Samstag, 30. Dezember 2006

Jahresbilanz 2006 - der Rest.

Und der Haifisch, der hat Zähne.

Die Musik-Chose haben wir ja ausführlich besprochen, aber das Leben ist ja nicht nur Pommes und Disco, wie ein deutscher Kollege zu sagen pflegt. 2006 war ein durch und durch seltsames Jahr, und schon die Vorahnung auf so ein Jahr hat in mir ein komisches Gefühl hochgebracht.

Natürlich sind da persönliche Sachen und Ereignisse viel schlagender als die "öffentlichen" - und von beiden gab es mehr als genug. Lassen wir das private einmal privat sein und konzentrieren wir uns auf das, was jeder mitbekommen hat, der sehenden Auges durch das Jahr 2006 spaziert ist.

Da taucht ein 18jähriges Mädchen auf, das zehn Jahre als vermisst und also eigentlich längst als tot galt. Da wird ausgerechnet Italien Fußball-Weltmeister, während sich ausgerechnet Deutschland als Fußball-Mannschaft wie als Volk so eigenartig positiv darstellt, dass einem das dabei ausgelöste Kopfschütteln heftige Schmerzen verursacht. Da verabschiedet sich ein Weltklasse-Fußballer mit einer dümmlichen Aktion von der "Bühne". Da blamiert sich das hiesige Nationalteam ein- ums anderemal, während zwei "Neunmalkluge" den Aufstand proben und sich nix mehr um das Land der Berge pfeifen.

Da wird zur Leistungssteigerung Blut gewaschen und hernach gleichsam die Hände in Unschuld; während ein Trainer, der gar keiner sein darf, völlig auszuckt und das Wort "Provinzposse" neu und schlagkräftig definiert.

Da leistet sich die größte Partei Österreichs den "Luxus", ihre Quasi-Vorfeldorganisation, die Gewerkschaft, vor die Hunde gehen zu lassen - nur, um dann trotzdem die Wahlen zu gewinnen. Da feiert ein Haider-Kopist die Wiederauferstehung des platt-polemischen Populismus in der Politik mit einem Wahlerfolg. Da werden weiterhin dreiste Lügen solange als die einzige Wahrheit dargestellt, bis es eh jeder glaubt.

Da nimmt sich eine neue Zeitung dies gleich zum Vorbild, verbreitet fortan täglich seine "News" und nennt sich noch dazu großkotzigst möglich "Österreich".

Da geht das stimmigste und mit größter Vorfreude erwartete Festival gleich im doppelten wahrsten Sinne den Bach hinunter. Da kreischen und gröhlen die mit Vergnügen Obrigkeitshörigen Jungmenschen beim Erscheinen eines schwerst Drogenkranken - während ihre Eltern und Großeltern schockgefroren feststellen, dass auch ihre Generation ein derartiges "Vorbild" zur Verfügung hat.

Da gibt es ein Mädchen, dessen Berühmtheit darauf beruht, berühmt zu sein, und dessen Aufgabe es ist, aktuelle Umfragen dazu zu bringen, auszusagen, der sehnlichste Wunsch junger Mädchen sei nicht etwa Gesundheit oder dergleichen, sondern "Prominenz". Da gibt es auch ein Mädchen, die diesem Ziel so sehr nacheifert, dass sie an Magersucht stirbt und damit - schwarze Ironie der Geschichte - tatsächlich Berühmtheit erlangt.

Da gibt es die Wiener Polizei, deren Oberste sich über Intrigen und Vorwürfe geschickt gegenseitig ins Out befördern. Da wird am vorletzten Tag des Jahres gschwind noch ein Ex-Diktator aufgehängt und beweist damit indirekt, dass seine "Richter" auch nicht um soviel gscheiter und besser sind als er.

Die erinnerungswürdigen Geschichten des Jahres 2006 sind unzählig, die meisten davon verleiten zum Kopfschütteln.

In einem der so zahlreichen Jahresrückblicke dieser Tage habe ich noch einmal (Ausschnitte aus) "Die Dreigroschenoper" gesehen. Es war mir ein Vergnügen, Brechts Meisterwerk diesen Sommer in Kobersdorf auf der Bühne zu sehen. Auch dazu gäbe es einige schöne Geschichten zu erzählen, Faktum bleibt: Die Dreigroschenoper beinhaltet auch gut 60 Jahre nach ihrer Uraufführung und 50 Jahre nach Brechts Tod mehr Wahrheiten, als man dem modernen und jetztzeitigen Jahr 2006 zumuten würde. Korruption und Lügen, Drogen und Prostituion, eine gewaltig aufgehende Schere zwischen Arm und Reich, Schmiergeld und Betrügereien. Und das alles als Publikumshit zum Amüsement der breiten Masse. Ob sie die Signale aufnimmt und versteht oder es doch nur, wie ich es "befürchte", auf eine abendliche "Unterhaltung" reduziert? Besser als hier ist die Welt, wie sie (immer noch) ist, kaum auf den Punkt zu bringen. Möge 2007 eine kitschig-blühende Romanze werden und kein sozialkritisches Drama.

Und die einen sind im Dunkeln, und die andern sind im Licht,
und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.

Samstag, 23. Dezember 2006

Weihnachten, also.

"Der größte Trick des Teufels war der, den Menschen glauben zu machen, es gäbe ihn gar nicht."

