Sonntag, 13. November 2011

Die große Chance.

Am Wochenende ging "Die große Chance" zu Ende - und liest man in den Medien dieser Tage, so hat der ORF seine eigene, vielleicht letzte Chance genutzt: Die Sendung gilt als durchschlagender Erfolg, die Quoten haben gepasst, die Siegerin auch - weil sie so schön dem gängigen Casting-/TV-Klischee widerspricht und es gleichzeitig herrlich bedient.

In jungen Jahren hab ich begeistert "Die große Chance" gesehen, weil es damals in den 80ern zuallererst ein Präsentierteller für talentierte Künstler unterschiedlicher Färbung war. Im Unterschied dazu dürfen sich die Teilnehmer heute in einen künstlich hochgespielten Wettbewerb stürzen. Sie dürfen sich dazu von einem Zirkusdirektor, einem kuschelig gewordenen Aggro-Rapper und einer durch der Staatsoper unangenehmen Nacktfotos zur Seitenblicke-Berühmtheit gewordenen Primaballerina erklären lassen, wie das Showbusiness funktioniert. Der alte Name wurde also mit einem wohlbekannten Konzept, dass sich der ORF einmal mehr von deutschen Privatsendern "geborgt" hat, kombiniert.

Der Erfolg der Sendung lag aber wohl weniger am geschickten Abkupfern, sondern am grundsätzlichen Charakter des Formats: es ist eine Familiensendung. Anders als beim durchgestylten und langsam dann doch ausgelutschte Karaoke-Format finden sich hier "Typen" für Oma, Papa und Kind. Die Echtheit und das Talent standen zumindest einen Schritt weit vor der Show. Selbst die an Plattheit nicht zu unterbietende, knochen gewordene Zumutung Doris Golpashin konnte das kaum verhindern.

Christine Hödl, die Gewinnerin, hat zweifelsohne Stimme und Begabung. Und dann auch noch die für TV-Erfolg unvermeidliche "Story", die sie aber betont sachte spielt. Wie nachhaltig uns der Name erhalten bleibt (und ob sie selbst dazu überhaupt Bock hat) wird sich weisen - die Chancen stehen zumindest nicht schlechter als bei Oliver Wimmer, Verena Pölzl und.... wie hieß die Heldin von Morgen nochmal?

Ich will angesichts all dessen nicht undankbar sein, wo ich den "Berg" doch beständig dafür kritisiere, die Musik im Fernsehen auf Stadl-Formate zu reduzieren. Was der ORF aber einmal mehr völlig vergisst, ist: Von der Sorte "sehr talentiert, dem breiten Publikum zumutbar, von hoher Qualität, mit guter Stimme" (etc.) gäbe es mehr als genügend da draußen. Viele davon würden sich und Alexander Wrabetz alle Finger und Zehen abschlecken, gäbe man ihnen die Möglichkeit, sich auch außerhalb ihrer liebgewordenen Nische (wo auch immer sie ist) und meinetwegen auch "nur" auf ORF III zu präsentieren.

Sollen die sich alle für die zweite Staffel der "großen Chance" bewerben, weil es ihre - erm - große und einzige Chance wäre, ins Fernsehen zu kommen? Dann wäre hierzu noch eine Kleinigkeit anzumerken... wie schon bei Starmania sind die Teilnahmebedingungen auch mit dem Abtritt an Rechten verbunden. Der Partner der Sendung ist Sony Music. Gemeinsam mit einem parat stehenden Management und der ORF Enterprise als Händchenaufhalter erhält der Teilnehmer ein, nunja, "Angebot, dass er nicht ablehnen kann".

Der ORF wirkt also nicht nur "nicht für", sondern sogar massiv gegen eine natürlich wachsende und florierende Talente-/Musikwirtschaft: Sie schließt unabhängige Unternehmen - Managements, Labels etc. - de facto aus - und damit all jene Künstler, die sich auch abseits von Castingshows zu etablieren versuchen oder schon etwas weiter waren als "hab schon ein paar Mal in einem Beisl gespielt" (C. Hödl). Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft enden, die über den Erfolg oder Misserfolg von Künstlern via Fernbedienung entscheidet, mit dem zwischengeschalteten Gatekeeper ORF?

Wenn "Die große Chance" etwas beweist, dann, dass Fernsehen als Medium und Mulitplikator nach wie vor über eine gewisse Macht verfügt. Zuallererst jene, für geeignete Künstler die berühmte gläserne Decke zu durchbrechen. Licht am Ende des Tunnels könnte die Entwicklung der Sendung aber allemal sein. Nämlich dann, wenn man im ORF begreift, dass sie nicht "alleine" bleiben muss und auch andere Musikformate Platz hätten.

Edgar Böhm (ORF-Unterhaltungschef) kündigt an, auch Entwicklungen außerhalb davon wahr zu nehmen (Ob das eine Drohung oder ein Angebot ist, kann man in einem Interview der aktuellen Ausgabe der Branchenzeitung Film, Sound & Media herauszulesen versuchen). Er möchte Künstlern wie Andreas Gabalier und 5/8erl in Ehren eine Plattform geben können, weil die ja schon bislang abseits gängiger Formate als funktionierend erachtet werden können. Nundenn, lieber Herr Böhm, ich hätte da noch ein paar weitere diesbezügliche Vorschläge...

P.S.: Im Übrigen ist das für die Sendung verwendete Kürzel "DGC" schon seit mehr als zehn Jahren für die jeden ersten Donnerstag im Monat im Wiener B72 stattfindende Veranstaltungsreihe "Der gute Club" im Einsatz. Dort werden - erraten - bewusst neue "Talente" einem interessierten Publikum vorgestellt. Das nächste Mal am 1. Dezember mit der absolut entdeckungswürdigen Band Likewise. Der geschätzte Leser möge sich eingeladen fühlen.


Follow me on twitter:
http://www.twitter.com/hannestschuertz

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen