Samstag, 19. November 2011

Wer Spotify hat, braucht für den Schaden nicht zu sorgen?

Seit 15. November ist Österreich auf der Landkarte des Spotifiy-Territoriums und damit in der modernen Realität der Musikwirtschaft angekommen. Was sich für den Konsumenten schnell als neue Sonne am Musikhimmel etablieren könnte, wirft für andere dunkle Schatten.

Als Spotify kürzlich in den USA an den Start ging, haben selbst renommierte Meinungsführer und Blogger wie Bob Lefsetz den Streaming-Dienst wärmstens willkommen geheißen und ihn als das Tor zur Zukunft in der Musikindustrie gepriesen - endlich ein sinnvolles, legales Angebot, dass den Torrentismus zu stoppen imstande ist. Wer braucht noch Musik saugen, wenn er jeden Song legal streamen kann?

Die Zahlen, die Spotify dabei regelmäßig vorlegt, sind tatsächlich beeindruckend: In bisher bedienten Märkten habe man bewiesen, dass man die Menschen von den illegalen Downloads hin zu den legalen Streams bringen könne - und dabei die legalen Downloadziffern sogar heben könne. Das klingt nach Jahren der Horrorstatistiken (etwa diese: Geschätzte 95% aller aus dem Internet geladenen Musik wird nicht bezahlt) natürlich gut in den Ohren jener, die mit Musik ihren Unterhalt verdienen wollen - Motto: "Ein paar zahlen ein bisschen" ist immer noch besser als "alle zahlen nix".

Was hier einerseits wie die Rettung der Musikindustrie gefeiert und propagiert wird, hat fraglos auch Schattenseiten. Keiner meiner Beiträge hier wurde so scharf und leidenschaftlich diskutiert wie jener im heurigen Juli ("Der langsame Tod"), der sich mit den (noch?) ungemein niedrigen Einnahmeströmen aus Streamingdiensten beschäftigt hat. Das Thema beschäftigt - kein Wunder: wir diskutieren hier nicht weniger als den "Sinn" einer Revolution, und noch keiner weiß genau, wohin sie uns führen wird.

Blattwende?

Der allgemeinen Euphorie über die Ankunft des Erlösermodells stellen sich mittlerweile immer mehr kritische Stimmen in den Weg. Und während "die österreichische Musikwirtschaft" (als die sich die IFPI gerne und nicht ganz zurecht bezeichnet) den Spotify-Start "begrüßt", machten Coldplay zuletzt damit Schlagzeilen, dass sie ihr neues Album "Mylo Xyloto" nicht für Spotify zur Verfügung stellen wollen. Adele hatte dies bereits davor mit "21" getan. Die Hintergründe dazu sind natürlich finanzieller Natur, oder "Business Decisions", wie in diesem Artikel detailliert ausgeführt wird.

Und dann war da Jon Hopkins, der all dies auf den Punkt brachte. Der zuletzt für den Mercury Award nominierte britische Elektronik-Musiker tweetete "8 Pfund für 90.000 Plays. Fuck Spotify" - womit die Story über die enorm niedrige Entschädigung endgültig in der breiten Öffentlichkeit angekommen war.

In der Folge hat auch ein großer britischer Digitalvertrieb mit 236 angeschlossenen  Labels seinen Gesamtkatalog von den Streamingdiensten zurückgezogen, weil die Zahlen eindeutig zeigen würden, dass die Leute einfach streamen anstelle eine CD oder einen Download zu kaufen.

Dabei ist das eh klar: Spotify ist einfach bedienbar, fährt ein "Freemium"-Modell, vereint clever so ziemlich alle Vorteile für den Konsumenten unter einem Modell - und ist damit Fahnenträger für den endgültig in die Wege geleiteten Paradigmenwechsel vom Besitz eines Tonträgers hin zum schlichten Zugang zur Musik. Diese Access vs. Ownership-Diskussion und die Schwierigkeit, bisherige Einkunftsquellen wie CD-Verkauf oder Radio-Airplay mit etwas Neuartigem wie Spotify zu vergleichen werden die nächsten Jahre der Musikindustrie prägen.

Urheber gegen Konsumenten?