Im letzten Jahr hab ich den Monat Dezember in der Sonne verbracht, weit weg von zuhause. Weit weg von Maroni und Einkaufswahnsinn, verstopfter Mariahilfer Straße und Zimtgebäck. Weit weg von "Der Handel freut sich über 2% Geschäftszuwachs" und von "Was schenk ich bloß der/dem ....?". Weit weg von "Last Christmas" und "Little Drummer Boy", weit weg von Klinglöckchen Klingelingeling und dem Coca-Cola-Weihnachtswagen. Weit weg von Kunstschnee und stromvergeudenden Lichterketten auf jedem Haus in der Pampa. Weit weg von der Christkind vs. Weihnachtsmann-Diskussion und dem obligaten "Wir schauen was wir unserem Magen alles zumuten können"-Gemetzel rund um die Feiertage. Weit weg von Weihnachten.

Erst heuer merke ich so richtig, wie wenig mir das alles abgegangen ist. Ist eigentlich jemandem aufgefallen, was in obiger Aufzählung fehlt? Nunja, Weihnachten ist immerhin ein christliches Fest. Gut, die moslemischen Mitbürger hierzulande freuen sich genauso über ein paar "gesetzliche Feiertage". Gut, die definitiv nicht römisch-katholischen Japaner feiern trotzdem wie die Wahnsinnigen. Aber im Prinzip haben sie ja Recht. Weihnachten ist längst zu einer Institution der Wirtschaftskammer geworden und nicht ein Fest der Christen. Was feiern wir denn auch sonst als: Jesus, der Messias, Retter der Konsumgesellschaft, ist da. Zu seinem Geburtstag schenken wir einander Umsatzzuwächse und Steuerrekorde; verpfeffern alles, was wir im Rest des Jahres so an Geldern aufgestaut haben, noch rasch. Neulich hab ich gelesen: 350 Euro gibt der Österreicher im Schnitt (!) für Weihnachtsgeschenke aus. Im Monat Dezember wird durschnittlich 4,5x soviel Geld ausgegeben wie in jedem anderen Monat.

Wobei es der Wirtschaft sogar zu blöd ist, sein Konterfei oder seinen Namen zu benutzen, wie praktisch ist doch der Weihnachtsmann anstelle des Christkinds zu gebrauchen. Da fehlt auf den ersten Blick jegliche christliche Assoziation - und seine rote Farbe hat er von Coca Cola gesponsert bekommen (früher war er nämlich grün).

Zeit der Besinnung? Zeit der Ruhe? Das ich nicht lache. Die Werbung schreit lauter als in den anderen elf Monaten zusammen, die Postkästen biegen sich vor lauter Zuschriften, die Spam-Quote kraxelt nach oben. Jeder braucht einen grünen Baum im Haus, will aber trotzdem weiße Weihnachten und weiß eigentlich gar nicht wozu.

Ö3 spielt wieder Wham und sichert George Michaels Pension, Boney M. feiern ihr siebenundvierzigstes Comeback, Greatest-Hits-Alben schießen aus den Boden wie Schwammerl und zwei von drei "Stars" fühlen sich bemüssigt ihre Weihnachtsalben aufzunehmen. Die verordnete Feierlichkeit - juchee!

Weihnachten ist zynisch. Weihnachten ist eine der verlogensten Veranstaltungen, die der Mensch zustande gebracht hat. Es ist die verordnete Freude - doch dahinter steckt die ganz gewaltig grinsende Fratze des Bösen. Niemand kümmert sich wirklich um all diesen Quatsch, den er deshalb glaubt, weil es ihm die Welt vorgaukelt.

Weihnachten? Ein Fest der Umsatzrenditen und Bankomatkassen, ein Fest der Überstunden und des Geschäftemachens; ein Fest des Einkaufens all jener unnötigen Dinge, die niemand sonst im Lauf des Jahres sich zu kaufen getraut. Ein Fest des Konsums und der Völlerei, ein Fest als das genaue Gegenteil dessen, was es immer sein wollte: Stille Nacht? Ja, sicher. Dieses Weihnachten kann mich bitte schön am Arsch lecken.

Jahresbilanz 2006 - der Musik-Teil.

Noch selten Jahre wie diese gehabt, in denen ich dermaßen wenig (ja, wirklich wenig) neue Musik gehört, gekauft und "aufgesaugt" habe. Warum auch immer. Jedenfalls hab ich trotzdem meine leisen und lauten, schönen und schirchen High- und Lowlights des Jahres gehabt, wie immer. Und meine persönliche Sicht der Dinge bewahrt. Here they are, let´s discuss ´em.

Es war das erste Jahr in der Quasi-Pension als DJ. Die Bilanz sagt alles: 2005 hab ich insgesamt rund 40 mal die Plattenteller drehen lassen, 2006 drei Mal. Ich werd das auch im nächsten Jahr nicht viel anders handhaben und mir Anlässe gut aussuchen - und ebenso, was ich auflegen werde. Das übliche Indie-Kids-Disco-TamTam werdet ihr von mir nicht mehr so schnell zu hören kriegen - das machen die jungen Kollegen besser ;-)

So gut wie alle Hitlisten - ob kommerziell oder "Indie", Print- oder Funkmedium - werden von Gnarls Barkley´s "Crazy" angeführt. Eine interessante Tendenz (oder doch eher eine Ausnahme?). Jedenfalls werden die einst so tiefen Gräben "Indie" und "Kommerz" langsam aber sicher zugeschüttet - und ich sage Gott sei Dank. Ich hab nix gegen gute Popmusik. Und schon gar nix gegen Popmusik, die auch gut ist. Gnarls Barkley haben geschafft, beide "Welten" anzusprechen, ebenso wie etwa die Scissor Sisters oder auch andere. Sind mir nicht die allerliebsten und supersten Beispiele aus dem Musikjahr 2006, aber sind mir immer noch tausendfach lieber als diverse Klon-Stars, Boygroups und billige Dancefloors-Coverversionen. Also.

