Montag, 25. Mai 2015

Building Bubbles.

Meine Nachlese zum Song Contest in Wien ist keine musikalische, sondern eine politische. So hart an der Grenze zur Nervigkeit die Unvermeidbarkeit des Themas ESC in den letzten Wochen und Monaten war, so sehr zeigte der ORF dabei auch, wie staatstragend er sein und agieren kann, welche Rolle ein öffentlich-rechtlicher Sender spielen kann und vielleicht auch, weshalb er so ein Monster an Apparat mitschleppt.

Kurzum: Die Professionalität und Power, die der ORF im Zuge dieses Events an allen Fronten gezeigt hat, ringt mir größten Respekt ab. Und dabei meine ich nur zu einem geringen Teil die (sehr gut gemachte und organisierte) Show selbst, sondern vielmehr den Gesamteindruck und das Bewusstsein um das "große Ganze".

Was ich damit meine, nenne ich angelehnt an das unvermeidliche Song Contest-Motto "Building Bubbles". Öffentlichkeitsarbeit (oder konkreter Public Relations und Lobbying) funktionieren nach einem Prinzip, dass ich seit meinem Studium auf diesem Gebiet "Seifenblasen betonieren" nenne. Man zimmert und kommuniziert eine Idealvorstellung und versucht diese, so lange und überzeugend zu transportieren, bis sie als Wirklichkeit oder Faktum anerkannt wird.

So idiotisch das auf zwei Zeilen reduzierte Idiom klingt: Es kann funktionieren. In unserem Falle haben ausgerechnet die vielgescholtene Kathi Zechner und in Folge vor allem Conchita Wurst binnen eines Jahres mehr für das Bild Österreichs getan, als sämtliche Bundespolitiker seit Bruno Kreisky und die Wiener Philharmoniker in den letzten 30 Jahren zusammen. Das renommierte Magazin politi.co schrieb jüngst dazu: "Conchita Wurst has given her stodgy, conservative country a hip and tolerant makeover"

Der gelernte Staatsbürger weiß, dass dies im besten Fall eher eine hoffnungsfrohe Utopie als die gelebte Realität ist. Aber der Reihe nach: Dass Österreich ein tolerantes, liberales und weltoffenes Land ist, hat in der öffentlichen Wahrnehmung im In- und Ausland dem althergebrachten Schnitzel- und Apfelstrudel-Bild von einer nostalgieschwangeren Republik mit schwindender Weltgeltung schnell den Rang abgelaufen - und wir sehen uns auch selbst plötzlich lieber in diesem Bild. Was ausgerechnet Wolfgang Schüssel 2001 bereits sagte ("Die alten Schablonen - Lipizzaner, Mozartkugeln oder Neutralität - greifen in der komplexen Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts nicht mehr.") ist plötzlich gelebte Selbstverständlichkeit. Herzlich Willkommen in der Seifenblase.

Natürlich war die Wahl des Slogans "Building Bridges" zum Song Contest in diesem Zusammenhang absolut kein Zufall: Zwischen 2010 und 2013 hat eine Expertengruppe rund um den angesehenen und gewiss nicht günstigen Polit-Ratgeber Simon Anholt einen sogenannten "Nation Branding"-Prozess mit der Quintessenz abgeschlossen, dass sich Österreich dank geopolitischer und historischer Rolle in der Welt als "Brückenbauer" (siehe dazu diese Geschichte) positionieren solle. 

Der Song Contest war in diesem Zusammenhang ein Segen - denn es gibt nur wenige Ereignisse, die medial ähnlich intensiv wahr genommen werden wie das alljährliche Tralala. Das Wichtigste dabei: Selbst, wenn die Botschaft im Inland dank Trommelfeuers des ORF wesentlich intensiver angekommen ist als sonstwo, bleibt ein neues Selbstverständnis und Wertegefühl beim Bürger übrig, das jeden automatisch zum Multiplikator der Botschaft macht. Wofür Österreich dieser Tage steht? Natürlich Brücken bauen! Und schon arbeitet jeder von uns - wissentlich oder unwissentlich - an der Betonierung der Seifenblase mit. Gut so. 

