Dienstag, 31. Dezember 2013

Das Jahr 2013.

First things first: 2013 war ein gutes Jahr. Ich kann mich auf die Schnelle gar nicht mehr erinnern, wann ich mich das das letzte Mal so pauschal habe sagen hören. Natürlich gab es Ups & Downs, Ärgernisse, Niederlagen und Enttäuschungen - aber hey, wollen wir nicht unbescheiden sein.

Wir leben angesichts des Weltzustandes immer noch in einer überraschend friedlichen Umgebung und Zeit. Der neue Papst ist tatsächlich ein Mensch, der alte hat mit seinem Rücktritt bewiesen, dass er auch einer sein möchte. Im Iran gibt es tatsächlich einen gemäßigten Präsidenten. Menschen mit außergewöhnlicher Courage werden tatsächlich mindestens so gefeiert wie verfolgt. Als Österreicher haben wir zum ersten Mal seit Äonen wieder ein halbwegs anständiges Fußball-Nationalteam samt entsprechendem Trainer und angeführt von einem waschechten Weltstar. Dazu waren gleich zwei Oscar-Preisträger zu bejubeln. Eine jungliberale Partei hat das BZÖ im Parlament ersetzt. Frank Stronach, Kathrin Nachbaur und Monika Lindner gaben uns zu Lachen und zu Weinen. Es könnte alles viel schlimmer sein.

Andererseits. Wir werden von Geheimdiensten überwacht und wissen es nun dank Edward Snowden auch (Hallo NSA!). Es toben Bürgerkriege in Gegenden, in denen Österreichs UN-Abordnung just dann den "Friedensdienst" quittiert, wenn es brenzlig wird. Überhaupt, Österreich: Wo die Mehrheit der Bevölkerung zum Erhalt des Zivildienstes die Wehrpflicht per Volksabstimmung gut heißt. Wo es zwar kein Budgetloch gibt, aber die Einnahmen und Ausgaben auseinanderdriften. Wo das Mittelmaß ein verfassungsrechtlich verankertes Regierungsprinzip zu sein scheint. Wo Visionsfreiheit herrscht und dem Wort "pragmatisch" eine völlig neue, politische Dimension verliehen wird. Man darf sich also auch 2013 noch genug über den Menschen, insbesondere den Homo Austriacus, wundern.

Sonst? Serien lösen das Kino endgültig ab, weil sie spannender und vielfältiger erzählen können und mit hohem Aufwand für ein Millionenpublikum produziert werden. (Meine) Musterbeispiele sind hierbei House of Cards, Game of Thrones oder das heuer zu Ende gegangene Breaking Bad. Alles sprichwörtlich Großes Kino auf kleinem Bildschirm.

Und wie könnte man einem Popjahr böse sein, das "Get Lucky" als Konsens-Nummer 1 abwirft? Seit etwas mehr als einem Jahr trage ich die Prophezeiung vor mir her, dass die Virtuosität des Jazz eine bestimmende Kraft in der Musik der näheren Zukunft werden wird. Daft Punk waren - glaubt selber was ihr wollt - das endgültige Startsignal in diese Richtung. Ein bisschen Rumhüpfen am Ableton-Add-On reicht nicht. Überhaupt hab ich mich ein bisschen mit Pop versöhnt. Ich mag "Blurred Lines" - man muss nicht immer alles bierernst zu Tode analysieren, um einen großartig leichtfüßigen Ohrwurm zu vergiften. Ich find "Royals" klasse, weil ich gelernt habe, den Hype dort zu ignorieren, wo mich die Musik tatsächlich erreicht. Meiner bestehenden Hipster-alle-finden-das-super-also-musst-du-auch-Allergie zum Trotz. Ich hab über Miley Cyrus geschmunzelt. Been there, done that - alles schon mal gesehen; es sei der Hannah-Montana-Generation vergönnt, das auch zu erleben. Hallelujah, ich fand Madonna als 12jähriger in "Express Yourself" auch aufregend. Auch klar, dass ich es mögen muss, wenn mein Allzeit-Held James Murphy mit meinen Allzeit-Helden Arcade Fire werkelt (kaum wo schöner zu hören als in "Here Comes The Night Time"). Und zuguterletzt kann ich mir nicht verkneifen, einiges an aufgehender eigener Saat im Jahr 2013 zu erkennen, auch wenn sich der direkte persönliche Beitrag in der Gegenwart (etwa bei SOHN oder Bilderbuch) da und dort auf ein ausgesprochen bescheidenes Maß reduziert hat.

Vielleicht ist 2013 also auch nur das Jahr, wo in mir die Einsicht überhand genommen hat, dass das Zurkenntnisnehmen (meist: mit einem Lächeln) allemal besser ist, als auch kleine Dinge zu skandalisieren oder zu dramatisieren. Vielleicht habe ich aber gerade auch nur einen guten Zeitpunkt erwischt, um einen solchen Blick zurück zu werfen.

Persönlich wie beruflich war 2012 ein dermaßen schwieriges Jahr für mich, dass es 2013 fast nur besser werden konnte. Mir war aber klar, dass das nicht von selbst passieren würde. In der Tat konnte ich Früchte vor allem dort ernten, wo ich imstande war, durchdachte Vorhaben auch wirklich umzusetzen. Naturgemäß gelingt das nicht immer und überall. Das Schwierigste dabei war (und ist), sich damit abzufinden, nur kleine Schritte setzen zu können und das große Ganze trotzdem nicht aus den Augen zu verlieren. Weit von Perfektion und wahnsinniger Zufriedenheit entfernt bin ich deshalb trotzdem - wie eh und je. Von Bedeutung ist daher vor allem das Gefühl, das ließe Raum für ein Weiterführen, Vertiefen und Intensivieren mancher solcher Vorhaben.

Stand für mich 2013 mein Jahresmotto "Zurück in die Zukunft" programmatisch für ein sorgsam geplantes Umdrehen negativer Entwicklungen, so werde ich mich in einem Jahr um diese Zeit an der mutigen Vorgabe "reduce to the max" messen dürfen. Unter diesem Jahresmotto für 2014 lassen sich eine ganze Reihe "Neujahrsvorsätze" für 2014 ebenso wie Erkenntnisse aus 2013 subsumieren . Für mich steckt darin auch die Anerkennung des Faktums, dass nur in der permanenten Veränderung eine Möglichkeit zur persönlichen Entwicklung steckt.

In diesem Sinne: Gutes Rutschen, happy 2014.
Möge es ein Jahr sein, an dessen Ende wir sagen können: Es war ein gutes.

Dienstag, 2. Juli 2013

Noch ein Blick auf den ORF.

Weil ein Blogpost nie lange genug ist, gilt es nach einem ereignisreichen Wochenende einige Dinge klar zu stellen - zuallererst: Der ORF ist unfassbar wichtig für dieses Land, sonst wäre die ganze Aufregung nicht notwendig. Sein Funktionieren ist ein Eckpfeiler der Demokratie - wer nicht aufgepasst hat, soll einen Blick nach Griechenland werfen oder die aus dem ERT-Ereignis entstandenen Kommentare lesen.

Ich bin Fan eines "starken" und wichtigen ORF, finde aber das mitunter vonstatten gehende Schwanzvergleichen mit seiner privaten Konkurrenz in Sachen Niveau und Unterhaltung recht verzichtenswert. Umgekehrt hat mich in jüngerer Vergangenheit kaum etwas mehr auf die mediale Palme gebracht als das Bestreben des VÖZ, die Social Media-Aktivitäten des ORF gleich vollständig zu verbieten.

Ich mag die ORF Information. Sie ist kritisch, kämpft insbesondere im Vergleich zur Hausleitung massiv um ihre Unabhängigkeit und erfüllt ihre wichtige Aufgabe größtenteils mit Bravour. Die Erfindung von ORF III ist per se ein Meilenstein - wenngleich die Dotierung und auch die Programmierung sehr viel Luft nach oben lassen. Und ohne Ö1 und FM4 wäre die Welt hierzulande wahrlich wesentlich trauriger.

Überhaupt, FM4. Eine kleine 7%-Radiostation beweist sehr erfolgreich, wie ein natürlicher Umgang mit regionalem Content mittel- bis langfristig eine erhebliche, positive Wirkung auf die Station selbst, den Markt und das Land hat (man könnte, ja müsste eine Studie dazu verfassen). Es wird aus diesem Grund aber leider gerne auch als Feigenblatt des ORF benutzt, denn umgekehrt gibt es im TV seit 20 Jahren kein reguläres Popmusik-Format mehr, wenn man die Castingshows und den Songcontest ausklammert. Dabei haben eben diese Formate (Okay, Ohne Maulkorb, X-Large) spätere ORF-Helden wie Vera Russwurm, Barbara Stöckl, Arabella Kiesbauer, Christian Clerici, Oliver Baier oder Gerald Votava hervor gebracht - man glaubt es kaum.

Von den marktstärkeren ORF-Radios und eben den TV-Sendern werden existierende Strömungen und Entwicklungen praktisch völlig ignoriert. Radio Wien bezeichnet sich angeblich sogar selbst als "englischsprachiger Oldies-Sender" - gute Nacht. Umso mehr verwundert es, wenn der ORF in seiner Public Value-Kampagne mit der "lebendigen österreichischen Musikszene" wirbt, über die er aber nur sehr peripher und äußerst selten zu berichten scheint. Schöne ZIB24-Beiträge und wirklich und ehrlich bemühte Redakteure in allen Ehren - aber den Gesamteindruck habe nicht nur ich, sondern vor allem die KommAustria, die den Sender dafür schon mehrfach gerügt hat.

Es bestätigt den Verdacht: Irgendwas stimmt in den Chefetagen mit der Eigenwahrnehmung nicht. Niemand bestreitet, dass die finanzielle Situation des ORF nicht besonders rosig ist - und auch mich erschüttert und betrübt das. Aber mehr Geld für den ORF (aus welchen Quellen auch immer) ist für das hier beschriebene Problem überhaupt keine Lösung - die fände nämlich in den Köpfen der Köpfe und nicht im Börsel statt. Freilich, welch Geistes Kind die ORF-Führung ist, zeigt sie aktuell eben mit den viel kritisierten Einsparungen insbesondere im Kultursegment. Und wenn wir ehrlich sind, sind die 100.000 eingesparten Musikfonds-Euro keine besonders große Hilfe bei angeblichen 80 Millionen Fehlbetrag (erst recht angesichts des nun herrschenden Shitstorms).

