Montag, 25. Juli 2011

Mehr Offenheit und mehr Demokratie.

Es müssten einem die Worte fehlen, nach einem Wochenende wie diesem. Und gerade deshalb bedarf es, einiges raus zu lassen.


Ich möchte nicht zu sehr auf die beängstigende Logik und Stratgie eingehen, mit der ein unmöglich zu beschreibender Mensch das Handeln seiner Beobachter vorhergesehen hat und so uns alle für seine Zwecke (Multiplikation der Message) einspannt. Samt fesch und adrett in Uniform fotografieren lassen und ein Pamphlet des Wahnsinns verbreiten. Andere haben das ausreichend und bestens getan, Blogollege Misik etwa.

Was mich beschäftigt, ist die Frage nach dem Dahinter - und danach, wie die Welt auf eine unbegreifliche Tat wie jene in Utoya und Olso "reagieren" sollte. Die Norweger machen es im Grunde vor, selten hat mich eine politische Figur in einer Krisensituation so beeindruckt wie Jens Stoltenberg. Er gibt den Takt für meine Antwort vor.

"Unsere Antwort wird mehr Offenheit und mehr Demokratie sein." 

Es ist vielleicht der wichtigste und weiseste Satz, den ein Politiker im 21. Jahrhundert gesagt hat. Ob er seinen bedingungslos offenen Kurs durchziehen kann, wird die vielleicht größte Nagelprobe die eine moderne Demokratie je zu bestehen hatte, und ich wünsche ihm, mir und uns, dass er Erfolg hat.

Erinnern wir uns an die Tage nach 9/11 und G. W. Bush - da hieß es "We´ll hunt you down". Mit seiner Politik und Strategie nach dem Terrorakt hat er die Attentäter und Strippenzieher dahinter eigentlich umfangreich belohnt. Sie haben all das erreicht, was sie wollten. Aufmerksamkeit, Angst und Schrecken in aller Welt, Krieg.

Jedes mal, wenn ich am Flughafen eine Sicherheitskontrolle durchschreite und es "piepst", geht mein Puls kurz nach oben. Ich hab mir zwar nie etwas vorzuwerfen, aber seit dem 11. September ist man zunächst Terrorist - außer man beweist das Gegenteil (insbesondere beim Einreisen in die USA). Angst und Schrecken, auch 10 Jahre später.

Umgekehrt könnte die Strafe für den Attentäter höher gar nicht sein, als dass wir seine krude Ideologie völlig ignorieren, die Menschlichkeit, die Offenheit, das Gemeinsame bedingungslos zelebrieren wie nie zuvor. Und hier ist der Knackpunkt, wo wir als Gesellschaft ansetzen müssen: Die Fähigkeit zur Gemeinsamkeit.

Träumen wir doch einen Moment lang nicht von einer wie auch immer gefärbten Weltutopie, fantasieren wir keine religiösen Revolutionen herbei, realisieren wir doch auf allen Ecken des politischen Spektrums: Es wird immer zwei (oder mehr) Seiten geben, es wird immer andere Meinungen, Einstellungen oder Farben geben als die eigene. Es gibt Rapid und Austria, Linke und Rechte, Inländer und Ausländer, es gibt verfeindete Nachbarn und zerstrittene Geschwister. Es gibt aber auch Yin und Yang, die aus dem Unterschiedlichen das Gemeinsame bauen.

Ein Gedankenexperiment: Würden wir alle Linken in die eine Hälfte des Landes schicken und alle Rechten in die andere - wäre die Welt in jeder der beiden Hälften besser? Natürlich nicht! Jede Hälfte würde in sich dennoch streiten, es gäbe reichlich Gelegenheiten dazu. Beispiele? Israel und Palästina. FPÖ/BZÖ/FPK. Und so weiter. Man könnte natürlich weiter separieren und Leute mit unterschiedlichen Ansichten, Relgionen, Hautfarben, Lieblingsklubs und Blutgruppen voneinander trennen. Das geht so lange, bis jeder von uns alleine dasitzt.