Mittlerweile ist allerlei über den Einfluss von Conchita Wurst auf die österreichische Gesellschaft zu lesen - und tatsächlich spürt man seit ihrem Erfolg hie und da, dass manch hartnäckiger Traditionalist in den Untiefen seines Herzens an so manch homophober Grundeinstellung zu zweifeln beginnt. Dass das Konzept offensichtlich Früchte trägt, beweist kaum etwas besser, als die satirische Betrachtung desselben Themas durch die Tagespresse ("Österreich ab sofort wieder ganz  normale homophobe Bananenrepublik")

Ein ähnliches Beispiel stellt die Fußball-WM 2006 in Deutschland dar. Unter dem Motto "Zu Gast bei Freunden" hatte sich das Land hier binnen eines Monats eine radikale Imagekorrektur gebaut - und weg waren ein Großteil althergebrachter Klischees vom alten Nazi-Mief, gegen den man jahrzehntelang mühsamst angerannt war. Weggefegt auch das Bild des steifen, beamtischen Piefkes - die Deutschen wurden als gastfreundlich, feierfreudig, gesellig; als sportlich fair und sympathisch dargestellt. Und die Welt hat's gekauft, weil selbst der Kick der Nationalmannschaft mit den alten Mustern gebrochen hatte: offensiv, leidenschaftlich - und dann auch noch mit Würde verloren (damals Platz 3).

Ob wir jetzt nur kurz - bis zum nächsten Josef Fritzl, der nächsten Hypo, dem nächsten Polit-Fauxpas - glauben, dass wir in einem besseren Land leben oder nicht: Aktuell fühlen wir uns wohl in unserer Bubble, und dass wir rundum in dieser wahrgenommen werden. Solange sie hält, werden wir ihren Fortbestand intuitiv weitertragen - im Idealfall, bis sie zur self-fulfilling prophecy geworden ist. 

Der Weg mag ein mühsamer und langsamer sein. Von der Wirkung eines simplen PR-Stunts wie jenem mit den Ampelpärchen werden sich nachhaltig nicht viele beeinflussen lassen. Aber es ist ein kleines, perfekt passendes Rädchen in einem gewollten, gesteuerten und geplanten Veränderungsprozesses: Building Bubbles.

Der Nutzen eines Großereignisses kann durchaus nachhaltig sein. Denn was das Land prägt und wie es gesehen wird, haben wir vor gar nicht langer Zeit selbst in negativer Hinsicht erfahren müssen: In der Zeit der schwarz-blauen Regierung etwa gab es mannigfaltige Boykott-Drohungen. Selbst ausgewiesene Regierungsgegner wurden schief beäugt, man wäre ja schließlich aus dem Land, in dem alle "weit rechts" seien - oft durchaus mit realen, wirtschaftlichen Konsequenzen. Im Guten wie im Schlechten ist "Image" leider weit mehr, als an der Oberfläche Klischee-Ping-Pong zu spielen. Umso mehr sollten wir das gegenwärtige positive Momentum nutzen und weiter transportieren. 

Spannend wird in den nächsten Monaten sein, ob der ORF die Kraft für dieses Leitliniendenken inhaliert hat oder mit dem Großevent auch gleich wieder vergisst. Positiv anzumerken ist etwa der Versuch, die musikalischen Szenen zu integrieren. Bleibt es beim einmaligen Andocken, verspielt der ORF Kredit und Ansehen rasch wieder. Den positiven Schwung hingegen könnte man zugunsten aller Beteiligten sehr gut nutzen.

Ähnliches gilt in der Politik: Der Song Contest war hinsichtlich des "Nation Branding" ein Segen. Das Image ist der Realität bloß noch sehr weit voraus. Sie sollte sich ein Beispiel nehmen. Wasser zu predigen und Wein zu trinken ist etwa angesichts der gegenwärtigen Flüchtlingsproblematik eine Erbsünde - nicht nur aus PR-technischer Sicht: Don't forget we're Building Bridges, Leute!

Auch wenn es nicht immer so (verhältnismäßig) einfach sein wird, positive Stimmung zu machen: Das Motto und das Bestehen auf dem Leitbild wäre dringend erforderlich, um wie beschrieben die "Seifenblase zu betonieren". Gerade die Politik könnte sich sehr einfach des kulturellen Schatzes Österreichs bedienen, denn schlussendlich gilt, was weiland schon Falco sagte: "Das Tun kommt aus dem Sein allein."