Dass der ORF mehr und mehr (vorwiegend junges) Publikum verliert, mag gewiss an starker Konkurrenz durch Private und Internet liegen - aber zu einem Teil wohl auch an einer selbst herbeigeführten Niveau-Nivellierung nach unten. Gerade ein junges Publikum verdient es, auch herausgefordert und mit anderem Programm attraktiviert zu werden, als die Privatsender oft zu liefern imstande wären. Das trauen aber nur die wenigsten ihrer Kundschaft zu. Wozu aber sonst macht sich dann Armin Wolf regelmäßig zum Deppen, ist Österreichs meistgefolgter Twitterant und unter den beliebtesten ORF-Menschen, obwohl er "nur" Nachrichten verlesen müsste?

Kurzum: Ich bin mit Sicherheit kein Feind des ORF, ganz im Gegenteil. Ich erlaube mir bloß, eine differenzierte Meinung zu haben - etwa jene, dass der ORF deutlich besser sein könnte, ja müsste, als er gegenwärtig ist. Er würde damit der Kultur, dem Land, uns und auch sich selbst helfen (hab ich hier lang und breit beschrieben).

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Samstag, 29. Juni 2013

Nicht wie wir.

Der ORF nimmt seit Wochen die hiesige Kulturlandschaft als Geisel einer astreinen Erpressungskampagne und geniert sich bei der geradezu energisch gelebten Ablehnung der gesamten hiesigen Kulturlandschaft nicht zu behaupten, er fördere die Musik umfassend und sei überhaupt  "wie wir". Eine Entrüstung.

Nun ist es also passiert, der ORF hat seine Mitgliedschaft und damit die finanzielle Unterstützung des Österreichischen Musikfonds aufgekündigt. Zugegeben: Im Falle der Musikfonds-Kiste sitzt der ORF auf einem dicken Argumentations-Ast. Erst die berühmt gewordene Gebührenrefundierung vor zwei Jahren hatte mitsamt der "Musikcharta" den Sender überhaupt erst in die Förderrunde integriert (ich hatte das bereits erörtert). Keine Gebührenrefundierung bedeutet für den ORF also fast logisch: keine weitere Förderung. Die dahinterstehende Symbolik freilich ist einmal mehr verheerend und untermauert den Eindruck der letzten Wochen, bei der der Reihe nach die Kulturfelder nach "Sparpotential" abgegrast und als Bauernopfer auf die Budget-Schlachtbank gelegt werden.

Die Empörung einer ganzen Kulturlandschaft wird dabei offenkundig bewusst ins Kalkül genommen - das in der Politik nicht gänzlich unbekannte "Washington Monument Syndrome" lässt den Gegner bestenfalls für die eigenen Zwecke spielen. Im Falle des ORF wäre das gewünschte Endresultat: Mehr Geld vom Staat. Die billige Taktik auf dem Rücken Kulturschaffender ist aber vor allem eines: einer öffentlichen Einrichtung zutiefst unwürdig.

Zuerst war die Film-Industrie an der Reihe: Ohne die Gebührenrefundierung könne sich der ORF die Filmförderung im bisherigen Umfang nicht leisten - die Film-Industrie zog brav zu Kreuze und jammerte öffentlich in Richtung Politik über diesen Zustand. Der ORF ist dank des "Film-Fernseh-Abkommens" schließlich seit Jahren einer der wichtigsten Säulen in der Produktion und Vermarktung des Österreichischen Filmes - eine entsprechende Abhängigkeit besteht für viele Produktionsfirmen. Dabei vernachlässigt der ORF selbst viele von ihm geförderte Produktionen immer wieder auf geradezu frappante Weise, versteckt großartige Filme in den Programmrandzonen, während "Mein cooler Onkel Charlie" fröhliche Urständ´ feiert und die Klopause von Sebastian Vettel live übertragen und von drei Experten kommentiert wird.

Es geht hierbei längst nicht mehr um Geschmack oder Meinung, eher noch um den berühmten Hausverstand, der aber scheinbar längst vom Küniglberg weggezogen ist (vielleicht ja in eine Supermarktfiliale?). Der ORF produziert immer weniger eigenen Content, nutzt den vorhandenen, von ihm (co-)finanzierten dazu noch wenig bis schlecht. Das berühmte Milchmädchen könnte aus dieser Rechnung mehr herausholen.

Und diese Geschichte perpetuiert sich: Auf die inzwischen "Geiselliste" getaufte Blacklist der ORF-Einsparungen gesetzt wurden offiziell und inoffiziell etwa das renommierte "Musikprotokoll" des steirischen herbstes, was unter anderem eine offizielle Protestnote von Elfriede Jelinek, Österreichs letzter Nobelpreisträgerin, nach sich zog. Es folgte das noch berühmtere Wettlesen um den Bachmann-Preis, dem Sparefroh offenbar nicht so gern zuhörte - frei nach dem Motto: Wir verabschieden uns von unseren Sehern auf 3sat (dort wurde im Gegensatz zum ORF stets live übertragen, obwohl der Preis eine ORF-Veranstaltung ist). Blankes Entsetzen in der Literaturwelt folgt geradezu postwendend. Die Standard-Chefredakteurin  Alexandra Föderl-Schmid hat diesen Schritt daraufhin gut heruntergebrochen als "Provinzielle Erpressung" kommentiert, woraufhin ORF-General Alexander Wrabetz sie in einem Tweet (nicht gerade wenig herablassend) der mehrfachen Lüge bezichtigte. To be continued.

