Montag, 3. September 2012

Filmriss.

Wir Menschen in der sogenannten Musikwirtschaft sind hoffnungslose Idioten, wenn wir glauben, in einem existenzfähigen Markt zu leben. Weil wir beständig die letzten in der Nahrungskette sind. Einer von vielleicht vielen naiven, polemischen, aber höchst fälligen Beschwerderufen.

Eine kleine Geschichte wahrer Begebenheiten.
2010 hatten wir mutig die Firma "Swimming Pool" als hierzulande recht unikate Sync & Licensing-Agentur gegründet. Die Idee war (und ist), einen Pool an ausgewählten Musiktiteln (ergo einigermaßen gemeinschaftlich für die vitale Wiener Indie-Szene) Musik in Bereichen zu verwerten und vermarkten, wo das bislang kaum bis gar nicht passierte: in Film, Werbung, Games, Telefonwarteschleifen etc. Initialzündung dafür war, dass es kaum lohnte, die dafür notwendige Netzwerk- und Aufbauarbeit für einen vergleichsweise kleinen (eigenen) Indie-Katalog alleine zu investieren. Das gleiche Problem hatten oder sahen aber auch zahlreiche befreundete Labels und Verlage. Der kumulierte Katalog hingegen war attraktiver und wesentlich größer, die Idee wurde von departure startgefördert.

Die ersten beiden Jahre verbrachten wir banal gesprochen hauptsächlich damit, Menschen da wie dort kennen zu lernen und ihnen zu erklären, was Musik eigentlich ist - von emotional bis rechtlich. Musik und dazugehörige Rechtsfragen - das sind in Produktionsfirmen und Werbeagenturen relativ nebensächliche Baustellen - entsprechend wenig bis gar nicht besetzt sind derartige Positionen. Swimming Pool hat dem entgegen gesetzt etwa eine diplomierte Music Supervisorin im Team - also Know How.

Mancherorts wurde diese Botschaft durchaus verstanden: Swimming Pool bietet Beratung, eine Professionalisierung im Bereich der Musik; eine höchst fällige Ergänzung eines Teams von Textern, Kameraleuten, Regisseuren um einen weitere wichtigen Baustein - oder einfach eine Outsourcing-Möglichkeit für das Klären von Rechten oder das Finden eines passenden Musikstückes.

Aus der Perspektive des Musikwirtschafters scheint es, als leben Werbung und Film im Schlaraffenland. Es gibt festgelegte Tarife für ihre Arbeit; das eine Business blüht (vergleichsweise), das andere ist dank vielfältiger Fördertöpfe zumindest grundfinanziert. Das allgemeine Jammern in den Branchen ist - wiederum verglichen mit der prekären Situation für Musiker - eines auf relativ hohem Niveau.


Bloß. Schon die Filmbranche ist chronisch unterfinanziert, lebt in einem latent unterkritischen Markt. Ihre Abhängigkeit von der Gnade der Fördergeber ist gigantisch: Ein nicht gefördertes Projekt ist de facto nicht umsetzbar.

So geschehen auch bei einem Projekt, mit dem wir unlängst zu tun hatten: Erster Förderantrag: abgelehnt. Die in der Folge geschlossenen "Verträge" waren eine Anerkennung seitens der Musiker, das Projekt dennoch zu unterstützen, "dabei sein" zu wollen. An dieser Einstellung änderten auch weder die eher etwas gar simpel gehaltene Vereinbarung noch die Tatsache, dass es dann doch eine (kleine) Förderung für das Projekt gab, etwas. Man ist in Österreich, man kennt die Situation, man hat trotz (oder wegen) der eigenen tristen Lage Verständnis.

Nun. In besagter Förderung wurden natürlich alle Punkte berücksichtigt: Kamera, Drehbuch, Schnitt, Regie... aber keine Musik - schon gar nicht zu lizensierende. Die ist nämlich im Gegensatz zu den anderen Posten weder tariflich geregelt, noch gibt es entsprechende Professionisten (eben zb Music Supervisor) dafür im Team. Sie wären also angesichst der Förderrichtlinien auch gar nicht "förderbar" und sind damit beliebte erste Opfer bei allfällige Streichungen. Weil in Filmen gibt es ja, wie wir alle wissen, keine Musik. (Irgendwie erinnert das den Fußballfan in mir fatal an den Sager eines Teamchefs, Taktik sei überbewertet.)


Die Folge: Die Summen, die letztlich im Umlauf sind, sind ungemein gering. Aber es wäre ja nicht so, dass wir derlei Zahlen nicht gewohnt wären. Nur sind sie letztlich so irrelevant, dass sie es in weiterer Folge ganz offen gesprochen marktwirtschaftlich auch nur schwer Wert sein können, dafür eine Firma aufzubauen, in der sich Menschen um den richtigen, sinnvollen und rechtlich geklärten Einsatz der Musik kümmern. Schon gar nicht dafür teuer ausgebildete. (Das wäre jetzt in etwa: Individualtrainer sind überbewertet).

Die Entschuldigungen und Argumente, die seitens der Produktionsfirmen kommen, sind dabei zwar durchaus redlich, begründet und ernst gemeint - die Zahlen sind schließlich größtenteils Resultat besagter Förderabhängigkeit. Als Ernte bleiben den Musikern dennoch meist ein Taschengeld, der Stolz in einem Abspann zu stehen und die "großartige Promo". Dabei handelt es sich bei einem Lizenzgeschäft wie diesem gerade nach dem Niedergang der Tonträgerverkaufszahlen um eine der wichtigsten Einkunftsquellen für sie.

Wobei, da wäre ja noch die AKM. Die Verwertungsgesellschaft der Autoren, Komponisten und Musikverleger kassiert schließlich auch in jedem Kino für die Aufführung von urheberrechtlich geschütztem Material Geld - und eigentlich gar nicht so wenig. Und was kommt dabei so rum?

Für einen Titel, der zuletzt in einem erfolgreichen österreichischen Kinofilm mit mehr als 200.000 Besuchern lief, schüttete die AKM im Hauptabrechnungsjahr Euro 5,45 an Tantiemen aus. Für 23 Vorführungen. Kann sich irgendwie nicht ausgehen? Dachte ich auch, und erfuhr auf Nachfrage, dass Kino-Einnahmen größtenteils "pauschaliert" werden und nur Großkinos mit hohen Umsatzziffern detailliert abgerechnet werden. In besagtem Beispiel kostet das dem Urheber geschätzte 2.500 Euro. Die AKM ist hier der Feind im eigenen Bett (aber das ist eine eigene Geschichte...).

Wäre die Lage für Musiker in diesem Land nicht ohnehin schon fatal...

Ich möchte diese Geschichte mit einem Vorschlag - nein, einer Forderung beenden:
Eins: Um einen Beitrag zur  nachhaltigen Professionalisierung der Musikwirtschaft in diesem Land zu leisten, sollten Music Supervisor auch in Förderansuchen als Crew-Mitglieder angeführt und akzeptiert werden. Sie sollten genauso wie Ausstatter, Caterer, Gaffer (...) Bestandteil eines funktionierenden Filmteams sein.

Zwei: Zumindest ein international üblicher Satz von 3-6% des Budgets einer geförderten Filmproduktion ist für Musiklizenzen und -kompositionen in besagten Förderansuchen vorsehen zu dürfen, ohne das laut aufgeschrieen und erst recht wieder bei der Musik gespart wird.

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