Montag, 28. März 2011

Of course I´m a Lobbyist.

Warum das öffentliche Verurteilen von Ernst Strasser etwas Verlogenes an sich hat.

Diese Woche wurde dem in Kopfschütteln ohnehin geübten Österreicher eindrucksvoll demonstriert, wie man dezent ramponierte Begriffe wie "Lobbying" und "Politiker" endgültig den Bach - oder eher die Niagara-Fälle - hinunterjagt. Eigentlich ist die Strasser-Affäre bloß Schokostreusel auf dem Schlagobers des eh schon zu süßen Kuchens. Das Vertrauen in "die da oben", die sichs "richten", ist nur nochmal einen Deut nachhaltiger geschädigt, als es das schon davor war. Da stellt sich der Laie durchaus die Frage, ob und wie das gegenwärtige politische System und also die Demokratie den Kopf aus der Schlinge kriegen könnte.

Es gab beispielsweise immer wieder Ansätze und Vorschläge, Politiker (deutlich) besser zu bezahlen. Sie wurden angesichts einer sichtlich empörten Öffentlichkeit rasch abgedreht und nicht ernsthaft diskutiert - und das ist schade. Freilich ist die Lösung nicht eine simple Gehaltserhöhung für die führende Kaste. Aber die Theorie „Smart guys don´t go into politics" hat hier ihre Hintergründe und erscheint logisch: Warum sollte jemand, der clever ist, diesen Schritt gehen?

Die kapitalistische Welt bietet ihm/ihr reichlich Alternativen, um ohne großen Aufsehens des "Volkes" ein Vielfaches an Geld zu verdienen, sich den "Kick" des Erfolgsdrucks anderswo zu holen und seine erworbene Qualifikation vergolden zu lassen - auch und gerade im (Post-)Krisen-Zeitalter (Die "real smart guys" haben ohnehin geschafft, aus der Krise noch mehr Kapital zu schlagen). Wir müssten also genau hier eine wirklich fundamentale Systemfrage stellen: Wer „regiert“ eigentlich, wo liegt die Macht wirklich?

Schnell schießt der Boulevard in diesem Fall gegen „die Lobbyisten!“ – und nicht umsonst ist der von Mythen umrankte Beruf das Ziel so vieler Politiker vor, während (sic!) oder nach ihrer Karriere – sie haben ihren Job als Volksvertreter bereits ursprünglich wohl auch deswegen ausgewählt, um dem „Zentrum der Macht“ nahe zu sein (also in der "Lobby"). Was, wenn es jetzt ein Stückchen weiter drüben liegt? Gehen wir einfach rüber?

Dass sich manche dann so ungeschickt anstellen wie der werte Ex-Innenminister, beweist an sich nur, dass auch der Job des Lobbyisten geübt, studiert, erlernt und mit Vor- und Umsicht ausgeübt werden sollte. Seien wir offen: Lobbyisten sind (etwas bösartig formuliert) genauso Manipulateure zugunsten der Interessen ihrer Auftraggeber wie hochbezahlte PR- und Werbeagenturen.

Dennoch: Wir reden von einem ernsthaften, herausfordernden und durchaus auch wichtigen Beruf. Bloß vergessen die Politiker allzu oft, dass sie ohnehin auserwählte und gut (aber offenbar nicht gut genug) bezahlte Lobbyisten sind: Jene des Volkes, dass sie vertreten.

Insofern wäre eine Jobanforderung, auch dieses Spiel zu beherrschen, in einer passiven ebenso wie in einer aktiven Rolle. Wo wir das Qualifkation vs Output-Spiel wieder von vorne beginnen könnten… Das nicht neue Fazit „Wer klug genug für die Politik ist, ist klug genug, nicht in die Politik zu gehen“ läge an dieser Stelle nahe.

Das Herbeizitieren Kennedys ("Frage nicht, was der Staat für dich tun kann; frage, was du für den Staat tun kannst") reicht längst nicht mehr. Die als Pauschalurteil freilich nicht zulässige Schlussfolgerung wäre demnach, in der aktuellen Tagespolitik säßen keine klugen Köpfe.

Das Vorurteile dieser Natur auftauchen ist allerdings kein Wunder. Schließlich haben wir es mit einer verkrusteten Parteienlandschaft zu tun, in der der Populismus seit dem Aufstieg Jörg Haiders nicht zum Stilmittel, sondern zum Programm gemacht wurde. Solche Formen der Kommunikation mögen dabei zwar ein probates Mittel zum Erfolg sein, vermögen aber gerade in der Politik nicht die dahinterliegende Leere zu kaschieren. Justament Haiders Erben, Ziehsöhne und blau-schwarzen Weggefährten beweisen das ja gerade vorbildlich.

