Mittwoch, 1. Mai 2013

Österreich M

Dieser Tage geht am allergrößten Teil der Bevölkerung wieder einmal spurlos vorüber, was eigentlich ein nationales Ereignis sein sollte: Die Musikindustrie feiert sich selbst und vergibt ihren jährlichen Preis - den Amadeus Austrian Music Award.

Nun sind Diskussionen über den Sinn und Unsinn von Musikpreisen so alt wie die Vergabe selbiger. Braucht es so einen Preis überhaupt? Müsste man das nicht so oder so gestalten? Gerade der Amadeus hat in seiner 13jährigen Bestehenszeit aber besonders viel Spott und Häme ernten müssen - Kurzbegründung: weil wir halt in Österreich sind. Die hiesige Marktgröße und das Jammerpotential sind diesbezüglich eine hässliche Kombination. Dabei ist der IFPI (dem Verband der verbliebenen "Großen" der Branche) das Bemühen gar nicht einmal völlig abzusprechen. Seit einigen Jahren steht der Preis auf neuen Beinen - organisatorisch wie vergabetechnisch stehen die Szenen (bzw etwas oberflächlicher: die Genres) im Mittelpunkt einer Gala - und keine internationalen Stars, die man dann (mangels Marktgröße und Attraktivität) ohnehin nicht ins Land kriegt. Dass der ORF aus der Übertragung des Preises (deshalb?) ausgestiegen ist, tut dem Amadeus dabei aber naturgemäß nichts Gutes und zeigt den Stellenwert der nationalen Musik im Sender und "seinem" Land - die Bemühungen der übertragenden Station Puls4 in Ehren. Beim Amadeus geht es vorwiegend einmal darum, die Bevölkerung davon zu überzeugen, es gäbe hier eine lebendige, starke Musikbranche - er ist also salopp gesagt eine teure Promotionveranstaltung.

Schade daher, dass die Macher einem Grundmissverständnis aufsitzen, nämlich, dass eine "Gala" wie diese (Beispiel: Oscars) das gemeine Volk interessiert. Der Amadeus wird in einem zweigeteilten Verfahren vergeben, im entscheidenden Teil werden die Fans - ganz basisdemokratisch - befragt. Das ist zwar nobel und integrativ gemeint, doch sollte der Urzweck der Veranstaltung eigentlich das erwähnte Herzeigen einer lebendigen Musiklandschaft - ergo unmittelbar das Gewinnen eines neuen Publikums sein, nicht nur das Bedienen eines (ohnehin zu spärlich) Vorhandenen. Das vordergründige Auf-Nummer-Sicher-Gehen ist somit nur bedingt sinnvoll, denn dass der Volksmusik-Fan im Fernsehen plötzlich die Heavy Metal-Kombo super findet, darf bezweifelt werden. Gut gemeint... you know. Es geht sich (trotz einiger gewagter Kombinationsversuche) einfach nicht aus, die Musikbranche ist selbst in unserem kleinen Land nicht EINE Familie. Das kann man einerseits schade finden (wie ich) - aber trotzdem auch durchspielen und besser machen.

Viel cleverer wäre, das eingesetzte Geld sinnvoller zu verwenden. 430.000 Euro spendiert die Verwertungsgesellschaft LSG (die der IFPI gehört) laut Berichten für die Durchführung des Events (ich habe das hier ausführlicher erklärt) - da sollte sich etwas machen lassen (wobei es hier wohl das 8-Millionen-Teamchefs-Problem gibt). Belassen wir es dabei ruhig bei den Rahmenfaktoren wie: Es soll einen Musikpreis zum "Herzeigen" geben - für die Biographie und im Ausland macht sich sowas durchaus schick; nur national ist die Wirkung des Preises erwiesenermaßen enden wollend - das sind bekannte Fakten.

Bauen wir uns in diesem Gedankenspiel eine regelmäßige 45minütige Fernsehsendung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die schwerpunktmäßig im Umfeld eines gewählten Preisvergabedatums gezeigt und multimedial (online/social) begleitet wird. Nennen wir sie von mir aus ÖSTERREICH M - analog zur großartigen Historienserie "Österreich I". Widmen wir jeder der vertretenen "Genres" (10 Stück) eine Folge - Alternative, Elektro, Volksmusik.... Sie porträtiert die jeweils fünf Nominierten ausführlich - in einer flott präsentierten Sendung gehen sich die klassischen 8-Minuten-Beiträge mal 5 (Anzahl der Nominierten) prächtig aus. Das gibt extra Content, mit dem die Künstler arbeiten können, der sich medial vervielfältigen lässt und mit denen das Archiv ein echtes kulturelles Zeitdokument schafft. Hallo, Kulturauftrag!

Zusammen kommt somit ein echtes musikalisches Jahrbuch - das sich, wenn sich mutige Köpfe finden, sogar über DVD-Release und dergleichen vielleicht sogar verwerten oder für den Musikexport nutzen lässt. Ich bin recht überzeugt, dass in diesem Fall sogar der eine oder andere Volksmusik-Fan dazu gewonnen werden kann, regelmäßig zuzuschauen und sich einen tieferen und ernsthafteren Einblick in die Elektronische Musikszene zu vergönnen. Ich bin vor allem davon überzeugt, dass die Wirkung gewaltig ist: 10 x 45 Minuten wird journalistisch aufbereitet bewiesen, dass das Land eine vitale und interessante Szene hat. Wenn das den Markt nicht ankurbelt, was dann? Würde das den Zweck dann nicht auch eher erfüllen und die immensen Ausgaben rechtfertigen?

Am Ende jeder Sendung oder am Ende der "Staffel" wird der (meinetwegen immer noch per Online-Voting im Vorfeld gewählte) Sieger präsentiert und geehrt. Vielleicht geht sich sogar noch eine Branchen-Party ohne große Live-TV-Übertragung aus. Das ist freilich nur eine grobe Idee, ein Vorschlag. Das popmusikalisch ausgetrocknete Wüstenschlachtschiff ORF könnte freilich jeden Tropfen Wasser gut gebrauchen - und man muss ihm die Ausrede "Eine Gala-Preisverleihung interessiert niemanden" ja nicht gleich so wie jetzt auf dem Silbertablett servieren.

Gute und kreative Köpfe zur Umsetzung eines solchen oder ähnlichen Konzeptes gibt es zweifelsfrei genügend in diesem Lande. Einer davon darf den Amadeus zum zweiten Mal moderieren und wird zweifelsfrei wieder einen guten Job machen. Eine eigene Sendung im Staatsfunk hat man ihm jüngst verwehrt - was einige zu recht kritischen Kommentaren bewegt hat. Ich würde liebend gerne an dieser Stelle zu einem Galileo-Zitat ausholen und behaupten: "Und sie bewegt sich doch." Bis dorthin geh ich mal ins Volkstheater und hör mir an, was die Leute zum diesjährigen Amadeus zu sagen haben.

Kommentare:

  1. Eine Berichtigung: Die Leistungsschutzgesellschaft LSG gehört keineswegs der Ifpi. Sie hat zwei Gesellschafter: Ifpi [LSG-Produzenten] und OESTIG [LSG-Interpreten].

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