Montag, 25. Juli 2011

Mehr Offenheit und mehr Demokratie.

Es müssten einem die Worte fehlen, nach einem Wochenende wie diesem. Und gerade deshalb bedarf es, einiges raus zu lassen.


Ich möchte nicht zu sehr auf die beängstigende Logik und Stratgie eingehen, mit der ein unmöglich zu beschreibender Mensch das Handeln seiner Beobachter vorhergesehen hat und so uns alle für seine Zwecke (Multiplikation der Message) einspannt. Samt fesch und adrett in Uniform fotografieren lassen und ein Pamphlet des Wahnsinns verbreiten. Andere haben das ausreichend und bestens getan, Blogollege Misik etwa.

Was mich beschäftigt, ist die Frage nach dem Dahinter - und danach, wie die Welt auf eine unbegreifliche Tat wie jene in Utoya und Olso "reagieren" sollte. Die Norweger machen es im Grunde vor, selten hat mich eine politische Figur in einer Krisensituation so beeindruckt wie Jens Stoltenberg. Er gibt den Takt für meine Antwort vor.

"Unsere Antwort wird mehr Offenheit und mehr Demokratie sein." 

Es ist vielleicht der wichtigste und weiseste Satz, den ein Politiker im 21. Jahrhundert gesagt hat. Ob er seinen bedingungslos offenen Kurs durchziehen kann, wird die vielleicht größte Nagelprobe die eine moderne Demokratie je zu bestehen hatte, und ich wünsche ihm, mir und uns, dass er Erfolg hat.

Erinnern wir uns an die Tage nach 9/11 und G. W. Bush - da hieß es "We´ll hunt you down". Mit seiner Politik und Strategie nach dem Terrorakt hat er die Attentäter und Strippenzieher dahinter eigentlich umfangreich belohnt. Sie haben all das erreicht, was sie wollten. Aufmerksamkeit, Angst und Schrecken in aller Welt, Krieg.

Jedes mal, wenn ich am Flughafen eine Sicherheitskontrolle durchschreite und es "piepst", geht mein Puls kurz nach oben. Ich hab mir zwar nie etwas vorzuwerfen, aber seit dem 11. September ist man zunächst Terrorist - außer man beweist das Gegenteil (insbesondere beim Einreisen in die USA). Angst und Schrecken, auch 10 Jahre später.

Umgekehrt könnte die Strafe für den Attentäter höher gar nicht sein, als dass wir seine krude Ideologie völlig ignorieren, die Menschlichkeit, die Offenheit, das Gemeinsame bedingungslos zelebrieren wie nie zuvor. Und hier ist der Knackpunkt, wo wir als Gesellschaft ansetzen müssen: Die Fähigkeit zur Gemeinsamkeit.

Träumen wir doch einen Moment lang nicht von einer wie auch immer gefärbten Weltutopie, fantasieren wir keine religiösen Revolutionen herbei, realisieren wir doch auf allen Ecken des politischen Spektrums: Es wird immer zwei (oder mehr) Seiten geben, es wird immer andere Meinungen, Einstellungen oder Farben geben als die eigene. Es gibt Rapid und Austria, Linke und Rechte, Inländer und Ausländer, es gibt verfeindete Nachbarn und zerstrittene Geschwister. Es gibt aber auch Yin und Yang, die aus dem Unterschiedlichen das Gemeinsame bauen.

Ein Gedankenexperiment: Würden wir alle Linken in die eine Hälfte des Landes schicken und alle Rechten in die andere - wäre die Welt in jeder der beiden Hälften besser? Natürlich nicht! Jede Hälfte würde in sich dennoch streiten, es gäbe reichlich Gelegenheiten dazu. Beispiele? Israel und Palästina. FPÖ/BZÖ/FPK. Und so weiter. Man könnte natürlich weiter separieren und Leute mit unterschiedlichen Ansichten, Relgionen, Hautfarben, Lieblingsklubs und Blutgruppen voneinander trennen. Das geht so lange, bis jeder von uns alleine dasitzt.

Blödsinn? Eben.
Wir sollten uns damit abfinden, dass wir miteinander auskommen müssen.
Fangen wir gleich jetzt damit an. Immerhin sollten wir spätestens seit der Aufklärung begriffen haben, dass es möglich ist, auf zivilisierter Ebene über Ansichten zu reden (die andere Seite davon heißt übrigens: Zuhören).

Also: Fangen wir an, zu diskutieren. Nehmen wir unser demokratisches Grundrecht wahr und benutzen unsere Stimme. Wenn uns etwas stört, stehen wir auf und tun es kund. Vergessen wir einen Moment lang, dass die wegwischende Handbewegung der häufigste und einfachste Kommentar zum politischen Geschehen ist. Tun wir etwas, reden wir. Am besten miteinander, auch mit jenen, deren Meinung wir nicht von vornherein teilen. Lernen wir, die andere Seite zu respektieren, zu verstehen, auch wenn wir nicht gleich rüber wechseln wollen. Hören wir nie auf, unsere eigene Meinung zu hinterfragen, zu überprüfen und auf die Probe zu stellen.

Der Ansatz ist freilich vielleicht justament eines: Naiv.
Und Stoltenbergs Nachsatz zum obigen Zitat lautete: "Aber nicht mehr Naivität."
Got ya.

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