Samstag, 28. April 2012

Das wahre Problem der Urheberrechtsdebatte.

Nach Jahren des Dahintingelns kommt jetzt, fast 15 Jahre nach Napster, langsam Bewegung in die längst überfällige Debatte um die Ausgestaltung eines modernen Urheberrechts. Als Beobachter ist man erstaunt: Mittlerweile wird sie mit kriegsgleicher Rhetorik und Polemiken in Forumbeiträgen und sogar Videos geführt. Selbst Medien und Meinungsführer zeichnen in dieser aufgeheizten Atmosphäre  ein unsicheres und ambivalentes Bild zu einer Frage, die dann auch nicht so einfach beantwortet werden kann. Mit ein Grund ist: Weil sie im Kern falsch gestellt wird.

In einem aktuellen profil-Artikel verweist der grüne Kultursprecher Wolfgang Zinggl nicht zu Unrecht auf das Faktum, dass die meisten Künstler auch schon vor der digitalen Revolution nicht gerade im Schlaraffenland gelebt haben. Das Miteinstimmen in den Chor der Jammernden fällt damit freilich genau jenen heute viel leichter: Wir verdienen zu wenig Geld, alles ist so schlecht, das Internet ist schuld. Sachliche Gründe, die das belegen würden, gibt es freilich genug; nur ist das Leben oft nicht so einfach wie es auf den ersten Blick scheint.

Ich behaupte: Das Prinzip Urheberrecht an sich ist eine der großartigsten Errungenschaften der westlichen Welt überhaupt. Nur: So viele das auch glauben möchten, ein effektiver Schutz für Künstler ist das aktuelle Rechtsbild nicht wirklich (Zinggl verweist etwa zurecht auf das fehlende Urhebervertragsrecht). Gedämmert ist das manchen erst unlängst, als die ACTA-Debatte an Geschwindigkeit und Lautstärke zulegte. ACTA hat im Wesentlichen sichtbar gemacht, dass das Urheberrecht in seiner heutigen Auffassung eher ein Industrieschutz- denn eine Künstlerschutz-Gesetz ist.

Dazu kommt, dass Intiativen wie "Kunst hat Recht" von verschiedenen Seiten sprichwörtlich aufgeblattelt worden sind - Textpassagen und Argumentationslinien waren vom Industrieverband IFPI übernommen worden, peinliche PR-Pannen haben den Rest besorgt. Derlei Dinge sind klassische Eigentore für das eigentliche Anliegen und begünstigen natürlich die "Piraten" und bringt ihnen recht billig Sympathien als die Robin Hoods des Internet und Filesharings - "gegen die Großen" kommt immer gut.

Genauso naiv wie deren Blickwinkel ist aber die absolute Dämonisierung der "Internetgeneration" oder des Prinzips Filesharing. Verdammt! Auch das ist eine der großartigsten Errungenschaften der letzten 50 Jahre. Aus meiner Sicht hat die Digitale Revolution "Demokratisierung" im weitesten Sinne gebracht. Platten produzieren braucht keine sündteuren Studios mehr, es geht (auch) spottbillig im eigenen Wohnzimmer. Ähnlich verhält es sich mit Fotografieren und vielen anderen Zweigen kreativen Schaffens. Das darf fraglos auch Diskussionen über negative Aspekte (potentielle Entwertungen dieser Kunstformen beispielsweise) aufwerfen. Aber: Jeder der will, kann und darf. Wie können wir das ernsthaft schlecht finden?

Kunst hat immer von Inspiration gelebt und und damit wiederum neu inspiriert. Kunst hat dabei auch schon immer selber "gestohlen" (ich denke dabei etwa daran). Streng ausgelegt verhinderte das Urheberrecht (und die Industrie dahinter) genau das und wäre damit gleichzeitig auch das Gegenteil des angestrebten Schutzes der Kunst.

Wenn nun die Digitale Revolution im weitesten Sinne diese Form von Demokratisierung gebracht hat, dann muss das für das Urheberrecht aber nicht das Ende bedeuten und auch nicht schlecht sein. Denn im Grunde sagt es in seinem Kern in erster Linie folgendes: Dass jemand, der eine Songidee hatte, ein Foto gemacht hat, ein "Werk" geschaffen hat (...) als einziger darüber bestimmen darf, was damit passiert. Von Geld steht da zunächst einmal nix. Im Prinzip ist folgerichtig Creative Commons nichts anderes als die Rückbesinnung auf diesen Kern des Urheberrechts: Du willst deinen Song der Welt schenken, weil du findest, sie sollte von deinem kulturellen Beitrag bereichert werden? Ok!
Genauso ok muss aber sein, wenn man sagt: Ich habe mich dazu entschieden, Künstler zu werden; eine jahrelange Ausbildung genossen, ich möchte mit diesem Beruf meinen Lebensunterhalt bestreiten (können), mein künstlerisches Werk soll mir bei Nutzung entschädigt werden. Und das macht das Urheberrecht zum Quell allen Wirtschaftens im Kreativbereich.

Weil sich aus den Folgewirkungen eine ganze Industrie mit Verwertungsgesellschaften, großen Labels und Verlagen gebildet hat, ist hier gleichzeitig der Hund begraben: Denn diese sind mit ihren Wirtschaftsinteressen und Verträgen MIT den Künstlern teilweise in einem Bereich unterwegs, der bis hart an die Grenze der Entmündigung heranreicht. Zwar kann das Urheberrecht an einem Werk formal in Europa nicht verkauft werden, mit einem Platten- oder Verlagsvertrag kann dies aber de facto ausgehebelt werden (Verträge "auf Schutzfrist", teils absurde Exklusivitätsklauseln et al).

Wenn wir also schon von Demokratisierung reden: Gebt den Künstlern mehr Möglichkeiten. Gebt ihnen mehr rechtliche Aufklärung, Bildung und die verdammte Freiheit, mit ihren Werken TATSÄCHLICH zu tun, was sie wollen. Die Rückbesinnung der Künstler selbst auf das, was sie können und rechtlich dürfen muss einfacher werden. All das kratzt am Grundprinzip Urheberrecht nicht und muss auch nicht zwangsläufig den Tod eines Wirtschaftszweiges (der Musik nunmal ist) bedeuten.

Natürlich ist die Frage trotzdem weitreichender und wichtiger. Es geht letztlich um nicht weniger als einen gesellschaftlichen Konsens zum Umgang mit Kulturgütern. Wem aber auch im Jahr 2012 noch nicht klar ist, dass Kunst einerseits ein exorbitant wichtiger Bestandteil des Gesellschaftslebens ist und - andererseits - gleichzeitig nicht vollständig nach herkömmlichen Markt- und Nachfragelogiken funktioniert, dem ist ohnehin nicht zu helfen.

Und um das auch gesagt zu haben: Der Missbrauch dieses Faktums zugunsten naiver, platter und dreister Argumentationen gegen das Urheberrecht an sich ist zum Kotzen. Und das An-den-Pranger-stellen von Künstlern, die sich auf ihr Recht berufen und überleben wollen (ganz in der Tradition der FP-"Gutmensch"-Begriffsumkehrlogik) steht dem um nichts nach.

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