Mit der Einstellung von FM4 wurde zwischenzeitlich ebenso gedroht wie mit der endgültigen Auflösung des RSO. Kurzum: Es ist ein furchtbar armseliges Trauerspiel, das hier abgezogen wird. Gerade so, als würde ein beleidigtes Schulkind, dass seine Schokolade (die Gebührenrefundierung) nicht bekommt, aus Protest seine Hausaufgaben (den Kulturauftrag) nicht erledigen. Wessen Schaden das am Ende wohl sein wird?

Der ORF hat offenkundig große Angst - und die ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Zuallererst Angst vor der Quote, dann vor der Politik und dann auch noch vor der eigenen Courage, mutiges und innovatives Programm zu machen. Der Erfolg der Angst: In den letzten Jahren hat er an allen Fronten zu kämpfen - auch intern: Innerhalb der Belegschaft ist eine kleine Revolution zur Unterstützung der krass unterbezahlten freien Mitarbeiter ausgebrochen, in Redaktionen wurde lauthals gegen Bestellungen Vorgesetzter und für mehr politische Unabhängigkeit protestiert - ein Web-Video der ZIB-Redakteure dazu hat sogar Preise gewonnen und wurde auf Youtube eine halbe Million Mal angesehen.

Die hiesigen Musiker und ihr Umfeld betrachten den Rückzug des ORF aus dem Musikfonds freilich bloß als den letzten Tropfen, der ein ohnehin längst volles Fass zum Überlaufen bringt. Recht rasch aufgetaucht ist eine Online-Petition zum Erhalt der Förderung und eine offizielle Protestnote des Indie-Verbandes VTMÖ. Nur wenige Stunden später entsteht und wächst eine Facebook-Initiative mit dem bezeichnenden Titel "Nicht wie wir" rasant.

Der bisherige ORF-Beitrag von 100.000 Euro stellt immerhin 10,8% des Gesamtbudgets des Fonds dar, der Musikfonds selbst bedauert das "ernsthafte Loch", das das Fehlen des Betrages verursacht. Und das just in einer Zeit, in der einst weit auseinander liegende Lager längst an einem Tisch sitzen und sich gemeinsam konstruktive Zukunftspläne überlegen; ein Exportbüro nach internationalem Standard installiert wurde, sich Österreich erstmals als Focus Country beim wichtigsten europäischen Präsentationsfestival Eurosonic vorstellen darf; in der (trotz vieler und mitunter durchaus berechtigter nationaler Kritik) der Musikfonds damit international als leuchtendes Beispiel einer gelungenen Förderstruktur beklatscht wird.

Alexander Wrabetz behauptet: "Kultur ist und bleibt eine Kernaufgabe des ORF." - dafür hätte ich nach all dem hier angeführten Wahnsinn gerne konstruktive Zeichen und Belege anstelle taktisch kalkulierter Ausreden mit Verweisen auf die Politik. Zusammengefasst würde ich mir angesichts der laufenden Imagekampagne eigentlich sehr wünschen, dass es so wäre; kann gegenwärtig aber einwandfrei feststellen, dass der ORF eines mit Sicherheit nicht ist: Wie wir.

PS:
Stefan Niederwieser, Chefredakteur des wichtigsten hiesigen Musikmagazins the gap, hat das Thema ebenfalls beschäftigt und zu einem äußerst treffenden Kommentar veranlasst. Seinem zwischen den Zeilen folgenden Ratschlag am Ende folgend wären vielleicht Tweets mit dem Inhalt "@wrabetz ist #nichtwiewir" eine geeignete Form des Protests.

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Der guten Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass ich als Vorsitzender des Beirates für Musikexportfragen den "betroffenen" Österreichischen Musikfonds berate (unentgeltlich, wohlgemerkt, wie auch die anderen 7 Mitglieder dieses Gremiums).

Samstag, 4. Mai 2013

Ö3 schadet der Wirtschaft.

Vorweg: Der konkrete Anlass für diesen Eintrag ist bloß ein Gerücht. Es handelt von einer im öffentlichen Rundfunk in verantwortlicher Position tätigen Radioperson, die in etwa gesagt haben soll: "Österreichische Musik schadet meinem Sender". Nicht nach einigen Bieren und im Scherz, sondern anlässlich der Verhandlungen zur sogenannten "Musikcharta". 

Die Musikcharta, das ist eine "freiwillige" Selbstverpflichtung des ORF, einen gewissen Anteil seines Radio-Programmes mit österreichischer Musik zu bespielen. Sie wurde nach zähem Ringen vor zwei Jahren eingeführt und kürzlich unter berechtigtem Applaus aller Beteiligten verlängert und sogar erweitert (33% sollen es werden - wobei die Berechnungsmethoden ein wenig abenteuerlich sind, aber das tut hier nichts zur Sache).

Recht offenkundig war zu Beginn der Charta die sogenannte Gebührenrefundierung ein kuhhändlerischer Geburtenhelfer - der Zweck heiligt aller Orten die Mittel. Derzeit kämpft der ORF um die Erneuerung dieser Refundierung und dabei streuen sich Gerüchte bis hin zum "Zusperren von FM4" als nicht von ungefähr kommende Drohgebärden. Im Zusammenhang mit der Refundierung ließ sich der ORF aber auch von der Sinnhaftigkeit einer Partnerschaft mit dem Österreichischen Musikfonds überzeugen - ähnlich wie bei Filmförderprojekten bezuschusst der Rundfunk den Fonds (mit 100.000 Euro pro Jahr) und nimmt einen Platz in der dortigen Mitgliederversammlung der Fördergeber ein. Das alles klingt im Grunde zwar nach einem sehr österreichischen Weg - aber immerhin zu einem durchaus sinnvollen, gemeinsamen Ziel, möchte man meinen.

