Montag, 28. Juli 2014

Wieviel Ö-Musik Ö3 wirklich spielt.

Zum Abschluss des Popfests 2014 in Wien gab es am Sonntagnachmittag eine Diskussion um das allgegenwärtige Thema "Quote" im österreichischen Radio. Nach jahrelangem Aufschaukeln hat die Debatte in diesem Frühjahr bekanntermaßen eine ungeahnte Dynamik erfahren. 

Der möglicherweise größte Fehler, den Ö3 im Zuge dieser Diskussion gemacht hat, ist, Mauern zu bauen. Auf diese Art und Weise macht man es den Kritikern ganz besonders leicht - denn nichts ist einfacher zu dämonisieren, als etwas, das man nicht kennt oder versteht. Dabei sollten Information, Transparenz, Dialogbereitschaft und auch Offenheit eigentlich Kernkompetenzen eines öffentlich-rechtlichen Mediums sein - und vor allem die Basiszutaten für eine sinnvolle Debatte. Dass man sich also darüber beschwert, beständig nur angegriffen zu werden, ist zu einem großen Teil eigenes Verschulden. Gestern hat sich nun endlich jemand vom Sender bereit erklärt, Arbeit und Funktionsweise der Musikredaktion von Ö3 zumindest in Ansätzen zu erklären. Ein kleiner, aber wichtiger Schritt (Danke, Wolfgang Domitner!)

Er kommt praktisch zeitgleich mit der Veröffentlichung der jüngsten Radiotest-Zahlen. Sie attestieren Ö3 einen weiteren Zuwachs an Hörern in der Werbezielgruppe - 42% der 14-49jährigen hören den Sender regelmäßig. Das ist vor allem insofern bemerkenswert, weil Georg Spatt berühmterweise das Dogma prägt, österreichische Musik schade seinem Sender.

Nun ist die zutiefst unbefriedigende Ö-Quote des Jahres 2013 im Verlauf des (getesteten) ersten Halbjahres 2014 dezent gestiegen (siehe unten). Nicht zuletzt durch den Gewinn des Song Contests und mannigfaltiger Erfolgsbeispiele im Pop-Segment liegt der Anteil derzeit stabil über 10% gegenüber 3-5% im Vergleichszeitraum 2013. Spatts Aussage ist also nachweislich jener Blödsinn, für den ich ihn immer gehalten habe (solch pauschale Aussagen ad Prinzip disqualifzieren sich eigentlich von selbst)

Nun haben wir seit etwas mehr als einem Jahr die ORF-Senderkette detailliert beobachtet und analysiert - um uns das beschriebene Verständnis selbst zu erarbeiten und insbesondere den schlimmeren Kindern in der Klasse (Ö3, Radio Wien) hinsichtlich der "Musikcharta" auf den Zahn zu fühlen. 

Ö3 muss als möglichst der Breitentauglichkeit verschriebener Sender viele Geschmäcker und Zielgruppen abdecken, also ein möglichst anschmiegsames Unterhaltungsprogramm liefern, ohne anzuecken oder zu provozieren. Das findet in der Programmgestaltung seine Entsprechung in einem Querschnitt der Hits der letzten 40 Jahre. Gleichzeitig werden dem Hörer die neuen "Hits" bei einem typischen Formatradio in einer sprichwörtlich schwindelerregenden Rotation eingehämmert. Soweit, so alt; das Prinzip ist weder neu noch die Erfindung von Ö3 - im Gegenteil: Von der sündteuren Beraterfirma BCI in Nürnberg in (seit) den 90ern "entwickelt" und an allen Ecken und Enden stets geradezu "wissenschaftlich untermauert", trachtet man auf diese Art und Weise nach der Garantie für den Quotenerfolg (... und an dieser Stelle darf man durchaus über die Rollen und Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunkes nachdenken).

Wir haben zwischen 1. Juli 2013 und 30. Juni 2014 über 3.000 verschiedene Songs bei insgesamt
113.400 gespielten Titel auf Ö3 gezählt. Im Schnitt wird also jeder Song weit über 30 Mal über den Äther gejagt. Während Ö3 seine populärsten Lieder dabei an die 1.000 mal in diesem Jahr gespielt hat (Nummer 1 ist One Republic's "Counting Stars" mit 976 Plays, gefolgt von Avicii's "Wake Me Up" mit 935 Einsätzen und Armin Van Buuren's "This Is What It Feels Like" it 934) kommt - zum Vergleich - der "Gegenentwurf" eines Formatradios, FM4, auf deutlich geringere Zahlen. Weil dort die Rotation deutlich mehr auf Vielfalt ausgerichtet ist, kommt Bilderbuchs "Maschin" als meist eingesetzter Titel im gemessenen Zeitraum auf "nur" 174 Plays. Formatbedingt laufen so viele "Oldies" auf Ö3 deutlich öfter als die aktuellen Kracher bei den Kollegen: Bon Jovis "You Give Love A Bad Name" aus dem Jahr 1986 etwa kommt auf die gleiche Zahl, das gesamte Repertoire der Schmuserocker bringt es jährlich auf über 1.000 Einsätze. 

