Dienstag, 2. Juli 2013

Noch ein Blick auf den ORF.

Weil ein Blogpost nie lange genug ist, gilt es nach einem ereignisreichen Wochenende einige Dinge klar zu stellen - zuallererst: Der ORF ist unfassbar wichtig für dieses Land, sonst wäre die ganze Aufregung nicht notwendig. Sein Funktionieren ist ein Eckpfeiler der Demokratie - wer nicht aufgepasst hat, soll einen Blick nach Griechenland werfen oder die aus dem ERT-Ereignis entstandenen Kommentare lesen.

Ich bin Fan eines "starken" und wichtigen ORF, finde aber das mitunter vonstatten gehende Schwanzvergleichen mit seiner privaten Konkurrenz in Sachen Niveau und Unterhaltung recht verzichtenswert. Umgekehrt hat mich in jüngerer Vergangenheit kaum etwas mehr auf die mediale Palme gebracht als das Bestreben des VÖZ, die Social Media-Aktivitäten des ORF gleich vollständig zu verbieten.

Ich mag die ORF Information. Sie ist kritisch, kämpft insbesondere im Vergleich zur Hausleitung massiv um ihre Unabhängigkeit und erfüllt ihre wichtige Aufgabe größtenteils mit Bravour. Die Erfindung von ORF III ist per se ein Meilenstein - wenngleich die Dotierung und auch die Programmierung sehr viel Luft nach oben lassen. Und ohne Ö1 und FM4 wäre die Welt hierzulande wahrlich wesentlich trauriger.

Überhaupt, FM4. Eine kleine 7%-Radiostation beweist sehr erfolgreich, wie ein natürlicher Umgang mit regionalem Content mittel- bis langfristig eine erhebliche, positive Wirkung auf die Station selbst, den Markt und das Land hat (man könnte, ja müsste eine Studie dazu verfassen). Es wird aus diesem Grund aber leider gerne auch als Feigenblatt des ORF benutzt, denn umgekehrt gibt es im TV seit 20 Jahren kein reguläres Popmusik-Format mehr, wenn man die Castingshows und den Songcontest ausklammert. Dabei haben eben diese Formate (Okay, Ohne Maulkorb, X-Large) spätere ORF-Helden wie Vera Russwurm, Barbara Stöckl, Arabella Kiesbauer, Christian Clerici, Oliver Baier oder Gerald Votava hervor gebracht - man glaubt es kaum.

Von den marktstärkeren ORF-Radios und eben den TV-Sendern werden existierende Strömungen und Entwicklungen praktisch völlig ignoriert. Radio Wien bezeichnet sich angeblich sogar selbst als "englischsprachiger Oldies-Sender" - gute Nacht. Umso mehr verwundert es, wenn der ORF in seiner Public Value-Kampagne mit der "lebendigen österreichischen Musikszene" wirbt, über die er aber nur sehr peripher und äußerst selten zu berichten scheint. Schöne ZIB24-Beiträge und wirklich und ehrlich bemühte Redakteure in allen Ehren - aber den Gesamteindruck habe nicht nur ich, sondern vor allem die KommAustria, die den Sender dafür schon mehrfach gerügt hat.

Es bestätigt den Verdacht: Irgendwas stimmt in den Chefetagen mit der Eigenwahrnehmung nicht. Niemand bestreitet, dass die finanzielle Situation des ORF nicht besonders rosig ist - und auch mich erschüttert und betrübt das. Aber mehr Geld für den ORF (aus welchen Quellen auch immer) ist für das hier beschriebene Problem überhaupt keine Lösung - die fände nämlich in den Köpfen der Köpfe und nicht im Börsel statt. Freilich, welch Geistes Kind die ORF-Führung ist, zeigt sie aktuell eben mit den viel kritisierten Einsparungen insbesondere im Kultursegment. Und wenn wir ehrlich sind, sind die 100.000 eingesparten Musikfonds-Euro keine besonders große Hilfe bei angeblichen 80 Millionen Fehlbetrag (erst recht angesichts des nun herrschenden Shitstorms).

Dass der ORF mehr und mehr (vorwiegend junges) Publikum verliert, mag gewiss an starker Konkurrenz durch Private und Internet liegen - aber zu einem Teil wohl auch an einer selbst herbeigeführten Niveau-Nivellierung nach unten. Gerade ein junges Publikum verdient es, auch herausgefordert und mit anderem Programm attraktiviert zu werden, als die Privatsender oft zu liefern imstande wären. Das trauen aber nur die wenigsten ihrer Kundschaft zu. Wozu aber sonst macht sich dann Armin Wolf regelmäßig zum Deppen, ist Österreichs meistgefolgter Twitterant und unter den beliebtesten ORF-Menschen, obwohl er "nur" Nachrichten verlesen müsste?

Kurzum: Ich bin mit Sicherheit kein Feind des ORF, ganz im Gegenteil. Ich erlaube mir bloß, eine differenzierte Meinung zu haben - etwa jene, dass der ORF deutlich besser sein könnte, ja müsste, als er gegenwärtig ist. Er würde damit der Kultur, dem Land, uns und auch sich selbst helfen (hab ich hier lang und breit beschrieben).

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