Jetzt bin ich selbst im Grunde kein großer Freund der Quote und müsste damit eigentlich eher auf der Freundesliste des Zitatenspenders stehen. Dahinter steckt bei mir die tiefe Überzeugung, dass redaktionelle und qualitative Richtlinien einer quantitativen Verpflichtung vorzuziehen wären - auch dieses Argument könnte beiderseits dasselbe sein. Der besagte Satz - so er denn gefallen ist - wäre in seiner Pauschalisierung jedoch gelinde gesagt nicht nur eine bodenlose Frechheit, sondern entbehrt jeglichen Verdacht auf vorhandene Durchdachtheit.


Ich behalte mir hiermit vor, mit gleichen Mitteln zurück zu schlagen: Polemisch, voreingenommen, provokant. Und daher behaupte ich: Ö3 schadet dem Land - und zwar nachhaltig. Ö3 schadet insbesondere der Wirtschaft, im Speziellen der Musikwirtschaft. Der Unterschied zwischen der Ur-Aussage und meiner ist dieser: ich kann meine These mit stichhaltigen Indizien untermauern.


Immerhin zahlt der ORF kolportierte 20 Millionen Euro pro Jahr an die größte Verwertungsgesellschaft AKM. Zuletzt wollte der ORF aufgrund des "Spardrucks" den Tarif senken, obwohl er mit ORF III ausgerechnet einen Kulturspartenkanal eingerichtet hat. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Das Geld fließt jedenfalls so oder so an die AKM. Wieviel davon aber in Österreich und damit im hiesigen Wirtschaftskreislauf bleibt, das definiert sehr wohl der ORF durch sein Handeln. Milchmädchenrechnung: Schon ein lächerliches Prozent mehr österreichische Musik im Radio und Fernsehen bedeutet schon einmal 200.000 Euro mehr an reinem Tantiemenaufkommen für österreichische Urheber und Verlage.

Das ist noch nicht sonderlich viel Geld. Doch durch die gesteigerten Raten erhöhen sich zwangsläufig auch  Verkaufs-, Download- und Streamingzahlen; insbesondere dann, wenn die Präsenz im TV statt findet. Von der imagebildenden und gesellschaftspolitischen Rolle, die der ORF damit wahr nähme einmal abgesehen. Spinnen wir das Rad weiter ergäben sich wohl auch mehr Auftritte, bessere Besucherzahlen bei Konzerten und in diesem Zusammenhang höhere Gagen - und erneut gestiegenes Tantiemen-Aufkommen für österreichische Musiker. Das wiederum ergibt Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft: Im Tourmanagement, für Ton- und Lichttechniker, im Agenturwesen... und wenn man möchte bis hin zum Grafiker und Videoproduzenten hin. Man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um zu behaupten: Radio und TV ist - allem Internet zum Trotz - noch immer ein ganz wesentlicher Schlüssel zum Erfolg eines Künstlers.

Sie wollen Zahlen? Bitte sehr! Die neue IHS Studie "Ökonomische Effekte der Musikwirtschaft" (Jänner 2013) rechnet nur den "Ökonomischen Effekten von Hörfunk und Fernsehen" (Tabelle 16 in dieser Studie) eine Bruttowertschöpfung von 98 Millionen Euro und damit 1.352 vollzeitäquivalente Arbeitsplätze zu. Man stelle sich also obige Rechnung noch etwas präzisierter vor: Gerade einmal 1% mehr Airplay wäre gut eine Million Euro mehr für den Wirtschaftstandort Österreich - für Tonstudios, Labels, Interpreten.... - ganz ohne einen Cent Fördergeld, und wir sprechen hier ausschließlich vom DIREKTEN Effekt aus dem Radioairplay ohne obgenannte Side Effects (die gesamte Studie liefert noch wesentlich mehr beeindruckende Zahlen in diese Richtung). You do the maths: Arbeitsplätze. Wirtschaftskraft.

Es ließe sich an dieser Stelle noch weit ausholen und über Verschiedenstes sprechen: Über die redaktionelle Entscheidungsgewalt der ORF-Sender, die Hintergründe dieser, naja, "Skepsis" gegenüber den eigenen und reichlich vorhandenen Szenen. Über aufgelegte Neo-Austropop-Helden wie 5/8erl in Ehren, Clara Luzia oder Effi (ich bin nicht so naiv, Elektro Guzzi oder Soap&Skin auf Ö3 zu fordern, aber es gäbe reichlich Pop, der die Hörer nicht "verschreckt", wie der Sender gerne behauptet). Über das Nichtvorhandensein von popkulturellen TV-Sendungen mit generischem Inhalt. Über den "Selector", über die angebliche Abhängigkeit vom deutschen Markt, über Castingshows und über Politik im Zusammenhang mit dieser ganzen Frage. Wir könnten von Christina Stürmer reden, deren deutscher Songwriter auch trotz ihres Ö-Mascherls einen Wertschöpfungsabfluss bewirkt (eh eine andere Problematik, no offense). Dieser Blög wird an Themen nicht so schnell arm werden... kommt Zeit, kommt Rat.