Das hat natürlich auch wirtschaftliche Auswirkungen: Abhängig von der Tageszeit werden pro Titel für die Urheber und Produzenten über mehrere Verwertungsgesellschaften im Schnitt gut 10 Euro ausgeschüttet. Viel Airplay bedeutet also auch einen besseren Verdienst. Von der multiplizierenden Wirkung hinsichtlich Verkaufs- und Streamingzahlen bis hin zu Konzertticket- und T-Shirt-Verkäufen ganz zu schweigen. Gerade das zeigt und erklärt auch den Ö3 zugeschriebenen Allmachtsfaktor und die Aufregung um die geringen Einsätze hiesiger Musik. Weniger Geld in den Kassen der lokalen Musikwirtschaft bedeutet auch weniger Produktionsmöglichkeiten, weniger Mittel für die Vermarktung und dergleichen - ein echter Teufelskreislauf also.

Ö-Quoten im österreichischen Radio

(Erhebungszeitraum 1. Juli 2013 bis 30. Juni 2014; erhoben wurde anhand der öffentlichen Playlisten der Sender - das bringt allerdings auch dezente Unschärfen mit sich – etwa wenn es sogenannte „Handeinsätze“ gibt oder Spezialsendungen nicht gelistet werden; ein allgemeiner Trend lässt sich aber leicht und recht realitätsnah abbilden. Die Prozentzahl errechnet sich aus dem Verhältnis der insgesamt eingesetzten Titel zu jenen von österreichischen Interpreten; die Autorenschaft oder Produktion in Österreich wurde also nicht berücksichtigt. Vom ORF publizierte Zahlen (die in der Regel deutlich höher sind) inkludieren üblicherweise lokal produzierte Programmankündigungen und Jingles in die Quote)

Signifikant ist bei der Ö3-Kurve der sprunghafte Anstieg der heimischen Titeln nach der Causa Lichtenegger (April), die darauf hinweist, dass der öffentliche Druck durchaus auch in der Heiligenstädter Lände angekommen sein dürfte. Demgegenüber steht die dahingehende Resistenz von Radio Wien.

Hier nicht abgebildet sind Tatsachen, wie jene, dass Ö3 etwa in der Nacht (zw 0 und 5h) wesentlich mehr österreichische Titel spielt – offensichtlich auch, um hier der Charta bzw dem Ö-Quotenwunsch zumindest teilweise genüge zu tun. Logischerweise ist die Realquote im Tagesprogramm dadurch deutlich niedriger. Gleichzeitig merkt man, wie ein „Hit“ (der dann in der Regel auf Ö3 2-4x täglich läuft) die Quote gleich beeinflusst. In den letzten Monaten waren mit neuen Titeln von Julian Le Play, Anna F., Tagträumer und nicht zuletzt Conchita Wurst solche Beispiele vorhanden. Bleibt immer noch die berühmte und ewige Huhn-Ei-Frage, ob diese Songs Hits sind, weil sie auf Ö3 laufen oder Ö3 sie spielt, weil sie Hits sind (…) - aber das ist eine andere Geschichte.

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Dienstag, 22. April 2014

Das Lichtenegger-Syndrom.

Ö3-Moderatorin Elke Lichtenegger hatte mit ihrer Shitstorm auslösenden Wortmeldung weder böse Intentionen noch hat sie bewusst einen Krieg gegen die Musikwirtschaft ausgerufen. Allerdings illustriert sie auch das eigentliche Problem: Die zwischen den Zeilen wohnende Geringschätzung gegenüber heimischen Musikschaffenden. Halbherzige Entschuldigungen des Senders und von ihr selbst ändern daran wenig.

Nach 20 Jahren Senderpolitik der Marke kommerzialisiertes Privatradio hat sich die Ansicht über die angeblich mangelnde Qualität der hiesigen Musiklandschaft bei Ö3 durchgehend soweit verfestigt, dass sie sichtlich auch unbewusst transportiert und vor allem gar nicht mehr hinterfragt wird. Selbst der Offene Brief von Georg Spatt an seine Hörerschaft belegt das. Seine Botschaft steht nicht zuletzt in krassem Widerspruch zur Ausrichtung seines Senders und zur beschämend geringen Quote österreichischer Musik in seinem Programm.

