Montag, 31. Dezember 2012

Das Jahr 2012.

2012 und ich werden wohl keine guten Freunde mehr - soviel kann man mittlerweile sagen. Das Jahr hat genervt und mich in dementsprechender Stimmung hinterlassen. Aber was will man von einem Jahr schon viel erwarten, zu dem Roland Emmerich schon längst einen Film gemacht hat? 

Halte ich heute, im Alter von 35, ein wenig inne und blicke zurück, überkommt mich das seltsame Gefühl eines gewaltigen Deja-vues. "Haben wir uns schon einmal wo gesehen?" Gewiss, die Kleidung und die Frisur haben sich geändert, aber wie der kalendarische Zyklus der Mayas oder die regelmäßig wiederkehrenden Sonnenflecken sind es auch politische Skandale, seltsame Korruptionsaffären oder royale Hochzeiten, die den Eindruck verstärken: In Wirklichkeit doch alles schon da gewesen. Bedeutet das folglich, dass der Mensch wirklich so wenig lernfähig ist und so schnell vergisst?

"Erfahrung" oder auch Alter bedeutete demnach, bestimmte Strickmuster - oder eben Zyklen - in der Welt zu erkennen. Damit ausgestattet, gibt es kaum etwas Langweiligeres als den nächsten großen Hype und den neuen heißen Scheiß zu beobachten. Es ist am Ende des (speziell des heutigen) Tages die berühmte "same procedure as every year".

Geändert hat sich nur die Geschwindigkeit: Der Fleischwolf der sensationsgierigen Maschinerie Mensch ist unerbittlich und folgt quasi dem olympischen Prinzip citius, altius, fortius. Mehr von allem, schneller, und am besten aus der Stratosphäre kommend.

Alles ist nur mehr durchgehypte Mode, die heute "hip" ist, morgen von der Stange kommt und übermorgen uninteressanter Schnee von gestern ist. Nichts ist langweiliger als der Tweet von vor einer Stunde: Kate ist schwanger? War doch schon eine alte, aus meiner Timeline gepurzelte Meldung bevor es erstmals als "Breaking News" auf ORF ON blinkte. Und deine "Hast du schon gehört?"-Geschichte hab ich schon gestern auf Facebook gelesen.

Warhols berühmte 15 minutes of fame sind längst nur mehr Sekundenbruchteile - und jeder scheint mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (Internet! Katzenvideos! Memes!) danach zu gieren, diesen Kampf um ein klitzekleines bisschen Aufmerksamkeit zu gewinnen. Es ist ein bisschen wie auf den nächtlichen Himmel zu schauen und auf eine Sternschnuppe zu hoffen: Die Freude ist groß, wenn man den richtigen Moment und also eine Sternschnuppe erwischt hat. Das Blöde an solchen Momenten ist, dass sie sternschnuppenkurz sind. Mit neuzeitlichen Tools wie Twitter und Facebook befriedigen wir unsere Sucht nach immer neuen und immer mehr solcher Sternschnuppen. Dass deren Besonderheit darunter dramatisch leidet, vergessen wir dabei ebenso leicht wie das Faktum, dass wir nur auf den Himmel schauen.

Das ist natürlich etwas dramatisiert, aber mein Punkt ist: Es wird immer schwieriger und mühsamer, sich etwas mit Tiefgang und Nachdruck zu widmen, das Besondere (daran) zu finden und es wirken zu lassen. Gleich ums Eck lauert die nächste Ablenkung, der nächste Störversuch, das nächste Etwas, das gehört und gelesen werden möchte, um für einen kleinen Moment deine Sternschnuppe zu sein.

