Montag, 18. Juli 2011

Das programmierte Desaster.

Eigentlich wollte ich zum Thema ORF 3 (eigentlich "III") bereits etwas schreiben, bevor die Programmstruktur dazu bekannt gegeben wurde. Es hätte eine Wette sein sollen. Eine solche wäre ich nämlich leichten Herzens eingegangen - und hätte sie freilich ebenso einfach gewonnen. 

Das lässt sich jetzt natürlich gut sagen, aber mir zu glauben ist auch nicht schwierig: Ihr Inhalt wäre gewesen, dass es der "Berg" zustande bringen würde, auch einen vollständig der Kultur und Information gewidmeten Sender ohne adäquate Abbildung der hiesigen Musikszene zu programmieren. Und schafft er es? Aber mit Leichtigkeit!

Jetzt ist eine solche Wette nicht unbedingt mutig. Wenn der ORF von etwas zu viel hat, dann von Vorschlägen diverser "Lobbyisten", was er alles für die eine oder andere Zielgruppe machen sollte - insbesondere wenn es um qualitatives Programm, und dann erst Recht wenn es um kulturelles Programm geht. (Denken wir nur an den großartigen Vorschlag der FP-Abgeordneten Unterreiner, die allen Ernstes (noch) mehr Volksmusik im ORF durchsetzen wollte.)

Jetzt muss man kein allzu guter Kenner des Landes Österreich und seiner Institutionen sein, um bestimmte Mechanismen zu kennen. Doch selbst das Befrieden diverser Einflüsterer und das Gestalten nach generalwahlkampfadäquaten Interessen in Betracht ziehend erschließen sich mir einige Dinge einfach nicht. Zuallererst: Warum sich der ORF so konsequent vor einer Zielgruppe wie der "unsrigen" versteckt und sie immer wieder dermaßen vergrämt. Im Falle von ORF III ist das in etwa so, als würde man einen neuen Hauptbahnhof bauen und ihn nicht an die U-Bahn-Linien der Stadt anbinden.

Empirisch erhoben handelte es sich bei besagter Zielgruppe - immerhin - um junges Publikum, dass gegenwärtig und/oder zukünftig in überdurchschnittlichem Maße an entscheidenden Positionen sitzt und Personalverantwortung ausübt, Etats vergibt, gebildet und kaufkräftig ist oder wird. Warum verzichtet man auf die Bindung dieses Publikums völlig? Mir fällt nur EIN guter Grund ein, diese Zielgruppe zu ignorieren, und der ist nicht klug: Dieses Publikum ist nicht die Mehrheit. Aber bei ORF III kann dieses Argument nicht schlüssig greifen.

Dass die Quotengeilheit des ORF justament begonnen hat, als das Privatradio und -fernsehen in Österreich spät aber doch Einzug hielt, ist eine Art Paradoxon. Während anderswo (etwa von der BBC) der eigentliche Sinn des öffentlichen Rundfunks beständig hinterfragt und mittels eines regelmäßigen Public Value-Reports  definiert wird, herrscht hierzulande "Malen nach Zahlen". Es ist das alte Grundübel: Quantität statt Qualität - wie oft hatten wir das schon...?

Hintergrund ist (auch das hatten wir schon) die 50%ige Abhängigkeit des Senders von Werbegeldern und das damit verbundene Buckeln vor dem Markt. Dass dies dem staatlichen Auftrag zuwiderläuft - selbstredend. Dabei hat man es dem ORF so leicht gemacht, eins und eins zusammen zu zählen. Der vieldiskutierte "Kulturauftrag" einerseits, die "Einladung" des Gesetzgebers, einen eigenen (werbetechnisch eingeschränkten) Kulturkanal zu programmieren andererseits. Es ist wie ein Elfmeter ohne Torhüter.

Und der Staatsfunk? Er spielt lieber weiterhin Privatfernsehen. Neulich programmierte ATV "Two And A Half Men" in den Hauptabend. Der ORF kopierte dieses erfolgreiche Konzept in den Samstagabend und sendet dort jetzt uralte Wiederholungen - herzlichen Glückwunsch zu soviel Programminnovation mit öffentlichem Mehrwert. Weitere Beispiele bitte gerne hier einfügen, es gibt sie tonnenweise.

Nun will ich ORF III und sein Programmkonzept nicht totreden, bevor der Sender geboren ist. Ich wünsche mir dennoch gutes Programm. Und es kann ja dennoch sein, dass hier hochwertiges und interessantes Programm geboten wird. Aber ich kann ein Beispiel bringen, wie es AUCH ginge: ZDF KULTUR. Aus dem ehemals schnöseligen und kaum angenommenen Theaterkanal (mit der gefühlt gleichen Zielgruppe die der ORF jetzt mit III anpeilt) entstanden, hat sich der Sender völlig neu erfunden und spannend positioniert - nämlich vor allem jung, abwechslungsreich und intelligent - gleichbedeutend mit nicht extrafrech und nicht superjung, nicht übertrieben und schon gar nicht aufgesetzt; kurzum: recht gut. Und - siehe da - selbst Oper findet in diesem Kontext Platz und Publikum (by the way: Wer sagt, dass etwa Barbara Rett nicht auch in SO ein Konzept passt?).