Ö3 hat in der Vergangenheit große strategische Fehler gemacht. Zuallervorderst, sich und seine Hörer ohne sichtbare Auseinandersetzung auf das Nichtvorhandensein formatradiotauglicher österreichischer Popmusik festzulegen und einzuschwören. So sind der Sender und sein Verhalten ein Synonym für eine Klagemauer der Frustrierten geworden. Längst schimpft jeder mit - von den erfolgreich durchs Land tourenden Szenestars bis zum semitalentierten Hobbymusiker. Und mit jeder Kleinigkeit (wie sie Lichteneggers Interview zweifellos eine wäre) multiplizieren sich die Feinde.

Den meisten davon wäre Ö3 im Regelfall herzlich egal. Die Dynamik bringt es aber mit sich, dass sie leidenschaftlich mitmarschieren und – wie im Fall Lichtenegger - auch gegen „das System“ trommeln. Die gesammelte Wut befördert aber vor allem Polemik und verunmöglicht den Blick auf Hintergründe und mögliche Lösungen. Sich nun an Lichtenegger auszulassen wäre in etwa so, als würde man einen Bankomaten wegen der Hypo-Krise anschreien, las ich in einer Wortspende. Die Vernachlässigten sammeln sich derweil in Facebook-Gruppen wie „ORF. Nicht wie wir“, die mittlerweile über 10.000 Anhänger zählt.

Dabei könnte es sich der mächtigste Radiosender des Landes deutlich einfacher machen. Statt ein kleines bisschen journalistische Basisarbeit zu betreiben und zuzuhören, was sich im bespielten Land eigentlich tut, wird quotentaugliches Lala-Wohlfühlradio propagiert. Das mag im Großen und Ganzen funktionieren, vom öffentlich-rechtlichen Auftrag ist es jedoch weit entfernt (wiewohl ich Ö3 weder das „Unterhaltende“ verbieten noch das Spielen von internationalen Hits untersagen wollen würde).

Die dargebrachten Argumente für dieses Handeln und gegen mehr österreichische Musik mögen vordergründig arrogant wirken, sind letztlich aber nur ein Zeichen großer Visions- und Mutlosigkeit in den Chefetagen: Ö3 darf als Cash Cow des ORF nichts anderes sein als ein Nummer-Sicher-Programm für die Quote, das nichts riskiert und nirgends aneckt. Die dahingehend bezeichnendste Wortmeldung eines Musikredakteurs war einst, die ihm zugesandte Musik sei „nicht durchschnittlich genug für Ö3“.

Natürlich ist es dem gemeinen Volk und Ö3-Hörer herzlich egal, ob und wieviel österreichische Musik zwischen den unzählbaren Jingles und Werbeblöcken läuft. Natürlich kann einem Sender mit 40% Marktanteil am Ende des Tages recht egal sein, ob eine kleine Gruppe an Musikschaffenden und Branchenvertretern Sturm läuft. Besonders klug erscheint dies aber nicht. Eine halbwegs vernünftige, aktive Integration der Musikschaffenden über Castingshows hinaus würde dem größten Musiksender des Landes gut stehen, wäre geradezu logisch und wohl auch ein großer Gewinn. Mein Vorwurf ist der, dass darüber in der Heiligenstädter Lände sichtlich nicht (oder nicht genügend) nachgedacht wird.

Das traurige Faktum dahinter ist: Ö3 schadet mit seiner Politik auch nachhaltig einem ganzen Wirtschaftszweig (die einfachste Form der Rechnung: bei durchschnittlich 4% österreichischer Musik wandern 96% der Tantiemen ins Ausland). In meinem Verständnis sollte Ö3 sich aber nicht als Gegner, sondern als unmittelbarer Bestandteil dieses Universums begreifen, bestenfalls als aktiver Begleiter oder Mitspieler. Stattdessen sieht man tatenlos zu, wie der nächste Fauxpas passiert und die Atmosphäre geradezu täglich giftiger wird.

Am längst überfälligen öffentlichen Diskurs sollte derweil auch gleich die Spitze des ORF-Fernsehprogrammes teilhaben. Sie verweigert seit ebensolanger Zeit jegliche Popmusik- und Jugendkultursendung in ihren Programmen und trägt an besagter Geringschätzung mindestens ebenso Mitschuld.

(Dieser Artikel erschien zunächst als Kommentar auf derStandard.at)

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Mittwoch, 5. März 2014

Die Amadeus Awards sind nur die Spitze des Eisberges.

Es gab hier und anderswo über die Jahre schon viele Postings über den Österreichischen Musikpreis. Die Aufmerksamkeit und Dynamik, die die Diskussion um die jährliche Vergabe des Amadeus aber in den letzten Tagen erhalten hat, ist neu. Zum ersten Mal wird in und über die Branche hinaus heftig und emotional über den Preis diskutiert - sogar von den dabei sonst so scheuen Medien. Die Diskussion ist dabei sprichwörtlich nur die Spitze des Eisberges. 