Was oben genannte Künstler-Statements auch aufwerfen, reicht möglicherweise aber viel weiter: Der geschätzte Leser wird sich an den Krieg erinnern, den Metallica gegen Napster (und damit "das Volk") begannen - und sich damit einen Image-Knieschuss leisteten. Und auch die Diskussion um die Urheberrechtsabgabe ("Leercassettenvergütung") auf Festplatten ist noch im Kurzzeitspeicher verankert.

All diese Themen sind deutlich werdendere Indizien für einen seit Jahren aufziehenden, gefährlichen Krieg zwischen Urhebern und Konsumenten. Der User ist im digitalen Zeitalter (wohl unumkehrbar) zum "Alles Gratis"-Monster erzogen worden. Das Wertschätzen geistiger Schöpfung macht in Zeiten des massenhaften Konsums keinen Stich. Musik ist immer und überall - der in der (verwandten) Kulturflatrate-Diskussion geführte Vergleich mit einem Lebenselixier wie Wasser gewinnt damit einerseits Sinn und ist andererseits an Absurdität kaum zu überbieten. Wie lange wird das gut gehen?

Das Urheberrecht muss nachziehen

Die schleichende Untergrabung des Urheberrechts (und sei es "nur" in den Köpfen der Menschen) schreitet so unweigerlich fort - das muss aber nicht zwangsläufig Schlechtes bedeuten. Es bedarf dringend einer neuen Denke, die bestenfalls ebenso revolutionäre Züge trägt wie das Spotify-Modell. Ein modernisiertes, dem 21. Jahrhundert gerecht werdendes Urheberrecht ist jedoch nicht in Sicht. Im Gegenteil: Es fehlen die dazugehörigen Visionen - und die notwendige Energie fließt in vorgelagtere Diskussionen wie obiger.

Haben die Vordenker des Urheberrechts im 19. Jahrhundert noch den Wert künstlerischen Schaffens in die Gesellschaft getragen, müssen wir uns heute die Frage stellen lassen: Was ist die Bedeutung von Ideen, Werken, von urheberrechtlich geschützten Werten in der Gesellschaft von heute und morgen?


Spotify alleine kann man die fehlende Antwort nicht anlasten. Die Schweden sind clevere Geschäftsleute, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und eine konsumentenfreundliche, spannende Software geschaffen haben. Ich erneuere meine Hoffnung, dass die Einkommensströme aus dem Dienst mit steigendem Erfolg auch für die Urheber eine faire und relevante Größe erreichen werden. Spotify alleine wird die Musikwirtschaft weder komplett retten noch umbringen, es ist aber vielleicht der erste Dominostein, um eine wichtige und notwendige Wertedebatte anzustoßen und in die Öffentlichkeit zu tragen.

Folge mir auf Twitter:
www.twitter.com/hannestschuertz

Kommentare:

  1. ich gebe dir in allen punkten völlig recht. was aber in den letzten 10 jahren oft auffällt, ist, dass man immer wieder den "erlösermodellen", wie du es genannt hast, nachhechelt und sich davon dinge verspricht, die sie einfach nicht halten können: einerseits weil die derzeitigen rahmenbedingungen (urheberrechtsdebatte) diesen modellen nicht entsprechen und andererseits weil diese modelle eben von geschäftsleuten gemacht werden, die natürlich - wie du es eh geschrieben hast - konsumentenfreundlich agieren wollen/müssen (und das bedeutet ja meistens auch billig und einfachen zugang). subscription-based modelle wie napster oder WE7 haben es seinerzeit nicht geschafft, weil die kataloggröße nicht gegeben war und die kundenfreundlichkeit zu wünschen übrig lies. anyway...das modell an sich war das gleiche wie heute.

    nehmen wir mal an, der erlös pro stream würde 1 euro betragen. würden sich dann auch die debatten über ästhetische entwertung, urheberrecht, etc... aufhören? wäre dann jeder zufrieden? geht es jetzt rein um den geringen erlös oder geht es bei dieser debatte nicht oft um viel mehr, als nur das?