Der NME hat 2006 das Jahr der Frauen genannt. Mag sein. Die Beispiele Lilly Allen oder Regina Spektor greifen mir aber viel zu kurz und zeigen, dass der NME auch nix anderes ist als die englische Bild-Zeitung für den Musik-Teenie. Drauf geschissen, sag ich, und das sagt übrigens auch Lilly Allen selber in ihrem myspace-Blog. Sehr cool, das, auch wenn mir die Dame musikalisch überall vorbei geht.

Wie überhaupt mySpace DAS Riesending wurde in 2006. Die Seite selbst ist aus technischer und programmierphilosophischer Sicht zwar eine Katastrophe, aber es war Zeit, das sowas kommt - denn das Prinzip ist supereinfach, und die Kommunikation wird von und über mySpace auch viel stärker in die reale Welt rübergeholt als bisher im/aus dem Internet. Selbst wir ink´s haben eine myspace-Seite.

Im kommerziellen Bereich hat die "Deutsch"-Welle meiner Einschätzung nach ihren Höhepunkt überschritten und ist damit offenbar streßfrei im Stande, ein paar stille und überraschende Höhepunkte zu setzen. Trend-Trittbrettfahrer wie Hund am Strand oder die Fotos sind dagegen wie übermotivierte Fußballer - nicht so wirklich im Stande die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. So gesehen - und auch wenn hier Eigenlob in den Himmel stinkt - war die beste deutschsprachige Platte 2006 "Ja, Panik" von Ja, Panik. Slackertum at it´s best, frech und graderaus - trotzdem tiefgehend und keineswegs primitiv. Eine tolle Platte, nach wie vor. Aber - zu meiner Verteidigung - ich hab auch Die Sterne immer sehr gemocht

Am Live-Sektor spitzt sich die Lage weiter zu - es gibt ein paar große, fette Festivals, die alles interessante an Acts aufkaufen, aber große Mankos in Sachen Atmosphäre, Stimmung, Gemütlichkeit und mitunter auch Leistbarkeit haben. Dagegen ist die Wiesen-Veranstaltungsfirma nach dem vermurten Forestglade-Absagewahnsinn tatsächlich in Konkurs gegangen. Gute Nacht.

Überhaupt werde ich das Gefühl nicht los, es gäbe nur mehr extrem große und mickrig kleine Acts - nix mehr dazwischen. Franz Ferdinand und Mando Diao bespielen mittlerweile die Stadthalle, Mia demnächst den Gasometer - dagegen sind "kleine" Shows in Lokalen wie etwa dem Chelsea nur mehr selten bis gar nicht ausverkauft, selbst wenn dort ausgesprochen coole Acts zu Gast sind. Mal sehen wie das weiter geht, die Tendenz ist jedenfalls äußerst bedenklich.

Wie siehts mit den neuen Künstlern aus? Die Arctic Monkeys haben (zurecht) alles abgeräumt, was geht. Für mich sind sie die letzten, die im Zuge dieser Retro/The/Speedrock-Indie-Welle derart emporgeschossen kommen. Das Ding ebbt ebenfalls schon ein wenig ab und die (künstlerisch) auf mittlerem Niveau stagnierenden Bands wie Franz Ferdinand oder Mando Diao sind bereits in der Cash Cow-Phase (lies nach in BWL 1, was das so alles bedeutet). Da kommt nix interessantes mehr nach. Bands wie The Fratellis haben Spaß an der Sache, das zählt also nur bedingt . Die Stadien dieser Welt werden es ihnen bald danken. Zu meinem Bedauern dort sind mittlerweile angekommen sind Red Hot Chili Peppers (dem Mainstream angepasstes, aber immer noch respektables, okayes neues Album) Placebo (dito) oder sogar Billy Talent, brrr. Auf dem besten Weg dorthin sind die von den Kids unfassbar verehrten Panic! At The Disco... na von mir aus.

Dagegen sind wieder leise oder ungewöhnliche Töne angesagt. Clap Your Hands Say Yeah können einem den letzten Nerv rauben, aber haben was; das gleiche gilt etwa für Bands wie Beirut - eine absolut überraschende Abwechslung in den Kritikerhöhen.

Dort sowieso ganz vorne, oben oder wo auch immer - zumindest bei mir: Phoenix. Es ist unglaublich, welches Talent für Pop-Melodien in diesen Köpfen schlummert - und es ist mir ebenso unbegreiflich wie eigentlich sogar Recht, dass diese Band nicht schon längst viermal hintereinander das Ernst-Happel-Stadion auszuverkaufen imstande ist. Scheiß auf Robbie Williams (neues Album: eine Katastrophe, ein Musterbeispiel an Uninspiriertheit!... und das sag ich als einer, der zwei, drei Robbie Williams-Alben für ausgesprochen gute Popware hält)! Phoenix und deren Album "It´s Never Been Like That" (sowie auch die Single "Consolation Prizes"): das ist meine Lieblingsdefintion von Pop im Jahr 2006, ha!

Dann bin ich heuer auf etwas gestossen, was es zwar schon lang gibt, was ich aber bisher nicht kannte: Cat Power. Der Song "The Greatest" und das dazugehörige Album bekommen einen Ehrenplatz im Regal mit der Aufschrift 2006. Der Song ist auf Skofield´s inkmix Volume 1 zu finden, übrigens.

