Donnerstag, 26. März 2015

Bekennerschreiben.

Am Sonntag werden die Amadeus Austrian Music Awards verliehen. Der österreichische Musikpreis könnte nach 15 Jahren tatsächlich jene Aufmerksamkeit erhalten, die er sich immer gewünscht hat. Auch wenn er nicht viel dafür kann.

Im vergangenen Herbst hatte ich die Ehre, als Vertreter der Indies in einer „Reformkommission“ zum Amadeus zu sitzen. Doch an einem Musikpreis, der 2010 grundlegend auf neue Beine gestellt wurde, gab es gar nicht so viel zu reformieren - den üblen Kritiken und Boykotten im letzten Jahr zum Trotz. Damals, 2010 also, wurde der (durchaus mutige) Schritt gesetzt, internationale Kategorien zu streichen und die heimischen Szenen besser abzubilden.

Es war ein wichtiges Signal, denn zumindest oberflächlich hatte die IFPI (der Industrieverband der Plattenfirmen und Veranstalter des Amadeus) scheinbar verstanden: Einerseits, dass sie selbst jahrelang auf dem Holzweg war, weil am Ende des Tages nur das lokale Repertoire ihre pure Existenz abseits von Vertriebs- und Marketingaufgaben überhaupt rechtfertigt. Andererseits, dass die Wahrnehmung dieses heimischen Repertoires (mangels wirtschaftlicher Kraft) nahe Null war, also dringend Verbesserung bedurfte. Und dann kommt noch die Tatsache hinzu, dass ein Musikpreis eben nur abbilden kann, was er als Markt zu bieten hat. Viele Details und Dinge im Hintergrund  wurden seither (oft zurecht) kritisiert – man nehme etwa die unselige Medienpartnerschaft mit Kronehit und den daraus resultierenden HVOB-Boykott 2014. Die mutige Strategie wurde leider nicht immer sinnvoll durchgezogen, aber immerhin: es gab und gibt sie.

Die Majors waren in den 00er-Jahren in eine massive Krise geschlittert und haben das üppig beklagt. Rezepte dagegen haben sie bis heute nicht wirklich gefunden. Glücklicherweise ist parallel dazu im Untergrund ein wahrer Boom ausgebrochen. Der aber war bis dato so klein, dass man von Wirtschaftlichkeit kaum sprechen konnte. Wenn es aber nichts zu verdienen gibt, kann man auch einfach kompromisslos sein Ding machen – also war Österreich künstlerisch noch nie so vielseitig und interessant aufgestellt wie heute. Der Amadeus vermag das entstandene Treiben zumindest in Ansätzen abzubilden. Das ist angesichts dessen, was man nüchtern betrachtet von einem nationalen Musikindustriepreis erwarten darf, gar nicht so wenig. Doch auch wenn Bilderbuch oder Wanda mittlerweile im Medien-Mainstream angekommen sind, darf man nicht glauben, diese Phänomene seien zufällig entstanden.

Sie sind das Resultat eines steten und sorgsamen Aufbaus einer lebendigen, wachsenden und kooperierenden Szene. Ich habe das lange als „Glashaus“ bezeichnet, weil wir oft das Gefühl bekommen haben, mit dem Ausreizen des FM4-Universums wären wir an einem natürlichen Plafond angekommen. Das Interesse des Mainstreams an künstlerisch interessanten Acts (wie beispielsweise die genannten) war jahrelang enden wollend, wir steckten in einer Schleife aus "zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel" fest.

Das konstante und gleichzeitig heftiger und häufiger werdende Anklopfen an diese Decke musste aber dann doch irgendwann dazu führen, dass sie bricht. Und das ist heuer passiert. Wie so oft hat die nationale Wahrnehmung einen Stupser großer deutschen Medien vom musikexpress bis zu den ARD Tagesthemen, von Circus Halligalli bis zur Süddeutschen Zeitung benötigt, um zu begreifen, was wir und die kritisch ernstzunehmenden Medien hierzulande seit Jahren wissen und predigen. Mittlerweile kommt aber sogar der sprichwörtliche Berg bereitwillig zum Propheten auf Besuch.

