Montag, 28. Juli 2014

Wieviel Ö-Musik Ö3 wirklich spielt.

Zum Abschluss des Popfests 2014 in Wien gab es am Sonntagnachmittag eine Diskussion um das allgegenwärtige Thema "Quote" im österreichischen Radio. Nach jahrelangem Aufschaukeln hat die Debatte in diesem Frühjahr bekanntermaßen eine ungeahnte Dynamik erfahren. 

Der möglicherweise größte Fehler, den Ö3 im Zuge dieser Diskussion gemacht hat, ist, Mauern zu bauen. Auf diese Art und Weise macht man es den Kritikern ganz besonders leicht - denn nichts ist einfacher zu dämonisieren, als etwas, das man nicht kennt oder versteht. Dabei sollten Information, Transparenz, Dialogbereitschaft und auch Offenheit eigentlich Kernkompetenzen eines öffentlich-rechtlichen Mediums sein - und vor allem die Basiszutaten für eine sinnvolle Debatte. Dass man sich also darüber beschwert, beständig nur angegriffen zu werden, ist zu einem großen Teil eigenes Verschulden. Gestern hat sich nun endlich jemand vom Sender bereit erklärt, Arbeit und Funktionsweise der Musikredaktion von Ö3 zumindest in Ansätzen zu erklären. Ein kleiner, aber wichtiger Schritt (Danke, Wolfgang Domitner!)

Er kommt praktisch zeitgleich mit der Veröffentlichung der jüngsten Radiotest-Zahlen. Sie attestieren Ö3 einen weiteren Zuwachs an Hörern in der Werbezielgruppe - 42% der 14-49jährigen hören den Sender regelmäßig. Das ist vor allem insofern bemerkenswert, weil Georg Spatt berühmterweise das Dogma prägt, österreichische Musik schade seinem Sender.

Nun ist die zutiefst unbefriedigende Ö-Quote des Jahres 2013 im Verlauf des (getesteten) ersten Halbjahres 2014 dezent gestiegen (siehe unten). Nicht zuletzt durch den Gewinn des Song Contests und mannigfaltiger Erfolgsbeispiele im Pop-Segment liegt der Anteil derzeit stabil über 10% gegenüber 3-5% im Vergleichszeitraum 2013. Spatts Aussage ist also nachweislich jener Blödsinn, für den ich ihn immer gehalten habe (solch pauschale Aussagen ad Prinzip disqualifzieren sich eigentlich von selbst)

Nun haben wir seit etwas mehr als einem Jahr die ORF-Senderkette detailliert beobachtet und analysiert - um uns das beschriebene Verständnis selbst zu erarbeiten und insbesondere den schlimmeren Kindern in der Klasse (Ö3, Radio Wien) hinsichtlich der "Musikcharta" auf den Zahn zu fühlen. 

Ö3 muss als möglichst der Breitentauglichkeit verschriebener Sender viele Geschmäcker und Zielgruppen abdecken, also ein möglichst anschmiegsames Unterhaltungsprogramm liefern, ohne anzuecken oder zu provozieren. Das findet in der Programmgestaltung seine Entsprechung in einem Querschnitt der Hits der letzten 40 Jahre. Gleichzeitig werden dem Hörer die neuen "Hits" bei einem typischen Formatradio in einer sprichwörtlich schwindelerregenden Rotation eingehämmert. Soweit, so alt; das Prinzip ist weder neu noch die Erfindung von Ö3 - im Gegenteil: Von der sündteuren Beraterfirma BCI in Nürnberg in (seit) den 90ern "entwickelt" und an allen Ecken und Enden stets geradezu "wissenschaftlich untermauert", trachtet man auf diese Art und Weise nach der Garantie für den Quotenerfolg (... und an dieser Stelle darf man durchaus über die Rollen und Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes nachdenken).