Womit wir beim moralischen Aspekt wären: Wenn Österreich politisch in einem Punkt voraus ist, dann im Rückfall in die moralische Steinzeit. Warum aber gerade wir (im Übrigen und entschuldigend: absolut nicht nur wir)?

Ist es die "Lässigkeit", das "Gschlamperte", das dem Österreicher innewohnt? Das wäre zu einfach. Vielmehr wäre an dieser Stelle das Bildungssystem, das Fortpflanzen der Freunderlwirtschaft als Staatsprinzip, das Dulden und stille Fördern von "Pfusch" zu kritisieren. All das wird als "normal" hingenommen, weil der Staat es nicht geschafft, den Mehrwert seines Systems zu erklären und zu transportieren. Wir unterwandern damit letztlich sehr beständig unsere Demokratie.

Bereits als Kleinkind bekommt der Österreicher eingeimpft, es wäre besonders clever, den Staat wo es nur geht auszunutzen und zu betrügen. Die Rechtfertigung des erwachsenen Staatsbürgers dazu ist dann bevorzugt "tun ja alle anderen auch, mir erwächst also ein Nachteil, wenn ich es nicht tue." Quersumme: Korruption ist ein in allen Größen und Farben erhältlicher Kavaliersdelikt, der nicht nur geduldet, sondern respektiert, anerkannt und gefördert wird.

Ist es somit nicht ungeheuer verlogen, wenn wir Ernst Strasser dafür geißeln, in einem Anfall von Ehrlichkeit wenigstens zu gestehen: „Of course I´m a Lobbyist“?

In genau diesem Satz manifestiert sich die Anerkennung eines Systems, dessen Scheitern wir längst als unumkehrbares Faktum hingenommen haben. Wir, die wir darüber aus Verzweiflung lachen; Strasser, der alle Seiten dieses Systems verkörpert. Dieser Satz verleiht dem Misstrauen in die Politik direkt in ihrem Herzen einen Nachdruck, dem wir uns nur willfährig ergeben können.

Danke trotzdem, Sunday Times.

Sonntag, 20. März 2011

Pop: Kultur oder Industrie?

Kann ein Song die Welt verändern oder ist er nur ein Zahnrädchen in einem Geldschein-vermehre-dich-Spiel? Ein Grundsatzimpuls für eine der ewig jungen Fragen des Pop.

Neulich stand wieder eine Reise nach Kufstein auf meinem Programm, wo ich regelmäßig als externer Lektor für die FH-Studiengänge Sport-, Kultur- und Veranstaltungsmanagement den Themenkomplex Musikwirtschaft erläutern darf. So unterschiedlich die Zugänge der dort Studierenden sind, so unterschiedlich sind die Fragen und Interessen im Bezug auf die Musik.

Das gestaltet die Tätigkeit ausgesprochen abwechslungsreich und spannend, denn das Interessante am Stoff ist sowohl für die Volksmusiker als auch für die Heavy-Metaller das Gleiche. Er dreht sich um das "Geschäft" mit der Musik und wie ein solches entstehen kann - und damit reden wir vornehmlich über Verstehen und Werken mit dem Urheberrecht - ein ohnehin wild umfehdetes Gebilde in Tagen wie diesen.

Ein zweiter Aspekt kristallisiert sich dabei immer wieder bei solchen Anlässen deutlich heraus, nämlich eine dabei gefühlte klare Trennlinie zwischen den Begriffen "Kultur" und "Industrie". Ist Pop das eine, das andere oder beides? Sind die bösen Majors die Industrie, während die braven Indies die Kultur schaffen?

Wie die aufmerksamen Studierenden bemerken: Hat man die Geldverläufe, die Mechanismen des Wirtschaftssystems erstmal verstanden, kann man auf diesem "Instrument" auch vorzüglich - also industriell - spielen. Das Urheberrecht, das geschaffene Werk, der Song ist in diesem "industriellen" Fall Ausgangsmaterial für ein Geschäftsmodell und nimmt eine Rohstoffrolle ein. Wie in der Industrie dienen dann Preis- und Marktpolitik, Vermarktungsstrategien und zielgruppenorientierte Qualitätsmerkmale dazu, ein Stück Musik auf eine Stufe mit Holz, Metall oder ein Maiskorn zu stellen. Man kann es normen ("3 Minuten-Stück fürs Radio"), man kann es formatieren (CD, "Albumformat"), man kann es in Massen und immer verwechselbareren Formen herstellen (Hallo, David Guetta!). 