Donnerstag, 26. März 2015

Bekennerschreiben.

Am Sonntag werden die Amadeus Austrian Music Awards verliehen. Der österreichische Musikpreis könnte nach 15 Jahren tatsächlich jene Aufmerksamkeit erhalten, die er sich immer gewünscht hat. Auch wenn er nicht viel dafür kann.

Im vergangenen Herbst hatte ich die Ehre, als Vertreter der Indies in einer „Reformkommission“ zum Amadeus zu sitzen. Doch an einem Musikpreis, der 2010 grundlegend auf neue Beine gestellt wurde, gab es gar nicht so viel zu reformieren - den üblen Kritiken und Boykotten im letzten Jahr zum Trotz. Damals, 2010 also, wurde der (durchaus mutige) Schritt gesetzt, internationale Kategorien zu streichen und die heimischen Szenen besser abzubilden.

Es war ein wichtiges Signal, denn zumindest oberflächlich hatte die IFPI (der Industrieverband der Plattenfirmen und Veranstalter des Amadeus) scheinbar verstanden: Einerseits, dass sie selbst jahrelang auf dem Holzweg war, weil am Ende des Tages nur das lokale Repertoire ihre pure Existenz abseits von Vertriebs- und Marketingaufgaben überhaupt rechtfertigt. Andererseits, dass die Wahrnehmung dieses heimischen Repertoires (mangels wirtschaftlicher Kraft) nahe Null war, also dringend Verbesserung bedurfte. Und dann kommt noch die Tatsache hinzu, dass ein Musikpreis eben nur abbilden kann, was er als Markt zu bieten hat. Viele Details und Dinge im Hintergrund  wurden seither (oft zurecht) kritisiert – man nehme etwa die unselige Medienpartnerschaft mit Kronehit und den daraus resultierenden HVOB-Boykott 2014. Die mutige Strategie wurde leider nicht immer sinnvoll durchgezogen, aber immerhin: es gab und gibt sie.

Die Majors waren in den 00er-Jahren in eine massive Krise geschlittert und haben das üppig beklagt. Rezepte dagegen haben sie bis heute nicht wirklich gefunden. Glücklicherweise ist parallel dazu im Untergrund ein wahrer Boom ausgebrochen. Der aber war bis dato so klein, dass man von Wirtschaftlichkeit kaum sprechen konnte. Wenn es aber nichts zu verdienen gibt, kann man auch einfach kompromisslos sein Ding machen – also war Österreich künstlerisch noch nie so vielseitig und interessant aufgestellt wie heute. Der Amadeus vermag das entstandene Treiben zumindest in Ansätzen abzubilden. Das ist angesichts dessen, was man nüchtern betrachtet von einem nationalen Musikindustriepreis erwarten darf, gar nicht so wenig. Doch auch wenn Bilderbuch oder Wanda mittlerweile im Medien-Mainstream angekommen sind, darf man nicht glauben, diese Phänomene seien zufällig entstanden.

Sie sind das Resultat eines steten und sorgsamen Aufbaus einer lebendigen, wachsenden und kooperierenden Szene. Ich habe das lange als „Glashaus“ bezeichnet, weil wir oft das Gefühl bekommen haben, mit dem Ausreizen des FM4-Universums wären wir an einem natürlichen Plafond angekommen. Das Interesse des Mainstreams an künstlerisch interessanten Acts (wie beispielsweise die genannten) war jahrelang enden wollend, wir steckten in einer Schleife aus "zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel" fest.

Das konstante und gleichzeitig heftiger und häufiger werdende Anklopfen an diese Decke musste aber dann doch irgendwann dazu führen, dass sie bricht. Und das ist heuer passiert. Wie so oft hat die nationale Wahrnehmung einen Stupser großer deutschen Medien vom musikexpress bis zu den ARD Tagesthemen, von Circus Halligalli bis zur Süddeutschen Zeitung benötigt, um zu begreifen, was wir und die kritisch ernstzunehmenden Medien hierzulande seit Jahren wissen und predigen. Mittlerweile kommt aber sogar der sprichwörtliche Berg bereitwillig zum Propheten auf Besuch.