Leute wie Damien Rice sickern bei mir langsam ebenfalls tief ins Langzeitgedächtnis, nachdem Ryan Adams dort eh schon einen fixen Anbetungsturm stehen hat.

Ich hab auch heuer wieder Respekt haben gelernt - etwa vor großartigen Produzenten und ihren Werken. Da gehören - buht mich ruhig aus - sogar Christina Aguilera´s Chartsingle "Ain´t No Other Man" dazu. Aus einem Jazzsample heraus die Hitparade zu knacken - Respekt, eben - auch wenn mir Frau Plastiktuttel immer noch wurscht ist. Auch mein alter Liebling Timbaland ist mit dem neuen Justin Timberlake-Album aus der "Pension" zurückgekehrt... danke, nehm ich auch! Und das die Black Eyed Peas beziehungsweise ihr absolut genialer Frontmann Will.I.Am (ich kenne und schätze die Band halt noch aus ihren Prä-Hitparaden-Zeiten ohne die Nervensäge Fergie) den alten Sergio Mendes noch einmal zu einem Helden machen, verdient ebenfalls größte Anerkennung: Danke, dass die Kids dieser Tage jetzt auch "Mas Que Nada" mitsingen können!

Dann hätten wir da noch die Kategorie Video des Jahres - und hier können wir uns glaube ich jegliche Diskussion ersparen, denn wer zum Teufel würde schon wissen, wer die von mir durchaus schon länger gemochte Band Ok Go ist, wäre da nicht dieses zum Niederknien köstliche Video zu "Here It Goes Again".

Ein Ausblick sagt mir, dass die Hype-Welle der letzten Jahre ein wenig nachlassen wird, etwas "Normalität" in die große Rock´n´Roll-Welt zurückkehren wird und die Newcomer nicht mehr so beliebig, oft und intensiv auf uns zurollen wie in den letzten Jahren. Seien wir uns ehrlich: wer ist davon wirklich übrig geblieben? Ich sehe auf der anderen Seite aber ein steigendes Interesse an einigermaßen gehaltvoller Musik (wenngleich nicht im breitest-kommerziellen Sinn aller Zeiten).

Da die Wirtschaftsprognosen gut sind - und hoffentlich so bleiben - können sich die Leute wieder "ernsterer" Musik widmen. Das klingt zwar vielleicht absurd, ist aber wissenschaftlich längst erwiesen. Desto "unglücklicher" und unzufriedener die Menschen sind, desto lieber gehen sie zu Partys und tschechern sich nieder - entsprechend hoch ist das Interesse an eher sinnschwachen Tanz- und Springmusiken wie Ska, Punk und dergleichen. Nicht das die per se schlecht wären, aber Musik, die emotional (und nicht "nur" körperlich) bewegt, ist mir da doch um einiges lieber. Musik, die etwas zu sagen hat, noch mehr. In diesem Sinne: Geht´s der Wirtschaft gut, geht´s uns allen gut, oder so. ... auf ein spannendes 2007.

Sonntag, 10. Dezember 2006

Respekt.

Wenn wir schon Weihnachten haben, dann sollten wir uns besinnen. Also diesmal wieder ein wenig Gehirnkram und meine persönliche Begründung, warum Respekt mit zu den höchsten Kulturgütern und wichtigsten Errungenschaften des Menschen gehört.

Es ist ein simples Wort, das viel zu oft mißverstanden, mißbraucht und mißinterpretiert wird. Und es wird mit all seiner Macht gewaltig unterschätzt, ist es doch letztlich der Schlüssel für vieles, was sich der Mensch von sich, seiner Umgebung und der Welt an sich wünscht: Respekt.

Wir reden hier nicht von Toleranz, wir reden hier von Akzeptanz, wir reden von der Stufe drüber: Respekt. Ich lebe mit der Einstellung, dass grundsätzlich jeder Mensch einen gesunden Respekt verdient. Klingt billig, stellt sich oft auf den ersten Blick als Fehler heraus, ist aber als Lebenstheorie unbedingt zu halten.

Das Miteinander auf einem Planeten mit 6 Milliarden solchen Wesen funktioniert nur damit, und genau weil Respekt viel zu wenig und viel zu wenig intensiv vorhanden ist, funktioniert es eben nicht.

Die Regeln sind einfach: Jeder Mensch beansprucht für sich selbst im Grunde nichts anderes als Respekt. In der Arbeit, sei es vom Vorgesetzten, vom Auftraggeber oder vom Kollegen: Mehr als um Geld und Macht geht es um Respekt. Zuhause, von der Familie oder von Freunden ist er genauso unentbehrlich wie Wasser und Brot. In Beziehungen jeder Art - egal ob es um Religion, Geschäfte oder Ehen geht - der Schlüssel ist Respekt.

Er ist in all diesen Fällen eine art nichtmonetäres Zahlungsmittel. Und das heisst: Es ist auch ein Austausch von Nöten, damit das Spiel funktioniert. Und es meint: Jeder, der Respekt verlangt, sollte auch imstande sein, Respekt zu geben. Jeder, der anderen Respekt gegenüber bringt, darf umgekehrt auch solchen erwarten.