Abseits von Plattitüden wie dem eifrig herbeigeschriebenen „neuen Austropop“ wird sich in näherer Zukunft weisen, ob und wie sich dieses Verhalten weiter entwickelt. Ob etwa ein kleiner, aber positiver Schritt wie der Versuch, die tatsächlichen Szenen beim Songcontest einzubeziehen und ins Fernsehen zu hieven einmalig bleibt. Ob man drauf kommt, dass dafür wiederum ein beständigeres und breiteres Abbilden eben dieser Szenen sinnvoll und notwendig wäre. Ob der journalistische Wille zur Neugier die österreichische Skepsis mittelfristig übertüncht.

Es gilt fest zu halten: Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren gibt es gewachsene und doch „klassische“ Ö3-/Pop-Acts wie etwa Julian LePlay, die einen Karriereplan haben und nicht nur Casting-/ Popsternchen sein wollen. Sie verkaufen zuverlässig haufenweise Tickets im ganzen Land, spielen in großen Hallen – und sind letztlich als ebensolche Eigengewächse aus unabhängigen Strukturen entstanden.

Zum ersten Mal überhaupt hat ein „FM4-Act“ den elenden Graben überwunden und ist direkt auf Platz 1 der Verkaufshitparade eingestiegen (Bilderbuch mit „Schick Schock“); zum ersten Mal kommt ein weiterer solcher Act direkt aus dem Indieversum in den Mainstream und etabliert sich dort binnen kürzerster Zeit als Albumverkäufer mit Goldstatus (Wanda).

Es wird selbstverständlich werden, dass heimische Acts Festivals headlinen, wie das beim Nachbarn die Toten Hosen, Beatsteaks und Kratklubs seit Jahren tun. Es wird selbstverständlich werden, dass sich Acts adäquat im TV präsentieren können und dabei gute Figur machen. Es wird selbstverständlich werden, dass sich künstlerisch interessante Acts aus dem Herz dieser Szenen um vordere Hitparadeplatzierungen prügeln.

Ja, damit einhergehen werden auch Wachstumsschmerzen: Das jahrelange enge Zusammenhalten einer kleinen Indie-Industrie wird mehr Konkurrenz und Wettbewerb weichen. Der Live-Markt war seit gut 15 Jahren nicht mehr so in Bewegung wie gerade eben. Ich hoffe inständig, dass die freundschaftliche und kooperative Basis, auf der viele dieser Sachen entstanden sind, fortwährendes Merkmal der hiesigen Musiklandschaft bleiben kann. Und nochmal ja, es gibt nach wie vor keinen „Anspruch“ auf Erfolg, auf Ö3-Airplay, auf große Berichterstattung oder dergleichen. Umso mehr wird gelten: Quality wins.

Ihr werdet begreifen, dass all die kleinen Bausteine, die die inks, Seayous, monkeys, Wohnzimmers, Problembärs, Arcadias und Affines; die die micas, Musikfonds und Exportbüros dieses Landes mühselig zusammengesetzt haben langsam ein sinnstiftendes Bild ergeben. Amadeus brauchen wir Kleinen dafür keinen, aber wenn der Musikpreis das auch zu zeigen vermag, dann darf er mich auch gerne rocken.

Ich wünsche mir, dass diese Welle nicht einfach abebbt, sondern das Interesse und die plötzliche scheinbare Offenheit der Medien und des Publikums hoch bleiben. Wir sind noch lange nicht angekommen, aber die Welt außerhalb des Glashauses bietet schöne, neue Perspektiven und frische Luft. Wir werden trotzdem nicht aufhören, weitere Pflänzchen in unserem geliebten Biotop zu pflanzen. Und ihr, liebes Fernsehen, liebe großen Radios und Zeitungen, liebe Festivals und Großveranstalter, ihr seid herzlichst eingeladen, uns mal besuchen zu kommen. Willkommen im Dschungel.