Samstag, 31. Dezember 2011

Das Jahr 2011.

Wenn ich zurückschaue und mir meine Rückblicke auf vergangenen Jahre durchlese, weiß ich wieder, warum ich sie schreibe. Sie dienen mir als Reminder, Zusammenfassung und Nachschlagswerk. Was hat mich bewegt, was die Welt beschäftigt? Und die meist gestellte Frage darin lautet: "Was bleibt übrig?". Die Masse an Informationen im täglichen Leben lässt kaum mehr zu, sich an alles, geschweige denn an Details zu erinnern. Große, sprichwörtlich weltbewegende Themen stehen symbolisch dafür für ein ganzes Jahr. 2011 war an solchen Ereignissen nicht gerade arm. Es gab uns viel zu denken und viel zu lernen. Hier also ein absolut unvollständiger Auszug aus einer spektakulären Sonnenumrundung.

Der Platz.
Das Jahr brachte die Wiederbelebung des Platzes. Wer hätte noch vor einem Jahr gedacht, dass wir mit dem zentralen Platz in Ägyptens Hauptstadt Kairo, dem "Tahrir", Demokratie und Aufbegehren verbinden? Die Ironie der Geschichte bringt es mit sich, dass ausgehend vom vielzitierten "Arabischen Frühling" auch in westlichen Gesellschaften Sinn und Bedeutung der Demokratie neu hinterfragt wurden - maßgeblichste Beispiele waren an der Madrider Puerta del Sol ("Real Democracy NOW!") oder im Zuccoti Park an der New Yorker Wall Street ("#Occupy") zu finden, die jeweils Dutzende weitere Platzbesetzungen bzw regelrechte Bewegungen nach sich zogen.
 
Das Böse.
Fraglos war 2011 aber kein gutes Jahr für die einstige "Achse des Bösen": Bin Laden von US-Spezialkräften eliminiert, Ghaddafi von seinen eigenen Landsleuten zu Tode gejagt, Kim Jong-Il von selbst gestorben. Und es wurde uns schonungslos aufgezeigt, wie sehr "Terrorismus" in den Köpfen zu einem Synonym für den Islam geworden war: Als in Oslo eine Bombe detonierte, waren "Terror-Experten" und der Mob mit islamischen Bedrohungsszenarien sehr schnell zur Stelle. Nur um wenige Stunden und 77 Tote auf der Ferieninsel Utoya später sprachlos die wahren Ausmaße und Hintergründe des grauenvollen Massakers des Anders Breivik zu erkennen.

Gerade in diesen dunklen Stunden beeindruckte der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg nachhaltig mit seiner "Mehr Offenheit, mehr Demokratie"-Rede. Im Übrigen einer der wenigen Politiker, die mich anno 2011 beeindruckten.

Die Korruption.
In Österreich manifestiert die politische Kaste eher ihren Ruf, das Volk als eine Art Realkabarett zu unterhalten. Von Ernst "of course I´m a Lobbyist" Strassers bizarrem Abgang von der Politbühne über das berühmt gewordene Zitat "Wo wor mei Leistung" (aus den Telefonprotokollen Walter Meischbergers mit Karl-Heinz Grasser) bis zur Causa Hochegger und Schmiergeldzahlungen in der Telekom-Affäre, von fragwürdigen Inseratspraktiken des Bundeskanzlers bis hin zur ebenso dreisten wie patscherten Bestellung des SP-Spezialfreundes Niko Pelinkas zum Büroleiter des ORF-Generaldirektors: Das scham- und geschmacklose Spiel mit der Macht hat 2011 kaum eine Facette ausgelassen, die nicht zum Schmerzen verursachenden Kopfschütteln anregen würde.

Anders als in anderen Ländern (siehe oben) werden derlei Entwicklungen eher mit einer wegwerfenden Handbewegung Marke "eh wurscht" kommentiert, Ende des Jahres hat aber just ein "echter" Kabarettist selbst dem fadaugerten Österreicher am Zahn der Zeit erwischt: Roland Düringer mit seiner Instant-Classic-Rede im allerletzten "Dorfers Donnerstalk" unter dem Schlagwort "Wir sind wütend". Sie erinnerte mich stark an die nicht minder legendäre "Mad as hell"-Szene aus "Network" - bezeichnenderweise ein nicht älter werdender Film aus dem Jahr 1976. Es scheint sich nicht allzuviel geändert zu haben.

Die Krise.
Erstaunlich genug, dass sich Politiker angesichts der Lage der Weltwirtschaft noch mit dem "Posten sind Schweine"-Spiel beschäftigen können. Seit 2008 die Große Krise ausgerufen wurde, hat sich die Wirtschaft nicht wirklich erholt - im Gegenteil: 2011 war das Jahr der Euro-Krise, die europäischen Staaten begannen, wie Dominosteine zu fallen. Ratingagenturen wurden das personifizierte Böse, weil sie die Entwicklung mit ihren Bewertungen nur noch beschleunigten und verschlimmerten.