Was soll man zum Beispiel viel über die Musik aus einem Jahr sagen, in dem sogar Pitchfork-Redakteure "Call Me Maybe" und "Gangnam Style" in ihre Jahresbestenlisten aufgenommen haben? Etwa, dass es Mumford & Sons mit "ihrem Song" in den Mainstream geschafft, Wiesen ausverkauft haben und dann doch die Rechtsabbiegung in Sachen ewige Wiederkäuung eines erfolgreichen Konzepts genommen haben? Dass die Ironie von Deichkinds "Leider geil" nicht nur die Jahresnummer 1 auf FM4, sondern auch die Pauschal-Entschuldigung für eine ganze Generation an gescheiterten Gutmenschen geworden ist? Oder das der elende "Dubstep" (oder noch besser "EDM", wie die Amis ihre "electronic dance music" neuerdings verallgemeinernd nennen) mittlerweile in jede Auto- und Fast-Food-Werbung Einzug gehalten hat?

Keine Sorge, das "Ding" wird ebenso durch den Fleischwolf gedreht wie die "Dinge" davor:
"Folk" durfte das in den letzten 5 Jahren erleben: Alles was einen Vollbart hat, und wenn es Calypso spielt, ist Folk-dies und Folk-das. Folk ist das neue Indie, dass das neue Alternative war. Heutzutage allesamt ausgelatschte Stiefel, deren Existenz im Schuhschrank die meisten leugnen, die es damals als das schickste Teil der Stadt vorgeführt haben.

Fakt: Ich habe kein einziges Album aus diesem Jahr so weltbewegend großartig gefunden, dass es sich auf eine Bestenliste zu schreiben lohnen würde. Das heißt nicht, dass es da draußen keine gute Musik gäbe, aber das ewige Geschrei da draußen verlangt mitunter auch nach ein wenig Stille.

Wir sollten mit manchen Wörtern ebenso verfahren und sie einfach vorübergehend zur Seite legen. Insbesondere solche, die schon so heftig mißbraucht und umgedreht wurden, dass sie erst wieder als "Vintage"-Ware (sic!) in 30 oder 60 Jahren - beim nächsten Zyklus - verwendbar werden: Lassen wir bitte sämtliches "Bio", "Ökö" und "nachhaltig" im Jahr 2012 liegen, genauso wie alles "gegenderte", oder alles, was "jung und dynamisch" ist.

In diesem Sinne: Geh in Oasch, 2012.
Hallo 2013. Schön, dich kennenzulernen! Sag: Haben wir uns schon mal gesehen?

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Montag, 3. September 2012

Filmriss.

Wir Menschen in der sogenannten Musikwirtschaft sind hoffnungslose Idioten, wenn wir glauben, in einem existenzfähigen Markt zu leben. Weil wir beständig die letzten in der Nahrungskette sind. Einer von vielleicht vielen naiven, polemischen, aber höchst fälligen Beschwerderufen.

Eine kleine Geschichte wahrer Begebenheiten.
2010 hatten wir mutig die Firma "Swimming Pool" als hierzulande recht unikate Sync & Licensing-Agentur gegründet. Die Idee war (und ist), einen Pool an ausgewählten Musiktiteln (ergo einigermaßen gemeinschaftlich für die vitale Wiener Indie-Szene) Musik in Bereichen zu verwerten und vermarkten, wo das bislang kaum bis gar nicht passierte: in Film, Werbung, Games, Telefonwarteschleifen etc. Initialzündung dafür war, dass es kaum lohnte, die dafür notwendige Netzwerk- und Aufbauarbeit für einen vergleichsweise kleinen (eigenen) Indie-Katalog alleine zu investieren. Das gleiche Problem hatten oder sahen aber auch zahlreiche befreundete Labels und Verlage. Der kumulierte Katalog hingegen war attraktiver und wesentlich größer, die Idee wurde von departure startgefördert.

Die ersten beiden Jahre verbrachten wir banal gesprochen hauptsächlich damit, Menschen da wie dort kennen zu lernen und ihnen zu erklären, was Musik eigentlich ist - von emotional bis rechtlich. Musik und dazugehörige Rechtsfragen - das sind in Produktionsfirmen und Werbeagenturen relativ nebensächliche Baustellen - entsprechend wenig bis gar nicht besetzt sind derartige Positionen. Swimming Pool hat dem entgegen gesetzt etwa eine diplomierte Music Supervisorin im Team - also Know How.