Blödsinn? Eben.
Wir sollten uns damit abfinden, dass wir miteinander auskommen müssen.
Fangen wir gleich jetzt damit an. Immerhin sollten wir spätestens seit der Aufklärung begriffen haben, dass es möglich ist, auf zivilisierter Ebene über Ansichten zu reden (die andere Seite davon heißt übrigens: Zuhören).

Also: Fangen wir an, zu diskutieren. Nehmen wir unser demokratisches Grundrecht wahr und benutzen unsere Stimme. Wenn uns etwas stört, stehen wir auf und tun es kund. Vergessen wir einen Moment lang, dass die wegwischende Handbewegung der häufigste und einfachste Kommentar zum politischen Geschehen ist. Tun wir etwas, reden wir. Am besten miteinander, auch mit jenen, deren Meinung wir nicht von vornherein teilen. Lernen wir, die andere Seite zu respektieren, zu verstehen, auch wenn wir nicht gleich rüber wechseln wollen. Hören wir nie auf, unsere eigene Meinung zu hinterfragen, zu überprüfen und auf die Probe zu stellen.

Der Ansatz ist freilich vielleicht justament eines: Naiv.
Und Stoltenbergs Nachsatz zum obigen Zitat lautete: "Aber nicht mehr Naivität."
Got ya.

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Montag, 18. Juli 2011

Das programmierte Desaster.

Eigentlich wollte ich zum Thema ORF 3 (eigentlich "III") bereits etwas schreiben, bevor die Programmstruktur dazu bekannt gegeben wurde. Es hätte eine Wette sein sollen. Eine solche wäre ich nämlich leichten Herzens eingegangen - und hätte sie freilich ebenso einfach gewonnen. 

Das lässt sich jetzt natürlich gut sagen, aber mir zu glauben ist auch nicht schwierig: Ihr Inhalt wäre gewesen, dass es der "Berg" zustande bringen würde, auch einen vollständig der Kultur und Information gewidmeten Sender ohne adäquate Abbildung der hiesigen Musikszene zu programmieren. Und schafft er es? Aber mit Leichtigkeit!

Jetzt ist eine solche Wette nicht unbedingt mutig. Wenn der ORF von etwas zu viel hat, dann von Vorschlägen diverser "Lobbyisten", was er alles für die eine oder andere Zielgruppe machen sollte - insbesondere wenn es um qualitatives Programm, und dann erst Recht wenn es um kulturelles Programm geht. (Denken wir nur an den großartigen Vorschlag der FP-Abgeordneten Unterreiner, die allen Ernstes (noch) mehr Volksmusik im ORF durchsetzen wollte.)

Jetzt muss man kein allzu guter Kenner des Landes Österreich und seiner Institutionen sein, um bestimmte Mechanismen zu kennen. Doch selbst das Befrieden diverser Einflüsterer und das Gestalten nach generalwahlkampfadäquaten Interessen in Betracht ziehend erschließen sich mir einige Dinge einfach nicht. Zuallererst: Warum sich der ORF so konsequent vor einer Zielgruppe wie der "unsrigen" versteckt und sie immer wieder dermaßen vergrämt. Im Falle von ORF III ist das in etwa so, als würde man einen neuen Hauptbahnhof bauen und ihn nicht an die U-Bahn-Linien der Stadt anbinden.

Empirisch erhoben handelte es sich bei besagter Zielgruppe - immerhin - um junges Publikum, dass gegenwärtig und/oder zukünftig in überdurchschnittlichem Maße an entscheidenden Positionen sitzt und Personalverantwortung ausübt, Etats vergibt, gebildet und kaufkräftig ist oder wird. Warum verzichtet man auf die Bindung dieses Publikums völlig? Mir fällt nur EIN guter Grund ein, diese Zielgruppe zu ignorieren, und der ist nicht klug: Dieses Publikum ist nicht die Mehrheit. Aber bei ORF III kann dieses Argument nicht schlüssig greifen.

