Dienstag, 22. April 2014

Das Lichtenegger-Syndrom.

Ö3-Moderatorin Elke Lichtenegger hatte mit ihrer Shitstorm auslösenden Wortmeldung weder böse Intentionen noch hat sie bewusst einen Krieg gegen die Musikwirtschaft ausgerufen. Allerdings illustriert sie auch das eigentliche Problem: Die zwischen den Zeilen wohnende Geringschätzung gegenüber heimischen Musikschaffenden. Halbherzige Entschuldigungen des Senders und von ihr selbst ändern daran wenig.

Nach 20 Jahren Senderpolitik der Marke kommerzialisiertes Privatradio hat sich die Ansicht über die angeblich mangelnde Qualität der hiesigen Musiklandschaft bei Ö3 durchgehend soweit verfestigt, dass sie sichtlich auch unbewusst transportiert und vor allem gar nicht mehr hinterfragt wird. Selbst der Offene Brief von Georg Spatt an seine Hörerschaft belegt das. Seine Botschaft steht nicht zuletzt in krassem Widerspruch zur Ausrichtung seines Senders und zur beschämend geringen Quote österreichischer Musik in seinem Programm.

Ö3 hat in der Vergangenheit große strategische Fehler gemacht. Zuallervorderst, sich und seine Hörer ohne sichtbare Auseinandersetzung auf das Nichtvorhandensein formatradiotauglicher österreichischer Popmusik festzulegen und einzuschwören. So sind der Sender und sein Verhalten ein Synonym für eine Klagemauer der Frustrierten geworden. Längst schimpft jeder mit - von den erfolgreich durchs Land tourenden Szenestars bis zum semitalentierten Hobbymusiker. Und mit jeder Kleinigkeit (wie sie Lichteneggers Interview zweifellos eine wäre) multiplizieren sich die Feinde.

Den meisten davon wäre Ö3 im Regelfall herzlich egal. Die Dynamik bringt es aber mit sich, dass sie leidenschaftlich mitmarschieren und – wie im Fall Lichtenegger - auch gegen „das System“ trommeln. Die gesammelte Wut befördert aber vor allem Polemik und verunmöglicht den Blick auf Hintergründe und mögliche Lösungen. Sich nun an Lichtenegger auszulassen wäre in etwa so, als würde man einen Bankomaten wegen der Hypo-Krise anschreien, las ich in einer Wortspende. Die Vernachlässigten sammeln sich derweil in Facebook-Gruppen wie „ORF. Nicht wie wir“, die mittlerweile über 10.000 Anhänger zählt.

Dabei könnte es sich der mächtigste Radiosender des Landes deutlich einfacher machen. Statt ein kleines bisschen journalistische Basisarbeit zu betreiben und zuzuhören, was sich im bespielten Land eigentlich tut, wird quotentaugliches Lala-Wohlfühlradio propagiert. Das mag im Großen und Ganzen funktionieren, vom öffentlich-rechtlichen Auftrag ist es jedoch weit entfernt (wiewohl ich Ö3 weder das „Unterhaltende“ verbieten noch das Spielen von internationalen Hits untersagen wollen würde).

Die dargebrachten Argumente für dieses Handeln und gegen mehr österreichische Musik mögen vordergründig arrogant wirken, sind letztlich aber nur ein Zeichen großer Visions- und Mutlosigkeit in den Chefetagen: Ö3 darf als Cash Cow des ORF nichts anderes sein als ein Nummer-Sicher-Programm für die Quote, das nichts riskiert und nirgends aneckt. Die dahingehend bezeichnendste Wortmeldung eines Musikredakteurs war einst, die ihm zugesandte Musik sei „nicht durchschnittlich genug für Ö3“.

Natürlich ist es dem gemeinen Volk und Ö3-Hörer herzlich egal, ob und wieviel österreichische Musik zwischen den unzählbaren Jingles und Werbeblöcken läuft. Natürlich kann einem Sender mit 40% Marktanteil am Ende des Tages recht egal sein, ob eine kleine Gruppe an Musikschaffenden und Branchenvertretern Sturm läuft. Besonders klug erscheint dies aber nicht. Eine halbwegs vernünftige, aktive Integration der Musikschaffenden über Castingshows hinaus würde dem größten Musiksender des Landes gut stehen, wäre geradezu logisch und wohl auch ein großer Gewinn. Mein Vorwurf ist der, dass darüber in der Heiligenstädter Lände sichtlich nicht (oder nicht genügend) nachgedacht wird.

Das traurige Faktum dahinter ist: Ö3 schadet mit seiner Politik auch nachhaltig einem ganzen Wirtschaftszweig (die einfachste Form der Rechnung: bei durchschnittlich 4% österreichischer Musik wandern 96% der Tantiemen ins Ausland). In meinem Verständnis sollte Ö3 sich aber nicht als Gegner, sondern als unmittelbarer Bestandteil dieses Universums begreifen, bestenfalls als aktiver Begleiter oder Mitspieler. Stattdessen sieht man tatenlos zu, wie der nächste Fauxpas passiert und die Atmosphäre geradezu täglich giftiger wird.

Am längst überfälligen öffentlichen Diskurs sollte derweil auch gleich die Spitze des ORF-Fernsehprogrammes teilhaben. Sie verweigert seit ebensolanger Zeit jegliche Popmusik- und Jugendkultursendung in ihren Programmen und trägt an besagter Geringschätzung mindestens ebenso Mitschuld.

(Dieser Artikel erschien zunächst als Kommentar auf derStandard.at)

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