Mittwoch, 5. März 2014

Die Amadeus Awards sind nur die Spitze des Eisberges.

Es gab hier und anderswo über die Jahre schon viele Postings über den Österreichischen Musikpreis. Die Aufmerksamkeit und Dynamik, die die Diskussion um die jährliche Vergabe des Amadeus aber in den letzten Tagen erhalten hat, ist neu. Zum ersten Mal wird in und über die Branche hinaus heftig und emotional über den Preis diskutiert - sogar von den dabei sonst so scheuen Medien. Die Diskussion ist dabei sprichwörtlich nur die Spitze des Eisberges. 

Gleich drei Bands (HVOB, Naked Lunch, Monobrother) haben ihre Nominierung für den Preis zurückgelegt - mit jeweils unterschiedlichen Begründungen und Motiven: Waren HVOB noch gegen das Data-Mining von Medienpartner KroneHit ins Feld gezogen, ließen Naked Lunch kein gutes Haar am Award an sich und Monobrother nahm gleich den Zustand der Branche insgesamt als Hintergrund für seine Aktion.

Nun gut. Die Idee einen nationalen Musikpreis abzuhalten beruht hauptsächlich darauf, eben dieser Branche einen kurzen, aber intensiven Moment der überdurchschnittlichen Aufmerksamkeit zu verschaffen. Nach 13 Jahren Amadeus Awards muss man diese Mission (leider) als einigermaßen gescheitert ansehen. Weder hat der Preis ein beachtliches Ansehen erwirtschaftet, noch hat er zu massiven Verkaufssteigerungen bei den Preisträgern geführt. Er ist ein nettes Add-On im Lebenslauf des Künstlers, er wirkt insbesondere im Ausland als Beleg für einen gewissen Erfolg zuhause. Ob die Show gut oder schlecht ist, das Buffet groß oder klein und die Drinks früh oder spät aus waren - all das ist maximal für die Besucher relevant und tut nichts zur Sache. Ausschlaggebend sind letztlich wirtschaftliche und öffentlichkeitswirksame Effekte. Und die fehlen größtenteils.

Seit dem Ausstieg des ORF (formal seinerzeit wegen der parallel tanzenden Dancing Stars im Theater am Küniglberg) schalten auf Puls4 etwa 30.000 Zuseher ein, wenn die Award-Sendung übertragen wird. Das ist verglichen mit allem anderen produzierten TV armselig wenig und bildet die sichtlichen Bemühungen des Privatsenders (wiederum: leider) nicht annähernd ab. So vielfältig und streckenweise mutig die Versuche waren, mittels peppigem Drehbuch (Clemens Haipl) oder selbstironisch-witziger Moderation (zuletzt von Manuel Rubey) den Preis und die Show aufzuwerten - es war nur Beiwerk, nette Schokostreusel auf einer Torte, die Schwarzwälder-Kirsch, Apfelstrudel und Malakoff in einem sein wollte. Richtig: Das geht sich nicht aus.

Die Ironie an der Geschichte ist, dass der Preis des Musikindustrieverbandes IFPI nicht per se am Format, an der Idee, dem Konzept oder der durchführenden Agentur scheitert, sondern am Branchendilemma an sich - und an diesem ist auch der veranstaltende Verband selbst nicht unschuldig.

Im Gegensatz zu anderen Ländern wurde bei uns - etwa in der Hochblüte des Austropop - sträflich verabsäumt, die Hausse zu nutzen: Neue Kräfte heranzubilden (künstlerisch wie auf Management-Ebene - und sei es durch simple Ausbildungsprogramme), Wissen weiterzugeben und auszutauschen, eine Lobby für Fortbildung, Förderpolitik und Vernetzung zu bilden und so fort. Wertvolle Ressourcen und Zeit wurden vergeudet - es ist ein bisschen wie das Cordoba-Problem im Fußball. Was in anderen Branchen selbstverständliches Business-Einmaleins ist, ist in der Musik verpönt, uncool oder einfach zu viel verlangt.

Mit Schaudern erinnere ich mich an meine ersten Termine in großen Plattenfirmen Mitte der 90er. Aus der Sicht eines damals recht jungen Ahnungslosen interpretierte ich das damals als Protektionismus, Arroganz, Großmut - und reichlich Gejammere über die aufkommende Zeitenwende (Ö3 wurde gerade dank der neuen Privatradios "umformatiert"). Allen Vorzeichen zum Trotz: Die "Wiener Schule" (K&D, Sofa Surfers / Soul Seduction, Vienna Scientists etc.) erregte durch internationale Erfolge Aufsehen, DJ Ötzi und die ersten Starmania-Helden (Christina Stürmer!) waren große Seller für die Major-Häuser. Das alles täuschte aber nur zu gut darüber hinweg, dass in Österreich weder strategiepolitisch noch strukturell Weitsichtiges, Substantielles oder Nachhaltiges zu vermerken war und sich darüber hinaus weltweit eine ganze Industrie rapide veränderte (Napster, schau owa).

