Montag, 31. Dezember 2012

Das Jahr 2012.

2012 und ich werden wohl keine guten Freunde mehr - soviel kann man mittlerweile sagen. Das Jahr hat genervt und mich in dementsprechender Stimmung hinterlassen. Aber was will man von einem Jahr schon viel erwarten, zu dem Roland Emmerich schon längst einen Film gemacht hat? 

Halte ich heute, im Alter von 35, ein wenig inne und blicke zurück, überkommt mich das seltsame Gefühl eines gewaltigen Deja-vues. "Haben wir uns schon einmal wo gesehen?" Gewiss, die Kleidung und die Frisur haben sich geändert, aber wie der kalendarische Zyklus der Mayas oder die regelmäßig wiederkehrenden Sonnenflecken sind es auch politische Skandale, seltsame Korruptionsaffären oder royale Hochzeiten, die den Eindruck verstärken: In Wirklichkeit doch alles schon da gewesen. Bedeutet das folglich, dass der Mensch wirklich so wenig lernfähig ist und so schnell vergisst?

"Erfahrung" oder auch Alter bedeutete demnach, bestimmte Strickmuster - oder eben Zyklen - in der Welt zu erkennen. Damit ausgestattet, gibt es kaum etwas Langweiligeres als den nächsten großen Hype und den neuen heißen Scheiß zu beobachten. Es ist am Ende des (speziell des heutigen) Tages die berühmte "same procedure as every year".

Geändert hat sich nur die Geschwindigkeit: Der Fleischwolf der sensationsgierigen Maschinerie Mensch ist unerbittlich und folgt quasi dem olympischen Prinzip citius, altius, fortius. Mehr von allem, schneller, und am besten aus der Stratosphäre kommend.

Alles ist nur mehr durchgehypte Mode, die heute "hip" ist, morgen von der Stange kommt und übermorgen uninteressanter Schnee von gestern ist. Nichts ist langweiliger als der Tweet von vor einer Stunde: Kate ist schwanger? War doch schon eine alte, aus meiner Timeline gepurzelte Meldung bevor es erstmals als "Breaking News" auf ORF ON blinkte. Und deine "Hast du schon gehört?"-Geschichte hab ich schon gestern auf Facebook gelesen.

Warhols berühmte 15 minutes of fame sind längst nur mehr Sekundenbruchteile - und jeder scheint mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln (Internet! Katzenvideos! Memes!) danach zu gieren, diesen Kampf um ein klitzekleines bisschen Aufmerksamkeit zu gewinnen. Es ist ein bisschen wie auf den nächtlichen Himmel zu schauen und auf eine Sternschnuppe zu hoffen: Die Freude ist groß, wenn man den richtigen Moment und also eine Sternschnuppe erwischt hat. Das Blöde an solchen Momenten ist, dass sie sternschnuppenkurz sind. Mit neuzeitlichen Tools wie Twitter und Facebook befriedigen wir unsere Sucht nach immer neuen und immer mehr solcher Sternschnuppen. Dass deren Besonderheit darunter dramatisch leidet, vergessen wir dabei ebenso leicht wie das Faktum, dass wir nur auf den Himmel schauen.

Das ist natürlich etwas dramatisiert, aber mein Punkt ist: Es wird immer schwieriger und mühsamer, sich etwas mit Tiefgang und Nachdruck zu widmen, das Besondere (daran) zu finden und es wirken zu lassen. Gleich ums Eck lauert die nächste Ablenkung, der nächste Störversuch, das nächste Etwas, das gehört und gelesen werden möchte, um für einen kleinen Moment deine Sternschnuppe zu sein.

Was soll man zum Beispiel viel über die Musik aus einem Jahr sagen, in dem sogar Pitchfork-Redakteure "Call Me Maybe" und "Gangnam Style" in ihre Jahresbestenlisten aufgenommen haben? Etwa, dass es Mumford & Sons mit "ihrem Song" in den Mainstream geschafft, Wiesen ausverkauft haben und dann doch die Rechtsabbiegung in Sachen ewige Wiederkäuung eines erfolgreichen Konzepts genommen haben? Dass die Ironie von Deichkinds "Leider geil" nicht nur die Jahresnummer 1 auf FM4, sondern auch die Pauschal-Entschuldigung für eine ganze Generation an gescheiterten Gutmenschen geworden ist? Oder das der elende "Dubstep" (oder noch besser "EDM", wie die Amis ihre "electronic dance music" neuerdings verallgemeinernd nennen) mittlerweile in jede Auto- und Fast-Food-Werbung Einzug gehalten hat?

Keine Sorge, das "Ding" wird ebenso durch den Fleischwolf gedreht wie die "Dinge" davor:
"Folk" durfte das in den letzten 5 Jahren erleben: Alles was einen Vollbart hat, und wenn es Calypso spielt, ist Folk-dies und Folk-das. Folk ist das neue Indie, dass das neue Alternative war. Heutzutage allesamt ausgelatschte Stiefel, deren Existenz im Schuhschrank die meisten leugnen, die es damals als das schickste Teil der Stadt vorgeführt haben.

Fakt: Ich habe kein einziges Album aus diesem Jahr so weltbewegend großartig gefunden, dass es sich auf eine Bestenliste zu schreiben lohnen würde. Das heißt nicht, dass es da draußen keine gute Musik gäbe, aber das ewige Geschrei da draußen verlangt mitunter auch nach ein wenig Stille.

Wir sollten mit manchen Wörtern ebenso verfahren und sie einfach vorübergehend zur Seite legen. Insbesondere solche, die schon so heftig mißbraucht und umgedreht wurden, dass sie erst wieder als "Vintage"-Ware (sic!) in 30 oder 60 Jahren - beim nächsten Zyklus - verwendbar werden: Lassen wir bitte sämtliches "Bio", "Ökö" und "nachhaltig" im Jahr 2012 liegen, genauso wie alles "gegenderte", oder alles, was "jung und dynamisch" ist.

In diesem Sinne: Geh in Oasch, 2012.
Hallo 2013. Schön, dich kennenzulernen! Sag: Haben wir uns schon mal gesehen?

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