Also. Machen wir uns nichts vor: Ein Prozent wäre gar nicht einmal viel. Aber wie war das jetzt nochmal: Wer schadet hier wem? Oder anders formuliert: Warum erwartet man von einer Pflanze, die man konsequent austrocknet, dass sie besser wächst und beklagt sich, wenn sie keine Früchte trägt?

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Mittwoch, 1. Mai 2013

Österreich M

Dieser Tage geht am allergrößten Teil der Bevölkerung wieder einmal spurlos vorüber, was eigentlich ein nationales Ereignis sein sollte: Die Musikindustrie feiert sich selbst und vergibt ihren jährlichen Preis - den Amadeus Austrian Music Award.

Nun sind Diskussionen über den Sinn und Unsinn von Musikpreisen so alt wie die Vergabe selbiger. Braucht es so einen Preis überhaupt? Müsste man das nicht so oder so gestalten? Gerade der Amadeus hat in seiner 13jährigen Bestehenszeit aber besonders viel Spott und Häme ernten müssen - Kurzbegründung: weil wir halt in Österreich sind. Die hiesige Marktgröße und das Jammerpotential sind diesbezüglich eine hässliche Kombination. Dabei ist der IFPI (dem Verband der verbliebenen "Großen" der Branche) das Bemühen gar nicht einmal völlig abzusprechen. Seit einigen Jahren steht der Preis auf neuen Beinen - organisatorisch wie vergabetechnisch stehen die Szenen (bzw etwas oberflächlicher: die Genres) im Mittelpunkt einer Gala - und keine internationalen Stars, die man dann (mangels Marktgröße und Attraktivität) ohnehin nicht ins Land kriegt. Dass der ORF aus der Übertragung des Preises (deshalb?) ausgestiegen ist, tut dem Amadeus dabei aber naturgemäß nichts Gutes und zeigt den Stellenwert der nationalen Musik im Sender und "seinem" Land - die Bemühungen der übertragenden Station Puls4 in Ehren. Beim Amadeus geht es vorwiegend einmal darum, die Bevölkerung davon zu überzeugen, es gäbe hier eine lebendige, starke Musikbranche - er ist also salopp gesagt eine teure Promotionveranstaltung.

Schade daher, dass die Macher einem Grundmissverständnis aufsitzen, nämlich, dass eine "Gala" wie diese (Beispiel: Oscars) das gemeine Volk interessiert. Der Amadeus wird in einem zweigeteilten Verfahren vergeben, im entscheidenden Teil werden die Fans - ganz basisdemokratisch - befragt. Das ist zwar nobel und integrativ gemeint, doch sollte der Urzweck der Veranstaltung eigentlich das erwähnte Herzeigen einer lebendigen Musiklandschaft - ergo unmittelbar das Gewinnen eines neuen Publikums sein, nicht nur das Bedienen eines (ohnehin zu spärlich) Vorhandenen. Das vordergründige Auf-Nummer-Sicher-Gehen ist somit nur bedingt sinnvoll, denn dass der Volksmusik-Fan im Fernsehen plötzlich die Heavy Metal-Kombo super findet, darf bezweifelt werden. Gut gemeint... you know. Es geht sich (trotz einiger gewagter Kombinationsversuche) einfach nicht aus, die Musikbranche ist selbst in unserem kleinen Land nicht EINE Familie. Das kann man einerseits schade finden (wie ich) - aber trotzdem auch durchspielen und besser machen.

Viel cleverer wäre, das eingesetzte Geld sinnvoller zu verwenden. 430.000 Euro spendiert die Verwertungsgesellschaft LSG (die der IFPI gehört) laut Berichten für die Durchführung des Events (ich habe das hier ausführlicher erklärt) - da sollte sich etwas machen lassen (wobei es hier wohl das 8-Millionen-Teamchefs-Problem gibt). Belassen wir es dabei ruhig bei den Rahmenfaktoren wie: Es soll einen Musikpreis zum "Herzeigen" geben - für die Biographie und im Ausland macht sich sowas durchaus schick; nur national ist die Wirkung des Preises erwiesenermaßen enden wollend - das sind bekannte Fakten.

Bauen wir uns in diesem Gedankenspiel eine regelmäßige 45minütige Fernsehsendung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die schwerpunktmäßig im Umfeld eines gewählten Preisvergabedatums gezeigt und multimedial (online/social) begleitet wird. Nennen wir sie von mir aus ÖSTERREICH M - analog zur großartigen Historienserie "Österreich I". Widmen wir jeder der vertretenen "Genres" (10 Stück) eine Folge - Alternative, Elektro, Volksmusik.... Sie porträtiert die jeweils fünf Nominierten ausführlich - in einer flott präsentierten Sendung gehen sich die klassischen 8-Minuten-Beiträge mal 5 (Anzahl der Nominierten) prächtig aus. Das gibt extra Content, mit dem die Künstler arbeiten können, der sich medial vervielfältigen lässt und mit denen das Archiv ein echtes kulturelles Zeitdokument schafft. Hallo, Kulturauftrag!

