Sonntag, 19. Januar 2014

Ein Focus auf die Existenz.

Es wird sehr viel geredet und geschrieben über österreichische Musik in diesen Tagen - mit guten Gründen. Eben kommt eine stattliche Delegation von 18 Künstlern und über 50 Musikwirtschaftern aus dem niederländischen Groningen retour und schläft sich erstmal aus. Vier Tage lang standen Künstler aus Österreich dort im Fokus des Eurosonic Noorderslag, Europas größtem sogenannten Showcase-Festival. Wem man die Veranstaltung oder den Namen jetzt noch erklären muss, der muss sich sehr bemüht haben, von der in der Tat umfangreichen Berichterstattung nichts mitzubekommen.

Aber natürlich ist es nie allen Recht zu machen, gibt es Kritik und Auseinandersetzungen. Eine kritische und ernsthafte Auseinandersetzung ist auch wichtig und aller Ehren wert - auch und gerade mit solchen Anlässen. Immerhin wurden sehr viel Energie und einiges an Geld aufgewendet, um all dies zu ermöglichen. Also werfen wir einen Blick "backstage". Warum das alles?

Wer mich kennt, weiß, dass ich seit Jahren intensiv trommle, um den Blick auf die Musik und die Künstler in diesem Land zu lenken. Damit einher geht das Bemühen, die Strukturen dahinter - von der Förderung über die Ausbildung und Vernetzung - zu verbessern. Wien ist eine wunderschöne Stadt, hat aber in diesem Zusammenhang große, hier im Blög oft beschriebene Standortnachteile: Einen relativ kleinen heimischen Markt, einen bedauernswert tiefen Graben (siehe "Die gläserne Decke") zwischen Mainstream-Pop und dem Rest - und so weiter. Die Folge ist auch, dass es kaum Professionisten gibt, die das künstlerische Umfeld aber benötigt, um auch marktwirtschaftlich Chancen zu finden und zu nutzen. Während es an Talent(en) unbestrittenerweise nicht wirklich fehlt, sind diese letztlich dazu verdammt, ihre Berufung maximal als aufwendiges Hobby zu betreiben - um es höflich zu formulieren. Den Begriff "Industrie" sollte man sich im Zusammenhang mit Musik aus Österreich also gleich von vornherein sparen.

Es entspricht einer gewissen Logik, dass aus dem Beschriebenen ein Teufelskreis entsteht, der einen Mangel an Mittel als Ausgangspunkt hat. Es folgen zu wenig Zeit und zu wenig qualifiziertes Personal, um Know-How zu entwickeln und anzuwenden. Die mangelnde Vermarktungsfähigkeit ist dann nur eine Folgewirkung auf beiden Seiten (Künstler/Managements).

An diesem Punkt eines "failed systems" schreien andere Branchen und Industrien nach einem Einschreiten des Staates. Denken wir an die Autoindustrie, die genauso nicht ohne großzügige Förderungen existieren könnte wie etwa die Landwirtschaft. Nicht so in der Musik. Dort wird vom gröhlenden Publikum ein "selber Schuld, wenn es niemanden gibt, der das kauft" Richtung Bühne geschleudert. Kultur wird bei fehlendem Erfolg weder Respekt noch Verständnis entgegengebracht. Dabei ist es ausgesprochen naiv, kulturelles Schaffen rein auf Verkaufszahlen zu reduzieren und die Existenzberechtigung einer Band an den Besuchern ihres ersten Konzertes zu messen (aber das ist ein eigenes, komplexes und bücherfüllendes Kapitel). Und ob es sich eine Volkswirtschaft überhaupt leisten kann, vollständig auf einen in anderen Ländern prosperierenden Zweig zu verzichten, sei dahingestellt.

Der (Populär-)Musik in Österreich fällt ihre seit Jahrzehnten fehlende Lobby auf den Kopf. Es wurde auf allen Ebenen zu wenig über die eigenen Künstler und die damit zusammenhängenden wirtschaftlichen Ebenen gesprochen. Das resultierte in eine Mischung aus mangelnd selbstbewusster Akzeptanz der regionalen Kultur und einer hässlich-bösen Jammer-Nostalgie ("früher war alles besser"), die zeitlich irgendwo zwischen Strauss und Austropop angesiedelt ist.

Zumindest ein bisschen geändert haben das erst Bewegungen in den letzten Jahren. FM4 spielt hierbei eine Schlüsselrolle, weil das jahrelange, selbstverständliche Nebeneinanderstellen von Garish, Kreisky, Clara Luzia und Ja, Panik neben Franz Ferdinand, Mando Diao, The Killers und Wir sind Helden eben auch ein völlig anderes, neues Selbstverständnis beim Publikum mit sich gebracht hat. Es hat dafür noch nicht einmal eine besondere Hervorhebung und Betonung gebraucht - das Publikum hat es trotzdem verstanden (etwas, das andere Sender ihren Hörern ja bekanntermaßen nicht zutrauen). Das Beste daran: Niemand hat FM4 zu dieser Strategie "überredet", der Sender hat bloß im klassischten Sinne seinen Auftrag als öffentlich-rechtliches Radio wahr genommen - und ist vom Publikum mit hoher Loyalität und enormer Markenstärke belohnt worden.

Auf der Seite der wirtschaftlich mit Musik Beschäftigten haben Experimente und Abenteuer (ein erster dezenter Versuch eines Exportbüros einerseits, eine Labelinitiative andererseits) zunächst blutige Nasen verursacht, ehe man verstanden hat, dass es nur gemeinsam geht. Erst gegen Ende des letzten Jahrzehntes konnten nach vielen kleinen und großen Kraftakten praktisch alle wesentlichen Organisationen an einen Tisch gebracht und zur konstruktiven Zusammenarbeit bewegt werden. Diese Bemühungen zogen etwa die "SOS Musikland"-Initiative nach sich. Unter der Flagge von "Austrian Music Export" wird seit einigen Jahren auch im Namen des Österreichischen Musikfonds (ursprünglich eine Idee aus der Wirtschaftskammer) und music austria (mica) mit einheitlicher Stimme gesprochen.

