Samstag, 27. August 2011

Stop me, Amadeus.

 Dem aufmerksamen Beobachter ist nicht entgangen, dass es heuer keinen österreichischen Musikpreis geben wird. Der „Amadeus“ war seit 2001 fester Bestandteil des hiesigen Industriegeschehens und breit genutzte Projektionsfläche für Klischees, Klagschriften und Jubelposen – jetzt macht er erstmal Pause, weil zu wenig Geld da ist.

Vor zwei Jahren wurde der Preis unter mächtigem Getöse „relaunched“, mit mehr Österreich-Faktor versehen und von seiner Bürde, ein kleiner Grammy mit internationalen Gästen sein zu müssen, befreit. Die Luft zum Atmen hatte er nach knapp zehn Jahren zwar durchaus gebraucht, gleichzeitig war das Bekenntnis einer akkurateren Abbildung des österreichischen Musikgeschehens aber ein aufgelegter Elfmeter für den ORF. Seinen ein Jahr davor ausgelobten Ausstieg aus der Fernsehübertragung des Preises konnte er so noch „billiger“ begründen. Zumal dies der zugewiesenen Paraderolle des Rundfunks, die Musikszene medial zu marginalisieren, in die Hände spielte. Freilich ist das hier nur eine Diskussion am Rande.

Das Top-Argument, den Musikpreis überhaupt abzuhalten, war damit jedenfalls ausgeschaltet: eine möglichst große Fläche für Musik aus Österreich zu schaffen. Dass aus dem Amadeus ein Koma-Patient wurde, ist also weder überraschend noch verwunderlich.

Nun ist der Preis offiziell nicht tot, sondern setzt nur ein Jahr aus. Es darf vermutet werden, dass der (an sich nicht ungelungene) Relaunch von den Entscheidungsträgern als Schuss in den Ofen gesehen wird. Das ist aber ein bisschen so, als ob man frohen Mutes in 12jährige Fußballer investiert hat und nach zwei Jahren entsetzt alle Bemühungen einstellt, weil immer noch keine Champions League-Mannschaft daraus geworden ist. Schon eher offiziell ist die Version, dass es schlicht zu wenig Geld für den jährlichen, erm, „Branchenumtrunk“ gab.

Widmen wir uns also den Details, zunächst dem beliebten Inhaber des Schwarzen Peters, dem ORF. Ausgerechnet Franz Medwenitsch, der Geschäftsführer der IFPI, sitzt dort als Stiftungsrat an den „Hebeln der Macht“. Blöd nur, dass er sich dort als „Rädelsführer“ des VP-Freundeskreises in radikaler Opposition zum eben wiedergewählten General Alexander Wrabetz befindet. Die Musikwirtschaft also im Würgegriff eines eher fragwürdigen Politspektakels?

An der ORF-Übertragung und also der besagten breiten „Fläche“ hängt freilich mehr als der fromme Wunsch nach Aufmerksamkeit für die Musik: Der Wille potenter Sponsoren, in den Amadeus zu investieren, ist ohne breit aufgestellte TV-Sendung enden wollend. Puls4 in Ehren, sind die erreichten 25.000 Zuseher sehr bescheiden verglichen mit dem Potential, dass der ORF mit derselben Sendung hätte. Keine Quote, keine Sponsoren, kein Geld, kein Amadeus – ein kleiner Teufelskreis.

So nobel die Vorhaben der IFPI im Zusammenhang mit dem Amadeus hier klingen, so fragwürdig sind die Hintergründe dieses Vereins. Der „Industrieverband“ ist selbst kein besonders lebendiger Repräsentant der österreichischen Musikszene: Die IFPI ist ein Interessensverband, vertritt hauptsächlich die „großen“ Labels (plus einiger größerer Independents, die bereit sind, hohe Mitgliedsbeiträge für wenig Mitspracherecht zu bezahlen) und damit sprichwörtlich „industrielle Interessen“ – und schottet sich geschickt ab, um diese wahren zu können.

Und wie weiland im Fußball (um den Vergleich wieder aufzubringen) ist es auch in der Musik wesentlich einfacher und billiger international erfolgreiche Produkte innerhalb von bestehenden Konzernstrukturen zu vermarkten und zu handeln, als selber welche zu entwickeln. Das Interesse, österreichische Musik „hochzuziehen“, ist vergleichsweise teuer, aufwendig und schwierig. Nur logisch, dass es nachrangig bleibt. Das freilich scheint auch konzernpolitisch eher kurzsichtig, darf aber die Sorge der dortigen Manager bleiben.

Heikel ist jedoch: Die IFPI ist auch Eigentümer (!) der Verwertungsgesellschaft LSG. Ein klein wenig grotesk, denn die LSG vertritt die hiesigen Produzenten (Labels) und Interpreten.  Sie trägt dabei Sorge für deren Rechtewahrnehmung - beispielsweise bei Radiosendungen. Wie alle anderen Verwertungsgesellschaften ist die LSG zur Führung eines Fonds für soziale und kulturelle Einrichtungen (SKE-Fonds) verpflichtet. Gespeist wird dieser aus den Einnahmen aus der „Leerkassettenvergütung“ (bzw Festplattenabgabe), ein Posten der zuletzt die Summe von 2,354 Millionen Euro ausgemacht hat (siehe Jahresbericht 2009).

Hört man als Musiker SKE, denkt man sofort an die Kleinförderungen des gleichnamigen Fonds der Austro Mechana, die ihrerseits sehr gezielt, sinnvoll und vor allem transparent vergeben werden. Nicht so bei der LSG. Trotz seit Jahren anhaltender Kritik sind die Förderungen extrem intransparent. Die LSG kofinanziert aus diesem Topf jährlich unter anderem auch „soziale und kulturelle Einrichtungen“ wie Starmania. Die genaue Höhe der Fördersumme ist unbekannt. Die potentielle Fördersumme für Kleinlabels ist prinzipiell eher unbekannt, und richtet sich darüber hinaus nach deren Umsatz (!) - wen das wohl begünstigt?

Zurück zum Amadeus. Dessen Finanzierung war 2011 nicht mehr gewährleistet, weil nicht ausreichend Sponsoren gefunden werden konnten. Immerhin wären aus besagtem Topf der LSG aber 430.000 Euro zur Verfügung gestanden. Ich lasse euch zunächst mit nur einigen wenigen Fragen, die jetzt im Hirn aufpoppen zurück: Und das reicht nicht? Was passiert mit dem Geld heuer? Bitte, wieviel?

Ergänzungen erlaubt, Fortsetzung folgt.

http://www.twitter.com/hannestschuertz

Vergangenes zum Amadeus:
Fazit 2009
Amadeus neu (2009) und Amadeus neu 2 (2009)
Amadeus 2007