Dabei scheint selbst dem Laien sonnenklar: Das "Erfinden von Geld" (die Finanzwirtschaft "macht" mittlerweile mehr Geld als die Realwirtschaft) musste irgendwann nach hinten los gehen! Das Schummeln in den Bilanzen musste doch irgendwann auffliegen (Griechenland und Italien lassen grüßen)! Doch seit Billa den Hausverstand beschlagnahmt hat, ist er offenbar anderswo abhanden gekommen.

Die Natur.
Wenn das Wetter nicht gerade eine extreme Seite zeigt, verschwindet das Thema Klimaschutz und Erderwärmung sehr schnell von der Agenda. Jeder weiß, dass es das Problem gibt, konsequent etwas dagegen tun ist aber nicht - frag nach in Durban, wo die alljährliche Klimakonferenz wie ebenso alljährlich ohne wirklich greifbares Ergebnis (abgesehen von einer Verlängerung des Kyoto-Protokolls) zu Ende ging.

So ähnlich verhält sich das auch mit dem Thema Atomenergie. Seit vor 25 Jahren Tschernobyl in die Luft flog, hatte die Atomlobby langsam aber sicher wieder den Blickwinkel etabliert, dass dies ja eine grüne und "sichere" Energiealternative darstelle. Und dann kam am 11. März das große Erdbeben in Japan mit nachfolgendem Tsunami, tausenden Toten und der Reaktorkatastrophe in Fukushima. Braucht es wirklich immer Ereignisse wie diese, damit wir auf bestimmte Dinge drauf kommen, die wir eigentlich eh wissen?

Die Technologie.
Schließlich war das abgelaufene Jahr wohl jenes, in dem der Paradigmenwechsel im Konsumieren und Verbreiten von Nachrichten endgültig Konturen anzunehmen begann. Soziale Netze, insbesondere Twitter und facebook, haben sich mittlerweile auch in der Breite zu Nachrichtenquellen und Multiplikatoren entwickelt. Der Arabische Frühling hat sich teilweise darüber organisiert, Nachrichten wie jene aus Oslo oder Fukuhsima "live" und mit Eyewitness-Berichten unterüfttert verbreitet.

Und noch einmal wirkt es wie eine Ironie des Schicksals, dass mit Steve Jobs just heuer eine der Ikonen der "Digitalen Revolution" von der Bühne abtrat. Den Kampf gegen den Krebs konnte selbst er nicht gewinnen, hinterlassen hat er ein gewaltiges Erbe an Marke (Apple), (r)evolutionären Produkten (iPod, iPad, iPhone...) und Reden wie dieser, die auch für uns ein wertvolles Lebensmotto vorgibt: Stay hungry, stay foolish. Die posthum blitzschnell veröffentlichte Biographie Jobs´ war eines der meist verkauften Bücher des Jahres - noch (auch) in physischer Form.


Die Musik. 
 Zuguterletzt die unvermeidlichen Musiklisten. Ja, Panik, in unserem Hause "groß" geworden, waren die unumschränkten Helden der deutschen Fachpresse, führen praktisch jede Liste (spex, Musikexpress, Spiegel Online...) mit ihrem Großwerk DMD KIU LIDT oder den daraus stammenden Songs wie "Nevermind" an. Die mittlerweile größtenteils entknüpften beruflichen Bande zur in Berlin lebenden Gruppe halten mich nicht davon ab, ein gewisses Maß an Stolz und Freude zu empfinden. Well done, Boys!

Mein persönliches Album des Jahres war PJ Harveys grandioses Gesamtkunstwerk "Let England Shake". Noch dazu durften wir bei der Premiere unseres "Poolinale" Musikfilmfestivals als erste überhaupt die zwölf Clips auf Kinoleinwand zeigen. 

Abschließend noch in loser Reihenfolge jene Songs, Alben und Konzerte, die mir mit dem Stempel "2011" in Erinnerung bleiben werden:

Songs
Metronomy - The Look
Austra - Lose It

The Do - Too Insistent
Reptile & Retard - Speeddance
Amanda Palmer (feat. The Young Punx) - Map Of Tasmania
Feist - How Come You Never Go There
Totally Enormous Extinct Dinosaurs - Garden
Elektro Guzzi - Pentagonia
Crystal Fighters - PlageThe Strokes - Macchu Piccu
The Naked And Famous - Young Blood
Oh Land - Son Of A Gun
Neuschnee feat. Parkwächter Harlekin - Sag mir nicht
Ja, Panik - Nevermind
M185 - Space Bum Rocket Kid


Alben
PJ Harvey - Let England Shake
Metronomy - The English Riviera
Elektro Guzzi - Parquet
Clara Luzia - Falling Into Place
M83 - Hurry Up, We´re Dreaming
The Do - Both Ways Open Jaws
Lykke Li - Wounded Rhyms
Feist - Metals

Konzerte
Arcade Fire - Wiesen
Dry The River - Reeperbahnfestival, Hamburg
Garish - Burgtheater, Wien
Retro Stefson - Simplon Up, Groningen (Eurosonic)
Reptile & Retard - Spot Festival, Aarhus
Totally Enormous Extinct Dinosaurs - Fluc, Wien

Filme
Black Swan
Midnight in Paris
Margin Call