Montag, 4. Juli 2011

Transferzeit.

Das Musikgeschäft ist ein dreckiges Geschäft. Diese Erkenntnis ist wenig neu und wenig überraschend, immerhin gilt diese Faustregel für praktisch eh alles, was wirklich ein Geschäft ist. Beispiele für diese These gäbe es tonnenweise, ich widme mich heute einmal dem Treiben im Konzertvermittlungsgeschäft ("Booking") - samt auftauchenden Parallelen mit dem runden Leder.

Heute lese ich im Standard über zunehmendes Bewusstsein und steigende Ausgaben von großen Unternehmen im Bereich "Ethik und Compliance". Das klingt schön und modern und wird im Karriereteil der Qualitätszeitungen als nächster "Trend" nach CSR (Corporate Social Responsibility) gewichtet. Im ersten Reflex habe ich mich dabei gefragt, warum denn das eigentlich notwendig sein sollte - beziehungsweise dass es fast ein bisschen traurig ist, es für notwendig zu halten. Ein moralisches Regelwerk für das Verhalten in der Firma? Ts - sollte doch selbstverständlich sein. Bei genauerem Hinsehen ist es natürlich notwendig, ethische Standards für das eigene Unternehmen, die eigene Branche zu definieren. Die Frage bleibt natürlich, wo und ob ein solches nicht ein ebensolches PR-Feigenblatt ist wie viele andere Lippenbekenntnisse aus diversen Corporate Identity-Seminaren.

In der Musik ist Ethik sowieso ein doppelbödiges Thema. Das gilt für die Ausübenden fast ebenso wie für das Publikum. Dort gilt die böse Faustregel: Wer am lautesten etwa nach "Toleranz" schreit, wird am öftesten dabei ertappt, selbst intolerant zu sein. Mit der Moral einher gehen Begriffe wie Loyalität und Unabhängigkeit, "Indie".

Nur, was ist denn bitteschön "Indie"? Der Begriff hatte ursprünglich etwas Auflehnendes an sich, wurde aber genauso wie "Punk" und "Alternative" von einer Einstellungsfrage zu einem hippen Modebegriff zu einem Schimpfwort. Jetzt bin ich nicht der Gralshüter der "Unabhängigen", aber die ursprünglichen Werte, die der Begriff im Wortstamm hat, sind bereits sehr verdünnt worden. Wie bei den verwandten Begriffen hat der Markt, der Kapitalismus, das "Business" den Begriff vereinnahmt, ausgehöhlt, aufgekauft und entwertet - so ist der Lauf der Dinge, bedeutet schließlich auch, er hat sich ganz gut verkaufen lassen. Widerspricht oder begünstigt das einander? Bildet man Werte im Großen wie im Kleinen letztlich auch nur, um sie zu verkaufen, wenn man kann?

Dazu eine Beispiel, wie es in der Musikwelt täglich passiert. "Abwerbungen" gehören (ähnlich wie im Fußball) zum schwierigsten und dreckigsten Teil des Geschäftes. Geschlossene Verträge können binnen Minuten ihre Gültigkeit verlieren, wenn das gegenüberliegende Angebot nur attraktiv genug ist. Das Wechseln in eine andere Booking-Agentur kann für einen Künstler vieles bedeuten: Mehr Auftritte, mehr Geld, größere Konkurrenz, mehr Entfaltungsmöglichkeiten, mehr Druck, größeres Risiko zu Scheitern - alles hat seine Pro und Contras, auch und gerade hier.

Auf der einen Seite steht jedoch gerade in der Musik oft jemand, der viel Zeit, Know-How, Geld und Herzblut in ein Projekt gesteckt hat. Auf der anderen Seite steht der vermeintlich große Macher, der das Projekt auf die nächste Stufe heben kann. Nicht immer sind solche Entscheidungen falsch oder verwerflich, oft sind sie auch gut begründet. Böse wird es, wenn "kalt" abgeworben wird - zwischen den Beteiligten wird verhöhnt, angeschwärzt, geschimpft, gefordert, erpresst und geschmiert. Die Gründe dafür sind mannigfaltig - doch auf welcher Seite auch immer, einer der Gründe wird weit hervorragen.

In gefühlten 95% der Fälle ist wenig überraschend Geld das ausschlaggebende "Argument". Triebmittel für Intrigen einerseits (die Agentur), Aussicht auf "mehr" andererseits (der Künstler). Auch wenn die Entscheidung letztlich gegen jene fällt, die der Band eigentlich gar nicht so unsympathisch sind; die vielleicht gar nicht so schlecht gearbeitet haben - oder sogar einen ganz wesentlichen Beitrag zum Aufbau des Künstlers in (s)einem Territorium geleistet haben.

Gerade in diesen Momenten empfindet man diese Vorgehensweise als besonders ungerecht. Und der vorgefertigte Satz zur Kündigung eines freundschaftlich gewachsenen Verhältnisses lautet dann in etwa: "I like you, and i really appreciate what you did for the band - but this is a business decision." Wer aufgepasst hat, merkt: Der Satz trägt zwischen den Zeilen die Botschaft inne, dass das Business keine Freundschaft kennt, Regeln des Anstands ausgeschaltet sind und die Sprache universal Zeichen wie € oder $ trägt.

Das ganze potenziert sich, wenn es um den internationalen Marktvergleich geht - und auch hier passt die Parallele zum Fußball. Es gibt Legionäre, die sich im Ausland bessere Entwicklungsmöglichkeiten erwarten. Manche setzen sich durch, andere scheitern; Weggehen aber ist fast Pflicht, weil der hiesige Markt für eine internationale Karriere weder lukrativ noch attraktiv genug ist. Und die Ausländer, die nach Österreich kommen, gehen natürlich zum Budgetkrösus, denn wer legt schon Wert auf das passende soziale Umfeld, auf Wohlfühlambiente, vielleicht sowas wie Service; wenn woanders die Börse einfach mehr stimmt?

Natürlich ist niemand davor gefeit, auch selbst einmal auf der "bösen" Seite zu stehen. Und genau da geht es dann wieder um die eingangs thematisierte Moral. Beißt man in den Apfel, nur weil er rot und saftig ist, obwohl einem die Schlange sagt, es wäre gar nicht so klug? Nimmt man Verletzungen ungeschriebener (sic!) Regeln und gar freundschaftlicher Beziehungen in Kauf, um sich einen (vermeintlichen wirtschaftlichen) Vorteil zu verschaffen?

Geben sie die Antwort selbst und beginnen sie ihr unternehmenseigenes Ethik & Compliance-Papier zu schreiben.

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