Dienstag, 4. Oktober 2011

Ein kleines bisschen Geschichte.

Es ist aus vielen Blickwinkeln immer noch ein klein wenig unglaublich: Nach vielen Jahren und ebenso vielen Anläufen ist an diesem Wochenende tatsächlich ein Club-/Showcase-Festival samt Konferenz in Wien vonstatten gegangen. Ein kleines bisschen Geschichte dazu.

Schon als ich im September 2009 mit Tatjana Domany und den Kollegen von AMAN  die "Austrian Music Convention" initiieren durfte, war der Plan, ein Showcase-Festival in Wien abzuhalten, nicht mehr ganz taufrisch. Für die Stadt und die hiesige Branche aber war sie immer noch vergleichsweise revolutionär. Damals hatten wir internationale Gäste eingeladen, mit uns über die Sinnhaftigkeit, den Aufbau und den Zweck einer solchen Veranstaltung diskutiert und erstaunliche Resonanz und Ergebnisse erfahren. Das machte soviel Mut, dass wir danach mit der Idee "shoppen" gingen. Bei Sponsoren und Vertretern der Stadt gab es große Augen, Anerkennung, Glückwünsche, aber zuguterletzt nicht die ausreichenden Mittel zur Umsetzung. Es war die dritte derartige Runde in wenigen Jahren, mit stets erweiterten Teams und adaptierten Konzepten. Die Voraussetzungen waren so gut wie nie, denn dass die Labels (AMAN ist eine gemeinsame Interessensvertretung exportorientierter Labels) und kurz später auch Musikinformationszentrum (mica) überhaupt zusammen vorgingen, war bis kurz davor noch jenseits des Vorstellbaren (aber das ist eine andere Geschichte).

Ein paar Monate später wurde plötzlich das Popfest präsentiert. Die Stadt Wien hatte also doch Geld. In diesem Fall, um den Karlsplatz zu beleben. Bewiesen wurde in diesem Zusammenhang vor allem, dass es um Beziehungen noch mehr geht als um Ideen - aber immerhin: die Idee war spannend und durchaus gut. Sie kam von "außen" (Christoph Möderndorfer zählt nicht unbedingt zu den szenischen Protagonisten der Wiener Musikwelt, was hier durchaus ein Vorteil war), die Programmierung wurde clever mit einem fähigen Kurator (Robert Rotifer) besetzt. Zweck und Kommunikation des Festes waren nach innen gerichtet - wer diesen Blog verfolgt weiß, wie wichtig und notwendig ich das finde. Was (im Vergleich zu unserer Idee) fehlte, war ein Mehrwert, der "Raus"-Charakter, die Vernetzung ins Internationale.

Einer meiner ersten Wege nach Bekanntwerden des Popfest-Projektes führte mich daher zu Christoph Möderndorfer, um ihn über die Tätigkeiten der "Brancheninsider" AMAN/mica zu informieren. Nach ein wenig Überzeugungsarbeit zählten wir eins und eins zusammen - entstanden sind die Panels und Talks (unter Federführung von Franz Hergovich und Rainer Praschak im mica) mit nationalen und internationalen Gästen, die dem Popfest in den letzten beiden Jahren eine Bereicherung waren und Mehrwert gaben.

Wir nutzten diese Gelegenheit, um eine Handvoll internationaler Gäste nach Wien zu holen, um sich mit ihnen auszutauschen und ihnen die vitale hiesige Szene im vollen Glanz (des Popfestes) zu zeigen.

Im Herbst 2010 sprach mich dann Thomas Heher (TBA) an, ob wir nicht noch einen Versuch wagen sollten, Wien auf die Landkarte international besetzter Clubfestivals zu setzen - er hätte da eine Idee, die uns bei der Finanzierung helfen könnte. Das Medienhaus Monopol erwies sich in der Folge als "Missing Link" einer ohnehin bereits bemerkenswerten Kooperation. Ausgezeichnete Kontakte zu Sponsoren, eine an (hierenthalben notwendige) Naivität grenzende Vision, ein (siehe oben) gut aufbereiteter Boden, städtisch-szenische Aufbruchstimmung dank Popfest, eine Gesprächsbasis zwischen den wichtigsten Mitspielern, der Wille zu gemeinsamer konzeptioneller Arbeit - all das sind Gründe, warum Waves Vienna am vergangenen Wochenende zum ersten Mal über die Bühne gehen konnte.

