Montag, 6. Juni 2011

Das bessere Popfest.

Das letzte Wochenende bescherte mir eine Reise nach Dänemark. Seit einigen Jahren hegen und pflegen wir eine Partnerschaft mit dem Spot Festival in Aarhus. Es ist so etwas wie das dänische Pendant zum Popfest, nur schon alteingesessener (seit 17 Jahren) und dementsprechend voraus; besser, strukturierter, durchfinanzierter, durchdachter. Also in etwa so wie der deutsche Fußball im Vergleich zum österreichischen. Bei diesem Festival spielen hauptsächlich dänische Künstler auf, darüber hinaus eine Handvoll skandinavischer Größen und noch ein paar solche, die mit dänischen Künstlern gemeinsames Programm machen (heuer etwa Ginga, die mächtig Eindruck machen durften).

Hinter dem Spot Festival stecken mehrere dänische Initiativen, allen voran das dortige Musikexportbüro MXD. Man begnügt sich aber nicht damit, die Staatlichkeit in die Verantwortung zu nehmen, man hat auch das "Rock Council" ROSA als Co-Veranstalter, wo wiederum auch maßgebliche Labels, Veranstalter (unter anderem das kräftig dafür mitzahlende Roskilde Festival!) mitreden dürfen und sollen. Ihnen allen ist gemein, dass sie erkannt haben, welchen Wert das "lokale Produkt" und seine Vielfalt auch für sie selbst hat und haben kann. Sie haben es in den letzten Jahren geschafft, den Stellenwert von dänischer Musik zunächst im Land selbst so zu steigern, dass verhältnismäßig viele Acts tatsächlich große Hallen füllen und Festivals headlinen.

Nicht nur das ist bis ins Details bei uns nur sehr schwer vorstellbar. Der nächste Schritt führte die Dänen nämlich ins Ausland. Mit einer cleveren "Pull"- statt "Push"-Strategie binden sie Partner (wie uns) aktiv ein. Die Wiener "Spot on Denmark"-Minifestivals einmal im Jahr setzen sich so nicht etwa aus etwaigen "Exportprioritäten" dänischer Labels zusammen, sondern aus den Wunschlisten, respektive "Wahlergebnissen" einer österreichischen Jury.

Der Eindruck, den die geladenen Juroren von FM4, gotv, Die Presse, TBA, AMAN und ink music bekommen haben, ist freilich phänomenal: In vollen und nicht zu kleinen Hallen am Heimmarkt etablierte Künstler vor heimischen Publikum umjubelt sehen ist allemal besser als bloß vor großteils uninteressierten Branchenheinis "showcasen". Man castet die Bands "on home soil" und beurteilt, ob sie auch im österreichischen Markt bestehen könnten. Und wer könnte das besser beurteilen als die Medien, die für dieses Bild sorgen können?

Diese Idee ist nur eine in einer Vielzahl von kleinen und cleveren Programmen, die sich die Dänen ausgedacht haben, um ihre Musik besser über die Grenzen zu bringen. Der Erfolg spricht für sich, das mit Österreich durchaus vergleichbare Land ist vergleichsweise "hip" und hat unter internationalen Branchenleuten einen hohen Stellen- und Anerkennungswert. Der Payback ist nicht nur primär ökonomisch, sondern auch im Image spürbar. Hier wird "gesamtheitlich" gedacht und es macht Sinn.

Natürlich ist es leicht zu sagen "woanders ist es besser". Man könnte sich freilich auch ein gutes Beispiel daran nehmen und besagtes Popfest als optimalen Ausgangspunkt für Verbesserungen zu nehmen. Mit dem Karlsplatz hat man ja schon den eigentlich optimalen Platz zur Verfügung. Der größte Vorteil am Spot ist nämlich wohl jener einer fantastischen Location-Infrastruktur. Binnen weniger Meter "fällt" man regelrecht von einer Konzertstation in die andere, trifft sich so trotz viel Bewegung rasch und immer wieder. Selbst wenn Aarhus eher mit Graz als mit Wien vergleichbar wäre (in Größe und innerländischer Bedeutung) könnte dies auch der Karlsplatz mit brut, TU, Wien Museum, Secession, Club U, Novomatic Forum, Klub Ost, Akademietheater und weiteren Schauplätzen bieten.