Zwischen den Majors und den Indies gibt es noch heute wenig bis gar keinen Austausch. Personell nicht, ideell schon gar nicht. In anderen Ländern ist das Überbrücken dieses offensichtlichen Grabens kein Problem. Warum auch sollte nicht ein innovativer, mutiger, junger Kopf aus dem Indie-Universum der nächste A&R eines Major-Labels werden? Warum sollte man nicht eine ebensolche Band herzeigen und in eine Größe katapultieren, um sie nach Falco und Fendrich mal wieder die Stadthalle füllen zu lassen? In Österreich ist die Antwort einfach: Die Majors bekommen von ihren Konzernmüttern nicht gerade Mut dafür eingeimpft - und sie haben folglich kaum etwas zu bieten, was den Schritt für die "Kleinen" rechtfertigen würde. Die Erfahrungen sind entsprechende Belege - und zwar auf beiden Seiten. Fazit: Die Indies wurschteln in ihrer Semi-Existenz weiter und feiern Achtungserfolge; steigen mit ein paar lächerlichen hundert verkauften Exemplaren in die Charts ein und können trotzdem keine ökonomisch relevante Basis für weiteres musikalisches Werken schaffen. Ihr Umfeld ist bemüht, engagiert, leidenschaftlich; steckt privates Risikokapital in die Produktionen und improvisiert weiter. Erst jahrelange, kleinteilige Arbeit macht ein paar Meter des Weges wett, den das große Kapital (zumindest in der Theorie) auf der anderen Seite in ein paar Wochen zu schaffen imstande wäre. Die Majors begnügen sich derweil größtenteils mit den Safe Bets - Schlager, ein bisschen Trash-Pop hier und ein bisschen Casting-Ergebnisse da. Sie müssen Zahlen liefern.

Ich möchte das nicht als generelles Major-Bashing missverstanden wissen - dort sitzen durchaus fähige, gute, sympathische Leute; manche von ihnen ausgezeichnet vernetzt und gut szenisch verankert. An den Strukturen ihrer Häuser scheitern sie trotzdem. Einen fließenden Übergang von einer Welt in die andere gibt es nicht - das mittelfristige Ergebnis davon ist dementsprechend.

Das große klaffende Loch zwischen Majors und Indies hat auch dazu geführt, dass die Medien nicht wirklich bedient werden. Denn auch hier geht es am Ende des Tages um die Kohle: Sind keine Etats vorhanden, gibt es keine Medien. Die "Kleinen" haben naturgemäß wenig bis keine Etats zur Verfügung, die Großen konzentrieren sich per Order auf internationale Stars. So sind in den letzten Jahren praktisch an allen Flanken Medien weg gebrochen, die das Wort über (heimische) Musik hinaustransportieren hätten können. Und auch hier täuscht das tatsächliche journalistische und kulturelle Interesse bei Qualitätsmedien mit (zu) wenig Einfluss auf den Breitenmarkt über das Wesentliche hinweg. So hat sich bei Ö1, FM4, in der ZIB-Kultur, im Falter und teilweise auch darüber hinaus eine honorige Berichterstattung über österreichiches Popkulturschaffen etabliert. Für die "Großen" unter den Medienplayern reicht das generierte Interesse aber noch immer nicht, um es berichtenswert oder spielenswert zu finden - Stichwort Ö3 und die dazugehörige, eigene Diskussion. Der wahre Hebel für eine echte ökonomische Grundlage einer funktionierenden "Industrie" fehlt damit erst recht wieder. 

Die Lücke, der Graben, das Loch, die gläserne Box - wie auch immer wir es nennen: Ohne entsprechenden medialen Widerhall ist das Erreichen einer breiten Publikumsbasis praktisch unmöglich. Der Amadeus hat zwar das Anliegen artikuliert, dies zu verändern, kann aber auch im allerbesten Fall nicht als einzelner Event etwas gerade bügeln, was die gesamte Kulturlandschaft mitsamt der Medien in den letzten 15 Jahren an Versäumnissen aufgestaut hat.

Fassen wir zusammen: Die "Industrie" in Österreich ist bestenfalls ein Industriechen. Die Bedeutung der Majors hat sich bezüglich des "Domestic Markets" durch langjährige Inaktivität und Kurzsichtigkeit in vielen Genres marginalisiert. Zeichen der Zeit wurden auf vielen Seiten falsch oder gar nicht verstanden. Der dadurch entstandene Zeit- und Glaubwürdigkeitsverlust hat der gesamten Branche politisch eine stetig dünner werdende Schicht an Unterstützern beschert (immerhin: Langsam bildet sich durch beherzte Initiativen mancher wieder so etwas wie eine Lobby). Die Folge: Die Förderpolitik hinkt im Vergleich zu anderen Branchen und zu internationalen Standards hinterher (auch hier wird in Siebenmeilenstiefeln aufgeholt, siehe Austrian Music Export; die Mittel sind aber geradezu lächerlich dotiert). Die Professionalisierung der Branche ist unterdurchschnittlich, weil es an Informations- und Ausbildungsprogrammen, an kreativen Maßnahmen und vor allem an Geld mangelt. Und dann gibt es da wie überall sonst auch die (wenigen) dinosaurischen Vertreter der Cordoba-Generation (um im Fußball-Vergleich zu bleiben), für die die Strategie vordergründig Jammern, Glorifizieren der Vergangenheit und Schuld auf andere schieben heißt, statt zur Verbesserung des Standorts, des Personals und der Produktqualität beizutragen.