Mancherorts wurde diese Botschaft durchaus verstanden: Swimming Pool bietet Beratung, eine Professionalisierung im Bereich der Musik; eine höchst fällige Ergänzung eines Teams von Textern, Kameraleuten, Regisseuren um einen weitere wichtigen Baustein - oder einfach eine Outsourcing-Möglichkeit für das Klären von Rechten oder das Finden eines passenden Musikstückes.

Aus der Perspektive des Musikwirtschafters scheint es, als leben Werbung und Film im Schlaraffenland. Es gibt festgelegte Tarife für ihre Arbeit; das eine Business blüht (vergleichsweise), das andere ist dank vielfältiger Fördertöpfe zumindest grundfinanziert. Das allgemeine Jammern in den Branchen ist - wiederum verglichen mit der prekären Situation für Musiker - eines auf relativ hohem Niveau.


Bloß. Schon die Filmbranche ist chronisch unterfinanziert, lebt in einem latent unterkritischen Markt. Ihre Abhängigkeit von der Gnade der Fördergeber ist gigantisch: Ein nicht gefördertes Projekt ist de facto nicht umsetzbar.

So geschehen auch bei einem Projekt, mit dem wir unlängst zu tun hatten: Erster Förderantrag: abgelehnt. Die in der Folge geschlossenen "Verträge" waren eine Anerkennung seitens der Musiker, das Projekt dennoch zu unterstützen, "dabei sein" zu wollen. An dieser Einstellung änderten auch weder die eher etwas gar simpel gehaltene Vereinbarung noch die Tatsache, dass es dann doch eine (kleine) Förderung für das Projekt gab, etwas. Man ist in Österreich, man kennt die Situation, man hat trotz (oder wegen) der eigenen tristen Lage Verständnis.

Nun. In besagter Förderung wurden natürlich alle Punkte berücksichtigt: Kamera, Drehbuch, Schnitt, Regie... aber keine Musik - schon gar nicht zu lizensierende. Die ist nämlich im Gegensatz zu den anderen Posten weder tariflich geregelt, noch gibt es entsprechende Professionisten (eben zb Music Supervisor) dafür im Team. Sie wären also angesichst der Förderrichtlinien auch gar nicht "förderbar" und sind damit beliebte erste Opfer bei allfällige Streichungen. Weil in Filmen gibt es ja, wie wir alle wissen, keine Musik. (Irgendwie erinnert das den Fußballfan in mir fatal an den Sager eines Teamchefs, Taktik sei überbewertet.)


Die Folge: Die Summen, die letztlich im Umlauf sind, sind ungemein gering. Aber es wäre ja nicht so, dass wir derlei Zahlen nicht gewohnt wären. Nur sind sie letztlich so irrelevant, dass sie es in weiterer Folge ganz offen gesprochen marktwirtschaftlich auch nur schwer Wert sein können, dafür eine Firma aufzubauen, in der sich Menschen um den richtigen, sinnvollen und rechtlich geklärten Einsatz der Musik kümmern. Schon gar nicht dafür teuer ausgebildete. (Das wäre jetzt in etwa: Individualtrainer sind überbewertet).

Die Entschuldigungen und Argumente, die seitens der Produktionsfirmen kommen, sind dabei zwar durchaus redlich, begründet und ernst gemeint - die Zahlen sind schließlich größtenteils Resultat besagter Förderabhängigkeit. Als Ernte bleiben den Musikern dennoch meist ein Taschengeld, der Stolz in einem Abspann zu stehen und die "großartige Promo". Dabei handelt es sich bei einem Lizenzgeschäft wie diesem gerade nach dem Niedergang der Tonträgerverkaufszahlen um eine der wichtigsten Einkunftsquellen für sie.

Wobei, da wäre ja noch die AKM. Die Verwertungsgesellschaft der Autoren, Komponisten und Musikverleger kassiert schließlich auch in jedem Kino für die Aufführung von urheberrechtlich geschütztem Material Geld - und eigentlich gar nicht so wenig. Und was kommt dabei so rum?