Gleich drei Bands (HVOB, Naked Lunch, Monobrother) haben ihre Nominierung für den Preis zurückgelegt - mit jeweils unterschiedlichen Begründungen und Motiven: Waren HVOB noch gegen das Data-Mining von Medienpartner KroneHit ins Feld gezogen, ließen Naked Lunch kein gutes Haar am Award an sich und Monobrother nahm gleich den Zustand der Branche insgesamt als Hintergrund für seine Aktion.

Nun gut. Die Idee einen nationalen Musikpreis abzuhalten beruht hauptsächlich darauf, eben dieser Branche einen kurzen, aber intensiven Moment der überdurchschnittlichen Aufmerksamkeit zu verschaffen. Nach 13 Jahren Amadeus Awards muss man diese Mission (leider) als einigermaßen gescheitert ansehen. Weder hat der Preis ein beachtliches Ansehen erwirtschaftet, noch hat er zu massiven Verkaufssteigerungen bei den Preisträgern geführt. Er ist ein nettes Add-On im Lebenslauf des Künstlers, er wirkt insbesondere im Ausland als Beleg für einen gewissen Erfolg zuhause. Ob die Show gut oder schlecht ist, das Buffet groß oder klein und die Drinks früh oder spät aus waren - all das ist maximal für die Besucher relevant und tut nichts zur Sache. Ausschlaggebend sind letztlich wirtschaftliche und öffentlichkeitswirksame Effekte. Und die fehlen größtenteils.

Seit dem Ausstieg des ORF (formal seinerzeit wegen der parallel tanzenden Dancing Stars im Theater am Küniglberg) schalten auf Puls4 etwa 30.000 Zuseher ein, wenn die Award-Sendung übertragen wird. Das ist verglichen mit allem anderen produzierten TV armselig wenig und bildet die sichtlichen Bemühungen des Privatsenders (wiederum: leider) nicht annähernd ab. So vielfältig und streckenweise mutig die Versuche waren, mittels peppigem Drehbuch (Clemens Haipl) oder selbstironisch-witziger Moderation (zuletzt von Manuel Rubey) den Preis und die Show aufzuwerten - es war nur Beiwerk, nette Schokostreusel auf einer Torte, die Schwarzwälder-Kirsch, Apfelstrudel und Malakoff in einem sein wollte. Richtig: Das geht sich nicht aus.

Die Ironie an der Geschichte ist, dass der Preis des Musikindustrieverbandes IFPI nicht per se am Format, an der Idee, dem Konzept oder der durchführenden Agentur scheitert, sondern am Branchendilemma an sich - und an diesem ist auch der veranstaltende Verband selbst nicht unschuldig.

Im Gegensatz zu anderen Ländern wurde bei uns - etwa in der Hochblüte des Austropop - sträflich verabsäumt, die Hausse zu nutzen: Neue Kräfte heranzubilden (künstlerisch wie auf Management-Ebene - und sei es durch simple Ausbildungsprogramme), Wissen weiterzugeben und auszutauschen, eine Lobby für Fortbildung, Förderpolitik und Vernetzung zu bilden und so fort. Wertvolle Ressourcen und Zeit wurden vergeudet - es ist ein bisschen wie das Cordoba-Problem im Fußball. Was in anderen Branchen selbstverständliches Business-Einmaleins ist, ist in der Musik verpönt, uncool oder einfach zu viel verlangt.

Mit Schaudern erinnere ich mich an meine ersten Termine in großen Plattenfirmen Mitte der 90er. Aus der Sicht eines damals recht jungen Ahnungslosen interpretierte ich das damals als Protektionismus, Arroganz, Großmut - und reichlich Gejammere über die aufkommende Zeitenwende (Ö3 wurde gerade dank der neuen Privatradios "umformatiert"). Allen Vorzeichen zum Trotz: Die "Wiener Schule" (K&D, Sofa Surfers / Soul Seduction, Vienna Scientists etc.) erregte durch internationale Erfolge Aufsehen, DJ Ötzi und die ersten Starmania-Helden (Christina Stürmer!) waren große Seller für die Major-Häuser. Das alles täuschte aber nur zu gut darüber hinweg, dass in Österreich weder strategiepolitisch noch strukturell Weitsichtiges, Substantielles oder Nachhaltiges zu vermerken war und sich darüber hinaus weltweit eine ganze Industrie rapide veränderte (Napster, schau owa).