    "spotify alleine wird die musikwirtschaft weder komplett retten noch umbringen" hast du geschrieben und da geb ich dir auch wieder völlig recht, weil sich spotify weder für die rettung der musikwirtschaft noch für die zerstörung derselben interessiert, sondern einzig und allein dafür, den konsumenten optimal zu servicieren. und das ist ja bei allen anderen musikservices genau so und ist natürlich verständlich.

    mir kommt es oft so vor, als ob wir in den letzten 10 jahren immer im kreis diskutieren und (vor allem die musikindustrie) auf ein "erlösermodell" warten, das uns (aber vor allem die musikindustrie) wieder dahin bringt, wo sie mal war. es wird aber schön langsam zeit, dass wir uns selbst von diesen gedanken erlösen und den fokus auf andere aspekte legen, nämlich auf jene plätze hin, wo wir (artists, labels) die möglichkeit haben, unsere kanäle selbst zu kontrollieren. wo wir auch die möglichkeit haben unsere konsumenten direkt und auf kreative art und weise zu "servicieren". das wir uns dabei im "middle-class"-artist bereich bewegen, so wie es mike king schön dargelegt hat, wird und ist bereits (teilweise) realität.

    jop, mein senf dazu. was meint ihr dazu?

    AntwortenLöschen
  2. Ich bin nach den ersten Tagen positiv von Spotify überrascht. Für mich als Albumhörer wird es zwar meine mp3-Sammlung nicht ganz ersetzen, aber für Playlisten ist es ob des geringen Speicherplatzes auf meinem Handy ideal und fürs Mal-zum-Reinhören (gerade bei den Katalog-Leichen, die zu runden Jubiläen von den Labels wieder ausgegraben werden) ist es echt praktisch.

    Auch das Vergütungsthema sehe ich nicht nur negativ. Zwar sind 0,0003 Cent/Stream natürlich eine Frechheit (das trifft übrigens auch auf den iTunes-Preis von Alben zu), aber ich streame jetzt auch Alben, die ich mir bereits gekauft habe und für das bloße Hören der Musik am PC hat der Künstler ja bislang nichts bekommen – also verdient er jetzt im Idealfall doppelt.

    AntwortenLöschen
  3. Verstehe ich Deinen letzten Satz richtig, Hannes: das Modell "Spotify" kann/soll/wird relativ rasch eine Wertedebatte (u.a. die Bemessung des Werts von künstlerischer Arbeit) triggern? Ja, denkmöglich. Aber unwahrscheinlich. Denn der KnowHow- & Rechteverwerter-Apparat - von Spotify über die IFPI bis zur AKM - verhält sich undurchsichtig. Und die Künstler, Labels, Verlage werden erst in Jahren (wenn überhaupt) draufkommen, was wirklich läuft und ob Spotify & Co. es bringen. Oder nicht. Dann lässt sich aber möglicherweise nicht mehr der Retourgang einlegen.

    AntwortenLöschen
  4. Bin, nebstbei, gespannt, wie sich Apple & Co. mit ihren Cloud Services vergleichsweise schlagen. Und sehe wieder mehr Chancen für physisches (High Class-)Produkt, abseits Saturn, Mediamarkt & Co... http://groebchen.wordpress.com/2011/06/11/wolkenkuckucksheim-2/

    AntwortenLöschen
  5. Physisches Produkt wird definitiv einen Stellenwert im Markt behalten, sei es als Deluxe-Produkt oder eben zum "ins Regal stellen" (geht ja mit einem mp3 schlecht). Und ja, ich glaube es ist möglich, dass Spotify und die entstehende Diskussion in so etwas wie einen (Um-)Denkprozess führt - und wir hier drinnen sind dafür mitverantwortlich. Die wirklich guten Vorschläge und Visionen, vielleicht auch radikaler Natur, fehlen noch. Jetzt diese Diskussion anzuheizen bedeutet ja auch bis zu einem gewissen Grad dein geschildertes "zu spät"-Szenario zu verhindern. Wir sind die 82%! (18 gehören den Majors ;-)

    AntwortenLöschen
  6. Ist mir gerade untergekommen... http://www.newmusicbox.org/articles/is-the-spotify-model-really-the-answer/

    AntwortenLöschen
  7. Access vs. Ownership: Das Dilemma des E-Book-Marktes.

    AntwortenLöschen
  8. vielen Dank ... Ich hoffe, dass weitere Themen

    AntwortenLöschen
  9. vielen Danke .. Zum Thema, ich hoffe, mehr anzeigen .. :)

    AntwortenLöschen