Für einen Titel, der zuletzt in einem erfolgreichen österreichischen Kinofilm mit mehr als 200.000 Besuchern lief, schüttete die AKM im Hauptabrechnungsjahr Euro 5,45 an Tantiemen aus. Für 23 Vorführungen. Kann sich irgendwie nicht ausgehen? Dachte ich auch, und erfuhr auf Nachfrage, dass Kino-Einnahmen größtenteils "pauschaliert" werden und nur Großkinos mit hohen Umsatzziffern detailliert abgerechnet werden. In besagtem Beispiel kostet das dem Urheber geschätzte 2.500 Euro. Die AKM ist hier der Feind im eigenen Bett (aber das ist eine eigene Geschichte...).

Wäre die Lage für Musiker in diesem Land nicht ohnehin schon fatal...

Ich möchte diese Geschichte mit einem Vorschlag - nein, einer Forderung beenden:
Eins: Um einen Beitrag zur  nachhaltigen Professionalisierung der Musikwirtschaft in diesem Land zu leisten, sollten Music Supervisor auch in Förderansuchen als Crew-Mitglieder angeführt und akzeptiert werden. Sie sollten genauso wie Ausstatter, Caterer, Gaffer (...) Bestandteil eines funktionierenden Filmteams sein.

Zwei: Zumindest ein international üblicher Satz von 3-6% des Budgets einer geförderten Filmproduktion ist für Musiklizenzen und -kompositionen in besagten Förderansuchen vorsehen zu dürfen, ohne das laut aufgeschrieen und erst recht wieder bei der Musik gespart wird.

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Montag, 25. Juni 2012

Zum Geburtstag viel Glück.

Geburtstage bringen in aller Regel eine Menge Glückwünsche mit sich. Das ist nett; und das Glück, mit dem man symbolisch zugeschüttet wird, wäre ab und an gar nicht schlecht zu gebrauchen.

Geburtstag, also. Seit unglaublichen elf Jahren läuft der "ink music"-Laden. Setzt man die rosarote Brille auf, könnte man glatt behaupten: Wir haben einiges geschafft und viel erlebt. Nimmt man die dunkelgraue könnte man aber auch beharrlich feststellen: An den problematischen Rahmenbedingungen hat sich wenig geändert. Man darf sich dann aussuchen, ob man seit jeher einen donquijotischen Kampf gegen Windmühlen führt oder ein "Mit dem Kopf in die Wand"-Rennen betreibt, in der Hoffnung sie begänne irgendwann zu bröckeln.

Jedenfalls tut der Kopf langsam weh und kann man Windmühlen auch einfach den Nutzen für die Brotproduktion zugestehen und sie in Ruhe lassen. Die Frage "Warum tue ich mir das eigentlich an?" ist in diesem Geschäft daher spätestens dann allgegenwärtig, wenn man Alter, Kontostand, physische wie psychische Aufwendungen und Belastungen zusammenzählt.

Zurück zum Anfang. Damals, so zwischen 2001 und 2005, hatte Österreich kaum unabhängige Labels zu bieten, die im Populär- oder Alternativ-Segment angesiedelt gewesen wären. Professionell werkende "Musikwirtschafter" waren so selten wie international renommierte österreichische Fußballer. Heute, möchte man glauben, ist das etwas anders. Die digitale Revolution hat Zugänge geschaffen und damit auch Möglichkeiten. Labels sind in Gemeinschaft mit vielen talentierten Künstlern wie die Schwammerl aus dem feuchten Laubwald empor geschossen. Die Quote der österreichischen und "gefühlt erfolgreichen" Acts hat sich vervielfacht - ebenso wie die Menschen, die sich rund um die Musiker mit dem Vorankommen der Künstler beschäftigen (wollen und können). Eine Liste mit mehr oder minder "bekannten" Acts ließe sich zumindest für den geübten FM4-Hörer durchaus sehen und hören.

Sachlich gesehen ist die Anzahl der Leute, die "davon leben können" aber immer noch verschwindend, um nicht zu sagen lächerlich gering. Von einer "österreichischen Musikindustrie" zu sprechen ist ein Hohn für tatsächliche Industriebetriebe. Musik ist und bleibt größtenteils ein entbehrungsreiches Hobby. Dabei beißt sich die Katze in den Schwanz: Nur ein professionelles Arbeiten ermöglicht mittel- bis langfristig Erfolg. Nur ungewöhnlich großer Erfolg erlaubt es allerdings, seinem gewählten Beruf auch professionell nachgehen zu können. Da geht sich also was irgendwie nicht aus.