Zwischen den Majors und den Indies gibt es noch heute wenig bis gar keinen Austausch. Personell nicht, ideell schon gar nicht. In anderen Ländern ist das Überbrücken dieses offensichtlichen Grabens kein Problem. Warum auch sollte nicht ein innovativer, mutiger, junger Kopf aus dem Indie-Universum der nächste A&R eines Major-Labels werden? Warum sollte man nicht eine ebensolche Band herzeigen und in eine Größe katapultieren, um sie nach Falco und Fendrich mal wieder die Stadthalle füllen zu lassen? In Österreich ist die Antwort einfach: Die Majors bekommen von ihren Konzernmüttern nicht gerade Mut dafür eingeimpft - und sie haben folglich kaum etwas zu bieten, was den Schritt für die "Kleinen" rechtfertigen würde. Die Erfahrungen sind entsprechende Belege - und zwar auf beiden Seiten. Fazit: Die Indies wurschteln in ihrer Semi-Existenz weiter und feiern Achtungserfolge; steigen mit ein paar lächerlichen hundert verkauften Exemplaren in die Charts ein und können trotzdem keine ökonomisch relevante Basis für weiteres musikalisches Werken schaffen. Ihr Umfeld ist bemüht, engagiert, leidenschaftlich; steckt privates Risikokapital in die Produktionen und improvisiert weiter. Erst jahrelange, kleinteilige Arbeit macht ein paar Meter des Weges wett, den das große Kapital (zumindest in der Theorie) auf der anderen Seite in ein paar Wochen zu schaffen imstande wäre. Die Majors begnügen sich derweil größtenteils mit den Safe Bets - Schlager, ein bisschen Trash-Pop hier und ein bisschen Casting-Ergebnisse da. Sie müssen Zahlen liefern.

Ich möchte das nicht als generelles Major-Bashing missverstanden wissen - dort sitzen durchaus fähige, gute, sympathische Leute; manche von ihnen ausgezeichnet vernetzt und gut szenisch verankert. An den Strukturen ihrer Häuser scheitern sie trotzdem. Einen fließenden Übergang von einer Welt in die andere gibt es nicht - das mittelfristige Ergebnis davon ist dementsprechend.

Das große klaffende Loch zwischen Majors und Indies hat auch dazu geführt, dass die Medien nicht wirklich bedient werden. Denn auch hier geht es am Ende des Tages um die Kohle: Sind keine Etats vorhanden, gibt es keine Medien. Die "Kleinen" haben naturgemäß wenig bis keine Etats zur Verfügung, die Großen konzentrieren sich per Order auf internationale Stars. So sind in den letzten Jahren praktisch an allen Flanken Medien weg gebrochen, die das Wort über (heimische) Musik hinaustransportieren hätten können. Und auch hier täuscht das tatsächliche journalistische und kulturelle Interesse bei Qualitätsmedien mit (zu) wenig Einfluss auf den Breitenmarkt über das Wesentliche hinweg. So hat sich bei Ö1, FM4, in der ZIB-Kultur, im Falter und teilweise auch darüber hinaus eine honorige Berichterstattung über österreichiches Popkulturschaffen etabliert. Für die "Großen" unter den Medienplayern reicht das generierte Interesse aber noch immer nicht, um es berichtenswert oder spielenswert zu finden - Stichwort Ö3 und die dazugehörige, eigene Diskussion. Der wahre Hebel für eine echte ökonomische Grundlage einer funktionierenden "Industrie" fehlt damit erst recht wieder. 

Die Lücke, der Graben, das Loch, die gläserne Box - wie auch immer wir es nennen: Ohne entsprechenden medialen Widerhall ist das Erreichen einer breiten Publikumsbasis praktisch unmöglich. Der Amadeus hat zwar das Anliegen artikuliert, dies zu verändern, kann aber auch im allerbesten Fall nicht als einzelner Event etwas gerade bügeln, was die gesamte Kulturlandschaft mitsamt der Medien in den letzten 15 Jahren an Versäumnissen aufgestaut hat.

Fassen wir zusammen: Die "Industrie" in Österreich ist bestenfalls ein Industriechen. Die Bedeutung der Majors hat sich bezüglich des "Domestic Markets" durch langjährige Inaktivität und Kurzsichtigkeit in vielen Genres marginalisiert. Zeichen der Zeit wurden auf vielen Seiten falsch oder gar nicht verstanden. Der dadurch entstandene Zeit- und Glaubwürdigkeitsverlust hat der gesamten Branche politisch eine stetig dünner werdende Schicht an Unterstützern beschert (immerhin: Langsam bildet sich durch beherzte Initiativen mancher wieder so etwas wie eine Lobby). Die Folge: Die Förderpolitik hinkt im Vergleich zu anderen Branchen und zu internationalen Standards hinterher (auch hier wird in Siebenmeilenstiefeln aufgeholt, siehe Austrian Music Export; die Mittel sind aber geradezu lächerlich dotiert). Die Professionalisierung der Branche ist unterdurchschnittlich, weil es an Informations- und Ausbildungsprogrammen, an kreativen Maßnahmen und vor allem an Geld mangelt. Und dann gibt es da wie überall sonst auch die (wenigen) dinosaurischen Vertreter der Cordoba-Generation (um im Fußball-Vergleich zu bleiben), für die die Strategie vordergründig Jammern, Glorifizieren der Vergangenheit und Schuld auf andere schieben heißt, statt zur Verbesserung des Standorts, des Personals und der Produktqualität beizutragen.