Die oberste ethische und moralische Instanz definiert sich damit im Prinzip von selbst. Die Todesstrafe lässt sich dadurch aus dem Wortschatz streichen, Kriege sind unmöglich zu legitimieren, Streitereien enden nicht in Scherbengerichten sondern in einer fairen Auseinandersetzung. Und Verständnis und Mitgefühl wohnen ums Eck.

Haken wir bei ein paar Problemen der Welt wie sie heute da steht ein: Terrorismus, Extremkapitalismus, Umweltverschmutzung, Zwei-Klassen-Gesellschaft, Globalisierung, Religiöse Konflikte: All diese Dinge passieren letztlich einzig und allein aus Mangel an Respekt.

Der Muslim fordert ihn (zurecht) im Karikaturenstreit und vom Papst - umgekehrt stellt sich aber die Frage, ob und wie respektvoll (und vor allem hier: nicht gleichzusetzen mit "Toleranz") ER seinerseits den Papst, die westliche Meinungsfreiheit oder den christlichen Glauben an sich betrachtet. Remember das Währungsbeispiel: Nur wer Respekt gibt, kann ihn auch bekommen. Das Beispiel funktioniert übrigens mehr als blendend auch umgekehrt. Es lässt sich auch auf sogenannte "Integrationsunwillige" [(c) BM f. Inneres Liese Prokop] und ihre "Gegenüber" (die österreichische Bevölkerung) anwenden - und auf unzählige andere Beispiele.

Um Respekt "haben" zu können, muss man ihn sich erwerben. Und das ist alles andere als leicht. Um etwas respektieren zu können, muss man nämlich bereit sein, zu lernen, zu verstehen und zu wissen. Dazu wiederum sind die wenigsten bereit. Sie geben sich mit der Welt, wie sie ist, zufrieden. Sie hinterfragen politische Systeme nicht, ihnen ist das 1-Euro-Cola-Rum näher als das Buch über die Geschichte ihrer Kultur und Herkunft. Ihnen erscheinen die Marketingsprüche der Politiker wichtiger als die Inhalte dahinter. Ihnen erscheint es klar und logisch, wenn wir 300.000 illegale Ausländer abschieben, dass wir dann auch die 300.000 Arbeitslosen wieder beschäftigen können. Sie kümmern sich nicht, es fehlt ihnen an allem, was notwendig wäre um RESPEKT gegenüber ihrem eigenen Land und der Demokratie, in der sie leben, zu haben.

Fazit: Wer andere(s) nicht respektiert, gleich aus welchem Grund, darf nicht erwarten, selbst immer und überall respketvoll behandelt zu werden. Ein fataler Teufelskreis. Und selbst nicht in diese Falle zu tappen, ist Tag für Tag schwierig und gefährlich.

Jesus, um ganz zum Ende den Weihnachtsbezug noch einmal wiederherzustellen, ist in meiner Vorstellung ein Mensch gewesen, der nicht mehr und nicht weniger getan hat, als Respekt in all seinen Facetten in die Welt zu tragen, zu predigen, zu fordern und zu schreien. Immer und überall. Dabei ist mir völlig egal, ob er nun der römisch-katholischen Kirche als Heilsbringer, anderen Religionen als Prophet dient - denn letztlich geht es ausschließlich um die Sache, und die dürfte im Prinzip so gut wie alle einen. Rein theoretisch zumindest.

Wie schon Aretha Franklin sagte: All I´m askin for, is a little Respect. Mein Weihnachtswunsch für die Welt, heuer. Cheers.

Sonntag, 1. Oktober 2006

Die Wahl der Qual.

Heute ist der Tag der Nationalratswahl und gerade komme ich von meiner Stimmabgabe - ganz unspektakulär und ohne Fotografen . Letztendlich war es dann doch eine Bauchentscheidung, die zum Kreuzchen führte. Und im Prinzip bleibt es für mich heuer die "Wahl der Qual".

Gleich sieben Parteien machen sich ernsthaft und nachdrücklich Gedanken und Hoffnungen rund um den Einzug ins Parlament. Es werden wohl - anders als ich das ursprünglich vermutet habe - eh nur vier schaffen, und angesichts der anderen drei ist das auch gut so. Vielleicht irre ich aber auch - und je nachdem, wie sich dieser Kampf der Kleinen entwickelt, wird das auch Auswirkungen auf die Großen haben, ich hab das hier schon einmal beschrieben.

Die Entscheidungsfindung war diesmal gewiss nicht einfach. Bestimmte Kräfte nehmen sich da für mich sowieso von selbst aus dem Spiel, da kann unser Firmenlogo noch so blau sein. Wähle ich dann nach dem Ausschlußprinzip könnte genausogut jede Partei in irgendeiner Agenda weggestrichen werden.

Die Sachthemen sind zum Teil dermaßen komplex und treffen jeden "anders", da ist überall etwas dabei, was einem gefällt und was einem sauer aufstößt. Findet man dann - vielleicht zu seiner eigenen Überraschung - die meisten Übereinstimmungen dort, wo man es selbst nicht erwartet hätte, ist man verwirrt.

Ich habe www.wahlkabine.at durchgespielt um mir das noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen und bin in meinem Ergebnis bestätigt worden. Entschieden habe ich mich dann aber doch anders.

Warum? Nun: Glaubwürdigkeit, Seriösität oder Sympathie müssen sich nicht zwingend mit den sachlich vermittelten Themen decken. Dabei sind sie gerade dafür mitentscheidend. Wie sehr eine Partei auch versucht, bestimmte (Sach-)Themen im Wahlkampf in den Vordergrund zu stellen: Kann sie die auch wirklich durchbringen? Kann sie sie umsetzen? Oder scheitert sie an ihrem eigenen System, ihrer Vergangenheit, ihrer Sturheit, ihrer "Basis" oder was auch immer?

