Samstag, 29. Juni 2013

Nicht wie wir.

Der ORF nimmt seit Wochen die hiesige Kulturlandschaft als Geisel einer astreinen Erpressungskampagne und geniert sich bei der geradezu energisch gelebten Ablehnung der gesamten hiesigen Kulturlandschaft nicht zu behaupten, er fördere die Musik umfassend und sei überhaupt  "wie wir". Eine Entrüstung.

Nun ist es also passiert, der ORF hat seine Mitgliedschaft und damit die finanzielle Unterstützung des Österreichischen Musikfonds aufgekündigt. Zugegeben: Im Falle der Musikfonds-Kiste sitzt der ORF auf einem dicken Argumentations-Ast. Erst die berühmt gewordene Gebührenrefundierung vor zwei Jahren hatte mitsamt der "Musikcharta" den Sender überhaupt erst in die Förderrunde integriert (ich hatte das bereits erörtert). Keine Gebührenrefundierung bedeutet für den ORF also fast logisch: keine weitere Förderung. Die dahinterstehende Symbolik freilich ist einmal mehr verheerend und untermauert den Eindruck der letzten Wochen, bei der der Reihe nach die Kulturfelder nach "Sparpotential" abgegrast und als Bauernopfer auf die Budget-Schlachtbank gelegt werden.

Die Empörung einer ganzen Kulturlandschaft wird dabei offenkundig bewusst ins Kalkül genommen - das in der Politik nicht gänzlich unbekannte "Washington Monument Syndrome" lässt den Gegner bestenfalls für die eigenen Zwecke spielen. Im Falle des ORF wäre das gewünschte Endresultat: Mehr Geld vom Staat. Die billige Taktik auf dem Rücken Kulturschaffender ist aber vor allem eines: einer öffentlichen Einrichtung zutiefst unwürdig.

Zuerst war die Film-Industrie an der Reihe: Ohne die Gebührenrefundierung könne sich der ORF die Filmförderung im bisherigen Umfang nicht leisten - die Film-Industrie zog brav zu Kreuze und jammerte öffentlich in Richtung Politik über diesen Zustand. Der ORF ist dank des "Film-Fernseh-Abkommens" schließlich seit Jahren einer der wichtigsten Säulen in der Produktion und Vermarktung des Österreichischen Filmes - eine entsprechende Abhängigkeit besteht für viele Produktionsfirmen. Dabei vernachlässigt der ORF selbst viele von ihm geförderte Produktionen immer wieder auf geradezu frappante Weise, versteckt großartige Filme in den Programmrandzonen, während "Mein cooler Onkel Charlie" fröhliche Urständ´ feiert und die Klopause von Sebastian Vettel live übertragen und von drei Experten kommentiert wird.

Es geht hierbei längst nicht mehr um Geschmack oder Meinung, eher noch um den berühmten Hausverstand, der aber scheinbar längst vom Küniglberg weggezogen ist (vielleicht ja in eine Supermarktfiliale?). Der ORF produziert immer weniger eigenen Content, nutzt den vorhandenen, von ihm (co-)finanzierten dazu noch wenig bis schlecht. Das berühmte Milchmädchen könnte aus dieser Rechnung mehr herausholen.

Und diese Geschichte perpetuiert sich: Auf die inzwischen "Geiselliste" getaufte Blacklist der ORF-Einsparungen gesetzt wurden offiziell und inoffiziell etwa das renommierte "Musikprotokoll" des steirischen herbstes, was unter anderem eine offizielle Protestnote von Elfriede Jelinek, Österreichs letzter Nobelpreisträgerin, nach sich zog. Es folgte das noch berühmtere Wettlesen um den Bachmann-Preis, dem Sparefroh offenbar nicht so gern zuhörte - frei nach dem Motto: Wir verabschieden uns von unseren Sehern auf 3sat (dort wurde im Gegensatz zum ORF stets live übertragen, obwohl der Preis eine ORF-Veranstaltung ist). Blankes Entsetzen in der Literaturwelt folgt geradezu postwendend. Die Standard-Chefredakteurin  Alexandra Föderl-Schmid hat diesen Schritt daraufhin gut heruntergebrochen als "Provinzielle Erpressung" kommentiert, woraufhin ORF-General Alexander Wrabetz sie in einem Tweet (nicht gerade wenig herablassend) der mehrfachen Lüge bezichtigte. To be continued.

