernen".

Da der (gesetzliche) Rahmen keine Verwertungsförderung (Promotionmaßnahmen, Export) zugelassen hat, setzte man damit aber (bewusst/erst einmal) einen Anfang. Mit der Eingliederung von AMAN geht man nun einen durchaus offensiven Schritt in Richtung Volldienstleistungsstelle, die Projekte nicht nur im Produktionsprozess fördert und begleitet, sondern weit darüber hinaus etwas zu bewegen imstande sein sollte. Der Weg ist noch weit, die Schritte aber werden langsam größer.

3 Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung
Zurück zu Peter Tschmuck, dem die Stadt die Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung zu verdanken hat. Er lud zum wiederholten Male internationale Gäste aus dem forschenden und praktischen Umfeld ein, um über Entwicklungen in der Musikwirtschaft zu diskutieren. Tschmuck ist der einzige, der sich auf universitärer/wissenschaftlicher Ebene ernsthaft und unnachgiebig mit der Thematik auseinandersetzt, sein sehr ausführlicher Blog ist regelmäßige Pflichtlektüre.

Und wiewohl manche der gelieferten Vorträge und Erkenntnisse bei der Konferenz aus der Branchenperspektive heraus etwas gar steif und banal wirken: Manchmal ist es gerade diese Quasi-Außensicht, die zum Nachdenken anregt. Reflexion ist auch und gerade in einer seit Jahren im Umbruch steckenden Industrie eine Grundzutat für Fortschritt und Innovation. Wo wir wieder beim Anfang wären.

In diesem Sinne: Faites vos jeux, mesdames et messieurs.

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