Das ist genauso wieder auf alle Parteien anwendbar - und macht die Sache daher nicht leichter. Die Kernfrage ist also wortwörtlich tatsächlich diese: Wem schenke ich das Vertrauen? Und damit ist man erschreckend nahe an den Wahlmotiven all jener, die man mitunter heftig kritisiert: Die Eltern, die Verwandten... und letztendlich kommt man drauf: die überwiegende Mehrheit.

Die wählt aus Tradition oder Sympathie, weil ein Spitzenkandidat seriöser wirkt oder man einfach nicht aus seiner "Haut" kann. Sie kümmern sich wenig um Tagespolitik, sie interessieren sich nicht für komplexe Themenzusammenhänge. Sie erleben Politik eher nebenbei beim Durchblättern der Zeitung und wettern mit, wenn es wieder einmal einen Skandal da oder dort gibt. Kurzum: Sie entscheiden mit dem Bauch, weil ihr Kopf mit der Entscheidung überfordert wäre. Und das meine ich gar nicht böse. Mir geht es ja ähnlich, nur komme ich von der schräg gegenüberliegenden Seite auf diese Bergspitze. Here we are now.

Angesichts rundum steigender Politikverdrossenheit und dieser "Wahl der Qual" bin ich nicht zuletzt auch auf die Wahlbeteiligung gespannt - ich schätze knapp unter 80%, was für eine europäische Demokratie immer noch Vorzeigecharakter hätte. Trotzdem: Einer von fünf geht gar nicht wählen. Und ich frage mich trotzdem auch immer noch: Wie wurscht ist dem fünften eigentlich die Welt?

Zeit, mal wieder einen Satz loszuwerden, den ich hier schon gepostet habe: Die Demokratie ist nicht das perfekte System, es hat nur noch niemand was besseres vorgeschlagen.

Und die Prognose zum Schluß ist wenig gewagt: Die Schüssel wird sich einen Partner aus dreien aussuchen können - und das ist ein Gedanke, der einem angesichts der Geschichte Angst und Bang machen kann. Morgen mehr.

Dienstag, 18. Juli 2006

Was wäre gewesen, wenn?

Gehirn entrümpeln, Folge 237: Wieder mal Zeit für einen Seelen- und Gehirnstriptease. Ab einem gewissen Alter, und vielleicht schon viel früher und eher als du das von dir selbst geglaubt hättest, kommst du in die Verlegenheit, dir die Frage aller Fragen zu stellen: Was wäre eigentlich gewesen, wenn?

Irgendwann hat das wohl jeder. Meistens braucht es einen Anlaß - der kann spektakulär sein, traurig oder nostalgiefördernd. Streit ist auch so ein Favorit für die Auslöserposition. Manchmal kommt es aber auch in einer Phase seltener Ruhe oder des gewissenhaften Nachdenkens über dein Leben bisher und wie es so in den nächsten zwei, zwanzig oder fünfzig Jahren aussehen könnte. Irgendwann fragst du dich: Was wäre eigentlich gewesen, wenn?

Früher hast du vielleicht den Geschichtsunterricht gebraucht, um selber drüber nachzudenken, was wäre eigentlich gewesen, wäre Hitler an der Akademie der Künste aufgenommen worden, wenn die Türkenbelagerung für die Angreifer erfolgreicher verlaufen wäre oder wenn sich der Pilot des ersten Atombombenfliegers entschieden hätte, das Ding einfach nicht abzuwerfen. Was wäre gewesen, wenn sich deine Eltern nie getroffen hätten oder wenn deine erste große Jugendliebe im entscheidenden Moment dein Herz innig gehalten anstatt gebrochen hätte?

Es gibt Milliarden solcher Fragen und es gibt genug Literatur und Filmmaterial zum Thema, also beschäftigt das den Menschen an sich nachhaltig - soviel ist klar. Antworten, allerdings, gibt es auf die Frage(n) eigentlich nie. Und das macht wohl ihren Zauber aus. So kindisch, blöd oder eigenartig man das selber aber manchmal findet, man ertappt sich dann doch irgendwann dabei - oder wird mehr oder minder sanft durch die magischen äußeren Umstände darauf hingestupst.

Du findest Momente und Ereignisse in deinem Leben, die den weiteren Lebenslauf zutiefst geprägt haben. Du grabst Erinnerungen aus, ohne die das, was, wer oder wo du heute bist, gar nicht existieren würden. Du entdeckst Bezugspunkte und Verbindungen, wo du feststellst: Beim Zufall als Regisseur deines Lebens kann ein Quentin Tarantino, ein Stanley Kubrick und ein Martin Scorsese mit Verlaub sch... gehn.

Aber was lernst du daraus? Meine These: Schicksal als solches gibt es nicht. Es gibt Zufälle und es gibt Entscheidungen, die man als "Schicksal" deuten kann - und zugegeben, mitunter häufen sie sich dermaßen, dass es selbst den überzeugtesten Rationalisten überwältigt und zweifeln lässt. Da kommt dann just in DEM Zeitpunkt, in dem man DEN Gedanken hat genau DAS Lied im Radio, dass wie die Faust aufs Auge passt. Außerdem beginnt es wahlweise zu regnen oder die Sonne zu scheinen, und rundrum kann man sich sechs bis vierunddreissig gleichzeitige Vorkommnisse unterbewusst so zurecht zimmern, dass sie gerade punktgenau dazu passen.
Möglicherweise alles Humbug, aber zwischendurch dann doch irgendwie seltsam. Wirklich alles Zufall? Wie die schwarze Katze, die einem über den Weg läuft, und wo´s einen kurz innerlich reisst, obwohl man doch felsenfest von der Tatsache überzeugt ist, nicht abergläubisch zu sein.

