Montag, 25. Juni 2012

Zum Geburtstag viel Glück.

Geburtstage bringen in aller Regel eine Menge Glückwünsche mit sich. Das ist nett; und das Glück, mit dem man symbolisch zugeschüttet wird, wäre ab und an gar nicht schlecht zu gebrauchen.

Geburtstag, also. Seit unglaublichen elf Jahren läuft der "ink music"-Laden. Setzt man die rosarote Brille auf, könnte man glatt behaupten: Wir haben einiges geschafft und viel erlebt. Nimmt man die dunkelgraue könnte man aber auch beharrlich feststellen: An den problematischen Rahmenbedingungen hat sich wenig geändert. Man darf sich dann aussuchen, ob man seit jeher einen donquijotischen Kampf gegen Windmühlen führt oder ein "Mit dem Kopf in die Wand"-Rennen betreibt, in der Hoffnung sie begänne irgendwann zu bröckeln.

Jedenfalls tut der Kopf langsam weh und kann man Windmühlen auch einfach den Nutzen für die Brotproduktion zugestehen und sie in Ruhe lassen. Die Frage "Warum tue ich mir das eigentlich an?" ist in diesem Geschäft daher spätestens dann allgegenwärtig, wenn man Alter, Kontostand, physische wie psychische Aufwendungen und Belastungen zusammenzählt.

Zurück zum Anfang. Damals, so zwischen 2001 und 2005, hatte Österreich kaum unabhängige Labels zu bieten, die im Populär- oder Alternativ-Segment angesiedelt gewesen wären. Professionell werkende "Musikwirtschafter" waren so selten wie international renommierte österreichische Fußballer. Heute, möchte man glauben, ist das etwas anders. Die digitale Revolution hat Zugänge geschaffen und damit auch Möglichkeiten. Labels sind in Gemeinschaft mit vielen talentierten Künstlern wie die Schwammerl aus dem feuchten Laubwald empor geschossen. Die Quote der österreichischen und "gefühlt erfolgreichen" Acts hat sich vervielfacht - ebenso wie die Menschen, die sich rund um die Musiker mit dem Vorankommen der Künstler beschäftigen (wollen und können). Eine Liste mit mehr oder minder "bekannten" Acts ließe sich zumindest für den geübten FM4-Hörer durchaus sehen und hören.

Sachlich gesehen ist die Anzahl der Leute, die "davon leben können" aber immer noch verschwindend, um nicht zu sagen lächerlich gering. Von einer "österreichischen Musikindustrie" zu sprechen ist ein Hohn für tatsächliche Industriebetriebe. Musik ist und bleibt größtenteils ein entbehrungsreiches Hobby. Dabei beißt sich die Katze in den Schwanz: Nur ein professionelles Arbeiten ermöglicht mittel- bis langfristig Erfolg. Nur ungewöhnlich großer Erfolg erlaubt es allerdings, seinem gewählten Beruf auch professionell nachgehen zu können. Da geht sich also was irgendwie nicht aus.

Besagtes Szenario wird leider hierzulande als gottgegeben zur Kenntnis genommen. Strukturen, von der Ausbildung angefangen bis zur Verwertung, existieren kaum bis gar nicht. Die sprichwörtliche Wertschätzung der Arbeit der musikalisch Kreativen könnte geringer kaum sein. Mit der eigentlich immensen Bedeutung ihres Schaffens für Land, Kultur, Selbstbewusstsein, Identitätsstifung und nicht zuletzt auch Verwertungsgesellschaften und Wirtschaftsbetriebe setzt sich sichtlich kaum jemand ernsthaft auseinander. Braucht also scheinbar keiner, ginge keinem ab. Dabei wäre das Potential, hier einen ernsthaften Wirtschaftszweig mit Leben zu befüllen erwiesenermaßen vorhanden.