Warum aber hat es diese Veranstaltung überhaupt gebraucht? Der Effekt von Waves Vienna kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die österreichische Musiklandschaft hat in den letzten Jahren einen Aufbruch erlebt, ist aus einem Dornröschenschlaf erwacht. Dennoch ist der Rückstand zum internationalen Markt in vielen Bereichen offenkundig. Während sich die Qualität der Bands zügig auf hohes internationales Niveau heranpirscht, ist die Landschaft an Professionisten vergleichsweise äußerst dünn besiedelt. Es gibt kaum "Manager", Antreiber, wenige international operierende Labels und Agenturen, der transnationale Vernetzungsgrad ist gering. Es fehlt der Mut zu investieren, der Mumm sich zu Musik als Profession zu entschließen (das hat auch Marktgründe), der unbedingte Wille sich zu verbessern und weiter zu bilden.

Immerhin: Kooperieren geht mittlerweile wengistens national (man nehme nur genau diese Geschichte als Beispiel), langsam wird auch begriffen, dass es mehr braucht als darauf zu warten, ob FM4 den neuen Song spielt oder nicht. Immerhin: Man zieht zum ersten Mal mit einer breiten Armada an einem Strang - es gibt schließlich kaum etwas, worauf man dem anderen gegenüber neidig sein könnte.

Waves Vienna kommt also genau zum richtigen Zeitpunkt: Das "Kochen in der eigenen Suppe" hat zwangsläufig endlich ein Ende, Herrn und Frau österreichischem Musikmenschen wird direkt vor der Haustür ein kleines bisschen Welt zu Füßen gelegt: Zum Konferenzteil haben sich mehrere hundert Besucher angemeldet, gekommen waren unter anderem Vertreter einiger der wichtigsten Fach-Events der Welt: SXSW (Austin, US), Eurosonic (Groningen, NL), MaMa (Paris, FR), Reeperbahnfestival (Hamburg, DE), Spot Festival (Aarhus, DK), Canadian Music Week (Toronto, CA) und solche bedeutender osteuropäischer Festivals (Sziget, Exit, Wilsonic, Rock For People...). Management-Legenden wie Peter Jenner (früherer Manager von Pink Floyd und The Clash) sprachen und tratschten, Delegierte aus so bunt verstreuten Ländern wie Schweden, Belgien, Polen, Ungarn oder der Türkei waren hier und lauschten und diskutierten. Journalisten von BBC oder Clash Magazine sowie zahlreicher osteuropäischer Medien waren ebenso vertreten. Das intensive Vernetzen und Trommeln der Beteiligten, das Kennenlernen all dieser Leute auf eben solchen Events in aller Welt, verstreut über die letzten Jahre: es hat Früchte getragen.

Nebeneffekt: All diese "prominenten" Gäste gingen mit uns des abends in die Clubs um unter 80 Acts auch rund 30 österreichische Künstler zu sehen, die neben Gang Of Four, EMA und Zola Jesus nicht bloß Beiwerk waren. Sie haben sich mit den Leuten in Wien über Wien unterhalten, sich vernetzt und ausgetauscht. Sie haben sich ein Bild gemacht, dass sie sonst nie bekommen hätten - und waren erstaunt. Über die Qualität und Dichte der Szene, über die Coolness der Lokale, über die Schönheit der Stadt, über den Mut im Jahr 2011 so ein Event neu zu erfinden. Wien als Standort wird jetzt ein schönes Stück weit ernster genommen, besser verstanden und in Zukunft mehr gefragt - und versprochen: das war erst der Anfang.

Das Feedback zu dieser ersten Ausgabe hätte gar nicht viel besser sein können. Es wurde gelobt, aber auch konstruktiv und sachlich auf zweifelsohne noch vorhandene Schwächen und Fehler hingewiesen, nicht ohne zu betonen, wie weit Waves Vienna für seine Erstausgabe bereits sei (gerade von jenen, die selbst solche Events aus dem Boden gestampft hatten). Zurück kommen wollen alle. Nicht zuletzt, weil wir Wien als das hergezeigt haben, was es ist: Eine wunderschöne Stadt, die sich geographisch bestens als Verbindungspunkt zwischen ost- und westeuropäischer Märkte eignet; als Treffpunkt und Konferenzort - noch dazu mit reichlich Partypotential ;-).

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