Letztendlich sind es aber - um "wissenschaftlich" im Terminus zu bleiben - doch nur Ursache und Wirkung. Aber das ist zu banal, zu einfach, zu unromantisch. Vielleicht ist aber gerade das ein Anlass, um bewusster durch den Alltag zu gehen, deine Entscheidungen bewusster zu treffen. Vielleicht nicht einmal intensiver durchdacht oder TÜV-geprüft, aber BEWUSST. Denn im Prinzip lohnt es sich ja doch nicht in 14 Jahren die Frage zu stellen: Was wäre eigentlich gewesen, wenn. Du wirst die Zeit nicht zurückdrehen können, die Entscheidung nicht anders treffen können und damit schon gar nicht... die Frage beantworten.

Du stellst dann fest: Zu seinen Entscheidungen zu stehen, auch wenn sie möglicherweise falsch sind oder waren, ist oft schmerzhafter, aber am Ende weitaus mutiger, tapferer und besser, als sich in Illusionen und Ideen zur "Vergangenheitsbewältigung in der Gegenwart" zu verlieren.

Post Scriptum:
Eine Freundin schreibt mir als Reaktion was absolut hinzufügenswertes: "Zu seinen Entscheidungen zu stehen und sie zu akzeptieren, was häufig wirklich sehr schmerzhaft ist, IST für mich Vergangenheitsbewältigung. Und nur so kann man bewußt die Gegenwart und die Zukunft gestalten. Nur so kann man aus Fehlern lernen oder Richtiges wieder so machen. Das sind die Wurzeln, die es ermöglichen, dass man irgendwann vielleicht doch noch seine Flügel bekommt."

Jepp!

Montag, 6. Februar 2006

"Ich mache nichts, was mir nichts bringt."

Ein frostiger Sonntagnachmittag will mitunter im Kaffeehaus verbracht werden. Trifft man dort auf überraschend offene Jungpolitiker, wirft das Fragen auf und gibt auch so manche Antworten. Gedanken über das System, in dem wir leben.

Im Grunde weiß man es ja, man verdrängt es nur allzugern. Man ist Idealist, man lässt sich von philosophischen Gutmensch-Ansätzen leiten und glaubt eher an die eigene, große Vision von der besseren Welt denn an das Geschreibe der Kronen Zeitung. Aber die Realität repräsentiert ausgerechnet einer, der wirklich und wahrhaftig selbige mitbestimmt - als Abgeordneter eines Landesparlaments.

Schöne Gelegenheit, bei einem solchen Treffen über Ideen und Visionen zu parlieren - gleichsam natürlich naiv. Um also vorzubauen, beginnt das Gespräch noch ehe ich mich setzen kann mit dem Schlüsselsatz "Ich möchte es gleich sagen, damit wir wissen wovon wir reden: Ich mache nichts, was mir politisch nichts bringen kann."

Aha. Eh klar, eigentlich. Aber in so schonungsloser Offenheit doch eher selten zu hören. Und weniger das Gespräch an sich, dass sich in vielen Floskeln verliert, ohne konstruktiv politisches zu behandeln (es geht ja im Grunde nur um das Flechten von Netzwerken und so...), sondern diese Botschaft spiegelt den offenbar immer wiederkehrenden und politisch nicht auszurottenden Zeitgeist wider.

Es geht um Macht, es geht um Geld, es geht um Verteilung von Posten unter Freunden - und es geht um die nächsten Wahlen, bei denen es tunlichst so ausgehen soll, das das Spiel von vorne beginnen kann und intensiver betrieben werden kann. Simpel und logisch, wenn man den gängigen Klischees von Politik folgt. Aber grundfalsch, wenn man bedenkt, was das eigentlich bedeutet.

Strategisch geplante Auftritte bei potentiellen Wählergruppen, das "Befriedigen von Sponsorinteressen", quasi. Das tatsächliche Interesse an den Menschen ist, wenn vorhanden, dann zumindest sekundär, es geht um die Optik, und es geht um die Kreuzerl beim nächsten Vorzugsstimmen-Wahlkampf. Sympathie wird gewählt, nicht Inhalte.

Hinterlistig gestartete Internetplattformen lüften erst nach und nach ihren Schleier und gehen auf Stimmenfang. Alles nicht um der (vielleicht gar nicht so üblen) "Sache" willen - also den Anliegen von Pensionistenverbänden oder der so genannten Jungwählerschaft - sondern eben wegen des Machterhaltungstriebes.

Wenns der Zufall und also die große Mehrheit der potentiellen Wähler will oder fordert, dann werden mitunter vielleicht sogar langfristig sinnvolle Maßnahmen gesetzt. Ob der Politiker davon persönlich überzeugt ist oder aufgrund seines fachlichen Wissens die Kenntnis ob der Sinnhaftigkeit des Unternehmens besitzt... Nebensache. Hauptsache, die "Kassa" stimmt und die Prozentesäule nach der nächsten Wahl ist größer.