Besagtes Szenario wird leider hierzulande als gottgegeben zur Kenntnis genommen. Strukturen, von der Ausbildung angefangen bis zur Verwertung, existieren kaum bis gar nicht. Die sprichwörtliche Wertschätzung der Arbeit der musikalisch Kreativen könnte geringer kaum sein. Mit der eigentlich immensen Bedeutung ihres Schaffens für Land, Kultur, Selbstbewusstsein, Identitätsstifung und nicht zuletzt auch Verwertungsgesellschaften und Wirtschaftsbetriebe setzt sich sichtlich kaum jemand ernsthaft auseinander. Braucht also scheinbar keiner, ginge keinem ab. Dabei wäre das Potential, hier einen ernsthaften Wirtschaftszweig mit Leben zu befüllen erwiesenermaßen vorhanden.

Das Resultat? Wir Musikarbeiter leben in einer Bubble, lügen uns unter der Beobachtung der echten Welt da draußen in den eigenen Säckel. Weil das marktwirtschaftliche Überleben mit Musik noch immer eine Illusion ist, der man sich zwar leidenschaftlich hingibt - was aber nichts daran ändert, dass es sich um eine Illusion handelt.

Gründe gibt es bis zum Abwinken. Und fast alle lassen sich auf eine letztlich nicht existierende gesellschaftliche Verantwortung zurückführen, Kultur als Teil eines funktionierenden Staates zu begreifen. Da wäre die mediale Struktur mit ihrer Tendenz zum Monopol: Die "stärksten" Medien des Landes haben in ihren Bereichen mehr als 40% Marktanteil (Ö3, Kronen Zeitung, ORF-TV) - mit entsprechend fatalen Folgen (ich habe das schon viel zu oft, zb hier, hier, hier oder hier behandelt). Ich warte noch immer vergeblich auf den Tag, an dem das manische Schielen nach Quote nicht mit der Erwartung geistiger Flachheit im Publikum gleich gesetzt wird.

Selbst FM4 ist einerseits Segen (die beschriebene positive Entwicklung österreichischer Künstler ist zu einem Gutteil dem Sender und seinem Umgang mit österreichischer Musik zuzuschreiben) und andererseits Fluch (weil sich durch die Alleinstellung und gefühlte "Macht" des Senders auch eine Art Anpassung und Abhängigkeit ergibt). Nischenmedien existieren mangels Marktmasse kaum oder schlecht. Im letzten Jahr hat mit dem TBA eines der wenigen Musikmagazine Goodbye gesagt, Hefte wie "now!" bewegen sich seit langem an der Existenzgrenze oder werden wir wie skug oder Concerto nur von einem erlauchten Leserkreis wahr genommen. Breit wahr genommene, gut gemachte Blogs? Fehlanzeige. Da wird lieber in die großen Märkte geschaut, was die gut finden, muss schließlich auch gut sein. Echte Leitmedien existieren im Musikbereich genauso wenig wie ein einflussreicher, ernst genommener Feuilleton in der Tagespresse. Musik bzw Kultur, insbesondere österreichische, ist für die breite Masse per se eher entweder elitär oder bemitleidenswert.


Zweiteres im Falle der Großfestivalindustrie, die ebenso beharrlich wie marktwirtschaftlich "korrekt" auf internationale Stars setzt und auf den ohnehin lediglich moralisch existierenden Kulturauftrag zur Förderung heimischer Musiker pfeift. Die politische Kaste unterstützt diese Sichtweisen: Anderen Zweigen des Kulturlebens wird ganz andere Bedeutung zugestanden - die Wertschätzung wird in Förderungen in Millionenhöhe ausgedrückt, wiewohl Film oder Theater durchaus auch Jammern (auf hohem Niveau, dann halt, wenigstens). Ebenso lobenswerte wie (seitens Musikwirtschaft) hart erkämpfte Initiativen wie der Österreichische Musikfonds sind in ihrer Finanzierung irgendwas zwischen Alibi und Tropfen auf dem heißen Stein.