Abseits von Plattitüden wie dem eifrig herbeigeschriebenen „neuen Austropop“ wird sich in näherer Zukunft weisen, ob und wie sich dieses Verhalten weiter entwickelt. Ob etwa ein kleiner, aber positiver Schritt wie der Versuch, die tatsächlichen Szenen beim Songcontest einzubeziehen und ins Fernsehen zu hieven einmalig bleibt. Ob man drauf kommt, dass dafür wiederum ein beständigeres und breiteres Abbilden eben dieser Szenen sinnvoll und notwendig wäre. Ob der journalistische Wille zur Neugier die österreichische Skepsis mittelfristig übertüncht.

Es gilt fest zu halten: Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren gibt es gewachsene und doch „klassische“ Ö3-/Pop-Acts wie etwa Julian LePlay, die einen Karriereplan haben und nicht nur Casting-/ Popsternchen sein wollen. Sie verkaufen zuverlässig haufenweise Tickets im ganzen Land, spielen in großen Hallen – und sind letztlich als ebensolche Eigengewächse aus unabhängigen Strukturen entstanden.

Zum ersten Mal überhaupt hat ein „FM4-Act“ den elenden Graben überwunden und ist direkt auf Platz 1 der Verkaufshitparade eingestiegen (Bilderbuch mit „Schick Schock“); zum ersten Mal kommt ein weiterer solcher Act direkt aus dem Indieversum in den Mainstream und etabliert sich dort binnen kürzerster Zeit als Albumverkäufer mit Goldstatus (Wanda).

Es wird selbstverständlich werden, dass heimische Acts Festivals headlinen, wie das beim Nachbarn die Toten Hosen, Beatsteaks und Kratklubs seit Jahren tun. Es wird selbstverständlich werden, dass sich Acts adäquat im TV präsentieren können und dabei gute Figur machen. Es wird selbstverständlich werden, dass sich künstlerisch interessante Acts aus dem Herz dieser Szenen um vordere Hitparadeplatzierungen prügeln.

Ja, damit einhergehen werden auch Wachstumsschmerzen: Das jahrelange enge Zusammenhalten einer kleinen Indie-Industrie wird mehr Konkurrenz und Wettbewerb weichen. Der Live-Markt war seit gut 15 Jahren nicht mehr so in Bewegung wie gerade eben. Ich hoffe inständig, dass die freundschaftliche und kooperative Basis, auf der viele dieser Sachen entstanden sind, fortwährendes Merkmal der hiesigen Musiklandschaft bleiben kann. Und nochmal ja, es gibt nach wie vor keinen „Anspruch“ auf Erfolg, auf Ö3-Airplay, auf große Berichterstattung oder dergleichen. Umso mehr wird gelten: Quality wins.

Ihr werdet begreifen, dass all die kleinen Bausteine, die die inks, Seayous, monkeys, Wohnzimmers, Problembärs, Arcadias und Affines; die die micas, Musikfonds und Exportbüros dieses Landes mühselig zusammengesetzt haben langsam ein sinnstiftendes Bild ergeben. Amadeus brauchen wir Kleinen dafür keinen, aber wenn der Musikpreis das auch zu zeigen vermag, dann darf er mich auch gerne rocken.

Ich wünsche mir, dass diese Welle nicht einfach abebbt, sondern das Interesse und die plötzliche scheinbare Offenheit der Medien und des Publikums hoch bleiben. Wir sind noch lange nicht angekommen, aber die Welt außerhalb des Glashauses bietet schöne, neue Perspektiven und frische Luft. Wir werden trotzdem nicht aufhören, weitere Pflänzchen in unserem geliebten Biotop zu pflanzen. Und ihr, liebes Fernsehen, liebe großen Radios und Zeitungen, liebe Festivals und Großveranstalter, ihr seid herzlichst eingeladen, uns mal besuchen zu kommen. Willkommen im Dschungel.

Donnerstag, 22. Januar 2015

Biotop und Ghetto: Zum 20. Geburtstag von FM4.

