Samstag, 4. Mai 2013

Ö3 schadet der Wirtschaft.

Vorweg: Der konkrete Anlass für diesen Eintrag ist bloß ein Gerücht. Es handelt von einer im öffentlichen Rundfunk in verantwortlicher Position tätigen Radioperson, die in etwa gesagt haben soll: "Österreichische Musik schadet meinem Sender". Nicht nach einigen Bieren und im Scherz, sondern anlässlich der Verhandlungen zur sogenannten "Musikcharta". 

Die Musikcharta, das ist eine "freiwillige" Selbstverpflichtung des ORF, einen gewissen Anteil seines Radio-Programmes mit österreichischer Musik zu bespielen. Sie wurde nach zähem Ringen vor zwei Jahren eingeführt und kürzlich unter berechtigtem Applaus aller Beteiligten verlängert und sogar erweitert (33% sollen es werden - wobei die Berechnungsmethoden ein wenig abenteuerlich sind, aber das tut hier nichts zur Sache).

Recht offenkundig war zu Beginn der Charta die sogenannte Gebührenrefundierung ein kuhhändlerischer Geburtenhelfer - der Zweck heiligt aller Orten die Mittel. Derzeit kämpft der ORF um die Erneuerung dieser Refundierung und dabei streuen sich Gerüchte bis hin zum "Zusperren von FM4" als nicht von ungefähr kommende Drohgebärden. Im Zusammenhang mit der Refundierung ließ sich der ORF aber auch von der Sinnhaftigkeit einer Partnerschaft mit dem Österreichischen Musikfonds überzeugen - ähnlich wie bei Filmförderprojekten bezuschusst der Rundfunk den Fonds (mit 100.000 Euro pro Jahr) und nimmt einen Platz in der dortigen Mitgliederversammlung der Fördergeber ein. Das alles klingt im Grunde zwar nach einem sehr österreichischen Weg - aber immerhin zu einem durchaus sinnvollen, gemeinsamen Ziel, möchte man meinen.

Jetzt bin ich selbst im Grunde kein großer Freund der Quote und müsste damit eigentlich eher auf der Freundesliste des Zitatenspenders stehen. Dahinter steckt bei mir die tiefe Überzeugung, dass redaktionelle und qualitative Richtlinien einer quantitativen Verpflichtung vorzuziehen wären - auch dieses Argument könnte beiderseits dasselbe sein. Der besagte Satz - so er denn gefallen ist - wäre in seiner Pauschalisierung jedoch gelinde gesagt nicht nur eine bodenlose Frechheit, sondern entbehrt jeglichen Verdacht auf vorhandene Durchdachtheit.


Ich behalte mir hiermit vor, mit gleichen Mitteln zurück zu schlagen: Polemisch, voreingenommen, provokant. Und daher behaupte ich: Ö3 schadet dem Land - und zwar nachhaltig. Ö3 schadet insbesondere der Wirtschaft, im Speziellen der Musikwirtschaft. Der Unterschied zwischen der Ur-Aussage und meiner ist dieser: ich kann meine These mit stichhaltigen Indizien untermauern.


Immerhin zahlt der ORF kolportierte 20 Millionen Euro pro Jahr an die größte Verwertungsgesellschaft AKM. Zuletzt wollte der ORF aufgrund des "Spardrucks" den Tarif senken, obwohl er mit ORF III ausgerechnet einen Kulturspartenkanal eingerichtet hat. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Das Geld fließt jedenfalls so oder so an die AKM. Wieviel davon aber in Österreich und damit im hiesigen Wirtschaftskreislauf bleibt, das definiert sehr wohl der ORF durch sein Handeln. Milchmädchenrechnung: Schon ein lächerliches Prozent mehr österreichische Musik im Radio und Fernsehen bedeutet schon einmal 200.000 Euro mehr an reinem Tantiemenaufkommen für österreichische Urheber und Verlage.

Das ist noch nicht sonderlich viel Geld. Doch durch die gesteigerten Raten erhöhen sich zwangsläufig auch  Verkaufs-, Download- und Streamingzahlen; insbesondere dann, wenn die Präsenz im TV statt findet. Von der imagebildenden und gesellschaftspolitischen Rolle, die der ORF damit wahr nähme einmal abgesehen. Spinnen wir das Rad weiter ergäben sich wohl auch mehr Auftritte, bessere Besucherzahlen bei Konzerten und in diesem Zusammenhang höhere Gagen - und erneut gestiegenes Tantiemen-Aufkommen für österreichische Musiker. Das wiederum ergibt Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft: Im Tourmanagement, für Ton- und Lichttechniker, im Agenturwesen... und wenn man möchte bis hin zum Grafiker und Videoproduzenten hin. Man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um zu behaupten: Radio und TV ist - allem Internet zum Trotz - noch immer ein ganz wesentlicher Schlüssel zum Erfolg eines Künstlers.