Mit der Einstellung von FM4 wurde zwischenzeitlich ebenso gedroht wie mit der endgültigen Auflösung des RSO. Kurzum: Es ist ein furchtbar armseliges Trauerspiel, das hier abgezogen wird. Gerade so, als würde ein beleidigtes Schulkind, dass seine Schokolade (die Gebührenrefundierung) nicht bekommt, aus Protest seine Hausaufgaben (den Kulturauftrag) nicht erledigen. Wessen Schaden das am Ende wohl sein wird?

Der ORF hat offenkundig große Angst - und die ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Zuallererst Angst vor der Quote, dann vor der Politik und dann auch noch vor der eigenen Courage, mutiges und innovatives Programm zu machen. Der Erfolg der Angst: In den letzten Jahren hat er an allen Fronten zu kämpfen - auch intern: Innerhalb der Belegschaft ist eine kleine Revolution zur Unterstützung der krass unterbezahlten freien Mitarbeiter ausgebrochen, in Redaktionen wurde lauthals gegen Bestellungen Vorgesetzter und für mehr politische Unabhängigkeit protestiert - ein Web-Video der ZIB-Redakteure dazu hat sogar Preise gewonnen und wurde auf Youtube eine halbe Million Mal angesehen.

Die hiesigen Musiker und ihr Umfeld betrachten den Rückzug des ORF aus dem Musikfonds freilich bloß als den letzten Tropfen, der ein ohnehin längst volles Fass zum Überlaufen bringt. Recht rasch aufgetaucht ist eine Online-Petition zum Erhalt der Förderung und eine offizielle Protestnote des Indie-Verbandes VTMÖ. Nur wenige Stunden später entsteht und wächst eine Facebook-Initiative mit dem bezeichnenden Titel "Nicht wie wir" rasant.

Der bisherige ORF-Beitrag von 100.000 Euro stellt immerhin 10,8% des Gesamtbudgets des Fonds dar, der Musikfonds selbst bedauert das "ernsthafte Loch", das das Fehlen des Betrages verursacht. Und das just in einer Zeit, in der einst weit auseinander liegende Lager längst an einem Tisch sitzen und sich gemeinsam konstruktive Zukunftspläne überlegen; ein Exportbüro nach internationalem Standard installiert wurde, sich Österreich erstmals als Focus Country beim wichtigsten europäischen Präsentationsfestival Eurosonic vorstellen darf; in der (trotz vieler und mitunter durchaus berechtigter nationaler Kritik) der Musikfonds damit international als leuchtendes Beispiel einer gelungenen Förderstruktur beklatscht wird.

Alexander Wrabetz behauptet: "Kultur ist und bleibt eine Kernaufgabe des ORF." - dafür hätte ich nach all dem hier angeführten Wahnsinn gerne konstruktive Zeichen und Belege anstelle taktisch kalkulierter Ausreden mit Verweisen auf die Politik. Zusammengefasst würde ich mir angesichts der laufenden Imagekampagne eigentlich sehr wünschen, dass es so wäre; kann gegenwärtig aber einwandfrei feststellen, dass der ORF eines mit Sicherheit nicht ist: Wie wir.

PS:
Stefan Niederwieser, Chefredakteur des wichtigsten hiesigen Musikmagazins the gap, hat das Thema ebenfalls beschäftigt und zu einem äußerst treffenden Kommentar veranlasst. Seinem zwischen den Zeilen folgenden Ratschlag am Ende folgend wären vielleicht Tweets mit dem Inhalt "@wrabetz ist #nichtwiewir" eine geeignete Form des Protests.

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Der guten Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ich als Vorsitzender des Beirates für Musikexportfragen den "betroffenen" Österreichischen Musikfonds berate (unentgeltlich, wohlgemerkt, wie auch die anderen 7 Mitglieder dieses Gremiums).