Neulich hat ein verdienter Zeitungsredakteur auf Facebook in einem Anfall von Nostalgie einen alten ORF-Jingle gepostet. Es war der für "Trailer", jene legendären "Tipps für Filmfreunde" im ORF der 80er-Jahre, die nicht nur ihm mit der Titelmelodie Moondogs "Bird's Lament" in die Ohren legte. Flugs entsponn sich daran geknüpft eine Diskussion über eine ganze Reihe solcher Stücke aus einer Zeit, in der selbst Udo Hubers Hitparadensendung "Die großen 10" mit einem Jazzfusion-Stück eingeleitet wurde und die Wochenschau ("Panoptikum") mit Dave Brubeck startete.

Es sind durchwegs Stücke, die einem Mainstream-Formatradio nie auskommen würden - und gerade deshalb so nachhaltig im Gedächtnis blieben, weil sie anders und gut waren. Und es zeigt, wie einflussreich und wichtig Medien sein können. Seit nunmehr 20 Jahren überlässt der ORF einen Großteil dieser musikalischen Sozialisierungsfunktion dem Radiosender FM4.

Ich kann mich noch gut an "20 Jahre Ö3" erinnern. Das war 1987, und man vermittelte den Mythos, der Sender war einmal ein junger, rebellischer Alternativsender. Mit ähnlichen Vorgaben startete 8 Jahre später FM4. Mir war der Vorläufer "Musicbox" im Ö3-Programm zwar oft zu sperrig gewesen, aber sie erfüllte die Funktion von Forrest Gumps Pralinenbox - man wusste nie, was man kriegt, und immer wieder waren unverhofft wohlschmeckende Stücke darunter. Mein Interesse an "anderer" Musik hatte davor eher die Errungenschaft Kabelfernsehen und das MTV der frühen 90er geprägt, wo Ray Cokes sein Unwesen trieb und die große Grunge-Welle, amerikanischer HipHop und später Britpop mit voller Wucht auf mich einschlugen.

FM4 kassierte mich und viele meiner damaligen Klassenkollegen derart vorbereitet früh ein, spätestens mit der Schrägheit von Formaten wie "Salon Helga" als Sahnehäubchen. Wirklich alles anders wurde aber am 1.2.2000. Es war der Tag, an dem die schwarzblaue Regierung durch einen Tunnel zur Angelobung geführt werden musste - und FM4 erstmals ganztägig sendete. Der kulturelle, gesellschaftliche und nicht zuletzt wirtschaftliche Stellenwert des Senders ist seither gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Der Einfluss ist jedoch nicht oberflächlich und offensichtlich, er ist tiefgreifend. Man stelle sich vor: Das Land spricht und versteht jetzt (zumindest gefühlt) deutlich selbstbewusster und besser englisch, nur weil so ein Sender die Hälfte seines Programmes - noch dazu mit sehr hohem Wortanteil - in der Weltsprache sendet. Es ist nicht der einzige Effekt, den man erst bei näherer Betrachtung bemerkt.

FM4-Redakteure haben etwa nicht von ungefähr ein wahres Abo auf den Radiopreis für Erwachsenenbildung. Seit Jahren kommen auch die spannendsten Neuentwicklungen im ORF Fernsehen aus dem Personalreservoir des gelbschwarzen 4. Stocks des Funkhauses in der Argentinierstraße. Von "Willkommen Österreich" über die "Sendung ohne Namen" bis hin zur "Wahlfahrt" hat man nur dank bei FM4 ausgebildeter und "groß gewordener" Persönlichkeiten dort weiter gemacht, wo der Küniglberg bei der Einstellung von X-Large in den 90ern aufgehört hat: Kreatives Potential von jungen Leuten bündeln und entwickeln. Zwar ginge da noch deutlich mehr - und gerade im Fernsehen fehlt dem ORF dazu oft der Mut - aber ohne ein Biotop wie FM4 würde nicht nur der ORF selbst, sondern das ganze Land wesentlich trauriger aussehen.