All das zeigt sich in einer Stunde Gespräch mehr als deutlich, und man kann es dem Herrn Abgeordneten gar nicht einmal vorwerfen. Demokratie ist ein zutiefst perverses System - und er hat es schneller als viele andere durchschaut und macht es sich zunutze. Er wird früher oder später "oben" landen, wo immer das sein möge. Das erfordert Geduld und Geschick, mitunter auch Mut und Geradlinigkeit. Das bringt einem in das genannte politische Rad aus Macht, Geld und Einfluss - was man wiederum mit Gefälligkeiten und der Weitergabe von ein bisschen Macht und ein bisschen Geld erhält.

Attraktive Preise also in der Millionenshow Politik. Und dabei gehts zu allerwenigst um die tatsächliche Aufgabe - dem Gestalten und Verändern des Landes zumWohle der Menschen. Das funktioniert nur wenn man langfristig denkt und arbeitet, und damit geht es über die nächsten ein, zwei, drei Wahlperioden hinaus - beschäftigt den Politiker also nicht, weil es zu weit führen würde.

Kritik ist also am System an sich zu üben. Wenn Sinn und Zweck der politischen Arbeit vielmehr im Befriedigen von Parteiinteressen und diversen Egos besteht, verfehlt es seine eigentlichen Zweck um Häuserlängen. Es scheint, als mache man es sich lieber in seinem Wohnzimmer der Macht gemütlich und sorge für die richtige Einrichtung, als denke man tatsächlich darüber nach, wie man das Land als ganzes prosperieren lassen könnte.

Da engagiert man schon mal lieber einen PR-Berater, der die geleistete Arbeit hochjubelt und das richtige Wording findet, um sie gut dastehen zu lassen. Let there be show. Ob dem tatsächlich so ist, ist ja völlig egal. Das Denken des Politikers beschränkt sich dem Klischee folgend auf das klassische "Es geht ja nur um mich, um die Partei und die nächste Wahl."

Das ganze erinnert frappant an den herrschenden Extremkapitalismus. Was die Masse fordert, kriegt sie. Welcher Preis dafür zu zahlen ist, ist ja egal. Die Masse fordert billige Ware - also lassen wir sie doch um ein Groscherl von Kindern in Bangladesch zusammenbauen, die können wir endlos ausbeuten. Die Masse fordert 160 auf den Autobahnen? Super Idee, wegen den paar Verkehrstoten brauchen wir uns ja nicht aufzuregen. Und Feinstaub, Umweltbelastung und so sind sowieso nur eine Erfindung von den ultragrünen Fundis. Die Masse fordert einsprachige Ortstafeln? Leiwand, welcher Hahn kräht dann noch nach einem Urteil des obersten Gerichtes im Land?

Dass "die Masse" möglicherweise über keinerlei wirklich qualifizierte Meinungsäußerung verfügt, darüber denkt niemand nach. Schon gar nicht in einem Land, wo bestimmte Medien und Mediengruppen kartellähnlich einen massiven Teil der sogenannten Meinung "bilden".

Es brauchte nur den Aufschrei über die Rückgabe der Klimt-Bilder, schon sind 8 Millionen Österreicher Experten für Restitutionsfragen und natürlich sowieso für Kunst an sich. Plötzlich stürmen tausende Menschen ins Belvedere, um ihr Kaffeehäferlmotiv am letztmöglichen Tag auch "live" zu sehen. Tolle Leistung. Und wer hat vor dem Diebstahl der Saliera selbige tatsächlich gekannt oder gar gesehen?

Wer von den gut 70%, die meinen, die EU sei für Österreich "keine gute Sache", kann sachlich seine Meinung darlegen und dies auch tatsächlich mit sinnvollen Argumenten begründen? Wer weiß so detailliert über die weitreichende Problematik der Pensionen oder der Krankenkassen bescheid, dass er dabei ernsthaft mitreden könnte? Wer kann abseits irrationaler Ängste wirklich abwägen, ob die Türkei in der EU Platz finden soll oder nicht? Wer macht sein Kreuzerl bei den Wahlen tatsächlich dort, wo er es aufgrund seiner Gesinnung, seines Werteempfindens und seines Wissens über die sachlichen Antworten auf politische Fragen machen sollte? Und wer macht es überhaupt? - Immerhin geht ein Viertel der Wahlberechtigten regelmäßig lieber ins Wohnzimmer Fernsehen als zur Urne.

In Wahrheit sind Sachthemen viel zu kompliziert für den Großteil der Menschen. In Wahrheit sind - und ich rede hier vom besten Falle - auch die in der Öffentlichkeit stehenden Politiker nur die Sprechblasen von "Experten" im Hintergrund. Selbst der intelligenteste Bundeskanzler kann/könnte wohl nicht über ein Fachwissen verfügen, dass ihm die Beantwortung aller relevanten Fragen erlaubte. Das schaffen nicht einmal Minister in ihren Ressorts, was eine Volksschullehrerin an der Spitze des Segments Bildung im Staate Österreich mehr als plakativ veranschaulicht.

Wenn es aber sogar "denen da oben" zu kompliziert ist und wäre, ihre Interessen soundso ganz woanders liegen und Freunderlwirtschaft wichtiger ist als das tatsächliche Wohlergehen des Landes - wo steuern wir da hin?

Quintessenz: Die Demokratie mag das bestmögliche System zum Regieren eines Landes sein - perfekt ist es bei Weitem nicht. Das Thema ist unendlich auszuschlachten, man wird aber immer wieder an die gleiche Wand anlaufen. Und mehr und mehr wird sich die Frage stellen: Sind die Menschen ihrer Demokratie überhaupt würdig?