Ich frage also: Wie in aller Welt soll unter diesen Umständen ein als solcher bezeichneter Industriepreis Relevanz und Ansehen erreichen?

Ja, es ist ein zurecht kritisierter Treppenwitz, wenn etwa KroneHit als Partner für einen Musikpreis agiert, deren Inhalt (hier: die Musik von HVOB) dem Sender wurschter nicht sein könnte. Warum agiert das Radio nicht nach journalistischen Kriterien wie oben zitierte Qualitätsmedienlandschaft und interessiert sich ganzjährig für das, was es dann auszeichnen möchte? Wäre eine Nominierung dann wirklich ein Problem?

Ja, es ist bezeichnend, wenn die Organisation des Amadeus Awards die einfachsten Grundlagen (Bandnamen richtig schreiben! Recherchieren!) redaktioneller Arbeit nicht beherrscht und meint, die "Alternative"-Kategorie mit der "Hard&Heavy"-Kategorie zusammen zu legen, wäre eine sinnvolle Idee (Oida?). Warum wird nicht (wie seinerzeit bei der Schaffung des "neuen" Amadeus) mit szenenahen, journalistisch befähigten Menschen gesprochen und gearbeitet? Wäre so ein Fauxpas dann wirklich passiert?

Nein, die Amadeus Austrian Music Awards sind nicht grundfalsch, nicht böse und schon gar nicht an allem Schuld. Sie wären in einer halbwegs funktionierenden Industrie ein glänzender und möglicherweise auch glanzvoller Anlass, über die Musiklandschaft zu reden, zu diskutieren und zu berichten. Stattdessen wird der Preis vom socialisierten Mob mit Häme überschüttet und wollüstig zur Schlachtbank geführt, damit morgen alles wieder vergessen sein kann, weil der Blutdurst schon gestillt worden ist. Vielleicht ist der Aufschrei damit letztlich aber wirklich noch zu was Nutze. Möge nach dem PR-Desaster ein Wiederaufbau erfolgen, der tatsächlich imstande ist, am Kern der Sache etwas zu verbessern. Und ich wette, sogar in der IFPI-Zentrale sagt man dazu: Ideas are welcome and highly appreciated.


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Sonntag, 19. Januar 2014

Ein Focus auf die Existenz.

Es wird sehr viel geredet und geschrieben über österreichische Musik in diesen Tagen - mit guten Gründen. Eben kommt eine stattliche Delegation von 18 Künstlern und über 50 Musikwirtschaftern aus dem niederländischen Groningen retour und schläft sich erstmal aus. Vier Tage lang standen Künstler aus Österreich dort im Fokus des Eurosonic Noorderslag, Europas größtem sogenannten Showcase-Festival. Wem man die Veranstaltung oder den Namen jetzt noch erklären muss, der muss sich sehr bemüht haben, von der in der Tat umfangreichen Berichterstattung nichts mitzubekommen.

Aber natürlich ist es nie allen Recht zu machen, gibt es Kritik und Auseinandersetzungen. Eine kritische und ernsthafte Auseinandersetzung ist auch wichtig und aller Ehren wert - auch und gerade mit solchen Anlässen. Immerhin wurden sehr viel Energie und einiges an Geld aufgewendet, um all dies zu ermöglichen. Also werfen wir einen Blick "backstage". Warum das alles?

Wer mich kennt, weiß, dass ich seit Jahren intensiv trommle, um den Blick auf die Musik und die Künstler in diesem Land zu lenken. Damit einher geht das Bemühen, die Strukturen dahinter - von der Förderung über die Ausbildung und Vernetzung - zu verbessern. Wien ist eine wunderschöne Stadt, hat aber in diesem Zusammenhang große, hier im Blög oft beschriebene Standortnachteile: Einen relativ kleinen heimischen Markt, einen bedauernswert tiefen Graben (siehe "Die gläserne Decke") zwischen Mainstream-Pop und dem Rest - und so weiter. Die Folge ist auch, dass es kaum Professionisten gibt, die das künstlerische Umfeld aber benötigt, um auch marktwirtschaftlich Chancen zu finden und zu nutzen. Während es an Talent(en) unbestrittenerweise nicht wirklich fehlt, sind diese letztlich dazu verdammt, ihre Berufung maximal als aufwendiges Hobby zu betreiben - um es höflich zu formulieren. Den Begriff "Industrie" sollte man sich im Zusammenhang mit Musik aus Österreich also gleich von vornherein sparen.