Dass die Quotengeilheit des ORF justament begonnen hat, als das Privatradio und -fernsehen in Österreich spät aber doch Einzug hielt, ist eine Art Paradoxon. Während anderswo (etwa von der BBC) der eigentliche Sinn des öffentlichen Rundfunks beständig hinterfragt und mittels eines regelmäßigen Public Value-Reports  definiert wird, herrscht hierzulande "Malen nach Zahlen". Es ist das alte Grundübel: Quantität statt Qualität - wie oft hatten wir das schon...?

Hintergrund ist (auch das hatten wir schon) die 50%ige Abhängigkeit des Senders von Werbegeldern und das damit verbundene Buckeln vor dem Markt. Dass dies dem staatlichen Auftrag zuwiderläuft - selbstredend. Dabei hat man es dem ORF so leicht gemacht, eins und eins zusammen zu zählen. Der vieldiskutierte "Kulturauftrag" einerseits, die "Einladung" des Gesetzgebers, einen eigenen (werbetechnisch eingeschränkten) Kulturkanal zu programmieren andererseits. Es ist wie ein Elfmeter ohne Torhüter.

Und der Staatsfunk? Er spielt lieber weiterhin Privatfernsehen. Neulich programmierte ATV "Two And A Half Men" in den Hauptabend. Der ORF kopierte dieses erfolgreiche Konzept in den Samstagabend und sendet dort jetzt uralte Wiederholungen - herzlichen Glückwunsch zu soviel Programminnovation mit öffentlichem Mehrwert. Weitere Beispiele bitte gerne hier einfügen, es gibt sie tonnenweise.

Nun will ich ORF III und sein Programmkonzept nicht totreden, bevor der Sender geboren ist. Ich wünsche mir dennoch gutes Programm. Und es kann ja dennoch sein, dass hier hochwertiges und interessantes Programm geboten wird. Aber ich kann ein Beispiel bringen, wie es AUCH ginge: ZDF KULTUR. Aus dem ehemals schnöseligen und kaum angenommenen Theaterkanal (mit der gefühlt gleichen Zielgruppe die der ORF jetzt mit III anpeilt) entstanden, hat sich der Sender völlig neu erfunden und spannend positioniert - nämlich vor allem jung, abwechslungsreich und intelligent - gleichbedeutend mit nicht extrafrech und nicht superjung, nicht übertrieben und schon gar nicht aufgesetzt; kurzum: recht gut. Und - siehe da - selbst Oper findet in diesem Kontext Platz und Publikum (by the way: Wer sagt, dass etwa Barbara Rett nicht auch in SO ein Konzept passt?).


Das Programm erinnert mich teilweise an jene Zeit, in der der ORF seine Talente noch im eigenen Glashaus gezüchtet hat. In den 80ern mit "OK" und "Ohne Maulkorb" - ohne die wir heute weder Barbara Stöckl noch Vera Russwum ertragen müssten. In den 90ern "X-Large", aus denen Arabella Kiesbauer, Christian Clerici oder Mirjam Unger hervorgegangen sind. Hier wurden wenigstens noch ansatzweise Szenen und Subkulturen abgebildet. Heute verzichtet das staatliche Fernsehen komplett auf beides und holt sich seine "Talente" von den Privaten (sic!).

Der Pool, dem man sich noch bedienen kann, ist Radio. Und hier schließt sich der Kreis: FM4 ist das Biotop, dass einerseits zur letzten verbliebenen Fata Morgana der heimischen Szene zu werden droht, andererseits auch Sprecher (Claudia Unterweger, Mari Lang) vor die Kamera zu schubsen imstande ist.

Ganz ohne Ironie kenne ich justament im gelb-schwarz gefärbelten vierten Stock des Funkhauses verschiedenste Quellen, die Vorschläge für Sendungen für ORF III eingebracht hätten. Die einfachsten davon liegen auf der Hand: FM4 Studio 2 Sessions und Radio Sessions werden seit langem mitgefilmt, das Material harrt seiner Verwertung jenseits des Webstreams. Sie wurden alle ausnahmslos abgelehnt, und triftige Gründe dafür gibt es so viele wie Jugendkultursendungen im Fernsehen.