Das Resultat? Wir Musikarbeiter leben in einer Bubble, lügen uns unter der Beobachtung der echten Welt da draußen in den eigenen Säckel. Weil das marktwirtschaftliche Überleben mit Musik noch immer eine Illusion ist, der man sich zwar leidenschaftlich hingibt - was aber nichts daran ändert, dass es sich um eine Illusion handelt.

Gründe gibt es bis zum Abwinken. Und fast alle lassen sich auf eine letztlich nicht existierende gesellschaftliche Verantwortung zurückführen, Kultur als Teil eines funktionierenden Staates zu begreifen. Da wäre die mediale Struktur mit ihrer Tendenz zum Monopol: Die "stärksten" Medien des Landes haben in ihren Bereichen mehr als 40% Marktanteil (Ö3, Kronen Zeitung, ORF-TV) - mit entsprechend fatalen Folgen (ich habe das schon viel zu oft, zb hier, hier, hier oder hier behandelt). Ich warte noch immer vergeblich auf den Tag, an dem das manische Schielen nach Quote nicht mit der Erwartung geistiger Flachheit im Publikum gleich gesetzt wird.

Selbst FM4 ist einerseits Segen (die beschriebene positive Entwicklung österreichischer Künstler ist zu einem Gutteil dem Sender und seinem Umgang mit österreichischer Musik zuzuschreiben) und andererseits Fluch (weil sich durch die Alleinstellung und gefühlte "Macht" des Senders auch eine Art Anpassung und Abhängigkeit ergibt). Nischenmedien existieren mangels Marktmasse kaum oder schlecht. Im letzten Jahr hat mit dem TBA eines der wenigen Musikmagazine Goodbye gesagt, Hefte wie "now!" bewegen sich seit langem an der Existenzgrenze oder werden wir wie skug oder Concerto nur von einem erlauchten Leserkreis wahr genommen. Breit wahr genommene, gut gemachte Blogs? Fehlanzeige. Da wird lieber in die großen Märkte geschaut, was die gut finden, muss schließlich auch gut sein. Echte Leitmedien existieren im Musikbereich genauso wenig wie ein einflussreicher, ernst genommener Feuilleton in der Tagespresse. Musik bzw Kultur, insbesondere österreichische, ist für die breite Masse per se eher entweder elitär oder bemitleidenswert.


Zweiteres im Falle der Großfestivalindustrie, die ebenso beharrlich wie marktwirtschaftlich "korrekt" auf internationale Stars setzt und auf den ohnehin lediglich moralisch existierenden Kulturauftrag zur Förderung heimischer Musiker pfeift. Die politische Kaste unterstützt diese Sichtweisen: Anderen Zweigen des Kulturlebens wird ganz andere Bedeutung zugestanden - die Wertschätzung wird in Förderungen in Millionenhöhe ausgedrückt, wiewohl Film oder Theater durchaus auch Jammern (auf hohem Niveau, dann halt, wenigstens). Ebenso lobenswerte wie (seitens Musikwirtschaft) hart erkämpfte Initiativen wie der Österreichische Musikfonds sind in ihrer Finanzierung irgendwas zwischen Alibi und Tropfen auf dem heißen Stein.

Ich, Jammerlappen? Mit Verlaub. Mein beständigster Begleiter in elf Jahren Musikunternehmertum ist das Wort "Krise" - und das Wort kam wohlgemerkt nie von mir. Eher - wie jetzt gerade - allgemein mit Weltgeltung gehalten oder wie insbesondere in den Anfangstagen auf den Niedergang der Tonträgerindustrie beschränkt. Wir haben in der Zeit dazwischen so gut wie alle Möglichkeiten ausgeschöpft, ein Unternehmensbild zu entwickeln, dass dem rauen Seegang standhält.

Wie wir das auf Dauer durchhalten, ohne dass die verdammte Blase platzt? Mit viel Glück.
Es ist ab und an gar nicht schlecht zu gebrauchen.

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Kommentare:

  1. vielen Dank ... Ich hoffe, dass weitere Themen

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  2. vielen Danke .. Zum Thema, ich hoffe, mehr anzeigen .. :)

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