Ich frage also: Wie in aller Welt soll unter diesen Umständen ein als solcher bezeichneter Industriepreis Relevanz und Ansehen erreichen?

Ja, es ist ein zurecht kritisierter Treppenwitz, wenn etwa KroneHit als Partner für einen Musikpreis agiert, deren Inhalt (hier: die Musik von HVOB) dem Sender wurschter nicht sein könnte. Warum agiert das Radio nicht nach journalistischen Kriterien wie oben zitierte Qualitätsmedienlandschaft und interessiert sich ganzjährig für das, was es dann auszeichnen möchte? Wäre eine Nominierung dann wirklich ein Problem?

Ja, es ist bezeichnend, wenn die Organisation des Amadeus Awards die einfachsten Grundlagen (Bandnamen richtig schreiben! Recherchieren!) redaktioneller Arbeit nicht beherrscht und meint, die "Alternative"-Kategorie mit der "Hard&Heavy"-Kategorie zusammen zu legen, wäre eine sinnvolle Idee (Oida?). Warum wird nicht (wie seinerzeit bei der Schaffung des "neuen" Amadeus) mit szenenahen, journalistisch befähigten Menschen gesprochen und gearbeitet? Wäre so ein Fauxpas dann wirklich passiert?

Nein, die Amadeus Austrian Music Awards sind nicht grundfalsch, nicht böse und schon gar nicht an allem Schuld. Sie wären in einer halbwegs funktionierenden Industrie ein glänzender und möglicherweise auch glanzvoller Anlass, über die Musiklandschaft zu reden, zu diskutieren und zu berichten. Stattdessen wird der Preis vom socialisierten Mob mit Häme überschüttet und wollüstig zur Schlachtbank geführt, damit morgen alles wieder vergessen sein kann, weil der Blutdurst schon gestillt worden ist. Vielleicht ist der Aufschrei damit letztlich aber wirklich noch zu was Nutze. Möge nach dem PR-Desaster ein Wiederaufbau erfolgen, der tatsächlich imstande ist, am Kern der Sache etwas zu verbessern. Und ich wette, sogar in der IFPI-Zentrale sagt man dazu: Ideas are welcome and highly appreciated.


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Kommentare:

  1. Ausgezeichneter Kommentar, danke!

    Nur bezweifle ich, dass man vor Ende der 90er / Anfang der Naughts selbst bei den Majors schon irgendetwas von DJ Ötzi oder gar Christina Stürmer gehört hatte...

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  2. ...aber ist es nicht so das beinahe die gesamte österreichische Musiklandschaft(Bands, Künstler, Studios, Produzenten, Labels etc. ) sich am Grashalm eines nicht vorhandenen Luftschlössleins festhält, welches über die Landesgrenzen hinaus mehr belächelt als überhaupt wahrgenommen wird? Kann diese Industrie innerhalb Österreichs für eine Band/Künstler überhaupt funktionieren und Früchte tragen? Nicht aus einer ideellen sonder eine wirtschaftlichen Motivation? Oder sind alle österreichischen Musikschaffenden in einer Luftblase getarnt als Idealismus und Selbstverwirklichungsventil gefangen weil man insgeheim ja eh weiß das die Möglichkeiten auf Nachhaltigkeit und wirtschaftlichen Erfolg begrenzt bis nicht vorhanden sind? wenn dem so ist, dann würde ich gerne wissen wozu das alles?

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  3. Ad Anonym: Ich beschreibe ja eine Entwicklung seit Mitte der 90er, das war keine reine Momentaufnahme. Auch Sofa Surfers waren erst ab 1997 "visible".
    Ad Ronny: Es gibt vergleichbar große Länder mit einer wesentlich gesünderen und funktionierenderen Musikwirtschaft - etwa Dänemark. Reichtümer und Berühmtheiten sind dort auch nicht schlaraffenlandgleich im Überfluss vorhanden, aber die Voraussetzungen und Möglichkeiten, ganz normal ein Geschäft aufzubauen und davon leben zu können, sind ungleich besser. Mehr verlange ich gar nicht. Wenn ein Preis auf so eine Wirtschaft aufsetzt, wird er auch mehr respektiert und geschätzt. Ich sehe also das ganze nicht als ein Failure des Amadeus, sondern des Systems dahinter.

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    1. bin ganz bei dir und würde es mir natürlich sehr wünschen!!!

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  4. Meine Sicht: ich spielte in den in den späten 90er bis Mitte 00er in einer österr. Band, die international 7-10k CDs pro album verkaufte. Ist zwar jetzt nicht wirklich viel, aber auch nicht so wenig. Hat keinen in Österreich interessiert, im Gegenzug hat Österreich uns auch nur am Rande interessiert.

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