Sie wollen Zahlen? Bitte sehr! Die neue IHS Studie "Ökonomische Effekte der Musikwirtschaft" (Jänner 2013) rechnet nur den "Ökonomischen Effekten von Hörfunk und Fernsehen" (Tabelle 16 in dieser Studie) eine Bruttowertschöpfung von 98 Millionen Euro und damit 1.352 vollzeitäquivalente Arbeitsplätze zu. Man stelle sich also obige Rechnung noch etwas präzisierter vor: Gerade einmal 1% mehr Airplay wäre gut eine Million Euro mehr für den Wirtschaftstandort Österreich - für Tonstudios, Labels, Interpreten.... - ganz ohne einen Cent Fördergeld, und wir sprechen hier ausschließlich vom DIREKTEN Effekt aus dem Radioairplay ohne obgenannte Side Effects (die gesamte Studie liefert noch wesentlich mehr beeindruckende Zahlen in diese Richtung). You do the maths: Arbeitsplätze. Wirtschaftskraft.

Es ließe sich an dieser Stelle noch weit ausholen und über Verschiedenstes sprechen: Über die redaktionelle Entscheidungsgewalt der ORF-Sender, die Hintergründe dieser, naja, "Skepsis" gegenüber den eigenen und reichlich vorhandenen Szenen. Über aufgelegte Neo-Austropop-Helden wie 5/8erl in Ehren, Clara Luzia oder Effi (ich bin nicht so naiv, Elektro Guzzi oder Soap&Skin auf Ö3 zu fordern, aber es gäbe reichlich Pop, der die Hörer nicht "verschreckt", wie der Sender gerne behauptet). Über das Nichtvorhandensein von popkulturellen TV-Sendungen mit generischem Inhalt. Über den "Selector", über die angebliche Abhängigkeit vom deutschen Markt, über Castingshows und über Politik im Zusammenhang mit dieser ganzen Frage. Wir könnten von Christina Stürmer reden, deren deutscher Songwriter auch trotz ihres Ö-Mascherls einen Wertschöpfungsabfluss bewirkt (eh eine andere Problematik, no offense). Dieser Blög wird an Themen nicht so schnell arm werden... kommt Zeit, kommt Rat.

Also. Machen wir uns nichts vor: Ein Prozent wäre gar nicht einmal viel. Aber wie war das jetzt nochmal: Wer schadet hier wem? Oder anders formuliert: Warum erwartet man von einer Pflanze, die man konsequent austrocknet, dass sie besser wächst und beklagt sich, wenn sie keine Früchte trägt?

Follow me:
www.twitter.com/hannestschuertz

Mittwoch, 1. Mai 2013

Österreich M

Dieser Tage geht am allergrößten Teil der Bevölkerung wieder einmal spurlos vorüber, was eigentlich ein nationales Ereignis sein sollte: Die Musikindustrie feiert sich selbst und vergibt ihren jährlichen Preis - den Amadeus Austrian Music Award.

Nun sind Diskussionen über den Sinn und Unsinn von Musikpreisen so alt wie die Vergabe selbiger. Braucht es so einen Preis überhaupt? Müsste man das nicht so oder so gestalten? Gerade der Amadeus hat in seiner 13jährigen Bestehenszeit aber besonders viel Spott und Häme ernten müssen - Kurzbegründung: weil wir halt in Österreich sind. Die hiesige Marktgröße und das Jammerpotential sind diesbezüglich eine hässliche Kombination. Dabei ist der IFPI (dem Verband der verbliebenen "Großen" der Branche) das Bemühen gar nicht einmal völlig abzusprechen. Seit einigen Jahren steht der Preis auf neuen Beinen - organisatorisch wie vergabetechnisch stehen die Szenen (bzw etwas oberflächlicher: die Genres) im Mittelpunkt einer Gala - und keine internationalen Stars, die man dann (mangels Marktgröße und Attraktivität) ohnehin nicht ins Land kriegt. Dass der ORF aus der Übertragung des Preises (deshalb?) ausgestiegen ist, tut dem Amadeus dabei aber naturgemäß nichts Gutes und zeigt den Stellenwert der nationalen Musik im Sender und "seinem" Land - die Bemühungen der übertragenden Station Puls4 in Ehren. Beim Amadeus geht es vorwiegend einmal darum, die Bevölkerung davon zu überzeugen, es gäbe hier eine lebendige, starke Musikbranche - er ist also salopp gesagt eine teure Promotionveranstaltung.