Die "andere" Seite freilich ist, dass Musik die Kraft einer kulturellen Definition innewohnt. Ein Musikstück kann Protest sein, Reflektor oder Chronist des Zeitgeschehens. Sie kann neue Genres und neue Kunstformen schaffen, eröffnet völlig neue Weltbilder und verändert das Verständnis und die Möglichkeiten von Klang oder Textvermittlung. Wir kennen das alles.

Doch ist die Trennlinie noch so klar? Wir sind an einem Schnittpunkt angekommen. Er bildet eine vortreffliche Diskussionsgrundlage für etwa eine Million Splitterfragen, eine davon hat Martin Blumenau schon behandelt, als er das Verschwimmen von Berufs- und Privatleben von Musikern thematisiert.

Wenn mit Arcade Fire zweifellos eine der wichtigsten und einflussreichsten Popbands der Gegenwart den Industriepreis Grammy gewinnt, führt man die beschriebene Systematik nicht bereits ad absurdum - oder gibt man ihr nur einen neuen Twist, einen Impuls? Versucht man wie so oft, einen Trend aus der Subkultur zu adoptieren und markttauglich zu adaptieren? Nimmt man der "Kultur" damit etwas weg, um es der Industrie zu schenken? Wird aus "Indie" plötzlich "Major"? Oder rechtfertigt man dadurch erst den Kulturbegriff an sich darauf anzuwenden?

Musik, insbesondere Pop, ist längst Gebrauchsware geworden. Die revolutionäre und weltverändernde Kraft eines Songs ist in der schieren Menge des Angebots untergegangen. Und gerade deswegen ist an dieser Stelle eine Figur wie Lady Gaga hervorzuheben, weil sie eine perfekte Verschmelzung dieser Diskussion zu einem gigantischen Pamp geschaffen hat.

Sie treibt die Industrialiserung der Musik so brutal voran, dass dies schon wieder als eigene Kunstform rezipiert wird - frei nach dem Kolumbus-Motto: Umso weiter westlich ich fahre, umso weiter östlich komme ich raus. Sie hat (samt Umfeld) Pop als viel mehr als "bloß einen Song" verstanden und spielt dieses Multi-Instrument perfekt: Inszenierung, Skandalisierung, Provokation et al. Musik ist nur noch ein beiläufiges Tool. Ihre Songs werden größtenteils bald vergessen sein, doch hat sie sich als Marke längst in die Zeitgeschichte der jüngeren Vergangenheit eingraviert. Vielleicht war Musik auch hier bloß ein Steigbügelhalter für zukünftige Parfüms und Modelinien - wir werden es sehen.

Die Eventisierung der Welt und das Fokussieren auf Spektakel aller Orten ist die Endstufe der Musik-Instrumentalisierung und -Industrialisierung. Eine diesbezügliche Diskussion im Freundeskreis betraf jüngst auch Kanye West und die Frage, ob er imstande wäre, eine große Konzerthalle in Österreich zu füllen. Die Antwort war: Klar.

Der Knackpunkt: Kanye West läuft hierzulande nicht wirklich im Radio und tritt nicht im Fernsehen auf, hat kaum Musikpresse - und ist doch einer der "Kings" des aktuellen Pop. Warum? Er twittert, bloggt, youtubed, skandalt rum und ist vor allem mit seinen Eskapaden ein weltweiter SocietyPress-Kaiser. Eine Show von ihm käme eher im Kronen Zeitung-Society-Raster vor als in der dortigen Kulturseite.

Es geht nicht darum, ob und wieviele seiner Songs man kennt (für die meisten gilt: sehr wenige). Es geht nicht darum, ob und wieviele Platten er verkauft (deren hierzulande verschwindend wenige). Es geht um das "Kanye West sehen", Marke Lugner-Opernball-Gast, Marke Adelshochzeit. Musik? Relative Nebensache. (Wobei ihm hoch anzurechnen ist, wie er mit diesem selbst erworbenen Status umgeht und ihn künstlerisch verarbeitet, nämlich spannend und innovativ). 

The State of Pop is in danger. Wir müssen die eingangs gestellte Frage wenn, dann neu und völlig anders stellen, Pop neu definieren und die Musik als einen kleinen Teilbegriff davon abhaken.

 
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