Nun könnte man meinen, derlei Beschwerderufe wären ein "Indieversum"-Phänomen, aber mitnichten. Zuletzt sendete ORF 1 spätnachts Folge 11 von "Weltberühmt in Österreich" - immerhin. Rudi Dolezal hatte nach dem Erfolg der 10 Austropop-Folgen (bis 2008) eine Fortsetzung mit dem Übertitel "Die Wachablöse?" gestaltet und einen wilden Ritt durch das gegenwärtige Treiben (von Trackshittaz über 5/8erl in Ehren bis Ja, Panik) für 140.000 spätnächtliche Zuseher gestaltet.

Er, Dolezal, dürfte über den Verdacht, ein Indie-Nerd zu sein, erhaben sein. Und doch anerkennt er eine ungemein vitale Szene wie nie zuvor, fordert anlässlich der Sendung lautstark und an allen Orten regelmäßigere Sendezeit und eine verstärkte, den Realitäten entsprechende Abbildung der Szenen ein. Als Grammy-Preisträger, Queen- und Falco-Freund verhallt seine Stimme aber ebenso ungehört wie meine. Könnte beruhigend sein, ist es aber nicht.

Passieren tut nichts, außer dass der ORF entgegen seines selbst definierten Interesses erst Recht Zuseher verlieren (oder erst gar nicht erreichen) wird. Wohl auch weil die Werte, die eine Berichterstattung über diese "Suppe" Subkultur bringen würde, vielerorts fehlen. Authentizität, Nachhaltigkeit, Lokalkolorit, Glaubwürdigkeit; vor allem aber: ein bewusstes Statement gegen die Volksverblödung á la "Saturday Night Fever" zu setzen, einen bewussten Gegenpol zu Katzinger und Bohlen, Lugner- und Dschungelcamp zu kreieren, ein bewusstes Schaffen von Mehrwert und "Public Value" zur Kernaufgabe zu machen - selbst wenn es zum Preis ist, nur 30 statt 40% Einschaltquote zu erreichen.

Was uns bleibt, ist der lakonische Kommentar eines Kollegen: Der meinte, ORF III bedeute eben nicht "drei", sondern "iii" - und drückt also den Ekel des Fernsehpublikums gegenüber hochkulturellem Programm per se aus. Hat er Recht, oder besteht doch noch Hoffnung? Und lohnt es sich, selbige nicht aufzugeben oder müssen wir dafür den Küniglberg stürmen?

Montag, 11. Juli 2011

Der langsame Tod.

Seit nun schon mehr als zehn Jahren wird der Tod der Musikindustrie beschworen, und doch ist sie immer noch quicklebendig. Bloß die Rollen, Mitspieler und Profiteure haben sich geändert. Seit jeher ist der wirtschaftliche Erfolg von und mit Musik kaum eine Frage von guten oder schlechten Songs, sondern von Technologie gewesen. Das hat in der letzten Dekade immerhin auch zur "Demokratisierung" der Gestaltung und Verfügbarkeit von Musik geführt.

Mittlerweile bewegen wir uns vom „Besitz“ von Musik völlig weg, selbst der iPod ist praktisch schon wieder Geschichte. Die neuen Schlagzeilen gehören dem Streaming - Musik immer und überall verfügbar, in der „Wolke“. Die Entwicklung ist nicht nur logisch, sondern aus Konsumentensicht ungemein angenehm. Unlimitierter Zugang zu einer universellen Musikdatenbank mit allen möglichen Titeln - das bringt Musik endgültig auf eine Stufe mit Wasser, auf den Weg zum allzeit verfügbaren Gemeingut.

So ganz nebenbei gelingt dabei der Coup, dass die „Illegalität“ teils radikal entsorgt wird – denn die beliebtesten Streamingdienste sind (zumeist) legal und führen Gebühren ab (zumindest tun dies simfy, last.fm und spotify) - das verführt viele dazu, in diesen Diensten die Rettung der Musikindustrie zu sehen.