Ich, Jammerlappen? Mit Verlaub. Mein beständigster Begleiter in elf Jahren Musikunternehmertum ist das Wort "Krise" - und das Wort kam wohlgemerkt nie von mir. Eher - wie jetzt gerade - allgemein mit Weltgeltung gehalten oder wie insbesondere in den Anfangstagen auf den Niedergang der Tonträgerindustrie beschränkt. Wir haben in der Zeit dazwischen so gut wie alle Möglichkeiten ausgeschöpft, ein Unternehmensbild zu entwickeln, dass dem rauen Seegang standhält.

Wie wir das auf Dauer durchhalten, ohne dass die verdammte Blase platzt? Mit viel Glück.
Es ist ab und an gar nicht schlecht zu gebrauchen.

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Samstag, 28. April 2012

Das wahre Problem der Urheberrechtsdebatte.

Nach Jahren des Dahintingelns kommt jetzt, fast 15 Jahre nach Napster, langsam Bewegung in die längst überfällige Debatte um die Ausgestaltung eines modernen Urheberrechts. Als Beobachter ist man erstaunt: Mittlerweile wird sie mit kriegsgleicher Rhetorik und Polemiken in Forumbeiträgen und sogar Videos geführt. Selbst Medien und Meinungsführer zeichnen in dieser aufgeheizten Atmosphäre  ein unsicheres und ambivalentes Bild zu einer Frage, die dann auch nicht so einfach beantwortet werden kann. Mit ein Grund ist: Weil sie im Kern falsch gestellt wird.

In einem aktuellen profil-Artikel verweist der grüne Kultursprecher Wolfgang Zinggl nicht zu Unrecht auf das Faktum, dass die meisten Künstler auch schon vor der digitalen Revolution nicht gerade im Schlaraffenland gelebt haben. Das Miteinstimmen in den Chor der Jammernden fällt damit freilich genau jenen heute viel leichter: Wir verdienen zu wenig Geld, alles ist so schlecht, das Internet ist schuld. Sachliche Gründe, die das belegen würden, gibt es freilich genug; nur ist das Leben oft nicht so einfach wie es auf den ersten Blick scheint.

Ich behaupte: Das Prinzip Urheberrecht an sich ist eine der großartigsten Errungenschaften der westlichen Welt überhaupt. Nur: So viele das auch glauben möchten, ein effektiver Schutz für Künstler ist das aktuelle Rechtsbild nicht wirklich (Zinggl verweist etwa zurecht auf das fehlende Urhebervertragsrecht). Gedämmert ist das manchen erst unlängst, als die ACTA-Debatte an Geschwindigkeit und Lautstärke zulegte. ACTA hat im Wesentlichen sichtbar gemacht, dass das Urheberrecht in seiner heutigen Auffassung eher ein Industrieschutz- denn eine Künstlerschutz-Gesetz ist.

Dazu kommt, dass Intiativen wie "Kunst hat Recht" von verschiedenen Seiten sprichwörtlich aufgeblattelt worden sind - Textpassagen und Argumentationslinien waren vom Industrieverband IFPI übernommen worden, peinliche PR-Pannen haben den Rest besorgt. Derlei Dinge sind klassische Eigentore für das eigentliche Anliegen und begünstigen natürlich die "Piraten" und bringt ihnen recht billig Sympathien als die Robin Hoods des Internet und Filesharings - "gegen die Großen" kommt immer gut.

Genauso naiv wie deren Blickwinkel ist aber die absolute Dämonisierung der "Internetgeneration" oder des Prinzips Filesharing. Verdammt! Auch das ist eine der großartigsten Errungenschaften der letzten 50 Jahre. Aus meiner Sicht hat die Digitale Revolution "Demokratisierung" im weitesten Sinne gebracht. Platten produzieren braucht keine sündteuren Studios mehr, es geht (auch) spottbillig im eigenen Wohnzimmer. Ähnlich verhält es sich mit Fotografieren und vielen anderen Zweigen kreativen Schaffens. Das darf fraglos auch Diskussionen über negative Aspekte (potentielle Entwertungen dieser Kunstformen beispielsweise) aufwerfen. Aber: Jeder der will, kann und darf. Wie können wir das ernsthaft schlecht finden?