Wir haben zwischen 1. Juli 2013 und 30. Juni 2014 über 3.000 verschiedene Songs bei insgesamt
113.400 gespielten Titel auf Ö3 gezählt. Im Schnitt wird also jeder Song weit über 30 Mal über den Äther gejagt. Während Ö3 seine populärsten Lieder dabei an die 1.000 mal in diesem Jahr gespielt hat (Nummer 1 ist One Republic's "Counting Stars" mit 976 Plays, gefolgt von Avicii's "Wake Me Up" mit 935 Einsätzen und Armin Van Buuren's "This Is What It Feels Like" it 934) kommt - zum Vergleich - der "Gegenentwurf" eines Formatradios, FM4, auf deutlich geringere Zahlen. Weil dort die Rotation deutlich mehr auf Vielfalt ausgerichtet ist, kommt Bilderbuchs "Maschin" als meist eingesetzter Titel im gemessenen Zeitraum auf "nur" 174 Plays. Formatbedingt laufen so viele "Oldies" auf Ö3 deutlich öfter als die aktuellen Kracher bei den Kollegen: Bon Jovis "You Give Love A Bad Name" aus dem Jahr 1986 etwa kommt auf die gleiche Zahl, das gesamte Repertoire der Schmuserocker bringt es jährlich auf über 1.000 Einsätze. 

Das hat natürlich auch wirtschaftliche Auswirkungen: Abhängig von der Tageszeit werden pro Titel für die Urheber und Produzenten über mehrere Verwertungsgesellschaften im Schnitt gut 10 Euro ausgeschüttet. Viel Airplay bedeutet also auch einen besseren Verdienst. Von der multiplizierenden Wirkung hinsichtlich Verkaufs- und Streamingzahlen bis hin zu Konzertticket- und T-Shirt-Verkäufen ganz zu schweigen. Gerade das zeigt und erklärt auch den Ö3 zugeschriebenen Allmachtsfaktor und die Aufregung um die geringen Einsätze hiesiger Musik. Weniger Geld in den Kassen der lokalen Musikwirtschaft bedeutet auch weniger Produktionsmöglichkeiten, weniger Mittel für die Vermarktung und dergleichen - ein echter Teufelskreislauf also.

Ö-Quoten im österreichischen Radio

(Erhebungszeitraum 1. Juli 2013 bis 30. Juni 2014; erhoben wurde anhand der öffentlichen Playlisten der Sender - das bringt allerdings auch dezente Unschärfen mit sich – etwa wenn es sogenannte „Handeinsätze“ gibt oder Spezialsendungen nicht gelistet werden; ein allgemeiner Trend lässt sich aber leicht und recht realitätsnah abbilden. Die Prozentzahl errechnet sich aus dem Verhältnis der insgesamt eingesetzten Titel zu jenen von österreichischen Interpreten; die Autorenschaft oder Produktion in Österreich wurde also nicht berücksichtigt. Vom ORF publizierte Zahlen (die in der Regel deutlich höher sind) inkludieren üblicherweise lokal produzierte Programmankündigungen und Jingles in die Quote)

Signifikant ist bei der Ö3-Kurve der sprunghafte Anstieg der heimischen Titeln nach der Causa Lichtenegger (April), die darauf hinweist, dass der öffentliche Druck durchaus auch in der Heiligenstädter Lände angekommen sein dürfte. Demgegenüber steht die dahingehende Resistenz von Radio Wien.

Hier nicht abgebildet sind Tatsachen, wie jene, dass Ö3 etwa in der Nacht (zw 0 und 5h) wesentlich mehr österreichische Titel spielt – offensichtlich auch, um hier der Charta bzw dem Ö-Quotenwunsch zumindest teilweise genüge zu tun. Logischerweise ist die Realquote im Tagesprogramm dadurch deutlich niedriger. Gleichzeitig merkt man, wie ein „Hit“ (der dann in der Regel auf Ö3 2-4x täglich läuft) die Quote gleich beeinflusst. In den letzten Monaten waren mit neuen Titeln von Julian Le Play, Anna F., Tagträumer und nicht zuletzt Conchita Wurst solche Beispiele vorhanden. Bleibt immer noch die berühmte und ewige Huhn-Ei-Frage, ob diese Songs Hits sind, weil sie auf Ö3 laufen oder Ö3 sie spielt, weil sie Hits sind (…) - aber das ist eine andere Geschichte.

Folge mir auf Twitter:
@hannestschuertz