Weil die Judikatur der Realität aber überall hinterhinkt, Gesetzgeber zu langsam und bestehende Rechteinhaber schlichtweg zu blöd und eigensinnig sind, wird es hier für viele Anbieter kompliziert. Daher sind Dienste wie spotify oder turntable.fm nicht überall (auch nicht in Österreich) erhältlich (ebenso wenig wie die großartigen Filmdienste Netflix oder Hulu, tolle, legale Alternativen zum Download ganzer TV-Serien-Staffeln).

Was außerdem bei aller Romantik dieses ultimativ letzten Schrittes zur totalen Demokratisierung jedoch noch fehlt, ist ein Blick auf die andere Seite – die der Künstler und Kreativen, und damit auch der sprichwörtlichen wirtschaftlichen Seite der Musik.

Das Beispiel Apple zeigt, dass Musik lediglich ein Vehikel ist – oder glaubt ernsthaft jemand, Steve Jobs geht es um Musik? Warum also sollte das bei den Erfindern von spotify etc. anders sein? Was erfolgreiche Technologiebetriebe seit jeher bestens verstehen, ist, andere den Preis zahlen zu lassen – und wer würde sich besser dafür eignen, als das ohnehin schon halb geschlachtete Vieh Musikindustrie? Das ist die Rettung? Mit diabolischem Grinsen und dem Metzgermesser in der Hand?

Dem ist ein aus dem Leben gegriffenes Beispiel hinzuzufügen: Im Monat Juni wurden 8.598mal Tracks aus unserem Labelrepertoire von Ja, Panik auf last.fm abgespielt (Streams). Bei einer angenommenen Durchschnittsdauer von 3 Minuten pro Song ergäbe das knapp 18 Tage durchgehende Musik. Eine Menge? Das wirtschaftliche Ergebnis davon sind sagenhafte 1,06 Euro – insgesamt, wohlgemerkt.

Bei allem Respekt vor Kosten für Entwicklung und Instandhaltung eines Systems wie last.fm, bei allem Respekt vor der Zugänglichkeit zu freien Datenbanken für den Konsumenten – das kann sich so nicht ausgehen. Diese berühmt gewordene Grafik veranschaulicht das Problem: http://www.informationisbeautiful.net/2010/how-much-do-music-artists-earn-online/

Wenn das die Rettung ist, überfährt sie mit ihrem Wagen die Industrie samt den Kreativen mit Blaulicht und Karacho. Spielen wir´s durch: Wer last.fm benutzt, kann auch prächtig Statistiken aufrufen, wie oft er beispielsweise seine Lieblingssongs hört. Seht nach! Selbst Titel, die man oft und gerne hört, werden kaum mehr als 30-50 Plays im Lauf der Zeit generieren. Nehmen wir den iTunes-Wert von 1 Euro pro Titel als Referenzwert für „Eigentum“ her, wäre jeder einzelne Play also 2-3 Cent wert.

Dass der Stream nicht den „Wert“ des Eigentums hat, ist klar. Die Vielfalt und Verfügbarkeit senkt den Wert des einzelnen Titels weiter, auch klar. Gingen wir also von bloß 0,005 Euro (einem halben Cent) pro Titel aus - also ein Sechstel des errechneten Kaufwertes - hätte unsere Labelabrechnung in obigem Beispiel bereits 43 Euro ausgewiesen – immerhin. Anstelle eines verkauften Titels um 99 Cent hätte ein einzelner Kunde zirka 20 Cent im Lauf der Zeit für das Immer-wieder-Hören eines Songs bezahlt – guter Deal, right?

Hört er insgesamt sehr intensiv Musik, sagen wir 3h durchschnittlich pro Tag, käme er mit dieser Preisgestaltung auf Kosten von 9 Euro pro Monat – klingt leistbar, oder? Bloß. Wir reden aktuell von einem winzigsten Bruchteil, einem dreiundvierzigstel davon. Unser Digitalvertrieb hat seine Abrechnung mittlerweile auf acht Stellen hinter dem Komma (!) umgestellt, um die Auszahlungsbeträge von spotify und last.fm überhaupt darstellen zu können.