Jetzt kann man freilich einzelne Maßnahmen, Ideen und Positionen kritisieren, muss aber auch die Notwendigkeit einer solchen Organisation und "Lobby" zur Kenntnis zu nehmen. Denn all diese Schlussfolgerungen und daraus generierte Maßnahmen haben den Zweck, das Kernproblem zu lösen: die Kunst überhaupt zu ermöglichen, das wirtschaftliche Umfeld überhaupt lebensfähig zu machen.

Ob und wie etwa dazu gerade ein Exportbüro, ein Produktionsfonds oder ein Beratungsdienst notwendig oder sinnvoll sind, kann hinsichtlich Diskussionsbedarf reichlich Abende füllen und Rotweinflaschen leeren. Dazu gibt es Gremien und Strukturen, die heute wesentlich stärker und intensiver um Offenheit bemüht sind, als noch vor wenigen Jahren. Ich betrachte das nicht zuletzt deshalb als Errungenschaft, weil ich selbst gerne und nicht selten Kritik an manchen Entscheidungen vorbringe; das entspricht meinem Selbstverständnis eines demokratischen, aber zielführenden Prozesses.

Die Angst mancher Künstler und auch Wirtschaftstreibender vor "Nationalismus" in dieser Debatte ist aus meiner Sicht allerdings grundfalsch. Ein sorgsames und vernünftiges Vorgehen nutzt wohl die Gelegenheiten, regionale Aspekte in der Argumentation einzusetzen. Aber keine Band ist besser oder schlechter, bloß weil sie aus Österreich (oder X) kommt. Ein Land in den Focus zu stellen, wie es eben am Eurosonic passiert ist, stellt vor allem auch den Markt in den Vordergrund. In letzter Konsequenz ist diese Veranstaltung mit all seiner kulturellen Bedeutung dann doch vor allem auch ein Marktplatz. Und ein Bestehen auf einem ebensolchen ist wiederum direkt mit dem besagten wirtschaftlichen Überleben in Zusammenhang zu bringen.

Umso eher, umso mehr und umso besser hiesige Künstler und Musikarbeiter diesen Markt kennen, nutzen und bespielen, umso eher wird es überlebensfähige Strukturen produzieren und umso eher ist die Kunst selbst überlebensfähig, präsentabel und auch einer breiteren Bevölkerung zu vermitteln. (Mir ist durchaus bewusst, dass das eine extrem vereinfachte, vielleicht etwas naive Darstellung ist - aber das ist leider bloß ein Blog und keine Diplomarbeit)

Was also hat das Eurosonic gebracht? Es hat einen prächtigen Grund geliefert, ein halbes Jahr lang in ganz Europa und damit auch im eigenen Land über das äußerst bunte und qualitativ wie quantitativ zweifelsohne beeindruckende Treiben hierzulande zu sprechen. Es trägt vielleicht ein ganz kleines bisschen dazu bei, auch in den Köpfen jener Eindruck zu hinterlassen, die sich nicht täglich mit den hier gestellten Fragen beschäftigen. Es schafft unter Umständen mehr Verständnis und Drang zu Handeln auf politischer Seite, die die Musik bislang budgetär wie thematisch höchst stiefmütterlich behandelt. Es hat dem kleinen Eichhörnchen namens Prinzip Hoffnung eine Nuss für den schon so lange dauernden Winter hingelegt. Es hat dem einen oder anderen internationalen Musikarbeiter nahe gelegt, den Blick auch einmal auf Wien zu werfen und hinzuschauen, was sich hier tut.

Welche unmittelbaren Auswirkungen es geben wird, wird 2014 zeigen. Ganz unabhängig vom Schwerpunkt tendiere ich zur Meinung, dass der Zeitpunkt, das internationale Auge auf Österreich zu richten, kaum besser gewählt hätte werden können. Immerhin zieren gerade Ja, Panik das Cover der Spex und des Musikexpress (ebenso wie im heimischen the gap). Immerhin erleben Bilderbuch gerade einen ganz klassischen Hype (tape.tv Video des Jahres, BR PULS-Jahrescharts Nummer 1, ebenso wie bei FM4; Bookinganfragen von den größten deutschen Festivals, Shares & Likes von Promis aller Orten). Immerhin gelang Klangkarussell zuletzt ein wirklich großer, internationaler Tophit. Immerhin hat ein in Wien lebender, arbeitender und gereifter Brite einen Vertrag mit einem der angesehensten Labels der Welt ergattert. Es hat schon einmal schlechter ausgeschaut.

In diesem Sinne begrüße ich Beiträge, die dieser Entwicklung weiteren Brennstoff liefern und Diskussionen, die ihrer Verbesserung zuträglich sind. Viel ist in den letzten Jahren in Bewegung gesetzt worden, Jammern war gestern. Wer es bis jetzt nicht verstanden hat: dieses Wochenende war auch ein gewaltiger Arschtritt im Sinne eines Aufrufes für mehr Initiative, Aktivität und Mut. Seit heute gibt es einen neuen Mitspieler am Feld: Die Perspektive. Sie mit Leben zu erfüllen, liegt an allen, denen Musik am Herzen liegt - vom Labelmanager bis zum Kulturminister, vom Flötenspieler bis zum Hallenfüller.