Zusammen kommt somit ein echtes musikalisches Jahrbuch - das sich, wenn sich mutige Köpfe finden, sogar über DVD-Release und dergleichen vielleicht sogar verwerten oder für den Musikexport nutzen lässt. Ich bin recht überzeugt, dass in diesem Fall sogar der eine oder andere Volksmusik-Fan dazu gewonnen werden kann, regelmäßig zuzuschauen und sich einen tieferen und ernsthafteren Einblick in die Elektronische Musikszene zu vergönnen. Ich bin vor allem davon überzeugt, dass die Wirkung gewaltig ist: 10 x 45 Minuten wird journalistisch aufbereitet bewiesen, dass das Land eine vitale und interessante Szene hat. Wenn das den Markt nicht ankurbelt, was dann? Würde das den Zweck dann nicht auch eher erfüllen und die immensen Ausgaben rechtfertigen?

Am Ende jeder Sendung oder am Ende der "Staffel" wird der (meinetwegen immer noch per Online-Voting im Vorfeld gewählte) Sieger präsentiert und geehrt. Vielleicht geht sich sogar noch eine Branchen-Party ohne große Live-TV-Übertragung aus. Das ist freilich nur eine grobe Idee, ein Vorschlag. Das popmusikalisch ausgetrocknete Wüstenschlachtschiff ORF könnte freilich jeden Tropfen Wasser gut gebrauchen - und man muss ihm die Ausrede "Eine Gala-Preisverleihung interessiert niemanden" ja nicht gleich so wie jetzt auf dem Silbertablett servieren.

Gute und kreative Köpfe zur Umsetzung eines solchen oder ähnlichen Konzeptes gibt es zweifelsfrei genügend in diesem Lande. Einer davon darf den Amadeus zum zweiten Mal moderieren und wird zweifelsfrei wieder einen guten Job machen. Eine eigene Sendung im Staatsfunk hat man ihm jüngst verwehrt - was einige zu recht kritischen Kommentaren bewegt hat. Ich würde liebend gerne an dieser Stelle zu einem Galileo-Zitat ausholen und behaupten: "Und sie bewegt sich doch." Bis dorthin geh ich mal ins Volkstheater und hör mir an, was die Leute zum diesjährigen Amadeus zu sagen haben.

Montag, 18. Februar 2013

Das heißeste Eisen.

Sag "Festplattenabgabe" und schon hast du eine ausufernde, abschweifende, zeitweise polemische Diskussion am Hals. Meine Erkenntnis der letzten Tage: Man kann sowieso keinen Artikel schreiben, der lange genug und ausgewogen genug wäre, um alle Aspekte der Diskussion einzubringen. Man kann die aufgestauten Konflikte auch nicht mit einem oder zwei Totschlagargumenten lösen. Man kann sich aber sehr schnell Feinde machen, die glauben, in eine Zeile Text eine Lebensphilosophie hinein zu interpretieren.

Ergo: Die Urheberrechtsabgabe ist ein Thema, das man mit Glacéhandschuhen anpacken muss - oder man lässt gleich die Finger davon. Die Gegner haben es dementsprechend leicht: Die Argumente sind mannigfaltig von einer gewaltigen Technologie-Lobby (vom Elektronikhandel bis Google) vorgekaut und tragen moderne Etiketten; und es ist einfach wesentlich sexier und leichter, dem Volk "Kosten zu ersparen" als eine Abgabe zu fordern (die es aber eigentlich schon lange gegeben hat, ohne das es die meisten der Betroffenen gemerkt oder gespürt hätten).

Enttäuschend ist, dass vor allem sehr wenige Künstler den Mut haben, für ihr Recht aufzustehen und es einzufordern. Es mag an der prekären Situation liegen, in der sie sind (viele können auch mit bspw SKE-Fonds-Unterstützung nicht von ihrer Musik leben), oder aber an der Angst vor dem berühmten "Metallica-Effekt" (die Band hatte sich durch ihren Kampf gegen Napster den Unmut der Fans zugezogen). Es mag aber auch an der seltsamen Ambivalenz liegen, dass sich gerade junge Künstler auch der "Netzgemeinde" zurechnen, die das Dagegensein als Parteilinie auf die Fahne geheftet hat. Urheberrechte einfordern ist uncool in einer Welt der Gratiskultur.

Als ob das alles nicht genug wäre, machen Slogans wie "Raubkopierer sind Verbrecher", Kampagnen wie "Kunst hat Recht" und Aussagen der "Pro"-Seite oft nicht unbedingt viel Lust darauf, mitzulaufen. Sie treffen die Sprache der "anderen Seite" nicht und gehen wenig auf das Thema und (viele durchaus sinnvolle) Gegenargumente ein. Hinterlassen wird ein (letztlich kapital falscher) Eindruck einer sturen, erzkonservativen Künstlerkaste, die sich verbissen an alte, verstaubte Modelle klammert. So einfach aber ist die Welt nicht. Besonders böse ist, dass man blitzschnell in genau diesem Image-Eck landet, wenn man sich als Befürworter einer Festplattenabgabe "outet". Sorry, Leute, aber das ist dann doch recht naiv.

Es gibt eine gute, sachlichere Ebene; etwa jene, die Alfred Noll jüngst im Standard ausgeführt hat. Es gibt lange im Recht verankerte Prinzipien, die ich durchaus mit Erkenntnissen der Aufklärung vergleiche - das bedeutet nicht, dass sie nicht Raum für Veränderungen oder Verbesserungen ließen. Wovon wir aber hier reden, ist nicht weniger als ein mittelgroßes Erdbeben für das Urheberrecht an sich.