Ok, der Paradigmenwechsel von Eigentum auf Leihe kennt wie alles andere, das sich ändert, Gewinner und Verlierer. Es erscheint mir allerdings auf Dauer etwas langweilig, als Vertreter der Kreativen immer auf der Seite der Verlierer stehen zu müssen. Noch dazu, wo mir die Gewinner gleichzeitig sagen, sie hätten mich gerade gerettet. 

Solange sich die 10- bis 20-Euro-Monatspauschalen der Dienste noch nicht als breit akzeptiertes, gutes Angebot beim Konsumenten durchgesetzt haben, ist nichts verloren und nichts zu gewinnen. Sollte die Musikseite als Content-Provider aber wieder einmal verschlafen, worum es hier geht, könnte dies die letzte Stunde für die „Wirtschaft“ in "Musikwirtschaft" eingeläutet haben. Bei aller Demokratisierung bliebe dann nicht mehr recht viel übrig von der vielen potentiell geschaffenen Musik - weil sie niemand mehr zu vermarkten und verbreiten imstande ist.

Liebe Streaming-Dienste: Ich find euch klasse, aber wir müssen dringend an einem fairen Deal arbeiten. 

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Montag, 4. Juli 2011

Transferzeit.

Das Musikgeschäft ist ein dreckiges Geschäft. Diese Erkenntnis ist wenig neu und wenig überraschend, immerhin gilt diese Faustregel für praktisch eh alles, was wirklich ein Geschäft ist. Beispiele für diese These gäbe es tonnenweise, ich widme mich heute einmal dem Treiben im Konzertvermittlungsgeschäft ("Booking") - samt auftauchenden Parallelen mit dem runden Leder.

Heute lese ich im Standard über zunehmendes Bewusstsein und steigende Ausgaben von großen Unternehmen im Bereich "Ethik und Compliance". Das klingt schön und modern und wird im Karriereteil der Qualitätszeitungen als nächster "Trend" nach CSR (Corporate Social Responsibility) gewichtet. Im ersten Reflex habe ich mich dabei gefragt, warum denn das eigentlich notwendig sein sollte - beziehungsweise dass es fast ein bisschen traurig ist, es für notwendig zu halten. Ein moralisches Regelwerk für das Verhalten in der Firma? Ts - sollte doch selbstverständlich sein. Bei genauerem Hinsehen ist es natürlich notwendig, ethische Standards für das eigene Unternehmen, die eigene Branche zu definieren. Die Frage bleibt natürlich, wo und ob ein solches nicht ein ebensolches PR-Feigenblatt ist wie viele andere Lippenbekenntnisse aus diversen Corporate Identity-Seminaren.

In der Musik ist Ethik sowieso ein doppelbödiges Thema. Das gilt für die Ausübenden fast ebenso wie für das Publikum. Dort gilt die böse Faustregel: Wer am lautesten etwa nach "Toleranz" schreit, wird am öftesten dabei ertappt, selbst intolerant zu sein. Mit der Moral einher gehen Begriffe wie Loyalität und Unabhängigkeit, "Indie".

Nur, was ist denn bitteschön "Indie"? Der Begriff hatte ursprünglich etwas Auflehnendes an sich, wurde aber genauso wie "Punk" und "Alternative" von einer Einstellungsfrage zu einem hippen Modebegriff zu einem Schimpfwort. Jetzt bin ich nicht der Gralshüter der "Unabhängigen", aber die ursprünglichen Werte, die der Begriff im Wortstamm hat, sind bereits sehr verdünnt worden. Wie bei den verwandten Begriffen hat der Markt, der Kapitalismus, das "Business" den Begriff vereinnahmt, ausgehöhlt, aufgekauft und entwertet - so ist der Lauf der Dinge, bedeutet schließlich auch, er hat sich ganz gut verkaufen lassen. Widerspricht oder begünstigt das einander? Bildet man Werte im Großen wie im Kleinen letztlich auch nur, um sie zu verkaufen, wenn man kann?