Es entspricht einer gewissen Logik, dass aus dem Beschriebenen ein Teufelskreis entsteht, der einen Mangel an Mittel als Ausgangspunkt hat. Es folgen zu wenig Zeit und zu wenig qualifiziertes Personal, um Know-How zu entwickeln und anzuwenden. Die mangelnde Vermarktungsfähigkeit ist dann nur eine Folgewirkung auf beiden Seiten (Künstler/Managements).

An diesem Punkt eines "failed systems" schreien andere Branchen und Industrien nach einem Einschreiten des Staates. Denken wir an die Autoindustrie, die genauso nicht ohne großzügige Förderungen existieren könnte wie etwa die Landwirtschaft. Nicht so in der Musik. Dort wird vom gröhlenden Publikum ein "selber Schuld, wenn es niemanden gibt, der das kauft" Richtung Bühne geschleudert. Kultur wird bei fehlendem Erfolg weder Respekt noch Verständnis entgegengebracht. Dabei ist es ausgesprochen naiv, kulturelles Schaffen rein auf Verkaufszahlen zu reduzieren und die Existenzberechtigung einer Band an den Besuchern ihres ersten Konzertes zu messen (aber das ist ein eigenes, komplexes und bücherfüllendes Kapitel). Und ob es sich eine Volkswirtschaft überhaupt leisten kann, vollständig auf einen in anderen Ländern prosperierenden Zweig zu verzichten, sei dahingestellt.

Der (Populär-)Musik in Österreich fällt ihre seit Jahrzehnten fehlende Lobby auf den Kopf. Es wurde auf allen Ebenen zu wenig über die eigenen Künstler und die damit zusammenhängenden wirtschaftlichen Ebenen gesprochen. Das resultierte in eine Mischung aus mangelnd selbstbewusster Akzeptanz der regionalen Kultur und einer hässlich-bösen Jammer-Nostalgie ("früher war alles besser"), die zeitlich irgendwo zwischen Strauss und Austropop angesiedelt ist.

Zumindest ein bisschen geändert haben das erst Bewegungen in den letzten Jahren. FM4 spielt hierbei eine Schlüsselrolle, weil das jahrelange, selbstverständliche Nebeneinanderstellen von Garish, Kreisky, Clara Luzia und Ja, Panik neben Franz Ferdinand, Mando Diao, The Killers und Wir sind Helden eben auch ein völlig anderes, neues Selbstverständnis beim Publikum mit sich gebracht hat. Es hat dafür noch nicht einmal eine besondere Hervorhebung und Betonung gebraucht - das Publikum hat es trotzdem verstanden (etwas, das andere Sender ihren Hörern ja bekanntermaßen nicht zutrauen). Das Beste daran: Niemand hat FM4 zu dieser Strategie "überredet", der Sender hat bloß im klassischten Sinne seinen Auftrag als öffentlich-rechtliches Radio wahr genommen - und ist vom Publikum mit hoher Loyalität und enormer Markenstärke belohnt worden.

Auf der Seite der wirtschaftlich mit Musik Beschäftigten haben Experimente und Abenteuer (ein erster dezenter Versuch eines Exportbüros einerseits, eine Labelinitiative andererseits) zunächst blutige Nasen verursacht, ehe man verstanden hat, dass es nur gemeinsam geht. Erst gegen Ende des letzten Jahrzehntes konnten nach vielen kleinen und großen Kraftakten praktisch alle wesentlichen Organisationen an einen Tisch gebracht und zur konstruktiven Zusammenarbeit bewegt werden. Diese Bemühungen zogen etwa die "SOS Musikland"-Initiative nach sich. Unter der Flagge von "Austrian Music Export" wird seit einigen Jahren auch im Namen des Österreichischen Musikfonds (ursprünglich eine Idee aus der Wirtschaftskammer) und music austria (mica) mit einheitlicher Stimme gesprochen.

Jetzt kann man freilich einzelne Maßnahmen, Ideen und Positionen kritisieren, muss aber auch die Notwendigkeit einer solchen Organisation und "Lobby" zur Kenntnis zu nehmen. Denn all diese Schlussfolgerungen und daraus generierte Maßnahmen haben den Zweck, das Kernproblem zu lösen: die Kunst überhaupt zu ermöglichen, das wirtschaftliche Umfeld überhaupt lebensfähig zu machen.