Doch der Grat zwischen Biotop und Ghetto ist ein schmaler. FM4 trägt diese Rolle mit Würde. Der Sender ist und bleibt eine Quelle im besten Sinne. Auch wenn was etabliert ist auch gerne kritisiert wird. So darf sich auch FM4 seit gefühlten zehn Jahren anhören, es sei "nicht mehr so (gut) wie früher". Meine Theorie dazu ist eher, dass sich FM4 seit jeher bemüht "vorne" zu bleiben und sich nicht dem Alltagstrott eines eingeübten Schemas hinzugeben. Viele Hörer hingegen bleiben stehen - und das Radio läuft ihnen in der Suche nach Neuem davon. Die Schulkollegin, die mich ganz wesentlich zu FM4 und zur "alternativen" Musik gebracht hat, hört heute Ö3 und geht auf Bon Jovi-Konzerte. Und abgesehen davon, dass im nostalgischen Rückspiegel immer alles besser ist, bedient FM4 eine unfassbare Breite an Stilen und Geschmäckern im Rahmen eines Formatradios - was unmöglich alle glücklich  machen kann.

Ja - ganztägig den Sender laufen zu lassen, kann anstrengend sein. Weil es eben nicht nur Gedudel ist. Die unterhaltsam-lockere Morning Show ist abgesehen von der Musik noch eine angenehmere Entsprechung des "Wecker"-Gedudels beim großen Bruder in der Heiligenstädter Lände. Der "Reality Check" ist eine der besten Radiosendungen, die man hierzulande empfangen kann, aber neben konzentrierter Arbeit ebenso schwierig aufnehmbar wie das Ö1 Mittagsjournal. Um 14h einfach mal so eine Stunde einem DJ das Programm zu überlassen ("Unlimited") zeugt von Mut und erinnert mich an eine alte Episode mit Senderchefin Monika Eigensperger. Sie erträgt derlei Kritik seit jeher mit stoischer Gelassenheit und ist damit ein Fels in der wild umspülten Radiobrandung. Je nach Wind steht FM4 in der politisch-öffentlichen Wahrnehmung oft kurz vorm "Zugedrehtwerden" oder dem "zu erfolgreich sein", weil es dem Flaggschiffsender Ö3 Quote wegfrisst. In einem Gespräch meinte sie zu letzterem Problem einmal sinngemäß: "Dann spielen wir halt wieder ein bissl mehr Drum'n'Bass in der Morningshow".

Was man nicht vergessen darf, ist, dass das gegenwärtige österreichische Popwunder ohne FM4 nicht existieren würde. Die elende Debatte um Quoten und Respekt (Stichwort Lichtenegger) zeigt wohl auch diese andere Seite - das "Ghetto", das sich hier gebildet hat. Dort aber sind Phänomene groß geworden, die es ohne Sozialisierung und Entwicklungshilfe von FM4 nie gegeben hätte - und nicht nur einheimische. In einer entwickelten Kultur hätte Ö3 nicht nur Wir sind Helden, Franz Ferdinand, Mando Diao, Green Day oder Coldplay "übernommen" - alles Bands, die auf FM4 "groß" wurden - sondern zB auch Clara Luzia, Nino aus Wien, Parov Stelar oder zuletzt Bilderbuch und Wanda.

Mittlerweile hat Ö3 mit seiner dahingehenden Schotten-dicht-Politik schlichtweg verloren. Über die Grenzen hinweg singt man "Maschin" und "Bologna", die Bands spielen vor mehreren tausend Leuten Konzerte - und während Ö3 die Möglichkeit lokale Helden zu featuren, ungenutzt lässt, ist FM4 in großem Maße "Schuld" an deren Heldentum. Mit einer simplen journalistischen Vorgehensweise: Intensiver Szenenbeobachtung und -abbildung, also nicht mehr als der Fragestellung: "Was passiert da draußen eigentlich?", die man von einem öffentlich-rechtlichen Sender an sich auch zu erwarten hat. Solch einfache Dinge sind der Schlüssel dazu, dass Österreich aus dem Hinterstübchen der popkulturellen Bedeutungslosigkeit zurück in die Moderne gekommen ist.

Die Rolle und Bedeutung der Station lässt sich am leichtesten von außen beobachten. Spricht man mit deutschen Kollegen, beneidet man das Land um diese Institution. Erklärt man international den Sender und seine Reichweite (etwa 300.000 Hörer), erntet man ungläubige Blicke und Respekt. Tut man das (notgedrungen) aus Branchensicht, vervielfacht sich das: Wie kann es sein, dass Österreich "plötzlich" so viele Künstler aus der Tasche zaubern kann, stilistisch vielfältig, originell, "anders", besonders? Auch wegen FM4. Danke, du schwarzgelbes Monster.