Das Programm erinnert mich teilweise an jene Zeit, in der der ORF seine Talente noch im eigenen Glashaus gezüchtet hat. In den 80ern mit "OK" und "Ohne Maulkorb" - ohne die wir heute weder Barbara Stöckl noch Vera Russwum ertragen müssten. In den 90ern "X-Large", aus denen Arabella Kiesbauer, Christian Clerici oder Mirjam Unger hervorgegangen sind. Hier wurden wenigstens noch ansatzweise Szenen und Subkulturen abgebildet. Heute verzichtet das staatliche Fernsehen komplett auf beides und holt sich seine "Talente" von den Privaten (sic!).

Der Pool, dem man sich noch bedienen kann, ist Radio. Und hier schließt sich der Kreis: FM4 ist das Biotop, dass einerseits zur letzten verbliebenen Fata Morgana der heimischen Szene zu werden droht, andererseits auch Sprecher (Claudia Unterweger, Mari Lang) vor die Kamera zu schubsen imstande ist.

Ganz ohne Ironie kenne ich justament im gelb-schwarz gefärbelten vierten Stock des Funkhauses verschiedenste Quellen, die Vorschläge für Sendungen für ORF III eingebracht hätten. Die einfachsten davon liegen auf der Hand: FM4 Studio 2 Sessions und Radio Sessions werden seit langem mitgefilmt, das Material harrt seiner Verwertung jenseits des Webstreams. Sie wurden alle ausnahmslos abgelehnt, und triftige Gründe dafür gibt es so viele wie Jugendkultursendungen im Fernsehen.

Nun könnte man meinen, derlei Beschwerderufe wären ein "Indieversum"-Phänomen, aber mitnichten. Zuletzt sendete ORF 1 spätnachts Folge 11 von "Weltberühmt in Österreich" - immerhin. Rudi Dolezal hatte nach dem Erfolg der 10 Austropop-Folgen (bis 2008) eine Fortsetzung mit dem Übertitel "Die Wachablöse?" gestaltet und einen wilden Ritt durch das gegenwärtige Treiben (von Trackshittaz über 5/8erl in Ehren bis Ja, Panik) für 140.000 spätnächtliche Zuseher gestaltet.

Er, Dolezal, dürfte über den Verdacht, ein Indie-Nerd zu sein, erhaben sein. Und doch anerkennt er eine ungemein vitale Szene wie nie zuvor, fordert anlässlich der Sendung lautstark und an allen Orten regelmäßigere Sendezeit und eine verstärkte, den Realitäten entsprechende Abbildung der Szenen ein. Als Grammy-Preisträger, Queen- und Falco-Freund verhallt seine Stimme aber ebenso ungehört wie meine. Könnte beruhigend sein, ist es aber nicht.

Passieren tut nichts, außer dass der ORF entgegen seines selbst definierten Interesses erst Recht Zuseher verlieren (oder erst gar nicht erreichen) wird. Wohl auch weil die Werte, die eine Berichterstattung über diese "Suppe" Subkultur bringen würde, vielerorts fehlen. Authentizität, Nachhaltigkeit, Lokalkolorit, Glaubwürdigkeit; vor allem aber: ein bewusstes Statement gegen die Volksverblödung á la "Saturday Night Fever" zu setzen, einen bewussten Gegenpol zu Katzinger und Bohlen, Lugner- und Dschungelcamp zu kreieren, ein bewusstes Schaffen von Mehrwert und "Public Value" zur Kernaufgabe zu machen - selbst wenn es zum Preis ist, nur 30 statt 40% Einschaltquote zu erreichen.

Was uns bleibt, ist der lakonische Kommentar eines Kollegen: Der meinte, ORF III bedeute eben nicht "drei", sondern "iii" - und drückt also den Ekel des Fernsehpublikums gegenüber hochkulturellem Programm per se aus. Hat er Recht, oder besteht doch noch Hoffnung? Und lohnt es sich, selbige nicht aufzugeben oder müssen wir dafür den Küniglberg stürmen?

Kommentare:

  1. Der Sender ORF III wurde von der Ö-Public-Value Kommission genehmigt... http://zukunft.orf.at/
    Ich denke aber mal, dass ORF III vor allem ein Abspielkanal für die Wieder und Mehrfachverwertung bereits produzierter Programm ist, darum kommt der geringe Innovationsgrad nicht besonders überraschend.