Ob und wie etwa dazu gerade ein Exportbüro, ein Produktionsfonds oder ein Beratungsdienst notwendig oder sinnvoll sind, kann hinsichtlich Diskussionsbedarf reichlich Abende füllen und Rotweinflaschen leeren. Dazu gibt es Gremien und Strukturen, die heute wesentlich stärker und intensiver um Offenheit bemüht sind, als noch vor wenigen Jahren. Ich betrachte das nicht zuletzt deshalb als Errungenschaft, weil ich selbst gerne und nicht selten Kritik an manchen Entscheidungen vorbringe; das entspricht meinem Selbstverständnis eines demokratischen, aber zielführenden Prozesses.

Die Angst mancher Künstler und auch Wirtschaftstreibender vor "Nationalismus" in dieser Debatte ist aus meiner Sicht allerdings grundfalsch. Ein sorgsames und vernünftiges Vorgehen nutzt wohl die Gelegenheiten, regionale Aspekte in der Argumentation einzusetzen. Aber keine Band ist besser oder schlechter, bloß weil sie aus Österreich (oder X) kommt. Ein Land in den Focus zu stellen, wie es eben am Eurosonic passiert ist, stellt vor allem auch den Markt in den Vordergrund. In letzter Konsequenz ist diese Veranstaltung mit all seiner kulturellen Bedeutung dann doch vor allem auch ein Marktplatz. Und ein Bestehen auf einem ebensolchen ist wiederum direkt mit dem besagten wirtschaftlichen Überleben in Zusammenhang zu bringen.

Umso eher, umso mehr und umso besser hiesige Künstler und Musikarbeiter diesen Markt kennen, nutzen und bespielen, umso eher wird es überlebensfähige Strukturen produzieren und umso eher ist die Kunst selbst überlebensfähig, präsentabel und auch einer breiteren Bevölkerung zu vermitteln. (Mir ist durchaus bewusst, dass das eine extrem vereinfachte, vielleicht etwas naive Darstellung ist - aber das ist leider bloß ein Blog und keine Diplomarbeit)

Was also hat das Eurosonic gebracht? Es hat einen prächtigen Grund geliefert, ein halbes Jahr lang in ganz Europa und damit auch im eigenen Land über das äußerst bunte und qualitativ wie quantitativ zweifelsohne beeindruckende Treiben hierzulande zu sprechen. Es trägt vielleicht ein ganz kleines bisschen dazu bei, auch in den Köpfen jener Eindruck zu hinterlassen, die sich nicht täglich mit den hier gestellten Fragen beschäftigen. Es schafft unter Umständen mehr Verständnis und Drang zu Handeln auf politischer Seite, die die Musik bislang budgetär wie thematisch höchst stiefmütterlich behandelt. Es hat dem kleinen Eichhörnchen namens Prinzip Hoffnung eine Nuss für den schon so lange dauernden Winter hingelegt. Es hat dem einen oder anderen internationalen Musikarbeiter nahe gelegt, den Blick auch einmal auf Wien zu werfen und hinzuschauen, was sich hier tut.

Welche unmittelbaren Auswirkungen es geben wird, wird 2014 zeigen. Ganz unabhängig vom Schwerpunkt tendiere ich zur Meinung, dass der Zeitpunkt, das internationale Auge auf Österreich zu richten, kaum besser gewählt hätte werden können. Immerhin zieren gerade Ja, Panik das Cover der Spex und des Musikexpress (ebenso wie im heimischen the gap). Immerhin erleben Bilderbuch gerade einen ganz klassischen Hype (tape.tv Video des Jahres, BR PULS-Jahrescharts Nummer 1, ebenso wie bei FM4; Bookinganfragen von den größten deutschen Festivals, Shares & Likes von Promis aller Orten). Immerhin gelang Klangkarussell zuletzt ein wirklich großer, internationaler Tophit. Immerhin hat ein in Wien lebender, arbeitender und gereifter Brite einen Vertrag mit einem der angesehensten Labels der Welt ergattert. Es hat schon einmal schlechter ausgeschaut.

In diesem Sinne begrüße ich Beiträge, die dieser Entwicklung weiteren Brennstoff liefern und Diskussionen, die ihrer Verbesserung zuträglich sind. Viel ist in den letzten Jahren in Bewegung gesetzt worden, Jammern war gestern. Wer es bis jetzt nicht verstanden hat: dieses Wochenende war auch ein gewaltiger Arschtritt im Sinne eines Aufrufes für mehr Initiative, Aktivität und Mut. Seit heute gibt es einen neuen Mitspieler am Feld: Die Perspektive. Sie mit Leben zu erfüllen, liegt an allen, denen Musik am Herzen liegt - vom Labelmanager bis zum Kulturminister, vom Flötenspieler bis zum Hallenfüller.