Die programmatische Gleichzeitigkeit an drei, fünf, acht Schauplätzen zu spielen würde den Besucherstrom auch anders leiten können als nur zentral vor den Teich. Was wiederum kleinere Besuchermengen bei jeder Bühne zur Folge hätte, aber damit auch die Konzentration auf das Programm erleichtert und einen Schritt weit weg vom bereits einsetzenden "Eventtourismus" geht (der kann am Platz ja trotzdem stattfinden, nur weniger stark in Reihe 1 eines Konzertes).

Und: Das offenkundig größte Problem, nämlich Lärm, wird dadurch auch weniger: Man MUSS nicht mehr für 10.000 Leute auf einem zu eng werdenden Platz beschallen, wenn sich diese auf 8 Lokalitäten verteilen. Vielleicht schaut man sich sogar noch was vom Spot ab und stellt auf dem Karlsplatz das eine oder andere größere Zelt auf - das böte zusätzlich zum Lärm- auch noch potentiellen Wetterschutz.

Die logistische Herausforderung ist dafür natürlich eine gewaltige, aber hier kann mit recht kleinen Schritten durchaus viel erreicht werden. Weiters ist der nächste nur logisch: Das Einladen und Einbinden von gezielt ausgewähltem internationalem (Fach-)Publikum und Journalisten. Denn der positive Bounceback des Spot ist natürlich auch darauf zurückzuführen, dass eine Unmenge an internationalen Gästen den Ruf des Festivals, der Stadt, der Organisation und der guten Musik in die Welt hinausträgt - mit ein Hauptgrund für die Veranstaltung überhaupt.

Die illustre Liste an (gar nicht sooo vielen, aber dafür wie gesagt gezielt geladenen) Gästen ist auch für nationale Branchenvertreter höchst interessant und wichtig. Einerseits wurden wir österreichischen Gäste von den dänischen Vertretern neugierig ausgefragt und regelrecht "bestürmt". Andererseits treffen auch wir dort plötzlich auf Menschen, zu denen Kontakt zu finden sonst gar nicht so einfach wäre. Ein Kaffee mit Pitchfork da, ein Bier mit Friendly Fire Records dort, ein Handshake mit Matador und ein Foto mit Clash  - der Austausch funktioniert prächtig und bringt alle Beteiligten ein paar Schritte weiter.

Gleichzeitig unterstützt dies den berühmten "Propheteneffekt" - ein Umwegfaktor, der beim Popfest noch fehlt. Die Dänen bestätigen uns immer wieder die Wichtigkeit davon:  wie sehr eine Nominierung in Österreich, selbst in diesem kleinen "unwichtigen" Musikindustrieland, auf Dänemark zurückwirkt. Hat eine Band etwas im Ausland geschafft, wird auch lokal gleich doppelt so genau hingehört, doppelt so gut aufgepasst wie zuvor. Hierzulande wird - noch! - nur zufrieden in der eigenen Suppe gekocht.

Ich hatte davon berichtet, dass es mir aufgrund der eher dezenten Ausstattung für Licht und Ton fast ein wenig peinlich war, das Festival und die auftretenden Bands vor den Augen der (einzigen geladenen ausländischen) Vertreterin des Iceland Airwaves Festivals in den Himmel zu loben. Das transkontinentale Musikzusammentreffen in Reykjavik zählt mit zu den hippsten, wichtigsten und wegweisensten "Entdeckerfestivals" auf dem Planeten, insbesondere wenn es um den Brückenschlag in den amerikanischen Markt geht. Francis International Airport und Trouble Over Tokyo haben am Popfest dennoch mächtig Eindruck gemacht, mit der geäußerten Einschränkung "I wish I could hear what they say".

Diese Eindrücke sind alles - und sie fallen natürlich auf das Fest, die Stadt und die Musikindustrie hier zurück, bewusst oder unbewusst. Das Ambiente am Karlsplatz, die Stadt selbst, sie bieten wunderbare Voraussetzungen dafür, jetzt müsste man sich nur noch ein bisschen mehr daraus machen trauen. Frei nach Skero: Gehtscho gemma Voigas!

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