Es gibt einen Auslöser der angesprochenen Diskussion, die ich zu führen hatte. Es war eine Rede von Mark Chung. Er begnügt sich nicht wie viele damit, den Niedergang der Musikwirtschaft zu beklagen (die "Recorded Industry" ist in den letzten zehn Jahren um die Hälfte geschrumpft - man kennt das, aber das tut natürlich keiner Branche sonderlich gut). Vielmehr schlägt er die Brücke auf die andere Seite und findet Gründe - und vor allem findet er mit den direkten Profiteuren des Musikwirtschaftsdilemmas auch diejenigen, die (nachvollziehbarerweise) am stärksten gegen die Urheberrechtsabgabe wettern.

Chung ist frei vom Verdacht, ein erzkonservativer Rechter zu sein, nicht nur weil er einst Bassist der Einstürzenden Neubauten war - er ist Vorsitzender des Verbands der deutschen Indie-Labels VUT. Dennoch muss man anmerken, dass natürlich auf beiden Seiten heftig lobbyiert wird, einfach weil es per se um sehr sehr viel Geld für große Industriebetriebe geht. Bloß: Die "Contra"-Seite schimpft gerne über die "Contentmafia" und glorifiziert neue Modelle, ohne diese Geschichte zu kennen und zu bemerken, dass hier ohnehin nur ein Großkonzern die Macht des anderen beschneidet (egal wie das Spiel ausgeht).

Auf dem anderen Ende der Skala aber, im kleinen beschaulichen Indie-Österreich, sind Künstler,  Labels und Veranstalter kurz-, mittel- und langfristig direkte Betroffene einer letztlich weitreichenden politischen Entscheidung. Zuallererst ist der SKE-Fonds der Austro Mechana als großer und wichtiger Fördertopf tot, wenn es keine Festplattenabgabe gibt. Der SKE-Fonds schießt auch dem Österreichischen Musikfonds bedeutende Mittel zu, ebenso wie die aus diesen Abgaben generierten Töpfe für soziale und kulturelle Einrichtungen anderer Verwertungsgesellschaften wie der LSG. Letztere ist zum großen Leidwesen vieler "Indies" recht intransparent und bietet damit viel Raum für (berechtigte) Kritik und weitere Angriffsflächn für Gegner der URA. Ich sag gleich dazu: Mit der Existenz des SKE-Fonds die Festplattenabgabe zu rechtfertigen mutet in Teilen etwa so an wie die halbseidene Argumentation für die Wehrpflicht, um den Zivildienst zu erhalten.

Dennoch konnte bisher niemand auch nur ansatzweise erklären, woher die dann im System fehlenden 8 Mio. Euro (SKE-Töpfe) zur Förderung sozialer und kultureller Einrichtungen kommen sollen. Sie würden schlichtweg fehlen - und das in einem sich gerade und endlich (wenngleich langsam) entwickelndem "Markt", dessen Fragilität ein solches Erdbeben nicht sonderlich gut zu überleben vermag. Ein Wirtschaftszweig, der laut jüngster IHS-Studie 60.000 Arbeitsplätze schafft.

Ich möchte nicht verabsäumen, eine sehr kritische und spannende Rechereche zum Thema Verwertungsgesellschaften  zu erwähnen - sie bekrittelt vor allem deren große Systemproblematik (ich klatsche mit!). Anhand des Zustands dieser Gesellschaften aber abzuleiten, dass ein Rechtsprinzip geopfert werden soll, mit dem diese arbeiten, finde ich gelinde gesagt grotesk. Das ist gerade so als würde man aufgrund ineffizienter Gerichte das Strafgesetzbuch verändern.

Das Beispiel zeigt: Es ist zweifelsohne viel zu tun, sogar sehr viel. Auch viele Details der Novelle zur Urheberrechtsabgabe sind nicht befriedigend ausgeführt oder zu Ende gedacht (Stichwort Vorratsdatenspeicherung). Noch einmal sage ich DENNOCH: Lange unumstrittene Grundprinzipien der Rechtssprechung einfach umzuschmeissen, ohne eine klare Perspektive für das "danach" zu haben, halte ich für mehr als bedenklich und gefährlich. Soll immer, wenn sich Technologie weiter entwickelt, das Rechtsprinzip mit verändert werden? Wäre es nicht sinnvoller, die Erkenntnisse dazu zu nutzen, um eine zukunftsweisende Debatte zu führen? Wir bewegen uns im Höllentempo Richtung Streaming und Clouds, und streiten ernsthaft über Festplatten?

Es bleiben zentrale Fragen, deren Beantwortung dann die allermeisten vielleicht letztlich doch eher eint als trennt:
Soll ein Künstler/Urheber für die Nutzung seiner Werke entschädigt werden? Wie gestalten wir diese Entschädigung fair? Wie standhaft ist diese Idee für zwangsläufig kommende technologische Weiterentwicklungen? Wie entkoppeln wir künstlerisches/kulturelles Schaffen von der Logik der Märkte, um ein gesellschaftlich so wichtiges Gut zu schützen?

Wir werden mit Vergnügen und Leidenschaft Antworten zu finden versuchen. Eine simple Abschaffung der Leercassettenabgabe ist keine.

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