Kunst hat immer von Inspiration gelebt und und damit wiederum neu inspiriert. Kunst hat dabei auch schon immer selber "gestohlen" (ich denke dabei etwa daran). Streng ausgelegt verhinderte das Urheberrecht (und die Industrie dahinter) genau das und wäre damit gleichzeitig auch das Gegenteil des angestrebten Schutzes der Kunst.

Wenn nun die Digitale Revolution im weitesten Sinne diese Form von Demokratisierung gebracht hat, dann muss das für das Urheberrecht aber nicht das Ende bedeuten und auch nicht schlecht sein. Denn im Grunde sagt es in seinem Kern in erster Linie folgendes: Dass jemand, der eine Songidee hatte, ein Foto gemacht hat, ein "Werk" geschaffen hat (...) als einziger darüber bestimmen darf, was damit passiert. Von Geld steht da zunächst einmal nix. Im Prinzip ist folgerichtig Creative Commons nichts anderes als die Rückbesinnung auf diesen Kern des Urheberrechts: Du willst deinen Song der Welt schenken, weil du findest, sie sollte von deinem kulturellen Beitrag bereichert werden? Ok!
Genauso ok muss aber sein, wenn man sagt: Ich habe mich dazu entschieden, Künstler zu werden; eine jahrelange Ausbildung genossen, ich möchte mit diesem Beruf meinen Lebensunterhalt bestreiten (können), mein künstlerisches Werk soll mir bei Nutzung entschädigt werden. Und das macht das Urheberrecht zum Quell allen Wirtschaftens im Kreativbereich.

Weil sich aus den Folgewirkungen eine ganze Industrie mit Verwertungsgesellschaften, großen Labels und Verlagen gebildet hat, ist hier gleichzeitig der Hund begraben: Denn diese sind mit ihren Wirtschaftsinteressen und Verträgen MIT den Künstlern teilweise in einem Bereich unterwegs, der bis hart an die Grenze der Entmündigung heranreicht. Zwar kann das Urheberrecht an einem Werk formal in Europa nicht verkauft werden, mit einem Platten- oder Verlagsvertrag kann dies aber de facto ausgehebelt werden (Verträge "auf Schutzfrist", teils absurde Exklusivitätsklauseln et al).

Wenn wir also schon von Demokratisierung reden: Gebt den Künstlern mehr Möglichkeiten. Gebt ihnen mehr rechtliche Aufklärung, Bildung und die verdammte Freiheit, mit ihren Werken TATSÄCHLICH zu tun, was sie wollen. Die Rückbesinnung der Künstler selbst auf das, was sie können und rechtlich dürfen muss einfacher werden. All das kratzt am Grundprinzip Urheberrecht nicht und muss auch nicht zwangsläufig den Tod eines Wirtschaftszweiges (der Musik nunmal ist) bedeuten.

Natürlich ist die Frage trotzdem weitreichender und wichtiger. Es geht letztlich um nicht weniger als einen gesellschaftlichen Konsens zum Umgang mit Kulturgütern. Wem aber auch im Jahr 2012 noch nicht klar ist, dass Kunst einerseits ein exorbitant wichtiger Bestandteil des Gesellschaftslebens ist und - andererseits - gleichzeitig nicht vollständig nach herkömmlichen Markt- und Nachfragelogiken funktioniert, dem ist ohnehin nicht zu helfen.

Und um das auch gesagt zu haben: Der Missbrauch dieses Faktums zugunsten naiver, platter und dreister Argumentationen gegen das Urheberrecht an sich ist zum Kotzen. Und das An-den-Pranger-stellen von Künstlern, die sich auf ihr Recht berufen und überleben wollen (ganz in der Tradition der FP-"Gutmensch"-Begriffsumkehrlogik) steht dem um nichts nach.

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