Dazu eine Beispiel, wie es in der Musikwelt täglich passiert. "Abwerbungen" gehören (ähnlich wie im Fußball) zum schwierigsten und dreckigsten Teil des Geschäftes. Geschlossene Verträge können binnen Minuten ihre Gültigkeit verlieren, wenn das gegenüberliegende Angebot nur attraktiv genug ist. Das Wechseln in eine andere Booking-Agentur kann für einen Künstler vieles bedeuten: Mehr Auftritte, mehr Geld, größere Konkurrenz, mehr Entfaltungsmöglichkeiten, mehr Druck, größeres Risiko zu Scheitern - alles hat seine Pro und Contras, auch und gerade hier.

Auf der einen Seite steht jedoch gerade in der Musik oft jemand, der viel Zeit, Know-How, Geld und Herzblut in ein Projekt gesteckt hat. Auf der anderen Seite steht der vermeintlich große Macher, der das Projekt auf die nächste Stufe heben kann. Nicht immer sind solche Entscheidungen falsch oder verwerflich, oft sind sie auch gut begründet. Böse wird es, wenn "kalt" abgeworben wird - zwischen den Beteiligten wird verhöhnt, angeschwärzt, geschimpft, gefordert, erpresst und geschmiert. Die Gründe dafür sind mannigfaltig - doch auf welcher Seite auch immer, einer der Gründe wird weit hervorragen.

In gefühlten 95% der Fälle ist wenig überraschend Geld das ausschlaggebende "Argument". Triebmittel für Intrigen einerseits (die Agentur), Aussicht auf "mehr" andererseits (der Künstler). Auch wenn die Entscheidung letztlich gegen jene fällt, die der Band eigentlich gar nicht so unsympathisch sind; die vielleicht gar nicht so schlecht gearbeitet haben - oder sogar einen ganz wesentlichen Beitrag zum Aufbau des Künstlers in (s)einem Territorium geleistet haben.

Gerade in diesen Momenten empfindet man diese Vorgehensweise als besonders ungerecht. Und der vorgefertigte Satz zur Kündigung eines freundschaftlich gewachsenen Verhältnisses lautet dann in etwa: "I like you, and i really appreciate what you did for the band - but this is a business decision." Wer aufgepasst hat, merkt: Der Satz trägt zwischen den Zeilen die Botschaft inne, dass das Business keine Freundschaft kennt, Regeln des Anstands ausgeschaltet sind und die Sprache universal Zeichen wie € oder $ trägt.

Das ganze potenziert sich, wenn es um den internationalen Marktvergleich geht - und auch hier passt die Parallele zum Fußball. Es gibt Legionäre, die sich im Ausland bessere Entwicklungsmöglichkeiten erwarten. Manche setzen sich durch, andere scheitern; Weggehen aber ist fast Pflicht, weil der hiesige Markt für eine internationale Karriere weder lukrativ noch attraktiv genug ist. Und die Ausländer, die nach Österreich kommen, gehen natürlich zum Budgetkrösus, denn wer legt schon Wert auf das passende soziale Umfeld, auf Wohlfühlambiente, vielleicht sowas wie Service; wenn woanders die Börse einfach mehr stimmt?

Natürlich ist niemand davor gefeit, auch selbst einmal auf der "bösen" Seite zu stehen. Und genau da geht es dann wieder um die eingangs thematisierte Moral. Beißt man in den Apfel, nur weil er rot und saftig ist, obwohl einem die Schlange sagt, es wäre gar nicht so klug? Nimmt man Verletzungen ungeschriebener (sic!) Regeln und gar freundschaftlicher Beziehungen in Kauf, um sich einen (vermeintlichen wirtschaftlichen) Vorteil zu verschaffen?

Geben sie die Antwort selbst und beginnen sie ihr unternehmenseigenes Ethik & Compliance-Papier zu schreiben.

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