Schade daher, dass die Macher einem Grundmissverständnis aufsitzen, nämlich, dass eine "Gala" wie diese (Beispiel: Oscars) das gemeine Volk interessiert. Der Amadeus wird in einem zweigeteilten Verfahren vergeben, im entscheidenden Teil werden die Fans - ganz basisdemokratisch - befragt. Das ist zwar nobel und integrativ gemeint, doch sollte der Urzweck der Veranstaltung eigentlich das erwähnte Herzeigen einer lebendigen Musiklandschaft - ergo unmittelbar das Gewinnen eines neuen Publikums sein, nicht nur das Bedienen eines (ohnehin zu spärlich) Vorhandenen. Das vordergründige Auf-Nummer-Sicher-Gehen ist somit nur bedingt sinnvoll, denn dass der Volksmusik-Fan im Fernsehen plötzlich die Heavy Metal-Kombo super findet, darf bezweifelt werden. Gut gemeint... you know. Es geht sich (trotz einiger gewagter Kombinationsversuche) einfach nicht aus, die Musikbranche ist selbst in unserem kleinen Land nicht EINE Familie. Das kann man einerseits schade finden (wie ich) - aber trotzdem auch durchspielen und besser machen.

Viel cleverer wäre, das eingesetzte Geld sinnvoller zu verwenden. 430.000 Euro spendiert die Verwertungsgesellschaft LSG (die der IFPI gehört) laut Berichten für die Durchführung des Events (ich habe das hier ausführlicher erklärt) - da sollte sich etwas machen lassen (wobei es hier wohl das 8-Millionen-Teamchefs-Problem gibt). Belassen wir es dabei ruhig bei den Rahmenfaktoren wie: Es soll einen Musikpreis zum "Herzeigen" geben - für die Biographie und im Ausland macht sich sowas durchaus schick; nur national ist die Wirkung des Preises erwiesenermaßen enden wollend - das sind bekannte Fakten.

Bauen wir uns in diesem Gedankenspiel eine regelmäßige 45minütige Fernsehsendung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die schwerpunktmäßig im Umfeld eines gewählten Preisvergabedatums gezeigt und multimedial (online/social) begleitet wird. Nennen wir sie von mir aus ÖSTERREICH M - analog zur großartigen Historienserie "Österreich I". Widmen wir jeder der vertretenen "Genres" (10 Stück) eine Folge - Alternative, Elektro, Volksmusik.... Sie porträtiert die jeweils fünf Nominierten ausführlich - in einer flott präsentierten Sendung gehen sich die klassischen 8-Minuten-Beiträge mal 5 (Anzahl der Nominierten) prächtig aus. Das gibt extra Content, mit dem die Künstler arbeiten können, der sich medial vervielfältigen lässt und mit denen das Archiv ein echtes kulturelles Zeitdokument schafft. Hallo, Kulturauftrag!

Zusammen kommt somit ein echtes musikalisches Jahrbuch - das sich, wenn sich mutige Köpfe finden, sogar über DVD-Release und dergleichen vielleicht sogar verwerten oder für den Musikexport nutzen lässt. Ich bin recht überzeugt, dass in diesem Fall sogar der eine oder andere Volksmusik-Fan dazu gewonnen werden kann, regelmäßig zuzuschauen und sich einen tieferen und ernsthafteren Einblick in die Elektronische Musikszene zu vergönnen. Ich bin vor allem davon überzeugt, dass die Wirkung gewaltig ist: 10 x 45 Minuten wird journalistisch aufbereitet bewiesen, dass das Land eine vitale und interessante Szene hat. Wenn das den Markt nicht ankurbelt, was dann? Würde das den Zweck dann nicht auch eher erfüllen und die immensen Ausgaben rechtfertigen?

Am Ende jeder Sendung oder am Ende der "Staffel" wird der (meinetwegen immer noch per Online-Voting im Vorfeld gewählte) Sieger präsentiert und geehrt. Vielleicht geht sich sogar noch eine Branchen-Party ohne große Live-TV-Übertragung aus. Das ist freilich nur eine grobe Idee, ein Vorschlag. Das popmusikalisch ausgetrocknete Wüstenschlachtschiff ORF könnte freilich jeden Tropfen Wasser gut gebrauchen - und man muss ihm die Ausrede "Eine Gala-Preisverleihung interessiert niemanden" ja nicht gleich so wie jetzt auf dem Silbertablett servieren.

Gute und kreative Köpfe zur Umsetzung eines solchen oder ähnlichen Konzeptes gibt es zweifelsfrei genügend in diesem Lande. Einer davon darf den Amadeus zum zweiten Mal moderieren und wird zweifelsfrei wieder einen guten Job machen. Eine eigene Sendung im Staatsfunk hat man ihm jüngst verwehrt - was einige zu recht kritischen Kommentaren bewegt hat. Ich würde liebend gerne an dieser Stelle zu einem Galileo-Zitat ausholen und behaupten: "Und sie bewegt sich doch." Bis dorthin geh ich mal ins Volkstheater und hör mir an, was die Leute zum diesjährigen Amadeus zu sagen haben.