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  2. Danke - ich kenn den Public Value-Bericht eh. Ich beklage ja auch nicht ORF III als Grundgeschöpf, sondern das auf allen TV-Kanälen und traurigerweise auch hier durchexerzierte Ignorieren von junger Musik als durchaus relevanten Inhalt. Und der ORF macht ja nicht alles schlecht, ich möchte wiederholt FM4 und Ö1 als Positivbeispiele heraus. Privatfernsehen und seine Inhalte sind auch ok, aber die brauch ich dann nicht auch noch auf ORF 1.

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  3. ... siehe http://zukunft.orf.at/show_content.php?sid=86&pvc_id=2 - Kultur wird als sehr "altes", traditionelles, klassisches Gut gesehen - and nothing else. Das ist mir deutlich zu wenig.

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  4. Ich stieß kürzlich beim Rumzappen auf die From The Basement-Session
    von Radiohead. Auf Servus TV. Hat sich gut angefühlt.

    Der Gedanke an eine regelmäßig produzierte und auf ORF III
    ausgestrahlte Studio 2-Session lässt mir ein lokales Schaffensklima
    vorschweben, das einen vernünftig dimensionierten Raum für
    popkulturelle Subversivität zulässt und damit auch ein Gefühl der
    Machbarkeit fördert, das einem ein bisschen die Zwänge und Ängste
    nimmt, denen jeder Kreative ausgesetzt ist, der das
    Verlangen hat authentisch zu arbeiten.

    Mich für meinen Teil würde so ein Format jedenfalls nicht nur erfreuen, sondern auch anspornen.

    Vielleicht kann sich der ORF ja was bei Servus TV abschauen.

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  5. Bin Ich ganz bei dir, ORF III wäre für den ORF die Möglichkeit mal zur Abwechslung wieder zu produzieren statt zu reproduzieren.

    Man muss natürlich erst mal sehn was dann an Programm rauskommt. Aber das ein Kulturkanal mit Theater,Oper,Operette - eben der angesprochenen Hochkultur - schon das "Soll" erfüllt hat ist traurig.

    Ich denke es gibt mit Ö1, FM4 oder z.B. GoTV und diversen Angeboten von anderen bzw. regionalen Sendern (z.B. Tracks auf Arte) durchaus den Beweis dass ein auf Jugend/Subkultur ausgerichtetes Programm angenommen wird.

    Vor allem hätte der ORF schon mit Ö1,FM4,OE3 die redaktionelle Kompetenz da was auf die Beine zu stellen. Es muß auch iregndwie möglich sein das Spektrum zwischen den Dreien (und darüber hinaus natürlich) abzudecken.
    Also mich würden jetzt Bon-Jovi und Bon Iver in einem Format auch nicht schrecken.

    Aber meine Horrorvision wäre ein gekauftes Konzept etwas adaptiert (d.h. verschlechtert in Ö). Und dann Herbert Feuerstein (gegen den Ich jetzt nix hab, sein Gesicht ist mir halt als Erstes in den Sinn gekommen) der PR-Texte rezitiert und im Abspann "Inhalte zur Verfügung gestellt von %MAJORLABEL%".

    Ich glaube Themen und Contentprovider gäbe es genug in Österreich man muss es halt nur in ein vernünftiges/glaubhaftes Format bringen.

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  6. Johannes Nepomuk Hummel24. Juli 2011 um 14:45

    ein bisschen eine vorwegnahme ist ihr artikel schon, noch ist ja orf 3 nicht auf sendung, schauen wir uns doch einmal an was da gebracht wird. ihr ruf nach eigenproduktionen ist verständlich, bei dem geringen budget des senders aber wohl eher illusorisch.

    fast witzig finde ich dagegen ihren versuch fm4 zum hort österreichischer kultur zu stilisieren: abgesehen davon dass dort nur ein ganz kleiner ausschnitt der österreichischen szene gezeigt wird und das gros aus internationalen produktionen besteht ist es doch so dass fm4 auch ein ganz eigener inzucht-verein ist, der neuem das von unbekannten leuten kommt nicht gerade aufgeschlossen entgegentritt. wenn dagegen herr fm4 redakteur sowieso sein pop projekt launcht wird das natürlich gespielt, eh klar. eine freunderlwirtschaft wie überall anders auch, insofern sehr österreichisch.

    der wichtigste punkt aber ist dass pop-musik bzw. -kultur in österreich keinen umsatz generiert, jedenfalls keinen nennenswerten, insofern ist es einfach illusorisch zu fordern dass das irgendwo vorkommt. und klar, ich weiss schon dass sich da katz in den schwanz beisst, denn würde man österreichischen pop vorkommen lassen, gäbs auch mehr umsatz. gleichwohl ist es einfach billiger internationale produktionen zu promoten und man hat auch weniger aufwand und unterstützend internationale presse, daher wird das gemacht.

    was ich mir erhoffe von einem kultur und info kanal des orf ist ein informationsangebot das der info kompetenz des orf gerecht wird und ein bissl einen ausblick auf die etablierte kultur. revolutionäres wird da nicht zu sehen sein, denn der orf ist das establishment, insofern erwarte ich mir entsprechendes.

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